Karen Meyer-Rebentisch. In Lübeck angekommen: Erfahrungen von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen. Lübeck: Schmidt-Römhild Verlag, 2008. 514 S. ISBN 978-3-7950-0489-7.
Reviewed by Heinke Kalinke
Published on H-Soz-u-Kult (June, 2009)
K. Meyer-Rebentisch: In Lübeck angekommen
Das Thema Flucht und Vertreibung bzw. Flüchtlinge und Vertriebene in Deutschland nach 1945 findet derzeit ein überraschend großes Interesse vor allem außerhalb des akademischen Diskurses. Das zeigen die Diskussion um das so genannte „Sichtbare Zeichen“ und der Erfolg von Filmen, Ausstellungen und populärwissenschaftlichen Publikationen.
Die wissenschaftliche Forschung zielte in der letzten Zeit vor allem darauf, verbliebene Forschungslücken zu schließen, so zur Aufnahme und Integration der in der DDR so genannten Umsiedler oder zur Geschichte von Vertriebenensiedlungen. Auch Fragestellungen hinsichtlich der Erfahrungen und Einstellungen der zweiten und dritten Generation sind zunehmend in den Blick geraten. Es bleiben – so scheint es – nicht viele Fragen offen, die nicht wenigstens anhand des/r einen oder anderen Ortes bzw. Region schon einmal bearbeitet worden wären. Die hier zu besprechende Untersuchung schließt in erster Linie eine Lücke in der Geschichte Schleswig-Holsteins und der Hansestadt Lübeck, die sich wesentlich intensiver mit ihrer mittelalterlichen Hansevergangenheit befasst als mit ihrer jüngsten Geschichte. Sie stellt auch eine der wenigen Studien dar, die sich mit der Aufnahme von Flüchtlingen und Vertriebenen in einer Großstadt beschäftigen.
Ziel der volkskundlichen Untersuchung ist es „die subjektive Bedeutung von Flucht bzw. Vertreibung für das weitere Leben der Betroffenen in Lübeck herauszuarbeiten“ (S. 61). Dazu führte die Autorin biografische Interviews mit neun Angehörigen der so genannten Erlebnisgeneration (fünf Frauen, vier Männern), die die Untersuchungsbasis bilden, und mit fünf Kindern bzw. Enkeln dieser Betroffenen, um die „Bedeutung der Herkunftsgeschichte“ (S. 74) für die nachfolgenden Generationen zumindest anzureißen.
Angesichts der schmalen Untersuchungsbasis, innerhalb derer zwar eine gewisse Streuung hinsichtlich sozialer Parameter versucht wurde, tut die Autorin gut daran, die neun Einzelschicksale als solche erkennbar werden zu lassen und eine Darstellungsform anhand der jeweiligen Biografie zu wählen. So bleibt jede/r Einzelne ein Einzelfall in paradigmatischer Absicht und die Analyse wird nicht überstrapaziert. Nach ausführlichen Forschungsüberblicken wendet sich Meyer-Rebentisch den neun Befragten zu, die zwischen 1919 und 1934 geboren wurden, und stellt diese jeweils unter einem zusammenfassenden Motto vor (z.B. Herr Pogalla: „Ich hab' mein Flüchtlingsproblem lange vergessen“, S. 131ff.). Behutsam und sorgfältig geht sie bei der Analyse und Bewertung der Aussagen vor, die sie immer wieder zurück bindet an die Gesamtbiografie und so der Versuchung entgeht, „passende“ Interviewpassagen aus dem Zusammenhang zu reißen.
Es entsteht ein dichtes Geflecht von Erfahrungsgeschichten, das sich einer Gesamtbiografie unter dem Schlagwort der „Schicksalsgemeinschaft“ eindeutig entzieht. „Das“ Schicksal der Flüchtlinge und Vertriebenen hat es nie gegeben, sondern eine Vielzahl ähnlicher, aber durchaus auch unterschiedlicher Lebenswege und Erfahrungen. Das Buch macht deutlich, dass es Sinn macht, Einzelnen zuzuhören, auch 60 Jahre nach prägenden Ereignissen. Wichtig bleibt, den retrospektiven Konstruktionscharakter der jeweiligen Biographie zu berücksichtigen und die präsentierten Lebensgeschichten ebenso wenig mit der Ereignisgeschichte gleichzusetzen wie in vorgefertigte Raster zu pressen.
Im Anschluss an die Einzelbiografien geht Meyer-Rebentisch der Kernfrage nach der „Bewältigung von Flucht und Vertreibung“ durch „Annäherung an die biografische Identität von Heimatvertriebenen und ihre Zufriedenheit im Alter“ (S. 339ff) nach. Unter Bezug vor allem auf Roggenthin Klaus Roggenthin, Identität im Alter. Die Auseinandersetzung deutscher Vertriebener mit ihrer Biographie. Kassel 2001. arbeitet sie „Typen der Lebensbewältigung“ (S. 347ff) heraus und schließt sich ihm dahingehend an, dass sich die Tatsache Flüchtling oder Vertriebener zu sein umso weniger (negativ) auf die eigene Lebenszufriedenheit auswirkt, je zufriedener der/die Einzelne im allgemeinen mit dem eigenen Leben ist (hier zählen vor allem Beruf und Familie sowie sozialer Status zu den wichtigsten Faktoren) Dabei ist der Autorin natürlich bewusst, dass es sich um eine wechselseitige Beeinflussung handelt. und je mehr er/sie sich mit dem historischen Kontext seiner persönlichen Verlusterfahrung auseinandergesetzt hat. Das heißt – hier folgt die Autorin im Wesentlichen von Engelhardt Michael von Engelhardt, Lebensgeschichte und Gesellschaftsgeschichte. Biographieverläufe von Heimatvertriebenen des Zweiten Weltkriegs. München 2001. – mit der Einsicht in die Vorgeschichte von Flucht und Vertreibung wächst die Bereitschaft den Status quo zu akzeptieren, auf die heute in den ehemaligen Heimatorten lebenden Menschen zuzugehen und Verständnis zu entwickeln auch für die Situation der einheimischen Lübecker, deren Lage sich durch die Aufnahme von rund 80.000 Flüchtlingen und Vertriebenen (bei rund 150.000 Einwohnern im Jahr 1939) zunächst einmal drastisch verschlechterte.
Dennoch bot, wie die Autorin nachweisen kann, die Großstadt Lübeck trotz größerer materieller Probleme günstige Voraussetzungen für einen Neuanfang. Im insgesamt offeneren und mobileren Sozialgefüge einer Hafen- und Handelsstadt waren Fremde anders als in ländlichen oder kleinstädtischen Milieus nichts Ungewöhnliches, und der Zuzug der überwiegend aus dem Nordosten (Hinterpommern, Ostpreußen, Danzig) stammenden Menschen beschleunigte die gesellschaftliche, wirtschaftliche und städtebauliche Modernisierung der Stadt an der Trave. Auch die klimatischen, kulturellen, landschaftlichen und baulichen Ähnlichkeiten Lübecks mit Herkunftsorten wie Stettin, Danzig oder Königsberg erleichterten den Neubürgern das Einleben. So bleiben die unausweichlichen Konflikte, die es angesichts angespannter Versorgungslage und beengter Wohnverhältnisse nahezu zwangsläufig geben musste, in den Lebensgeschichten doch eher Episoden, und Meyer-Rebentisch kann aufgrund ihrer Interviews zeigen, dass die soziale und materielle Integration in Lübeck auch dank staatlicher Hilfen wie des Lastenausgleichs und des Siedlungsbaus für die Mehrzahl der Befragten relativ zügig und problemlos verlief, während die „Lebenserfahrungen der Flüchtlinge kaum Eingang in eine kollektive Lübecker Erinnerungskultur gefunden haben“ (S. 462). Das vorliegende Buch ist geeignet, dies zu ändern.
Die Befunde von Karen Meyer-Rebentisch zur Erfahrungsgeschichte und zum biografischen Erzählen der Betroffenen reihen sich in die neuere, vor allem soziologische und volkskundlich-ethnologische Flüchtlingsforschung ein. Für die Druckfassung der Tübinger Dissertation hätten, wenn sie sich denn als Leser auch interessierte Laien und interdisziplinäre Grenzgänger wünscht, die einleitenden Teile wie Forschungsüberblick und methodisches Vorgehen gekürzt werden können, und im Hauptteil hätte die Autorin sich statt auf lange darstellende Passagen stärker auf Analyse und Synthese konzentrieren können, um den Text lesbarer zu machen. Dessen ungeachtet bleibt das Buch ein wichtiger Beitrag zur Lokal- und Regionalgeschichte nach 1945 und zur Bewusstseins- und Erfahrungsgeschichte einer Gruppe, die anfänglich als „Flüchtlingsproblem“ wegen ihrer großen Zahl allgegenwärtig, anschließend im öffentlichen Diskurs kaum noch präsent war und seit dem Ende des Kalten Krieges als Konfliktstoff oder als viel beschworene „Brücke“ ins östliche Europa wieder kontrovers wahrgenommen und politisch vereinnahmt wird.
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Citation:
Heinke Kalinke. Review of Meyer-Rebentisch, Karen, In Lübeck angekommen: Erfahrungen von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
June, 2009.
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