Anna O. (Bertha Pappenheim). In the Junk Shop and Other Stories. Translated from the German by Renate Latimer. Riverside: Adriadne Press, 2008. 152 pp. $17.00 (paper), ISBN 978-1-57241-165-4.
Reviewed by Katja Majewski (University of Wisconsin-Madison)
Published on H-German (November, 2009)
Commissioned by Susan R. Boettcher
Geschichten--von Dingen erzählt
Anna O. Den Namen verbinden die mit der Psychoanalyse Vertrauten mit Freud. Geisteswissenschaftler, vor allem Literaturwissenschaftler, werden hellhörig, wenn ein fast verlorenes und nach fast 140 Jahren ins Englische übersetztes Werk von Freuds vermeintlicher Patientin im Buchhandel auftaucht. Doch die Frau hinter dem Pseudonym ist eigentlich Bertha Pappenheim und das Anliegen, das der Übersetzerin, Renate Latimer, laut Sander Gilman zugrunde liegt, ist ihrer Stimme als Autorin Gehör zu verschaffen. Da fragt man sich--spitz formuliert--lohnt sich das?
Die Geschichte beginnt in einem Trödelladen in einem kleinen Ort in Österreich, vermutlich Niederösterreich, nicht weit von Wien. Der Besitzer, Franz, erhält unerwartet Besuch von einem alten Schulkollegen, Wilhelm, der kurz vor der Matura, dem österreichischen Gymnasialabschluss, den gemeinsamen Ort ohne großes Aufhebens verlassen hatte. Gedrängt durch die begrenzte Zeit, die Wilhelm an dem Ort der Kindheit verbringen will, erzählt er seine Geschichte. Mehr Zeit wird Franz eingeräumt: Die Aufgabe des geliebten Studiums für die Heirat mit seiner Kinderliebe, deren Vaters Büchergeschäft er übernehmen musste, und die ihn nach wenigen Jahren schon wegen eines anderen verlassen wird, ist sein Schicksal.
Das überhebliche Mitleid des Freundes mit dem Trödelladenbesitzer veranlaßt diesen, die Lebendigkeit seiner Objekte zu erwähnen, deren Geschichten er in einsamen Nächten lauscht. Der Freund geht und die Geschichten beginnen.
Insgesamt besteht In the Junk Shop aus elf Geschichten, wobei die erste und letzte Erzählung durch die persönliche Geschichte des Trödelladenbesitzers, die am Ende wieder aufgegriffen wird, einen Rahmen bilden. Die neun Geschichten der Dinge--erzählt von der alten Spitze oder Borte (hier läßt die Übersetzung den Lesern einen Vorstellungs-Spielraum, englisch: "The Tale of the Old Lace"), der kleinen Puppe, der Kaffeemühle, dem Fingerhut, usw.--haben oft ein tragisches Ende. Den Geschichten sind--quasi als Bonus--weitere fünf sehr kurze Erzählungen für Kinder angereiht, auf die ich hier aus Platzgründen nicht weiter eingehen werde.
In seinem einführenden Essay über Bertha Pappenheim (1859-1936) verweist Sander Gilman auf ihren Einfluß auf die Entstehung der Gesprächstherapie kurz vor der Jahrhundertwende. Unter dem Pseudonym Anna O. wurde die Autorin von dem Wiener Psychologen Joseph Breuer wegen ihrer Hysterie, Sprachstörungen, Neuralgien, Lähmungserscheinungen, Depressionen, usw. behandelt, die nach der schweren Krankheit und dem Tod des Vaters (1824-1881) auftraten. Ihr gemeinsamer Bekannter Sigmund Freud behandelte Pappenheim nie als seine Patientin--sie kannten sich, da seine Frau mit ihr befreundet war. Gilman erwähnt auch die Forschungsliteratur zur Autorin, die spärlich aber regelmäßig entstanden ist. Er legt die (hauptsächlich biographischen) Interpretationsweisen und Perspektiven, aus denen Bertha Pappenheim beleuchtet wurde, kurz dar und endet seinen Aufsatz mit einer zweiseitigen Bibliographie. Gilman selbst sieht in Pappenheim eine Autorin, die mit Schriftstellern wie Israel Zangwill verglichen werden kann: "Think of Pappenheim as parallel at the fin-de-siècle to the Anglo-Jewish writer and thinker Israel Zangwill; he campaigned for Jewish social change and women’s emanciation.... Like Zangwill, Pappenheim used her writings to further her political and social agenda" (S. 12-13). Nachdem Pappenheim 1888 Wien verlassen hatte, um mit ihrer Mutter in Frankfurt zu leben, engagierte sie sich für Waisenkinder, baute ein soziales Netzwerk für sie auf und schaffte sich Gehör in der "Frauenfrage", indem sie unermüdlich mündlich und auch schriftlich in mehreren Aufsätzen und Artikeln auf emanzipatorische Probleme hinwies. Pappenheim starb 1936 in Neu-Isenburg, kurz nachdem sie von der Gestapo verhört wurde.
Bevor sie nach Deutschland ging--die Zeit, in der sie immer wieder in Behandlung war--schrieb Pappenheim die Geschichten auf, die sie ständig mit sich herumtrug. Sie gewähren einen Einblick in die von Breuer vielgepriesene Vorstellungskraft der Autorin, aber auch in ein/ihr soziales Umfeld ein gutes Jahrzehnt vor der Jahrhundertwende in Österreich. Pappenheim schrieb ihre Geschichten für ein jugendliches Lesepublikum, was aus dem Untertitel der deutschen Originalfassung erkenntlich ist: In der Trödelbude: Jugendroman. Ich vermute, dass der die Leserschaft doch sehr eingrenzende Untertitel aus Vermarktungszwecken vom Verlag weggelassen wurde. Aus dem gleichen Grund, nehme ich an, daß Anna O. als Autorin angeführt wird--Bertha Pappenheim erscheint (immerhin) in Klammern.
Beim Lesen der Geschichten wird klar, daß durch die Wahl der Themen (Liebe, Familie, Kindheit) und der oft implizit zugrundeliegenden weiblichen Perspektive vermutlich eher eine weibliche Leserschaft angesprochen wurde (meist handelt es sich bei den Besitzern der erzählenden Dinge um Frauen und Mädchen--wie z.B. ein kleines Zirkusmädchen, das von den Erwachsenen ignoriert aufwächst, oder eine Frau, deren Mann immer mehr verwahrlost und seine Familie in den Ruin treibt). Die erzählenden Dinge haben oft eine tröstende, haltgebende Funktion und verweisen immer wieder auf die Wichtigkeit von traditionellen Werten und Geschichte.
Literaturgeschichtlich reiht sich In der Trödelbude in die Zeit der gerade beginnenden Moderne und bildet mit dem Wunsch der Dinge und ihrer Besitzer nach einer geordneten, bürgerlichen Welt zumindest inhaltlich einen Gegensatz zu den Texten der Schriftsteller der Moderne. Dennoch wird in den Geschichten keine heile bürgerliche Welt vorgegaukelt, die es zu erstreben gilt. Vielmehr, so kommt es mir zumindest vor, wollen die Geschichten die Wichtigkeit von sozialer Sicherheit hervorheben; dies verlangt nicht nach harmonischen Umgangsformen. Vor allem in der 'realen' Welt des Trödelbudenbesitzers sind die Protagonisten schnippisch und meist offen auf ihren eigenen Vorteil bedacht. Das Gespräch zwischen Franz und Wilhelm verläuft nur sehr oberflächlich freundlich, hier ein Auszug: "'Well, Franz,' he said, placing his hands on the man's shoulders, 'I sooner would have expected to see fir cones growing on an oak than to meet you here! How did you come by this old stuff?... I am not the least bit interested in antiques and half-moldy things, but my wife, you know, has a passion for old lace, embroidery, and similar stuff...' Franz continued to look at the animated speaker without saying a word. 'How gray you’ve become, Franz ... But you still have your true blue eyes'" (S. 21-22). Trotz dieser Sticheleien Wilhelms, die außerdem ein Frauenbild andeuten, das deren Interesse auf die alten Dinge im Trödelladen beschränkt, erzählt Franz von seiner Lebensgeschichte und stellt der abschätzigen Bemerkung über die "lifeless odds and ends", "the ugly stuff" (S. 34) die schillernden Erzählungen seiner Ware gegenüber.
Zum Schluß möchte ich auf meine Frage am Anfang zurückkommen, lohnt es sich Pappenheims Geschichten um der Autorin und nicht der Patientin willen zu lesen? Ich glaube schon. Die Geschichten lesen sich flüssig und schnell und unterhalten, was für eine ausgezeichnete Qualität der Übersetzung spricht. Obwohl sich die Erzählungen meines Erachtens weniger zu einer literaturkritischen Lesart eignen, so erlauben sie doch zumindest einen interessanten historischen Einblick in eine Zeit vor der Jahrhundertwende.
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Citation:
Katja Majewski. Review of O. (Bertha Pappenheim), Anna, In the Junk Shop and Other Stories.
H-German, H-Net Reviews.
November, 2009.
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