Ulrich Dunst. Performance-Politik in der Steiermark. Innsbruck: StudienVerlag, 2009. 196 S. ISBN 978-3-7065-4545-7.
Reviewed by Martin Moll
Published on H-Soz-u-Kult (July, 2009)
U. Dunst: Performance-Politik in der Steiermark
Keine Frage: Das Universum der modernen, vor allem elektronischen Massenmedien hat das Erscheinungsbild, wenn nicht auch die Inhalte politischen Handelns in demokratischen Gesellschaften nachhaltig und wohl irreversibel verändert. Man mag von einer die Demokratie ablösenden Mediokratie sprechen oder nicht, fest steht, dass Politiker aller Parteien – freiwillig oder gezwungenermaßen – immer weniger Aufmerksamkeit auf den sachlichen Gehalt ihrer Botschaften verwenden und immer mehr darauf, wie diese „rüberkommen“, sprich sich medial an ein breites Publikum kommunizieren lassen.
Dieser evidente Wandel der Performance moderner Politik bildet den Ausgangspunkt der kleinen Studie des Grazer Journalisten Ulrich Dunst (Jahrgang 1981), der damit seine Diplomarbeit am Studiengang Journalismus und Public Relations an der Fachhochschule Joanneum in der steirischen Landeshauptstadt gedruckt vorlegt. Dunst weiß zweifellos bestens Bescheid über seinen Gegenstand, war er doch – wie er eher versteckt mitten im Buch verrät – 2004 für die Polit-PR der steirischen Landesorganisation der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) tätig (S. 50). Schon hier sei festgestellt, dass daraus keinerlei Parteilichkeit des Autors resultiert.
Den zeitlichen Rahmen der Untersuchung liefert das Agieren der beiden Großparteien ÖVP und SPÖ (Sozialdemokratische Partei Österreichs) während des Wahlkampfs zum Steiermärkischen Landtag 2005. Es handelt sich unbestritten um einen historischen Urnengang, verlor doch die seit 1945 ununterbrochen den Landeshauptmann stellende ÖVP erstmals die Mehrheit im Landesparlament an die SPÖ. Damit ist zugleich gesagt, dass die Auswahl des Untersuchungsobjekts mehr durch das – für steirische Verhältnisse einer Revolution gleichkommende – Wahlresultat bestimmt ist als durch eine bei diesem Anlass etwa erkennbare Zäsur der politischen Performance.
Einleitend rekapituliert Dunst die wesentlichen Aussagen der 1959 im englischen Original und zehn Jahre danach auf Deutsch publizierten Studie von Erving Goffmann „Wir alle spielen Theater“. Was Goffmann ursprünglich auf das Alltagsverhalten gemünzt hatte, überträgt Dunst durchaus gelungen und prägnant auf die (nicht nur steirische) Politik und deren eingangs erwähnte Veränderungen im Medienzeitalter. In diesem zählt bekanntlich nicht allein die Verständlichkeit, sondern mehr noch die Kürze: Wie Dunst nachweist, ist heutzutage die Wiedergabe von Politiker-Statements in den Printmedien auf wenige Zeilen und im Fernsehen auf wenige Sekunden reduziert. Sich unter derlei extremen Bedingungen zu positionieren, erfordert nicht nur einen spezifisch telegenen Politikertypus, sondern minutiöse Vorbereitungen und ebensolche Medienarbeit – eine Aufgabe, die im Umfeld von Spitzenpolitikern von PR-Beratern, ja mittlerweile ganzen PR-Stäben bewältigt wird, deren rasante personelle Aufstockung selbst auf regionaler Ebene Dunst empirisch belegt.
Nach diesen Vorbemerkungen werden die methodische Herangehensweise und die Quellenbasis der Arbeit erläutert. In deren Vorfeld versandte Dunst einen ausgefeilten Fragebogen an 47 steirische Innenpolitik-Journalisten sämtlicher in Frage kommender Print- und elektronischer Medien, von denen immerhin 38 geantwortet haben. Dieser Fragebogen wird im Anhang der Studie, leider ohne die Resultate, abgedruckt. Darüber hinaus führte Dunst insgesamt fünf Tiefeninterviews: Seine Partner waren der Ende 1995 aus dem Amt geschiedene, damalige ÖVP-Landeshauptmann (der hauptsächlich den Wandel der Performance-Politik aus der Sicht eines langen Politikerlebens erläutert), die damaligen (zwischenzeitig ausgeschiedenen) Landesgeschäftsführer und zugleich Wahlkampfleiter von ÖVP und SPÖ sowie die (2005) jeweiligen Nr. 2 der Hierarchien beider Großparteien. Die Spitzenkandidaten von 2005 werden aus hier nicht zu erläuternden Gründen ebenso wenig einbezogen wie niederrangige oder externe PR-Berater – von denen man freilich erwarten muss, dass sie auch heute noch wenig Neigung verspüren, aus dem Nähkästchen zu plaudern. In Summe setzt Dunst somit vor allem auf die mehr oder minder subjektiven Einschätzungen versierter politischer Beobachter, deren Urteile sich zwar statistisch auswerten, aber nur schwer verifizieren oder falsifizieren lassen. Bei lediglich 38 ausgefüllten Fragebögen hätte eine grobe Wiedergabe der Resultate genügt, eine Analyse bis auf Zehntelprozentpunkte macht da wenig Sinn und erzeugt nur den Anschein von Exaktheit, wo sie nicht vorliegen kann.
Man hätte sich gewiss die eine oder andere Erweiterung der Quellenbasis vorstellen und eine weniger ausgeprägte Konzentration auf subjektive Einschätzungen von Insidern wünschen können, doch hätte dies die legitimen Anforderungen an eine Diplomarbeit überstiegen. Somit bleibt als einziger gravierender Kritikpunkt, dass Dunst seinen Gewährsleuten aus den Gefilden der hohen Politik allzu sehr vertraut: Diese beteuern unisono, sie hörten zwar geduldig die Ratschläge ihrer PR-Stäbe an, sie entschieden dann aber je nach eigenem Gutdünken und ließen sich bestimmt nicht gängeln, was Dunst unhinterfragt übernimmt. Welcher Politiker möchte aber schon (selbst in einem wissenschaftlichen Zwecken dienenden, jedoch zur Publikation bestimmten Interview) zugeben, dass er bloß ein Produkt seiner Medienprofis ist? Wohlfeil ist es demgegenüber zu behaupten, man sei wie man sei … auf alle Fälle „authentisch“, was im steirischen Kontext allemal gut klingt.
Auf diesen theoretischen und empirischen Grundlagen untersucht Dunst sodann – allerdings immer wieder durch konzeptionelle Erwägungen unterbrochen – den steirischen Landtagswahlkampf 2005. Er stellt eindringlich dar, mit welchen Strategien die aufgestockten, um externe Werbeberater ergänzten PR-Abteilungen der beiden Großparteien Einfluss auf die Massenmedien zu nehmen versuchten. Wie auch anderswo, reichte das Spektrum vom Ausformulieren prägnanter „Sager“ über das Anbieten vermeintlicher oder wirklicher Exklusivstories bis zu persönlichen Interventionen im Fall unliebsamer Berichterstattung. Amerikanische Polit-PR wurde teilweise, unter Adaptierung an spezifisch steirische Verhältnisse, aber keineswegs 1:1 übernommen, bereitete doch schon die Einschaltung mit den lokalen Verhältnissen nicht vertrauter Wiener Agenturen erhebliche Probleme.
Dunsts Arbeit breitet eine Fülle interessanter und gut recherchierter Einzelheiten aus, ist aber in allen ihren Verästelungen nur für jene Leser zur Gänze verständlich, die alle Details der steirischen Landespolitik kennen. Das Paradoxon der Studie besteht darin, dass der Machtwechsel in der Steiermark 2005 – und daran lässt Dunst keinen Zweifel – in erster Linie einer bis dato unvorstellbaren Serie ÖVP-interner Streitigkeiten und Skandale geschuldet war, welche die damalige ÖVP-Landeshauptfrau Klasnic nicht annähernd unter Kontrolle zu bringen vermochte. In wenigstens einen dieser Skandale war sie dem Anschein nach (durch persönliche Nahebeziehung zu dessen Protagonistin) selbst involviert, weshalb ihr noch bei der Wahl 2000 fulminant propagiertes Image als Landesmutter einerseits, als zielstrebige und ehrliche Macherin andererseits dahin schmolz wie Schnee in der Frühlingssonne. Daran hätte auch die beste Polit-Performance nichts zu ändern vermocht, ist man sich doch einig, dass diese zwar vorhandene Botschaften verstärken, aber nicht Schwarz in Weiß verwandeln kann. Selbst Dunsts SPÖ-Interviewpartner lassen recht offen durchblicken, wie leicht es unter diesen Umständen für sie war, den Wahlsieg einzufahren. Dunst sagt es nicht explizit, aber der Eindruck drängt sich auf: Die SPÖ-Performance war zwar perfekt, aber sekundär, man brauchte nur den Gegner in seiner Selbstzerstörung gewähren zu lassen.
Man mag daher räsonieren, ob nicht ein anderer Wahlkampf als Untersuchungsgegenstand besser geeignet gewesen wäre; einer, in dem nicht wie hier eine Seite von Haus aus derart in die Defensive geraten war. Das unbestreitbare Verdienst der Studie Dunsts liegt daher weniger in der – durch allerhand Seitenblicke auf gesamtösterreichische, deutsche und amerikanische Vorgänge unterbrochenen – Darstellung eines, wenn auch historischen Wahlkampfs in der Steiermark. Was beeindruckt, ist die souveräne Entwicklung und Handhabung von Kriterien, anhand deren sich die Verhaltensweisen von Politikern in der „Mediokratie“ analytisch fassen und deren dramatische Veränderungen im Zeitablauf beschreiben lassen. Last but not least ist Dunst hoch anzurechnen, dass er nicht von einem einseitigen Modell ausgeht, in dem „die“ Medien „die“ Politiker beeinflussen, ja manipulieren. Politische Akteure fanden und finden, wie Dunst nachhaltig unterstreicht, vielfältige Strategien, um ihrerseits Medienvertreter in die gewünschte Richtung zu lenken. Nicht nur in der Steiermark.
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Citation:
Martin Moll. Review of Dunst, Ulrich, Performance-Politik in der Steiermark.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
July, 2009.
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