Martin Hose. Euripides: Der Dichter der Leidenschaft. München: C.H. Beck Verlag, 2008. 256 S. (gebunden), ISBN 978-3-406-57236-4.
Reviewed by Thomas Paulsen
Published on H-Soz-u-Kult (April, 2009)
M. Hose: Euripides
Regelmäßig werden in den letzten Jahren Liebhaberinnen und Liebhaber antiker Literatur aus dem Beck-Verlag mit qualitätsvollen neuen Monografien zu bedeutenden antiken Autoren erfreut, die Euripides-Monografie von Martin Hose fügt sich, um dies gleich vorweg zu sagen, auf das Beste in diese Reihe ein. Auf etwa 250 Seiten werden in erster Linie alle erhaltenen 18 echten Werke des Euripides vorgestellt, doch behält Hose stets die politischen, gesellschaftlichen und geistesgeschichtlichen Rahmenbedingungen im Blick und führt durch Einordnung eines jeden Stückes in seinen historischen Kontext vor, wie sich die verschiedenen Phasen des Peloponnesischen Krieges (431-404 v.Chr.), der den Hintergrund für nahezu das gesamte Schaffen des Tragikers abgibt, in dessen Werk widerspiegeln, etwa der Patriotismus der ersten Kriegsjahre in Herakliden und Hiketiden, das Grauen des Krieges in Hekabe und Troerinnen, die Krise der demokratischen Werte in Phönissen und Orest. Besonders aussagekräftig ist hierbei der mehrfache Verweis auf die Gedankenwelt des Historikers Thukydides (vor allem S. 171, 196, 199).
Zwar gibt es ein euripideisches Grundkonzept, zu zeigen, auf welch verschiedene Weisen Menschen, denen existenziell verheerendes Leid zugefügt wird, damit umzugehen versuchen (S. 90, 241), doch arbeitet Hose mit besonderer Klarheit heraus, dass es, anders als etwa bei den großen Konkurrenten Aischylos und Sophokles, bei Euripides klar erkennbare Schaffensphasen mit thematischen Schwerpunkten gibt, für die jeweils treffend charakterisierende Motti gefunden werden wie etwa „Rollenkonflikte als Tragödie“ (Alkestis, Medea, Hippolytos) oder „Die Macht des Schicksals? Gratwanderungen der Tragödie“ (Helena, Taurische Iphigenie, Ion). Offen gelassen wird (und offen bleiben muss aufgrund der Überlieferungslage) hier lediglich die Frage, ob die verlorenen vier Fünftel des euripideischen Werkes sich in ein solches Schaffensphasenschema auch eingliedern ließen. Allzu starr dürfen hier die Linien sicher nicht gezogen werden. Nach allem, was wir etwa über den verlorenen Alkmaion in Korinth (wahrscheinlich 407 v.Chr.) wissen, würde er gut zu den fünf bis acht Jahre älteren Stücken der „Gratwanderungszeit“ passen.
Im Vergleich mit den maßgeblichen anderen Euripides-Monografien der letzten Jahre, Kjeld Matthiessens ausgezeichneten Werken „Die Tragödien des Euripides“ (München 2002) und „Euripides und sein Jahrhundert“ (München 2004) sind bei Hose die Stückanalysen bewusst knapper gehalten, doch gelingt es ihm durchweg, mit großer Präzision die entscheidenden Fragen der Interpretation herauszuarbeiten und Stellung zu beziehen wie etwa im überzeugenden Plädoyer für die Echtheit der umstrittenen Verse 1056-1080 der Medea (S. 53f.), ohne indes immer die Kontroversen entscheiden zu wollen. Hose geht dabei zu Recht von der Grundannahme aus, dass Euripides sein Publikum „mit offenen Fragen (…), mit Konstellationen der Handlung, die unterschiedliche, oft konträre Wege der Betrachtung und Bewertung zulassen oder fordern“ konfrontieren wollte (S. 7) und kommt in der abschließenden Zusammenfassung folgerichtig zu der Auffassung, Euripides’ Dramen seien „Zeugnisse eines stetigen Experimentierens, einer Suche nach immer neuen Wegen für die Tragödie“ (S. 240). Der Tragiker lässt es eben selbst offen, ob der Menoikeus der Phönissen, der sein Leben für das Wohlergehen seiner Heimatstadt Theben opfert, als idealistischer Jugendlicher als positives Gegenbild seiner korrupten Elterngeneration oder als Naivling gezeichnet werden soll, der sich für eine fragwürdige Sache opfert (S. 183) – vielleicht auch beides. Wenn Hose bei der Selbstopferung der Iphigenie dagegen zwar konstatiert, dass das Ziel „Freiheit für Hellas“ im Kontext der Iphigenie in Aulis als fragwürdig erscheint, aber doch „die Frage, ob Iphigenies Opfer sich wirklich rechtfertigen lässt“ (S. 230) nicht entscheidet, bin ich in diesem Fall optimistischer, was die Ermittlung der Aussageintention des Dichters angeht: Euripides macht nur zu deutlich, dass die Sache, für die das Mädchen sterben will, ihres Opfers ebenso unwürdig ist wie die Personen, die davon profitieren werden. Iphigenie redet sich – psychologisch nur zu begreiflich – ihren unausweichlichen Opfertod schön, bedient damit aber letztlich nur mit katastrophalen Folgen die Kriegswut eines entfesselten Heereshaufens.
Besonders kontrovers diskutiert wird in der Forschung Euripides’ Verhältnis zu den Göttern, zumal sich hier in verschiedenen Tragödien durchaus verschiedene Ansätze erkennen lassen. Hier lassen sich vielleicht doch konkretere Aussagen treffen, als sie sich bei Hose finden. Ein Atheist war, wie zu Recht konstatiert wird, der Dichter gewiss nicht, doch agieren Götter bei ihm oft genug in einem für die Menschen fatalen Spannungsverhältnis zwischen allzu menschlichen Fehlern und göttlicher Macht. Im krassesten Fall des Herakles, wo Hera den Titelhelden im Wahnsinn seine Familie ermorden lässt, müsse jeder Versuch einer Theodizee scheitern. Die Darstellung göttlicher Grausamkeit diene aber nicht dazu, Kritik am traditionellen Götterglauben zu äußern (S. 108), wie es etwa Xenophanes und Platon tun. Muss aus dieser Beobachtung aber nicht doch erschlossen werden, dass Euripides ein pessimistisches Bild vom Walten der Götter hatte? Besonders deutlich wird dies im Hippolytos am zynischen Verhalten der Göttin Artemis, die gegenüber ihrem von Aphrodite ins Verderben gestürzten Günstling Hippolytos zwar bedauert, dass sie ihm nicht helfen konnte (V. 1328-1330), aber ankündigt, dafür einen Anhänger der Aphrodite ins Verderben zu stürzen (V. 1416-1422). Das spendet begreiflicherweise dem sterbenden Hippolytos nur wenig Trost: Sein Abschiedsgruß Leichthin lässt du eine lange währende Vertrautheit zurück (V. 1441) bringt die Enttäuschung über Artemis’ Willkür und Gleichgültigkeit klar zum Ausdruck. Wie im Herakles wird deutlich, dass Menschen sich nie auf Götter verlassen können und zum Trost im Elend auf zwischenmenschliche Solidarität angewiesen sind.
Vielleicht etwas beckmesserisch sei angemerkt, dass es im Bereich der Zahlen und Fakten bisweilen an Präzision mangelt. Wenn Hose etwa den späteren Ansatz der Geburt des Euripides um 480 v.Chr. vertritt (S. 17) (im Gegensatz übrigens zum Klappentext, auf dem 486/485 angegeben ist, was in jedem Fall nicht stimmt: die Alternative ist 485/484), trennen ihn nicht „etwa zehn Jahre“ vom 497/496 geborenen Sophokles, sondern mindestens 16. Ebenso sind die „jeweils etwa 100 Stücke“, welche die beiden Tragiker geschrieben hätten (S. 10), ein ungenauer Mittelwert aus den wahrscheinlich 123 Tragödien des Sophokles und den circa 90 des Euripides. Der Hippolytos schließlich gehört vermutlich nicht, wie auf S. 38 vermerkt, zu den drei frühesten erhaltenen Stücken, sondern ist das vierte nach Alkestis, Medea und Herakliden. Sehr selten sind dagegen echte Fehler wie die Bezeichnung des wohl berühmtesten Chorlieds der Antike, des 1. Stasimon von Sophokles’ Antigone als 2. (S. 21). Fast nie bleibt die Darstellung für den Laien undeutlich; ein singulärer Fall findet sich in der Behandlung der Epiphanie der Göttinnen Iris und Lyssa im Herakles (S. 107-109), wo nicht expliziert wird, dass Lyssa der personifizierte Wahnsinn ist; hierdurch verpufft die Pointe, dass ausgerechnet ein Wahnsinnsdämon die eigentlich vernünftig sein sollende Iris mit Vernunftargumenten von ihrem irrationalen Handeln im Auftrag Heras abzubringen versucht. Nur gelegentlich vermisst man den Hinweis auf kontroverse Forschungsdiskussionen, wenn Hose etwa kommentarlos die Herakliden als vollständig erhalten und den Schluss der Phönissen in seiner Gesamtheit als echt annimmt.
Unter den zahlreichen ausgezeichneten Interpretationen der einzelnen Stücke sei exemplarisch die des in der Forschung oft verkannten Orest hervorgehoben. Hose legt luzide dar, wie virtuos Euripides mit der Erwartungshaltung des Publikums spielt, indem er zunächst Elektra und Orest sorgfältig als edle Gestalten exponiert, denen in ihrem Elend die ganze Sympathie der Rezipienten sicher ist (S. 191), bis sie unter dem Druck der äußeren Umstände zu skrupellosen Verbrechern mutieren, die nicht zögern, Geiselnahme und Ermordung ihrer gänzlich unschuldigen Cousine Hermione zu planen (S. 195). Edelmut in verzweifelter Lage werde hier zu krimineller Energie, ohne dass die ethische Aufladung der Sprache nachließe, „im Gegenteil: Die Sprache hat sich geschmeidig den neuen Sachverhalten angepaßt.“ (S. 196) Euripides liefert damit Anschauungsmaterial zur von Thukydides (III 82f.) so brillant analysierten Umwertung aller Werte unter dem Eindruck des Kriegsgeschehens und einer damit einhergehenden Depravation und Brutalisierung der Menschen. Im nahezu sadistischen Umgang mit dem phrygischen Sklaven und der offenkundigen Absicht, die Geisel Hermione trotz Erfüllung seiner Forderungen umzubringen, wird Orests charakterliche Deformierung deutlich (S. 197f.).
Nicht unerwähnt bleiben soll zum Schluss, das Hoses Formulierungskunst dieses ungemein kenntnis- und inhaltsreiche Buch auch zu einem Lesevergnügen macht. Hier ragt insbesondere seine Fähigkeit, zentrale Aussagen in pointierter Form dem Gedächtnis der Lesenden einzuprägen, heraus. Einige Beispiele: „Ein Admet, der das Opfer (seiner Frau Alkestis, die an seiner Stelle zu sterben bereit ist) annimmt, ist dieses Opfer nicht wert“ (S. 47) – Euripides „zeigt, wie lange er eine Anagnorisis hinausschieben kann“ (S. 156, zur Taurischen Iphigenie) – „Der Gott (Apollon ist) selbst auch die eigentliche Ursache des Problems, das er zu lösen gedenkt“ (S. 159, zum Ion) – „Die Kette der Katastrophen hat nichts Metaphysisches. Sie ist das Resultat menschlicher Triebe“ (S. 177, zu den Phönissen) – „Indem er (Dionysos) einen verborgenen Zug im König (Pentheus) nutzt, bringt er ihn dazu, genau das zu sein, was er bekämpft.“ (S. 213, zu den Bakchen)
Insgesamt gesehen hat also Martin Hose mit seiner Euripides-Monografie ein für alle Rezipientengruppen vom interessierten Laien bis zum Fachkollegen gleichermaßen höchst informatives und lesenswertes Werk vorgelegt, das zusammen mit den beiden genannten Monografien von Kjeld Matthiessen für die nächsten Jahrzehnte das Standardwerk deutschsprachiger Euripides-Forschung bleiben dürfte.
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Citation:
Thomas Paulsen. Review of Hose, Martin, Euripides: Der Dichter der Leidenschaft.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
April, 2009.
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