Alexander Missal. Seaway to the Future: American Social Visions and the Construction of the Panama Canal. Madison, WI: University of Wisconsin Press, 2008. 336 S. $34.95 (cloth), ISBN 978-0-299-22940-5.
Reviewed by Valeska Huber
Published on H-Soz-u-Kult (September, 2009)
A. Missal: Seaway to the Future
Zwischen 1903 und 1914 nahm eine US-amerikanische Kommission mit Hilfe tausender vor allem karibischer und südeuropäischer Arbeiter ein Großprojekt in Angriff: den Bau des Panamakanals. Der deutsche Historiker und Journalist Alexander Missal hat sich in seiner an der Universität Köln vorgelegten und bei der University of Wisconsin Press veröffentlichten Dissertation dem Bau des Kanals aus der Perspektive amerikanischer Kommentatoren und Fotografen gewidmet. Souverän und konzentriert führt Missal die Leser/innen auf 200 Seiten durch fünf Kapitel, die sich mit der Entstehung des Kanals, der Vermittlung des Projekts an das amerikanische Publikum einerseits durch Texte, andererseits durch Bilder und Fotografien, der Verbindung des Kanals mit utopischen Entwürfen der Zeit und mit der „Panama-Pacific International Exposition“ von 1915 in San Francisco beschäftigen.
Missal definiert sein Projekt sehr klar: Er möchte eine Forschungslücke schließen, indem er anhand der Analyse der Wahrnehmungen eines technischen Großprojekts Kulturgeschichte und die Geschichte des amerikanischen Empires, das bisher vor allem unter Gesichtspunkten der „international relations“ betrachtet wurde, miteinander verbindet. Infrastrukturprojekte wie der Panamakanal sind ebenfalls erst im Ansatz kulturhistorisch interpretiert worden. Missal betont zu Recht, dass der Panamakanal – gleiches gilt im Übrigen für die meisten Eisenbahn- und Kanalbauten – bisher fast ausschließlich technik- oder diplomatiehistorisch bearbeitet worden ist. Dirk van Laak hat die Diskussion über die weitergreifende Bedeutung von „Infrastrukturen“ für die deutsche Debatte geöffnet Dirk van Laak, Infra-Strukturgeschichte, in: Geschichte und Gesellschaft 27 (2001), S. 367-393. , ohne dabei auf konkrete Projekte wie zum Beispiel den Panamakanal Bezug zu nehmen; Einzelstudien stehen daher noch aus und sind hochwillkommen.
Die Leserin des Buchs lernt allerdings weniger über den Panamakanal selbst als über amerikanische Selbsteinschätzungen in den ersten zwei Dekaden des 20., des „amerikanischen“ Jahrhunderts, die anhand der Reaktionen auf das Kanalprojekt deutlich wurden. Missal zeigt überzeugend, wie durch die Analyse eines Orts wie des Panamakanals viele Themen zusammengeführt werden können. Der Panamakanal wurde nicht nur zum Fokus einer vielfältigen kulturellen Produktion, er bündelte auch den Zeitgeist der Roosevelt-Ära. Viele Kommentatoren siedelten das amerikanische Projekt zwischen der lateinamerikanischen Unterzivilisierung und der zum Verfall verurteilten europäischen (in diesem Fall französischen, da das französische Kanalprojekt unter der Ägide von Ferdinand de Lesseps gescheitert war) Überzivilisierung an. Der Kanal wurde zu einem Beispiel dessen, was amerikanische Männer in der Welt erreichen konnten. Gleichzeitig wurde der Kanal selbst als eine Art perfektes Amerika dargestellt, mit dem Ingenieur an seinem Kopf als idealem Herrschertypus. Sowohl die Texte der Kommentatoren, die im Buch zu Wort kommen, der „Panama authors“, wie Missal sie nennt, als auch das en masse verbreitete Bildmaterial führten zu einer durchgeplanten positiven Außenwahrnehmung des Kanals, einem „engineered view“ (S. 80).
„Seaway to the Future“ ist genau zugeschnitten und innerhalb dieser klar gesteckten Grenzen erreicht das Buch sein Ziel. Es ist nie langatmig, sondern im Gegenteil, an mancher Stelle hätte man sich etwas mehr Kontext gewünscht, so in der Verbindung des Kanalprojekts mit dem amerikanischen Imperialismus. Zwar zitiert Missal an mehreren Stellen Hardt und Negri Gilbert Hardt / Antonio Negri, Empire, New York 2001. , doch bleibt es bei einem eher allgemeinen Umgang mit dem Phänomen Empire. Durch die stärkere Betonung der Bedeutung des Kanals für das amerikanische Empire wäre der Sonderfall Panamakanal im Gegensatz zu anderen Projekten von ähnlichem Kaliber vielleicht noch etwas deutlicher geworden; dies wäre auch nötig, um das Argument zu stärken, dass die Kanalbaustelle ein „construction site of social visions“ (S. 198) war und nicht etwa nur ein Spiegel dieser Visionen. Während das Buch insgesamt sehr gut lektoriert ist, hätte man sich zudem eine ausführlichere Bibliographie gewünscht, auch um einen schnelleren Überblick über die genannten „Panamaautoren“ zu gewinnen.
Die grundsätzlichere Frage, die das Buch aufwirft, setzt bei der Auswahl der Quellen und beim Zuschnitt der Problemstellung ein. Missal entscheidet sich für eine einzige Perspektive, einen „Diskurs“, in dem widerstrebende Meinungen, wenn es sie denn gegeben hat, eigentlich nicht vorkommen. Zunächst definiert er eine bestimmte Gruppe von Autoren als „Panama authors“. „Panama authors“ scheinen allerdings nur diejenigen zu sein, die sich auf positive Weise über den Kanal äußern; nach der Anfangsphase, in der allgemeine Skeptik vorherrschte, wird Kritik am Kanal weitgehend ausgeblendet. Gab es vielleicht nach der frühen Phase der Kritik am Kanalprojekt auch später noch eine Gruppe, die man „Anti-Panama authors“ nennen könnte? Auch im Teil über Touristen in der Kanalzone wird vor allem von denen berichtet, die begeistert waren; interessant wäre nun, ob es auch andere Stimmen jenseits des Mainstream gab, deren Erwartungen enttäuscht wurden. Die Panamaautoren erzählen bestimmte Geschichten vom Kanal; doch auch Missal selbst bindet sich durchaus selbstreflexiv in diesen Prozess des „Erzählens“ ein und präsentiert uns seine Version der Geschichte, die sich im Aufbau zumindest ein Stück weit an den Quellen, die er bearbeitet, orientiert, um diese dann kritisch zu analysieren. In diesem Prozess werden widerstreitende Erzählungen und Meinungen weitgehend ausgeblendet; auch wenn die Gruppe der „Panamaautoren“ von Ingenieuren bis zu Journalisten und Schriftstellern reicht, erscheint sie häufig als recht homogen.
Manchmal entfernt sich Missal allerdings von der reinen Diskursanalyse und widmet sich zum Beispiel den Arbeitsbedingungen der unterschiedlichen Kanalbeschäftigten. Während Missal die Organisation der Arbeiter bis zu einem gewissen Detail beschreibt – er vergleicht die Unterteilung der Arbeiter je nach Herkunft in die mit unterschiedlicher Bezahlung und Behandlung versehenen Kategorien Gold und Silber mit dem Jim-Crow-System im amerikanischen Süden (S. 44) – sind und bleiben die Hauptpersonen des Buches die Kommentatoren und nicht die Arbeiter. Dies ist auch der Auswahl der Quellen geschuldet – gemäß seiner Zielsetzung verzichtet Missal auf die Auswertung von Archivquellen. Hier setzt Julie Greenes zeitgleich erschienenes Buch „The Canal Builders“ ein, das auf breiterer Quellenbasis und auf fast doppelt so vielen Seiten dokumentiert, wie kurz die Wahrnehmungen der Panamaautoren in den meisten Fällen griffen. Julie Greene, The Canal Builders. Making America’s Empire at the Panama Canal, New York 2009. Greene erzählt also eine konsequenter globale Geschichte, indem sie die Perspektive der Amerikaner, die zu Hause das Geschehen verfolgten, mit der der Arbeiter (soweit diese rekonstruierbar ist) verbindet. Im Gegensatz zu Missals stringenter Argumentation kann Greene der ständige Perspektivenwechsel vorgeworfen werden; gleichzeitig eröffnet sie uns den Blick auf neue Akteure, die nun zu Hauptpersonen werden. Durch die multiplen Perspektiven zeigt sie deutlich die Widersprüchlichkeiten eines globalen Orts wie der Kanalzone auf. Missals und Greenes Bücher, die nur zufällig gleichzeitig erschienen, verdeutlichen quasi exemplarisch zwei unterschiedliche Zugriffe auf ein und dasselbe Thema – überspitzt gesagt Diskursanalyse und „Geschichte von unten“. Die Nutzung des Kanals nach seiner Fertigstellung bleibt in beiden Darstellungen offen. In einem nächsten Schritt wäre es interessant, die wirkliche und wahrgenommene Wirkungsgeschichte des Kanals auch nach dem Bau zum Thema zu machen – hier gehen beide Bücher eben gerade nicht über die klassische Kanal-Historiografie hinaus.
Sollten Historiker/innen eine perspektivisch vielfältige Geschichte schreiben, die auch die Perspektive „von unten“ mit einschließt, oder sollten sie eine Perspektive vorherrschen lassen? Auch wenn diese grundsätzliche Frage offen bleibt: Das große Verdienst des Buches ist die neue Interpretation von globalen Orten, die viele Themen bündeln und eine Resonanz entwickeln, die weit über sie hinausreicht. Durch die bewusste Konzentration auf eine Perspektive kann Missal Zusammenhänge aufzeigen, die über den Ort des Kanals hinausweisen, so zum Beispiel, dass die amerikanische Utopie der Roosevelt-Ära auf vielfältigen Ausschlüssen und auf der „Suche nach Ordnung“, wie sie in der Organisation der Kanalbaustelle sinnfällig wurde, beruhte. Gut also, dass die Tür zu Neuinterpretationen solcher Kristallisationspunkte geöffnet wurde, auch wenn sich dahinter vielleicht noch mehr Wege auftun, als der, den Missal hier beschritten hat.
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Citation:
Valeska Huber. Review of Missal, Alexander, Seaway to the Future: American Social Visions and the Construction of the Panama Canal.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
September, 2009.
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