Jay Julian Rosellini. Haider, Jelinek and the Austrian Culture Wars. Scotts Valley: CreateSpace, 2009. 226 S. $15.00 (paper), ISBN 978-1-4421-4214-5.
Reviewed by Cornelius Lehnguth
Published on H-Soz-u-Kult (October, 2009)
J. Rosellini: Haider, Jelinek and the Austrian Culture Wars
„Lieben Sie Scholten, Jelinek, Häupl, Peymann, Pasterk…oder Kunst und Kultur?“ Diesen Satz konnte man in großen Lettern auf Plakaten der FPÖ anlässlich der Wiener Gemeinderatswahlen 1996 lesen. Eine Geige als vermeintliches Symbol der Hochkultur war noch abgebildet, darunter der Zusatz: „Freiheit der Kunst statt sozialistischer Staatskünstler“. FPÖ-Wahlplakat: <www.kawei.at/members.chello.at/karl.weidinger/jel_pla.jpg> (27.09.09). Die ehemalige Geigenschülerin Elfriede Jelinek fand sich mit dem Burgtheaterdirektor Claus Peymann und drei sozialdemokratischen Politikern auf dem Wahlplakat wieder. Dieser direkte Angriff auf Kulturschaffende war jedoch nur der vorläufige Höhepunkt der Auseinandersetzung zwischen den österreichischen Intellektuellen und der rechtspopulistischen FPÖ.
Der amerikanische Germanistikprofessor Jay Julian Rosellini hat nunmehr den Versuch unternommen, diese Kontroverse analytisch aufzuarbeiten. Bereits der Titel seiner Monographie – „Haider, Jelinek, and the Austrian Culture Wars“ – fokussiert die von ihm als „Kulturkriege“ bezeichnete Auseinandersetzung auf zwei seiner Hauptprotagonisten: Auf der einen Seite der langjährige FPÖ-/BZÖ-Vorsitzende und Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider, auf der anderen Seite die Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek. Beide können einerseits von Herkunft, Habitus und politischer Haltung nicht unterschiedlicher sein, beide eint andererseits – in dialektischer Umkehr – ein ähnliches Bezugssystem.
Rosellini sieht die beiden Protagonisten als ein miteinander verschränktes Gegensatzpaar, welches seiner Meinung nach das ambivalente Spannungsfeld von „repression“ und „memory“ in Österreich gut veranschaulicht (S. 3). In den ersten beiden Kapiteln (S. 19-60) werden zunächst die familiäre Sozialisation und die Lebenswege von Haider und Jelinek skizziert. Das allermeiste dürfte bereits bekannt sein: Vgl. Hubert Sickinger, Jörg Haider, in: Ders. / Anton Pelinka / Karin Stögner, Kreisky – Haider. Bruchlinien österreichischer Identitäten, Wien 2008, S. 111-212; Verena Mayer / Roland Koberg, Elfriede Jelinek. Ein Porträt, Reinbek bei Hamburg 2006. Das spezifisch deutschnationale Milieu der österreichischen Provinz, in dem Haider als Sohn ehemaliger (niederrangiger) NS-Funktionäre aufwächst und von dem er sich zeitlebens nicht löst; sein Aufstieg zum FPÖ-Vorsitzenden, der mit Entertainment, Populismus und Demagogie rasch zum gefürchteten Oppositionsführer wird, sowie sein facettenreiches Rollenspiel, mithilfe dessen er sich – je nach Zuhörerschaft – zum Robin Hood der kleinen Leute, zum maskulinen Athleten oder zum traditionsbewussten Verteidiger der „Kriegsgeneration“ stilisiert. Dagegen die öffentlichkeitsscheue in Wien aufgewachsene Jelinek, deren Vater als „Halbjude“ der NS-Rüstungsindustrie zuarbeiten muss und am psychischen Druck später zerbricht; Jelineks schriftstellerisches Talent, das sie schon bald für die Hinterfragung gesellschaftlicher Normen einsetzt sowie ihr politisches Engagement, das sie unter dem Banner des Antifaschismus für viele Jahre in die KPÖ führt.
So unterschiedlich beide Lebenswege sind, so sehr fallen auch gemeinsame Schnittmengen auf: Beide gehören der Nachkriegsgeneration an und haben mit dem genuinen österreichischen NS-Erbe ein ähnliches Bezugssystem, auf das sie freilich diametral entgegensetzt reagieren. Jelinek sieht sich – nicht zuletzt aufgrund ihrer eigenen Familiengeschichte – dem Erbe des antifaschistischen Widerstands und den NS-Opfern verpflichtet. Haider hingegen betrachtet seine Elterngeneration und das deutschnationale Lager als das eigentliche Opfer der Kriegs- und Nachkriegsentwicklung, sieht er doch sein Milieu gesellschaftlich vom Elitenkompromiss der beiden Großparteien nach 1945 ausgeschlossen.
Nach den biografischen Skizzen stellt Rosellini zunächst Haiders politische Weltanschauung vor, welche er hauptsächlich aus seinen beiden programmatischen Büchern aus den 1990er-Jahren Jörg Haider, Die Freiheit, die ich meine. Das Ende des Proporzstaates. Plädoyer für die Dritte Republik, Frankfurt am Main 1993; Jörg Haider, Befreite Zukunft jenseits von Links und Recht. Menschliche Alternativen für eine Brücke ins neue Jahrtausend, Wien 1997. entnommen hat (S. 61-95). Auch das sorgt nicht für große Überraschungen, zieht der Autor en gros mit anderen vorherigen Veröffentlichungen zu Haider gleich, die fast allesamt seine „Ideologie“ als eine rechtskonservative Mixtur mit xenophob-rassistischen Sprenkeln charakterisierten, welche in regelmäßigen Abständen von NS-apologetischen Einwürfen garniert wurde. Rosellini sieht gar viele Ähnlichkeiten mit der Christlichen Rechten in den USA, wenngleich er zugeben muss, dass Religion in Haiders Leben eine untergeordnete Rolle spielte (S. 69). Interessant hierbei sind Haiders Einwürfe gegen die österreichischen Intellektuellen. Hier scheint wiederum sein antielitärer Reflex am stärksten zu sein, welcher seinen Ursprung im Gefühl der Benachteiligung seines Milieus nach Kriegsende hatte. Für Haider steht fest, dass die Nähe der österreichischen Intellektuellen zur Sozialdemokratie von den ihnen zur Verfügung gestellten Kultursubventionen herrührt. Haiders Vorstellung eines Intellektuellen mit Eigentumswohnung, Ferienhaus in der Toskana und einem Posten im öffentlichen Dienst konterkariert Rosellini mit Jelineks Leben, die bis heute in ihrem Elternhaus in Wien-Hütteldorf wohnt, weder verreist noch ein Ferienhaus besitzt, und auch keine Stelle im Staatsdienst hat (S. 84). Rosellini hebt die Bedeutung Peter Sichrovskys für Haiders derartige Stellungnahmen hervor. Der ehemalige Journalist und Haider-Kritiker Peter Sichrovsky engagierte sich zwischen 1996 und 2002 als Europaabgeordneter und Generalsekretär für die FPÖ. Als jüdisches Feigenblatt sollte er in den USA Türen für Haider öffnen. Dessen in Buchform erschienene Abrechnung mit den linken Intellektuellen Peter Sichrovsky, Der Antifa-Komplex. Das korrekte Weltbild, München 1999. muss Haider Rosellini zufolge schon vor der eigentlichen Veröffentlichung im Jahr 1999 bekannt gewesen sein, da nicht nur Hauptthemen wie Kultursubventionierung, Multikulturalismus und die viel geschmähte „Antifa-Keule“ bei beiden identisch waren, sondern auch einzelne Details wie das obige Bonmot der vermeintlich vielen Feriendomizile der Intellektuellen von Sichrovsky stammte (S. 85).
Jelinek wird bereits zu Beginn ihrer schriftstellerischen Tätigkeit Ende der 1960er-Jahre zum Ziel von Diffamierungen (S. 43). Mit dem Theaterstück „Burgtheater“, das die Korrumpiertheit der Burgschauspieler Paula Wessely und Attila Hörbiger durch das NS-Regime aufzeigt, wird sie Mitte der 1980er-Jahre zum Feindobjekt der konservativen Öffentlichkeit (S. 101f). Ihr Engagement gegen Waldheim, dessen Umgang mit seiner NS- und Kriegsvergangenheit sie im Stück „Präsident Abendwind“ parodiert (S. 99f.), lässt sie vollends zur „Nestbeschmutzerin“ Siehe dazu die Dokumentation von Pia Janke (Hrsg.), Die Nestbeschmutzerin. Jelinek & Österreich, Salzburg 2002. werden.
Mit dem Aufstieg Haiders wird der FPÖ-Vorsitzende zum Hauptobjekt ihrer Kritik, verkörpert er doch alles, was Jelinek ablehnt. Haider steht ihr zufolge für Provinzialismus und Antiintellektualismus, Narzissmus und Alpinismus. Ob in Theaterstücken wie „Stecken, Stab und Stangl. Eine Handarbeit“, das den rechtsextremen Mordanschlag auf vier Roma 1995 mit der xenophoben Agitation Haiders und der „Kronen Zeitung“ in Verbindung bringt, oder in Romanen wie „Gier“, dessen Hauptprotagonist unverkennbare Ähnlichkeiten mit dem FPÖ-Vorsitzenden aufweist – Haider nimmt in den 1990er-Jahren sukzessive Raum in Jelineks künstlerischem Schaffensprozess ein. Auch in Artikeln und Interviews weist sich Jelinek als eine der energischsten Haider-Kritikerinnen unter den österreichischen Intellektuellen aus. Als nach den Nationalratswahlen 1999 ÖVP und FPÖ eine Koalitionsregierung bilden, fehlt Jelinek bei keiner Gegendemonstration. Für zwei Jahre verhängt sie für Österreich ein Inszenierungsverbot ihrer Stücke. Haiders Rückzug nach Kärnten im März 2000 verarbeitet sie im Theatermonolog „Das Lebewohl“ als bloß taktischen Winkelzug. Als Jelinek 2004 den Literaturnobelpreis erhält, schweigt bis auf wenige Ausnahmen das Gros der Gegner – der „Kronen Zeitung“ ist die Nachricht keine Schlagzeile wert. Vgl. Pia Janke (Hrsg.), Literaturnobelpreis Elfriede Jelinek, Wien 2005. Zu den Ausnahmen gehört Haider, der mit den Worten zitiert wird: „Eine kommunistische Schriftstellerin bekommt von mir keine Blumen“ (S. 125).
Die Konzentration auf Haider und Jelinek löst Rosellini im letzten Kapitel auf, wenn er noch andere Protagonisten im Kulturkampf zu Wort kommen lässt (S. 134-174). Denn zwar lehnen die allermeisten Künstler und Intellektuellen Haider ab, doch wie man mit ihm und seiner Partei umgehen soll, darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Während Jelinek, Gerhard Roth und Peter Turrini oftmals auf der Grundlage der Kontinuitätsthese des Nationalsozialismus mit Haider als eloquenten Erben argumentativ operieren und daher ihm und seiner Partei gegenüber eine unnachgiebige Position einnehmen, sehen andere – zumeist jüngere Intellektuelle wie Robert Menasse und Konrad Paul Liessmann – darin mitunter Alarmismus, der Haider nur stärker gemacht habe. Die Unterschiede in dessen Bewertung vertiefen sich noch mal mit dem Regierungseintritt der FPÖ 2000. Denn während Jelinek und Co. einen solchen mit größter Vehemenz ablehnen, sehen andere wie Robert Menasse darin wenigstens den demokratietheoretischen Vorzug, von nun an sich abwechselnde aus zwei Parteien bestehende „minimal coalitions“ zu haben (S. 155). Rudolf Burger sieht in der Bildung der ÖVP/FPÖ-Regierung gar einen fälligen Schritt zur europäischen Normalisierung; den Protest dagegen denunziert er als „antifaschistischen Karneval“ und spricht sich später hinsichtlich der NS-Vergangenheit für ein „heilsames Vergessen“ aus (S. 151).
Gerade diese unterschiedlichen Positionen zwischen den Intellektuellen hätten in Rosellinis Studie mehr Raum einnehmen können. Eine breitere Analyse dieser Zwischen- und Grautöne im österreichischen „Kulturkampf“ wäre von einem größeren Neuwert gewesen als die fast ausschließliche Fokussierung auf die beiden Antipoden Haider und Jelinek, zu deren Wirken es schon eine Fülle von Literatur gibt. Dennoch ist das Buch für seine Wissenstransferleistung zu würdigen: Erstmals erhält der englischsprachige Leser einen profunden Überblick über die österreichischen Kulturkonflikte seit Anfang der 1990er-Jahre.
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Citation:
Cornelius Lehnguth. Review of Rosellini, Jay Julian, Haider, Jelinek and the Austrian Culture Wars.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
October, 2009.
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