Mike Schmeitzner. Doppelt verfolgt: Das widerständige Leben des Arno Wend. Berlin: Vorwaerts Buch, 2009. 341 S. ISBN 978-3-86602-770-1; ISBN 978-3-86602-077-1.
Reviewed by Stefan Donth
Published on H-Soz-u-Kult (August, 2009)
M. Schmeitzner: Doppelt verfolgt
Der Sozialdemokrat Arno Wend, 1906 in Zittau geboren und 1980 in Wiesbaden verstorben, gehört zu den wichtigsten sächsischen Sozialdemokraten. Mike Schmeitzner, ausgewiesener Experte der sächsischen Geschichte des 20. Jahrhunderts, hat dessen Lebensweg jetzt in einer Biographie dargestellt. Die Studie zeichnet den Karriereverlauf seines „Helden“ nach und bettet dessen Vita in die größeren historischen Zusammenhänge ein. Wie bereits bei der Erforschung der nationalsozialistischen Diktatur gewinnt der biographische Ansatz auch bei der Historiographie der SBZ/DDR immer mehr an Bedeutung. Dazu leistet Schmeitzner einen wichtigen Beitrag.
Der aus einfachen Verhältnissen stammende Wend fand in Dresden den Weg zur Sozialdemokratie, zunächst in deren Jugendorganisationen und schnell auch zur Partei selbst. Durch die Bildungsarbeit, bei der er auch Hermann Brill (1945 kurzzeitig SPD-Ministerpräsident in Thüringen, dann 1946-1949 Leiter der hessischen Staatskanzlei und Mitglied des Herrenchiemseer Verfassungskonvents) kennenlernte, gelang ihm der Aufstieg zum Juso-Chef. Schmeitzner fragt nach dem politischen Profil Wends, das in besonderer Weise eine der zentralen Konfliktlinien sozialdemokratischer Politik gegenüber der KPD aufzeigt: Das Verhältnis zur Demokratie und zu den individuellen Freiheitsrechten der Bürger. Beide waren für ihn in der politischen Auseinandersetzung auch innerhalb der SPD nicht verhandelbar, sondern Werte, die er über alles stellte. Damit bildete er schnell einen Gegenpart zu denjenigen Gruppierungen, die für ein enges Zusammengehen mit den Kommunisten und letztlich für einen diktatorischen Weg hin zum Aufbau einer sozialistischen Gesellschaftsordnung plädierten. Schmeitzner untersucht, wie sich bereits in der Weimarer Republik auch personell zentrale Konfliktfelder innerhalb der Arbeiterbewegung herauskristallisierten, die dann in der Nachkriegszeit fortwirkten.
Es ist der Untertitel „Doppelt verfolgt“, der den roten Faden bildet, an dem Schmeitzner die Biographie Wends herausarbeitet, dessen Lebensweg in besonderer Weise von Opposition und Widerstand gegen die beiden Diktaturen des 20. Jahrhunderts auf deutschem Boden gekennzeichnet war.
1933/34 bewies Wend großen Mut, als er sich als Dresdener SPD-Stadtverordneter der NS-Gleichschaltungspolitik widersetzte. Schmeitzner ordnet dieses Verhalten in den Forschungskontext ein und zeigt, zu welchen Verfolgungsmaßnahmen dies führte und wie Wend sich auch als Wehrmachtssoldat bemühte, Distanz zum Nationalsozialismus zu wahren. Das verdeutlicht besonders die Todesanzeige, die er in einer Dresdener Tageszeitung veröffentlichte, nachdem sein Bruder gefallen war.
Für den Zeitabschnitt nach 1945 ist Schmeitzners Arbeit mehr als nur eine Biographie Arno Wends. Sie zeigt vielmehr die Geschichte der Durchsetzung der kommunistischen Diktatur nach dem Zweiten Weltkrieg. Aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt, engagierte sich Wend in Dresden beim Aufbau der SPD und hatte maßgeblichen Anteil an deren Aufstieg zur mitgliederstärksten Volkspartei in Sachsen.
Schmeitzner folgt dem Lebensweg dieser selbstbewussten und streitbaren Persönlichkeit, die nicht bereit war, die Vorgaben der sowjetischen Besatzungsmacht bedingungslos umzusetzen.
Als grundsatztreuer Sozialdemokrat zählte er weit über Sachsen hinaus schnell zu den prominentesten Gegnern einer Einheitspartei mit den Kommunisten. Schmeitzner analysiert die Politik Wends in den Konflikten mit den Einheitsbefürwortern innerhalb der sächsischen SPD, zu deren wichtigsten Protagonisten der Landesvorsitzende Otto Buchwitz zu rechnen ist.
Gegen den übermächtigen Druck der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) waren Wend und die Mehrheit der Sozialdemokraten jedoch letztlich machtlos und fügten sich in die Zwangsvereinigung mit der KPD, soweit nicht die Flucht in den Westen als Ausweg gewählt wurde. Wend blieb, um innerhalb der SED weiter für seine Ideale einzutreten.
Im SED-Landessekretariat ging er keinem Konflikt mit den Kommunisten aus dem Weg. Partiell, wenn sich wie beim Volksentscheid 1946 die Interessen von Wend mit denen der Kommunisten deckten, war eine Zusammenarbeit noch möglich. Doch als er sich für eine bessere Platzierung ehemaliger SPD-Mitglieder auf den SED-Listen für die Wahlen im Herbst 1946 einsetzte und gegen die Oder-Neiße-Linie argumentierte, spitzten sich die Konflikte mit der Besatzungsmacht und den deutschen Kommunisten zu. So geriet er schnell in das Visier des sowjetischen Geheimdienstes und seiner von der KPD aufgebauten deutschen Ableger und gehörte bald zu den am intensivsten überwachten Persönlichkeiten der SBZ. Bereits 1946/47 wurde er aus seinen Positionen in der Führung der sächsischen SED gedrängt und politisch kalt gestellt.
Wend suchte engen Kontakt zum SPD-Ostbüro und zu Kurt Schumacher. Die Zusammenarbeit war recht intensiv. Besonders hervorzuheben ist Wends Beitrag „Ein Jahr SED. Ein Jahr der Enttäuschung für Sozialisten“, der als Flugblatt in der gesamten SBZ Verbreitung fand.
Nach seinem Hinauswurf aus der SED schloss sich Wend als Dresdener Stadtverordneter der CDU-Fraktion im Stadtrat an, die ihn als Hospitant aufnahm. Grundlage hierfür war das Beharren beider Seiten auf den Freiheitsrechten der Bürger und der Demokratie. Der auch seitens der CDU mutige Schritt belegt, dass diese alles andere als eine bereits gleichgeschaltete Blockpartei war.
Sein Widerstand führte schließlich 1948 zu seiner Inhaftierung, einer monatelangen Haft in Berlin-Hohenschönhausen sowie der Deportation nach Workuta. Von dort kehrte er erst Ende 1955 nach fünfjähriger Haft nach Dresden zurück.
Bereits kurze Zeit später floh er in den Westen. In Hessen fand Wend sofort Anschluss und Aufnahme im Kreis seiner ehemaligen sächsischen Mitkämpfer gegen die kommunistische Gewaltherrschaft. Sie waren nach ihrer Flucht bereits sehr gut in der Landesverwaltung vernetzt, so dass mit Bezug auf diese „Seilschaft“ nicht gänzlich unbegründet gesagt wurde: „In Hessen geht die Staatsgewalt nicht vom Volke aus, sondern von Sachsen.“ (S. 229) Seine neue Lebensaufgabe fand er zum einen in seiner Funktion in der hessischen Landesregierung bei der Betreuung der DDR-Flüchtlinge und zum anderen als Sprecher der geflohenen Sozialdemokraten in der SPD. Breiten Raum widmet die Studie den Positionen Wends als doppelt Verfolgter in den Auseinandersetzungen innerhalb des SPD-Bezirks „Hessen Süd“ in den sechziger und siebziger Jahren. Hier gehörte er wie bereits während seiner Dresdener Jahre zwischen 1925 und 1933 zu den Gegnern eines dezidierten Links-Kurses, stand aber der Ostpolitik Willy Brands aufgeschlossen gegenüber.
Schmeitzner stützt sich auf eine umfangreiche Quellenbasis deutscher Archivalien, zu der nicht nur Erinnerungen Wends, sondern zusätzlich auch Akten aus Schweden, vier russischen Archiven sowie Materialien des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR herangezogen wurden. Darüber hinaus führte er zahlreiche Interviews mit Zeitzeugen.
Es gelingt Schmeitzner, die Verfolgung Wends während der Herrschaft der beiden Weltanschauungsdiktaturen des 20. Jahrhunderts einer vergleichenden Perspektive zu unterziehen. Er verdeutlicht dabei Gemeinsamkeiten und Unterschiede beim Vorgehen von Nationalsozialisten und deren kommunistischen Nachfolgern gegen ihre sozialdemokratischen Gegner.
Diese Studie leistet Grundlagenarbeit und stellt Arno Wend als eine bedeutende Persönlichkeit der unmittelbaren sächsischen Nachkriegsgeschichte vor. Besonders hervorzuheben ist, dass sich diese ausgewogene und sehr gut recherchierte Biographie durchaus kritisch mit den Positionen Wends auseinandersetzt. Damit wird auch eine Forschungslücke geschlossen.
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Citation:
Stefan Donth. Review of Schmeitzner, Mike, Doppelt verfolgt: Das widerständige Leben des Arno Wend.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
August, 2009.
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