Uta Gerhardt. Denken der Demokratie: Die Soziologie im atlantischen Transfer des Besatzungsregimes. Vier Abhandlungen. Stuttgart: Franz Steiner Verlag, 2007. 357 pp. EUR 54.00 (cloth), ISBN 978-3-515-09007-0.
Reviewed by Marcus M. Payk (Universität Stuttgart)
Published on H-German (November, 2009)
Commissioned by Susan R. Boettcher
Historisierung und Selbsthistorisierung der westdeutschen Soziologie
Mit der hier anzuzeigen Publikation hat Soziologin Uta Gerhardt, die auch als Werkbiographin von Max Weber und Talcott Parsons hervorgetreten ist, ein weiteres Buch über die Nachkriegsgeschichte ihrer Disziplin vorgelegt. Nachdem im Jahr 2005 bereits eine viel beachtete Untersuchung über die Soziologie der Stunde Null. Zur Gesellschaftskonzeption des amerikanischen Besatzungsregimes in Deutschland 1944-1945/46 erschienen war, beleuchtet Gerhardt in Denken der Demokratie verschiedene weitere Facetten dieses Themas. Das Buch besteht entsprechend aus vier in sich geschlossenen Abhandlungen, von denen jede auch als eigenständige Studie gelesen werden kann, die aber zusammengenommen den Blick auf die deutsch-amerikanische Dimension der Soziologiegeschichte seit den 1940er Jahren beträchtlich erweitern und vertiefen.
Gerhardt formuliert in ihrer Einleitung das Ziel, die Entwicklung der westdeutschen Soziologie als Geschichte einer demokratischen Wissenschaft zu schreiben. Nach ihrem Verständnis ist Soziologie grundsätzlich nur in demokratischen Gesellschaften denkbar, so daß sich einerseits alle Überlegungen zu möglichen wissenschaftshistorischen Kontinuitätslinien zum NS-Regime erübrigen. Anderseits beabsichtigt Gerhardt mit ihrer Untersuchung, gezielter als bisher nach dem spezifischen Beitrag der Soziologie zum schwierigen Übergang von der Diktatur in die Demokratie zu fragen. In engem Anschluß an Talcott Parsons wird dazu die Prämisse entwickelt, daß demokratisch verfaßte Gesellschaften auf Integration abzielen, diktatorisch verfaßte Systeme hingegen auf Anomie aufbauen.
Der erste Aufsatz beschäftigt sich mit jenen umfangreichen Diskussionen und Debatten innerhalb der amerikanischen Soziologie, welche während des Zweiten Weltkriegs um die Frage kreisten, wie Deutschland in der Nachkriegszeit zu einem demokratischen und friedfertigen Land werden könne. Dazu wurde das vieldiskutierte Konzept einer "Re-Education" entworfen, welches auf die therapeutische Heilung des nationalen Charakters der Deutschen abzielte und sich in seinen Grundzügen aus psychiatrischen Theorien herleitete. In einer sorgfältigen Analyse zeigt Gerhardt dabei auf, wie diese Vorstellungen im offiziellen "Long-Range Policy Statement on German Reeducation" aufgegriffen wurden und damit auch die einzelnen Instrumente der Besatzungspolitik prägten, so etwa das System der weißen, grauen und schwarzen Listen in der Literaturpolitik oder die Praktiken der Entnazifizierung.
In ihrem zweiten Kapitel widmet sich Gerhardt dem Stellenwert der Soziologie in der Universitäts- und Wissenschaftspolitik der drei westlichen Besatzungsmächte. Dabei geht es zunächst um den Nachweis, daß die Geschichte der deutschen Soziologie nur von den Aktivitäten der Westalliierten her verstanden werden könne, welche einen fast vollständigen Kontinuitätsbruch innerhalb des Fachs herbeigeführt hätten. Erst den Besatzungsmächten sei es gelungen, die Soziologie als Wissenschaft in Deutschland zu etablieren, wobei es freilich noch bis in die 1960er Jahre gedauert habe, bis daraus eine im Weber'schen Sinne "objektive" und "wertfreie" Disziplin wurde (S. 161). In ähnlicher Weise, daran erinnert Gerhardt, seien auch politikwissenschaftliche und zeithistorische Lehrstühle auf Initiative und mit Fördergeldern der Besatzungsmächte eingerichtet worden.
Eine spezifische Methode der empirischen Sozialwissenschaften, die Survey-Forschung, steht im dritten Kapitel im Mittelpunkt. Während die wissenschaftliche Erforschung der öffentlichen Meinung in den deutschen Sozialwissenschaften traditionell auf Skepsis stieß, betrieben die amerikanische Besatzungsbehörden nahezu von Beginn an eine intensive Demoskopie, nicht zuletzt um die Resonanz und die Nachhaltigkeit der eigenen Demokratisierungspolitik in der Bevölkerung zu messen. In diesem Umfeld, im Rahmen des seit 1948 laufenden "Cultural Exchange Programs", entstand zudem die berühmte "Darmstadt Community Survey", mit der die Sozialstruktur einer mittleren Großstadt erforscht werden sollte. Bedeutsam war an diesem umfangreichen Forschungsprojekt nicht nur, daß damit empirisch-sozialwissenschaftliche Standards in Deutschland etabliert wurden, sondern vor allem, daß es als Forum für die Zusammenarbeit von deutschen und amerikanischen Wissenschaftlern konzipiert worden war. Auf derartigen Umwegen vermochte sich die Meinungsforschung dann zögerlich in den deutschen Sozialwissenschaften durchzusetzen, wobei jedoch an dieser Stelle kritisch anzumerken ist, daß der von Gerhardt dazu verwendete Begriff des Kulturtransfers kaum methodisch oder theoretisch untermauert wird; die umfangreiche historische Forschung zum Thema wird zumindest weitgehend negiert.
Der vierte Beitrag widmet sich schließlich den "Problemen der gesellschaftlichen Demokratisierung in der Vorgeschichte der Bundesrepublik als Thema der amerikanischen Soziologie" (S. 241). Unter dieser Überschrift rekonstruiert Gerhardt insbesondere die Beiträge von Talcott Parsons, der sich selbst maßgeblich für eine Umgestaltung der politischen Kultur Deutschlands engagierte und dazu eine Modernisierung der Sozialstruktur für unverzichtbar hielt. Diese Theorie verweist nochmals auf die heikle Frage der deutschen Besonderheiten und Verspätungen, welche eine ganze Generation von Sozialwissenschaftlern und Historiker beschäftigt hat und die sich mit dem Begriff des "deutschen Sonderwegs" verbindet. Dieses Denkbild wird hier allerdings nicht historisiert, sondern als im Wesentlichen zutreffend vorausgesetzt; entsprechend überrascht es auch nicht, wenn Gerhardt die Ansätze Parsons oder auch die (mustergültig erschlossenen) ICD-Umfragen zum Thema weitgehend zum Nennwert nimmt. Im Ergebnis wird folglich ein Bild von der westdeutschen Demokratisierung gezeichnet, in dessen Mittelpunkt ein von der amerikanischen Besatzungspolitik initiierter Wandel zu der "Sozialstruktur einer modernen westlichen Industriegesellschaft" (S. 309) steht, welcher erst "die Abkehr der Deutschen von der Polarisation (Rassismus, Nationalismus, Militarismus)" (S. 310) ermöglich habe.
Die Darstellung von Gerhardt ist gut lesbar, fantastisch aus den Quellen und Archiven gearbeitet und ungemein informativ. Daß das Buch in seinen Grundaussagen trotzdem nicht durchweg überzeugen kann, liegt in erster Linie an dem etwas naiven Quellenpositivismus sowie der normativen Herangehensweise der Verfasserin. Gerhardt identifiziert Soziologie per se mit demokratischem Denken, was im Einzelfall oft auch richtig sein mag, aber nicht nur die für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung angemessenen Differenzierungen vermissen läßt, sondern überhaupt eine kritische Distanz zum Gegenstand der Untersuchung. Das zugrunde liegende Leitbild, wonach empirisch-sozialwissenschaftliche Reflektionen über die Gesellschaft letztlich Emanzipation und Fortschrittlichkeit verbürgen würden, wird nicht historisiert, sondern fortgeschrieben. Im Ganzen handelt es sich daher nicht allein um eine historische Darstellung zur Besatzungszeit, sondern zugleich um einen Ausdruck des Selbstverständnisses der bundesdeutschen Soziologie, vornehmlich der 1960er und 1970er Jahre.
Daneben verkennt Gerhardt mit ihrer die Behauptung eines scharfen Bruches zwischen der Sozialforschung des NS-Regimes und der Sozialwissenschaft der Bundesrepublik die vielfältigen Kontinuitäten, Überlagerungen und Einflüsse. So richtig und wichtig es ist, die amerikanische Soziologie (mitsamt den darin enthaltenen, zahlreichen Impulsen aus der europäischen Emigration) als wesentliche Orientierungsgröße und mächtigen Einflußfaktor für die Zeit nach 1945 markant hervorzuheben, so wenig geht die Geschichte der westdeutschen Soziologie in der simplen Vorstellungen von Übernahme und Adaption auf. Vielmehr hat die jüngere Forschung vielfach darauf hingewiesen, daß es sich um äußerst komplexe Gemengelagen von alten und neuen, exogenen und endogenen Impulsen handelte, in denen die Berufung auf die USA oftmals zwar ein Modernitätsnachweis war, inhaltlich aber nicht selten offen bleiben konnte.
Im Ganzen ergibt sich daher ein zwiespältiger Eindruck. So staunenswert und beeindruckend die Vielfalt der zusammengetragenen Quellen auch ist, so problematisch sind manchen Perspektiven auf das präsentierte Material. Weil aber Gerhardt in der Regel offen argumentiert und die meist umfangreichen Anmerkungen einen guten Nachvollzug der Grundlagen erlauben, steht es der Leserschaft frei, sich weniger von den Wertungen als vom Wert der akribisch zusammengetragenen Unterlagen beeindrucken zu lassen. Kritischen Lesern ist das Buch daher zu empfehlen.
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Citation:
Marcus M. Payk. Review of Gerhardt, Uta, Denken der Demokratie: Die Soziologie im atlantischen Transfer des Besatzungsregimes. Vier Abhandlungen.
H-German, H-Net Reviews.
November, 2009.
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