Christoph u.a. Kampmann. Bourbon - Habsburg - Oranien: Konkurrierende Modelle im dynastischen Europa um 1700. Köln: Böhlau Verlag Köln, 2008. VI, 301 S. ISBN 978-3-412-20152-4.
Reviewed by Holger Kürbis
Published on H-Soz-u-Kult (May, 2009)
C. Kampmann u.a. (Hrsg.): Bourbon - Habsburg - Oranien
Die wissenschaftliche Beschäftigung mit den europäischen Dynastien und benachbarten Themenfeldern wie Hof, Zeremonialwesen, Klientel, Patronage etc. hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten zu einem festen Bestandteil gleich mehrerer Disziplinen entwickelt. Eine Vernetzung der Ergebnisse und eine weiterführende interdisziplinäre Bearbeitung relevanter Forschungsfragen sind daher nahe liegend. Zudem können sich weitere Ergebnisse nur aus einer vergleichenden Perspektive ergeben, etwa im Hinblick auf den Modellcharakter einzelner Höfe, deren tatsächliche oder vermeintliche Leitfunktion und die Rezeption entsprechender Vorbilder. Eben an dieser Aufgabe versucht sich der vorliegende Sammelband, der die Beiträge eines Kolloquiums aus dem Jahre 2006 in Marburg umfasst. Aus kunstgeschichtlichen und historischen Perspektiven werden verschiedene Aspekte konkurrierender dynastischer Modelle an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert analysiert.
In ihrer Einleitung bieten die Herausgeber eine knapp gehaltene Orientierung über die neuere Forschung und begründen die Notwendigkeit einer interdisziplinären Bearbeitung des Forschungsfeldes. Neben der politischen Publizistik und Historiographie werden Architektur, bildende Kunst, Musik und Literatur als relevante Teilbereiche genannt. Verwiesen wird in diesem Zusammenhang auch auf die Bedeutung der Dynastie als „Leitfaktor“ (Heinz Schilling) für die Außenpolitik. Angesichts der Pluralisierung konkurrierender dynastischer Modelle wird die Notwendigkeit einer komparatistischen Betrachtungsweise nachdrücklich betont. Nicht völlig überzeugt die Begründung für die Titelwahl des Bandes. Auf der einen Seite wird der dominierende Charakter der dynastischen Modelle Bourbon – Habsburg – Oranien für die Zeit um 1700 betont, auf der anderen Seite jedoch einschränkend vermerkt, dass es sich lediglich um Orientierungspunkte handelte. Dass dem so ist, spiegeln dann auch etwa die Beiträge zu den Hohenzollern und Wittelsbachern wider. Aus dieser Perspektive ließe sich durchaus fragen, ob dem oranischen Modell tatsächlich die ihm unterstellte Bedeutung zukam. Gerade im Hinblick auf die Konkurrenz bzw. Rezeption dynastischer Modelle vermisst man in diesem Zusammenhang beispielsweise die nordischen Höfe. Dieser Aspekt klingt lediglich in dem Beitrag von Hellmut Lorenz an. Auch die zeitliche Einordnung ist nicht mehr als eine Orientierung, wie etwa die Beiträge zur französischen Historiographie oder zur architektonischen Repräsentation der Hohenzollern zeigen, die sich auch durchaus jenseits dieser Zeitmarke bewegen.
Bei einem komplexen Thema wie dem vorliegenden ist eine Beschränkung auf ausgewählte Gegenstandsbereiche legitim und notwendig. Die 18 Beiträge des Bandes sind drei Schwerpunkten zugeordnet, die mit der Konstituierung, der Konkurrenz und Wechselwirkung sowie der Rezeption dynastischer Modelle umschrieben werden. Im Hinblick auf die Konstituierung dynastischer Modelle liegt der Fokus zum einen auf der neuerdings in der Forschung stärker beachteten dynastienahen Historiographie. In diesem Themenfeld sind die ersten vier Beiträge von Klaus Malettke (Bourbonen), Thomas Brockmann (Habsburger), Raingard Eßer und Frank Druffner (Wilhelm III.) angesiedelt. Einen zweiten Schwerpunkt bilden die unterschiedlichen architektonischen Strategien im Hinblick auf Konstituierung und Repräsentation dynastischer Ansprüche. Katharina Krause stellt in ihrem Beitrag Ludwig XIV. und Versailles in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen. Besonderes Gewicht legt sie dabei auf die Selbstdarstellung des Königs ohne Rückgriff auf die dynastische Vorgeschichte der Bourbonen. Hellmut Lorenz verweist in seinem Aufsatz am Beispiel der Wiener Hofburg auf die „architektonische Traditionspflege“ der Habsburger, mithin auf ein anderes Modell baulicher Repräsentation. Nur sparsam wurden moderne Bauten den überlieferten Monumenten hinzugefügt. Die dynastische Tradition wurde für den Betrachter auf diese Weise augenfällig. Die beiden folgenden Beiträge wenden sich den Hohenzollern zu. Ulrich Schütte thematisiert anhand der Berliner und Potsdamer Schlossbauten die Traditionssetzung unter Rückgriff auf die jüngste Vergangenheit. Er betont den hohen Rang der Architektur im Verhältnis zu den anderen Künsten. Thomas W. Gaehtgens konzentriert sich auf die Ausstattung der zentralen Raumfolgen und deren Nutzung für eine jeweils angemessene Repräsentation in der Zeit von Friedrich I. bis zu Friedrich II.
Den zweiten thematischen Schwerpunkt bildet der Komplex Konkurrenz und Wechselwirkung der Dynastien. Im Mittelpunkt steht hierbei die Frage von Krieg und Frieden. Die Beiträge von Martin Wrede und Ulrike Seeger beschäftigen sich am Beispiel von „Türkensiegern“ und „Türkenkriegern“ mit den unterschiedlich gehandhabten Repräsentationsstrategien. Der instruktive Beitrag Hendrik Zieglers verweist ebenfalls auf den Kontext der Türkenkriege. Die Verwendung der Sonnendivise für Leopold I. in Konkurrenz zu Ludwig XIV. auf einer Medaille, die Aufnahme dieser in Paris zirkulierenden Schaumünze von französischer Seite und die Rezeption dieses Vorganges in den Berichten des brandenburgischen Gesandten am französischen Hof werfen ein Licht auf einen bisher wenig beachteten Bereich der dynastischen Konkurrenz. Anuschka Tischer widmet sich den verschiedenen Kriegslegitimationen Leopolds I. und Ludwigs XIV., wobei deutlich wird, dass der Kaiser den traditionellen Strategien verhaftet blieb, während der französische König durchaus unterschiedliche Wege beschritt. Zumindest teilweise griff er auf das Argument des persönlichen Ruhmes zurück, eine Legitimation, die im Gegensatz zu den überkommenen Modellen stand. Christoph Kampmann verweist am Beispiel des friedensstiftenden Schiedsrichters, des „Arbitre de la Chrétienté“ bzw. des „Arbitre de l’Europe“ auf die Bedeutung der Geschichte politischer Leitbegriffe. Die dynastische Entkleidung des Begriffs und seine Übertragung auf Wilhelm III. und der damit einhergehende Bedeutungswandel verweisen auf bisher wenig beachtete begriffsgeschichtliche Probleme. Gleichzeitig verdeutlicht der Autor die unmittelbare politische Wirksamkeit der dynastischen Historiographie. Michael Rohrschneider schließlich behandelt den Präzedenzstreit zwischen Frankreich und Spanien auf den Friedenskongressen von Münster bis Rijswijk. Konnte die Frage des Vorrangs in Münster nicht entschieden werden, setzten die beiden Parteien bei den folgenden Verhandlungen aufgrund veränderter Rahmenbedingungen auf zeremonielle Gleichheit. Damit wurde Verhandlungsbereitschaft signalisiert, die letztlich zu den Friedensschlüssen führte.
Den dritten Schwerpunkt bildet der Bereich der Rezeption, wobei es nicht um die bloße Wahrnehmung konkurrierender Modelle gehen kann, wie die Herausgeber in der Einleitung betonen. Zu fragen ist u.a., welches Handeln sich aus einer entsprechenden Rezeption ableitete. Jörg Ulbert thematisiert diesen Punkt anhand der bis zum Spanischen Erbfolgekrieg latent vorhandenen französischen Angst vor einer habsburgischen Umklammerung, die, obwohl nicht mehr den politischen und militärischen Zuständen entsprechend, für die französische Seite ein reales Bedrohungsszenario darstellte. Wouter Troost behandelt die keineswegs unproblematische Annäherung zwischen Habsburg und Oranien seit den 1670er-Jahren. Die konfessionellen und konstitutionellen Rahmenbedingungen erschwerten diese, wenngleich angesichts der politisch-militärischen Gesamtlage die Niederlande und Österreich als gleichsam „natürliche Verbündete“ im Kampf gegen Frankreich erscheinen mochten. Der Beitrag von Eva-Bettina Krems verdeutlicht am Beispiel der Wittelsbacher, dass sich die Rezeption dynastischer Repräsentationsmittel keineswegs auf ein Modell beschränken musste und auch keine vollständige Adaption erfolgte. Vielmehr betont sie, dass eine Synthese unterschiedlicher Modelle Im Hinblick auf eigene dynastische Zwecke möglich war, hier am Beispiel von Bourbon und Habsburg belegt. Dietrich Erben schließlich stellt am Beispiel des Invalidendoms und des Petersdoms Überlegungen zum kunstgeschichtlichen Modellbegriff unter den Leitbegriffen Rezeption und Imitation an.
Der vorliegende Band macht deutlich, dass eine interdisziplinäre und vergleichende Betrachtung der europäischen Höfe und Dynastien unabdingbar für weiterführende Ergebnisse ist. Das potentielle Spektrum der einzubeziehenden Quellengruppen und der beteiligten Disziplinen muss dabei der Breite des Forschungsgegenstandes entsprechen. Insofern sind auch die Ergebnisse anderer Fächer, etwa der Philologien oder der Theologiegeschichte einzubeziehen, die in dem vorliegenden Band keine Berücksichtigung finden. Pragmatisch ist die Beschränkung auf eine kunsthistorische und eine geschichtswissenschaftliche Perspektive nachvollziehbar, künftig wird der Blick aber zu weiten sein.
In formaler Hinsicht hätte der Band durch eine weitergehende redaktionelle Bearbeitung gewinnen können. Eine Gliederung des Inhalts nach den in der Einleitung benannten Schwerpunkten, wäre ohne großen Aufwand möglich gewesen und hätte die Übersichtlichkeit verbessert. Ebenso wäre ein Autorenverzeichnis wünschenswert gewesen. Abschließend bleibt noch ein genereller Wunsch an die Adresse von Veranstaltern fachübergreifender Tagungen: Gerade bei interdisziplinär angelegten Kolloquien sind die Diskussionen in der Regel sehr aufschlussreich, wie dies Tagungsberichte oftmals belegen. Erfahrungsgemäß spiegeln sich die Debatten aber selten in den publizierten Beiträgen. Insofern wäre es durchaus wünschenswert, auch Teile der Diskussion wieder häufiger in die Publikation aufzunehmen. In den 1980er-Jahren war dies durchaus noch eine verbreitete Praxis.
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Citation:
Holger Kürbis. Review of Kampmann, Christoph u.a., Bourbon - Habsburg - Oranien: Konkurrierende Modelle im dynastischen Europa um 1700.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
May, 2009.
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