Pieter Spierenburg. A History of Murder: Personal Violence in Europe from the Middle Ages to the Present. Cambridge: Polity Press, 2008. 274 S. $69.95 (cloth), ISBN 978-0-7456-4377-9; $24.95 (paper), ISBN 978-0-7456-4378-6.
Reviewed by Sünje Knutzen
Published on H-Soz-u-Kult (May, 2009)
P. Spierenburg: A History of Murder
Sollte ihm je eine Fee die Möglichkeit anbieten, dieselbe Szene in unterschiedlichen historischen Gesellschaften persönlich beobachten zu können, so würde er einen Mordprozess wählen, gab der englische Rechtshistoriker Frederic William Maitland an. Diese Anmerkung stellt Pieter Spierenburg seinem Übersichtswerk „A History of Murder. Personal Violence in Europe from the Middle Ages to the Present“ als zentrale Botschaft voran. Denn die historische Auseinandersetzung mit dem Phänomen Mord ermöglicht den Zugang zu wertvollen Einblicken in Kultur, soziale Hierarchien und Geschlechterbeziehungen.
Spierenburgs Werk behandelt einen Zeitraum von sieben Jahrhunderten, ausgehend vom 13. Jahrhundert bis heute, und ist in sieben Kapitel unterteilt, die nach einer Mischung aus chronologischer und thematischer Struktur gegliedert sind. Es handelt sich um eine Synthese aus historischen Untersuchungen zum Thema, die sich außerdem auf historische Gerichtsakten aus Amsterdam stützt. Zu den Kerngebieten der Untersuchung gehören Großbritannien, Frankreich, Deutschland, die Niederlande und Italien. Spierenburg betont jedoch, dass sich die von ihm skizzierten Entwicklungslinien europaweit verallgemeinern lassen. In der Untersuchung werden unter Mord alle privaten, nicht zufälligen Tötungsakte verstanden. Auch gewalttätige Vorfälle, die nicht zum Tod einer Person führen, werden zum Teil aufgegriffen. Spierenburg hat umfangreiches Material zu historischen Totschlagraten zusammengetragen und daraus einen Langzeitverlauf entwickelt. Demnach lag die Zahl im 14. Jahrhundert bei 35 Totschlagverbrechen pro 100.000 Einwohner. In den folgenden Jahrhunderten sank die Zahl auf einen Vorfall pro 100.000 Einwohner.
Im ersten Kapitel behandelt Spierenburg den mittelalterlichen Mord. Das Leben sei zu dieser Zeit besonders fragil gewesen, wie die hohe Totschlagrate zeige. Das weit verbreitete und teilweise sogar gesetzlich verankerte Prinzip der Fehde liefert eine Erklärung dafür. Die Vergeltung einer Gruppe für die Ermordung einer Person aus ihren Reihen war eine weit verbreitete soziale Praxis. Spierenburg weist auf die Bedeutung der Fehde für den allgemeinen Prozess der Staatsbildung hin. Aus der ständigen Angst vor möglichen Racheakten entstand ein höheres Sicherheitsbedürfnis unter den Zeitgenossen. Es sei eine Mentalität entstanden, die die Ausbildung staatlicher Strukturen von unten begünstigte. Während Fehden im 13. Jahrhundert zunächst häufig von Adligen praktiziert wurden, erlebte das Prinzip ab dem 14. Jahrhundert eine starke populäre Verbreitung.
Spierenburg zieht im zweiten Kapitel die Linie der allmählichen Kriminalisierung des Mordes vom Mittelalter bis zur frühen Neuzeit nach. Zunächst bildete das Ritual der Versöhnung eine historische Praxis, die es zwei verfehdeten Parteien ermöglichte, sich wieder anzunähern und die Auseinandersetzungen abzubrechen. Da jegliche staatliche Gewalt fehlte, handelte es sich bei einer Versöhnung um ein rein privates Ritual, doch allmählich begannen örtliche Obrigkeiten, verfeindete Parteien zur Versöhnung zu ermutigen. Ab dem 14. Jahrhundert wurde damit begonnen, Mörder, die gestohlen hatten, zum Tode zu verurteilen. Einen wichtigen Einschnitt bildete 1532 die Einführung der „Carolina“ für das Heilige Römische Reich, die als einzigen Grund für einen Mord Notwehr ermöglichte. Mitte des 17. Jahrhundert war die Kriminalisierung des Mordes abgeschlossen.
Im dritten Kapitel rückt Spierenburg den männlichen Kampf in der frühen Neuzeit mit dem populären und formellen Duell ins Zentrum der Betrachtung. Das Duell ersetzte die mittelalterliche Fehde. Bemerkenswert sei dabei die zeitliche Pause zwischen der Herausforderung und dem eigentlichen Kampf gewesen, der eine gewisse geplante Gewalt voraussetzte. Der Zweikampf sei nicht immer so fair abgelaufen, wie vermutet werden könnte. Die Duellierenden wurden von Sekundanten begleitet, deren Verhalten auch über die rein beobachtende Tätigkeit hinausgehen konnte und die durchaus zugunsten ihrer Herrschaft in das Geschehen eingriffen. Insbesondere in Zeiten politischer Unsicherheit war die Zahl der Duelle hoch. Im Laufe der frühen Neuzeit setzte sich zunehmend die Befriedung der Oberschicht durch. Spierenburg sieht eine Erklärung dafür in der Veränderung des Ehrbegriffs, der in erster Linie nicht mehr durch körperliche sondern geistige Voraussetzungen definiert worden sei.
Morde, die vom Mittelalter bis zur Mitte des 19. Jahrhundert durch oder an Frauen verübt wurden, bilden das Thema des vierten Kapitels. Grundsätzlich lag der Anteil von Frauen, die Gewaltverbrechen ausgeübt haben, laut Spierenburg zwischen fünf und zwölf Prozent. Er erklärt den relativ geringen Anteil von Frauen an derartigen Verbrechen vor allem mit ihrer Sozialisation, die sie nicht zu einem solchen Verhalten ermutigt habe. Das Kapitel fasst unterschiedliche Phänomene zusammen. So sei festzustellen, dass Gewalt von Frauen sich vor allem gegen andere Frauen richte. Bei Frauen sei die Ehre ebenfalls zentraler Bestandteil bei Gewaltausübung. Da sich die weibliche Ehre über die Sexualität definiere, seien Frauen hier verwundbar. Oft richteten Frauen Gewalt gegen Nebenbuhlerinnen. Mörderinnen töteten meistens Personen, die sie gut kannten, selten hingegen Unbekannte.
Im fünften Kapitel befasst sich Spierenburg mit der Psychiatrisierung des Mordes. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf dem Kindsmord, statistisch gesehen ein seltenes Verbrechen, das als typisch weiblich galt. Zunächst zum Tode verurteilt, wurden Kindsmörderinnen zunehmend in psychiatrische Anstalten eingewiesen.
Im anschließenden kurzen Kapitel zur Marginalisierung des Mordes von 1800 bis 1970 fasst Spierenburg in erster Linie zentrale Entwicklungslinien zusammen. Festzustellen ist für diesen Zeitraum ein weiteres Absinken der Totschlagrate, das Spierenburg mit mehreren Entwicklungen erklärt. So erfahren die Arbeitsmethoden der Polizei im 19. Jahrhundert eine zunehmende Professionalisierung, die möglicherweise eine abschreckende Wirkung ausübte. Beispielsweise wurde die Methode zur Identifizierung von Fingerabdrücken entwickelt. Auch „zivilisierende“ Kampagnen von Hilfsorganisationen wurden zu dieser Zeit häufig vorgenommen.
Im siebten Kapitel trägt Spierenburg Beobachtungen für den Zeitraum von 1970 bis heute zusammen. Phänomene wie Drogenhandel und international organisierte Kriminalität hätten demnach die Ausübung von Gewalt begünstigt. Hinsichtlich der öffentlichen Wahrnehmung konstatiert Spierenburg eine allgemeine Faszination für das Thema Serienmord. Außerdem weist er darauf hin, dass der medizinischen Behandlung von Schussverletzungen eine enorme Bedeutung zukäme, die Mordrate würde sonst viel höher liegen. Er fragt sich, ob möglicherweise wieder ein Zeitalter der Dezivilisation begonnen habe, wie es die seit 1970 steigende Totschlagrate vermuten lässt. Spierenburg konstatiert eine Rückkehr der Gewalt. Er interpretiert diese Entwicklung vor allem als Reflex auf die politische Verunsicherung in Europa, die durch die Globalisierung ausgelöst worden sei.
Abschließend stellt Spierenburg jedoch fest, dass scheinbar alle untersuchten Entwicklungen die Theorie der Zivilisation von Norbert Elias belegen und damit das Sinken der Totschlagrate erklären. Denn vor allem in Zeiten, wo die staatliche Gewalt schwach ausgeprägt war, sei diese hoch gewesen.
Mit der Thematisierung der Fehde und der Kriminalisierung des Mordes vom Mittelalter bis zur Frühen Neuzeit ist Spierenburg in den ersten drei Kapiteln eine dichte und flüssige Darstellung gelungen. Demgegenüber zeichnen sich die nachfolgenden Kapitel über Frauen und Mord sowie die Entwicklung in der Neuzeit vor allem durch eine Art Sammlungscharakter aus. Hier zeigt sich die Herausforderung, auf knapp 220 Seiten sieben Jahrhunderte Geschichte Europas zu erfassen. Denn über viele Aspekte würde der Leser gerne mehr erfahren. Für das 19. Jahrhundert vor dem Hintergrund der Entstehung der Massenmedien wäre eine ausführlichere Thematisierung des Zusammenhangs Mord und Medien reizvoll. Wie fruchtbar eine Auseinandersetzung mit der medialen Verarbeitung von Mordfällen sein kann, zeigt Kerstin Brückwehs Untersuchung „Mordlust. Serienmorde, Gewalt und Emotionen im 20. Jahrhundert“. Kerstin Brückweh, Mordlust. Serienmorde, Gewalt und Emotionen im 20. Jahrhundert, Frankfurt am Main 2006. Die Deutung der Langzeitentwicklung der Totschlagrate als Bestätigung von Elias’ Zivilisationsthese wirft allerdings eine Frage auf, die über Spierenburgs Fragestellung hinausgeht: Ist es in diesem Zusammenhang ausreichend, ausschließlich den „privaten“ Mord zu thematisieren? Denn implizit stellt sich die Frage, wie „staatlich organisierter Mord“ wie der Holocaust oder andere Genozide angesichts der Zivilisationstheorie zu bewerten sind. Als Anregung dazu sei empfohlen: Jan Philipp Reemtsma, Vertrauen und Gewalt. Versuch über eine besondere Konstellation der Moderne, Hamburg 2008.
Insgesamt hat Peter Spierenburg ein wertvolles Überblickswerk zur Geschichte des Mordes in Europa auf Grundlage des aktuellen Forschungsstandes geliefert. Die Darstellung der damit verbundenen sozialen und geschlechtsspezifischen Entwicklungen vor dem Hintergrund rechtshistorischer Veränderungen erlaubt reizvolle Einblicke. Als anregend erweist sich Spierenburgs Versuch, das Phänomen Mord bis in die heutige Gegenwart zu bewerten.
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Sünje Knutzen. Review of Spierenburg, Pieter, A History of Murder: Personal Violence in Europe from the Middle Ages to the Present.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
May, 2009.
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