Nathalie Kruppa. Adlige - Stifter - Mönche: Zum Verhältnis zwischen Klöstern und mittelalterlichem Adel. Studien zur Germania Sacra / Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2007. 325 pp. EUR 46.90 (cloth), ISBN 978-3-525-35886-3.
Reviewed by Frederik Felskau (Independent Scholar [Cologne])
Published on H-German (July, 2009)
Commissioned by Susan R. Boettcher
Der soziale Hintergrund der Frauenkloster
In Zeiten einer bewegten und unsicheren Institutsgeschichte hat das Göttinger Max-Planck-Institut für Geschichte einen weiteren, diesmal aus einer 2006 veranstalteten Tagung hervorgegangenen Band vorgelegt. Die insgesamt neun Beiträge spiegeln Forschungsansätze und -perspektiven eines Themenfeldes wider, das, wie die Herausgeberin Nathalie Kruppa im Vorwort beteuert, ein "ausschlaggebendes Moment für die Kultur des gesamten Mittelalters" (S. 7) darstellt, nämlich das Verhältnis zwischen Kloster und mittelalterlichem Adel. Dabei zeigt die Summe der Arbeiten eindrucksvoll, welche Anregungen gerade jener historiographische Zweig verzeichnet, der auf Grundlagen und Fortschritte der von den fundamentalen Arbeiten von Otto-Gerhard Oexle, Karl Schmid und Joachim Wollasch angestoßenen Memorialforschung aufbaut.
Der einleitende Beitrag von Eva-Maria Butz beschäftigt sich mit "Adel und liturgische Memoria am Ende des karolingischen Frankenreichs", der mit quellenkundlichen Präliminarien beginnt, um im Hauptteil das ab 821 geführte Liber Memorialis des Frauenklosters Remiremont mit besonderem Augenmerk auf den dort gegen 921/922 angelegten, sogenannten Grafeneintrag zu diskutieren. Überzeugend in der Deutung erklärt sie mit sprachlicher Gewandtheit die noch über den elsässischen Raum hinaus bemerkenswerten Memorialeinträge, von denen vor allem der an ihrer Spitze stehende und zur Verwandtschaft der Etichonen zu rechnende Guntram weiterhin Rätsel aufgibt, und tut dies vor dem Hintergrund einer spezifischen, politisch instabilen Situation: Sie zeigt das Kloster in einer durch den Übergang der Herrschaft von den Karolingern an die Welfen hervorgerufenen Krise, in der sich regionale Magnaten als mögliche Thronprätendenten in Stellung gebracht hätten. Bei den Erörterungen kann die Autorin zum einen die Bindungen und Versippungen der adeligen Gruppen äußerst versiert darlegen, zumal sie dem Leser mittels genealogischer Tafeln zu den Konradinern, Welfen, Kapetingern, Etichonen und Unruochingern eine vorzügliche Orientierung an die Hand gibt. Zum anderen interpretiert sie stimmig den Grafeneintrag als Zeugnis eines perspektivreichen Wechselbeziehung, und zwar "als Ausdruck des Selbstverständnisses der Mitglieder der eingetragenen Gruppe" sowie als "Bedürfnis der Nonnen ... das Herrschergedenken auf der Basis eines Gedenkens für die Adligen ... fortzusetzen und den Schutz derselben für das Kloster zu erlangen" (S. 29).
Caspar Ehlers referiert in seinem Beitrag "Die Klostergründungen des Adels und die Entstehung diözesaner Ordnungsvorstellungen im sächsischen Frühmittelalter" zentrale Ergebnisse seiner Habilitationsschrift. Die mit insgesamt fünfundzwanzig Abbildungen mithin übergebührlich veranschaulichende, dafür mit äußerst wenigen Anmerkungen auskommende Abhandlung sucht nachzuweisen, daß der Anlage der im wesentlichen bis 1024 angelegten Diözesangrenzen innerhalb des sächsischen Herrschaftsgebietes ein "Raumkonzept" zugrunde lag, welches in seinen Grundzügen von Karl dem Großen vorgezeichnet worden sei, der bei der Bestimmung der Sprengel zuerst die Fläche und dann die darin enthaltenen Zentren herangezogen und anschließend naturräumliche Vorzüge bestehender Siedlungen in seine Überlegungen einbezogen habe. Ob die von Ehlers als historiographischer Hinweis bezeichnete, im Translationsbericht des hl. Liborius dokumentierte Strategie als entscheidendes, ja einziges Argument taugt, um Intention und Umsetzung der bistümlichen Grenzziehungen in ihrer Bedeutsamkeit und Langlebigkeit zu erfassen, darf nach den Ausführungen indes nicht ohne weiteres als bewiesen gelten. Die Skepsis rührt vom Eindruck her, daß die Beweisführung ihrer heuristischen und methodischen Mitteln schuldig bleibt. So veranschaulichen die Karten, die die Bistumsflächen und -grenzen um 1500 zeigen und in die die jeweiligen Stifts- und Klostergründungen durch Verbindungslinien eingezeichnet sind, nicht bloß die Argumentation, die so gerne eine "Generalstabsplanung" hinter den partikularen, nachhaltigen Entwicklungen ausmachen möchte. Die Darstellungsformen gehen in derselben auf, indem sie Beziehungen im Raum suggerieren, für die außer Ehlers eigene Raumkonzepte und darstellerischen Ambitionen kein zeitgenössischer, das heißt mittelalterlicher Beleg beigebracht wird. Es scheint denn auch nicht allein dem für sich problematischen Abstraktionsgrad zuzuschreiben zu sein, daß handelnde Personen kaum in Erscheinung treten und die tragenden, modernen Begrifflichkeiten wie "Ordnungsvorstellung" oder eben "Raumkonzept" eigentümlich vage, ja undefiniert bleiben. Trotz durchaus aufschlußreicher Einsichten, etwa bezüglich des Engagements der Königinnen für die Reichsabteien oder überhaupt der gewichtigen Rolle der Frauenkonvente für die diözesane Ordnung, fällt denn auch das Fazit weitaus verhaltener als die tragende Hypothese aus, wenn Ehlers konstatiert, aufgrund der "in allen Diözesen übereinstimmende[n] Muster ... ist ... eine übergreifende Vorstellung anzunehmen" (S. 62).
Ausgehend von einer Vereinbarung zwischen dem Markgrafen Engelbert III. von Istrien und dem Grafen Gebhard II. von Sulzbach im Jahre 1164 geht Jürgen Dendorfer in seinem Beitrag "Verwandte, Freunde und Getreue--Adelige Gruppen in der klösterlichen Memoria des 12. Jahrhunderts in Bayern" anhand vierer exemplarischer Schenkungen der Frage nach, ob die Auswahl der Memorialorte aus dem Raum, genauer der Stiftungen pro remedio animae Gruppenbildungen der Adelsgeschlechter reflektieren. Der Autor argumentiert dabei durchgehend stringent und maßvoll, weiß die Einzelfälle hinreichend durch Belege zu untermauern und veranschaulicht noch seine Befunde mittels entsprechender Karten, die die räumliche Dimension der Schenkungsverteilungen aufzeigen. Auf solche Weise gerät die vorzügliche Darlegung zu einem wahrlich beispielgebenden Exempel dafür, wie man mittels gelehrsamer Dialektik eine für sich genommene naheliegende, einfache These dabei hilft, sehr wohl komplexe hochmittelalterliche Beziehungsstrukturen zu erfassen und verständig zu deuten. Am Ende der Lektüre sieht sich der Leser geneigt, dem recht verhalten formulierten Theorem, die Stiftungen reflektierten ebensolche gewachsenen Bindungen durch stärkere Verba wie "manifestieren", "vertiefen" oder "verstetigen" größeres Gewicht zu verleihen. Dendörfer möchte man wünschen, er möge dieser Versuchung an späterer Stelle in gleicher überzeugender Weise erliegen.
Aus der Perspektive der Adelsdynastien der Schwalenberger, der Tecklenburger und der Lipper beleuchtet Diana Zunker in ihrem Beitrag "Ne cadant in oblivionis obscurum que fuerint in luce--Adel und Klöster in Westfalen" das Stiftungsverhalten bedeutsamer westfälischer Magnaten, wobei die drei gewählten Fallbeispiele--die Autorin kennzeichnet sie als widerstrebende, rekonziliante und ehrbegründete Stiftungen--ein Spektrum an Stiftungshintergründen und -motiven umreißen, die die verbreitete Vorstellung einer allgemeinverbindlichen Kasuistik von fundatio und memoria in Bezug auf Kloster und Stift in überzeugenden Zweifel zieht. Mehr noch, die durch genealogische Tafeln hilfreich unterstützten Darlegungen sind dazu angetan, die Etikette des Hausklosters, mit der die Beziehung zwischen Adelsfamilie und monasterium als exklusiv ausgewählter Ort der über die Generationen hinweg wirkenden, familiengebundenen Erinnerung und Bestattung gemeinhin gefaßt wird, zugunsten stärker in der Situation aufgehobener Rechtsakte zu verschieben. Hinsichtlich der Dauer und Festigkeit der Stiftungsmaßnahmen wird es sich in mehr als nur Ausnahmefällen als berechtigt erweisen, nicht kategorisch an der Einvernehmlichkeit und Gleichgerichtetheit der Familie als handelnde Einheit festzuhalten. Das knappe Resümee, das in manchem über die Argumentationslinien der lehrreichen induktiven Aussagen hinausgeht, gibt denn auch eher einen Ausblick auf Forschungsaspekte die in eine ausgewogene synchrone Gesamtschau einzubeziehen wären.
Den nicht allein im Umfang herausragenden Beitrag in dem Band steuert Stefan Pätzold bei, indem er unter dem Titel "Adel--Stift--Chronik. Die Hausüberlieferung der frühen Wettiner" die zwei zentralen über die frühe Herrschaft der Wettiner Auskunft gebenden Geschichtsquellen, nämlich die Genealogia Wettinensis und die Cronica Montis Sereni einer gründlichen Untersuchung in Bezug auf ihre Autorschaft und Textpragmatik unterzieht. Die durchweg konzise Argumentation setzt mit forschungskontextuellen heuristischen, hier der terminologischen, textgattungsspezifischen Einordung der Quellenstücke abzielenden Präliminarien ein, die für sich genommen nicht nur sprachlich gewandt, sondern auch über den engeren Diskussionsgegenstand hinaus äußerst lehrreich sind. Im zentralen Teil seines Beitrags gelangt Pätzold dann in Auseinandersetzung mit quellenkundlichen Auslassungen Harald Winkels zur Genealogia und den Thesen Stefan Tebrucks und Reinhard Butzens zur Funktion unter anderem der Stiftschronik zu wichtigen Neuinterpretationen, indem er stichhaltig für Friedrich II. von Brehna als Verfasser der genealogischen Schrift und für Heinrich von Röcken als jenem der Lauterberger Chronik plädiert. Seine freilich für das Forschungsfeld erhebliche Revision jüngerer Forschungspositionen ist im Kern zwar nicht neu, schließlich hatte er seine Annahmen bereits 1997 und 1999 formuliert. Doch in dieser stringenten Argumentation wird sie von den Forschungsbeteiligten kaum mehr zu vernachlässigen, ja zu entkräften sein.
Die Herausgeberin Nathalie Kruppa wendet sich in ihrem nicht durchgängig sorgfältig lektorierten Beitrag "Erinnerung an einen Grafen--Adolf IV. von Schaumburg und seine Memoria" den auf den zitierten Grafen bezogenen Erinnerungsleistungen zu. Zunächst eine Lebensskizze voranstellend, umreißt sie dann die Rezeption Adolfs in den mittelalterlichen Chroniken, seine Klostergründungen, Seelheilstiftungen sowie die Memoria des Schaumburgers als Heiligen. Anschließend werden dann etwas unvermittelt Rollenvergleiche gezogen, einmal zu Gottfried von Cappenberg (1095-1127), andermal zu Bernhard II. zur Lippe (um 1140-1224), die vornehmlich dazu dienen, Adolfs Verhalten im Stiftungsbereich als "nicht losgelöst ... vom Üblichen" (S. 222) zu deklarieren. Zwar gelingt es der Autorin, die unterschiedlichen Strategien in Adolfs Stiftungstätigkeit überzeugend herauszuarbeiten und durch Tafeln zentrale Bedingungen anschaulich zu machen, doch bleibt die Argumentation, nicht zuletzt aufgrund der von der Textanlage provozierten Redundanzen, hinter den Erwartungen zurück, die die Autorin selbst weckt. So werden entscheidende Fragen wie etwa die nach dem Grund für die über hundertjährige Verzögerung, mit der die Überlieferung von Adolfs Stiftungsakten einsetzt, nicht oder allenfalls spekulativ beantwortet; doch erst wenn in diesen Punkten Klärungen beigebracht werden, wird man die Person des Grafen als fundator angemessen und in einen historisch stimmigen Vergleich setzen können.
Przemysław Wiszewski untersucht das Verhältnis der schlesischen Piasten zu den zwei bedeutsamsten Zisterzienserklöstern des Raumes, den Abteien von Leubus und Trebnitz (in "Zwischen Chor und Krypta. Die schlesischen Herzöge, Zisterzienser und Zisterzienserinnen im 12.--14. Jahrhundert"). Dieser erste von insgesamt zwei hier eingebrachten Beiträgen polnischer Forscher ist nicht allein deshalb verdienstvoll, weil er den geographischen Horizont des Bandes erweitert und endlich auch mal eine ostmitteleuropäische Region mit einbezieht, wodurch die grundlegende polnische Forschung einem breiteren Interessentenkreis zugänglich gemacht wird. Auch in der Behandlung der Thematik weist des Autors methodisches Vorgehen und analytisches Vermögen den Aufsatz als wertvollen Beitrag zu den relevanten, auch von der deutschen Forschung angegangenen Fragestellungen aus. Vor allem hinsichtlich der Unsicherheiten der frühen Quellen zu den genealogischen Angaben des Leubuser Stifters Boleslaus I. des Langen gelingen ihm eine flüssige Darstellung der Forschungsdiskussion und die Formulierung neuer, fundierter Schlüsse. Mit Trebnitz bietet sich ein interessanter, in dieser Form vielleicht noch nicht formulierter Vergleich an, den der Autor ganz unprätentiös in wenigen, aber umso beachtlicheren Sätzen seines Resümees legt. Der Forschung sind mit diesen Auslassungen jedenfalls fruchtbare Wege gewiesen.
Carola Frey geht es in ihrem Beitrag, wie schon der Titel "Vom Kloster zur Residenz. Neue Begräbnisorte und individualisierte Frauenbestattungen bei den Pfalzgrafen bei Rhein und den Grafen Sponheim im Spätmittelalter" zu erkennen gibt, um eine Zusammenschau gräflicher Bestattungsmodi und ihrer Hintergründe bei zwei der bedeutsamsten pfälzischen Adelsfamilien schwerpunktmäßig im 14. Jahrhundert. Der ebenfalls mit Stammtafeln und Epitaph-Abbildungen unterlegte, insgesamt aber recht an der deskriptiven Oberfläche argumentierende Aufsatz gelangt dabei zu weitreichenden Ergebnissen, die sich so nicht unbedingt aus dem Text erschließen und einer tiefergehenden Erörterung bedurft hätten, um in ihrer Pauschalität zu tragen, etwa wenn in Bezug auf Bestattungsmotivationen konstatiert wird, "dass die religiösen Vorstellungen des hohen Adels im Spätmittelalter offenbar außerhalb der landsässigen Klöster zu verwirklichen waren" (S. 289). Auch der Abschnitt zu Aspekten weiblichen Bestattungsverhaltens hätte viel gewonnen, wenn er in die allgemeinere historiographische Diskussion um eine sich an diesem Punkt zeigende geschlechtsspezifische Verhaltensdifferenz eingebunden worden wäre.
Der letzte und sehr knapp gehaltene Beitrag von Dagmara Adamska über "Schlesische Klöster als Begräbnisstätten des Adels im Fürstentum Schweidnitz-Jauer des Spätmittelalters" genauer über Sepulkralnachrichten zum Zisterzienserkloster Grüssau sowie en passant zu den Ordensklöstern in Leubus und Heinrichau und dem Franziskanerkonvent in Löwenberg kommt zu dem Schluß "dass die Ritter, den Feudalherren folgend, die Stärke der Familie zeigen, für das Seelenheil sorgen und das Prestige gegenüber den Untertanen sichern wollten" (S. 306). Das stellvertretend gewählte Zitat läßt bereits anklingen, daß dieser recht traditionell ansetzende und noch hinter den Perspektiven der älteren Memorialforschung zurückbleibende Beitrag kaum Erhellendes zu bieten hat, was über einen die Thematik schnell erfassenden und unkritischen Überblick hinausginge.
Ein Abbildungsverzeichnis sowie ein verdienstvolles, von Neele Kämpf erstelltes Register runden den Band ab, dessen Lektüre sich trotz der Begrenzung zahlreicher seiner Beiträge auf die engere, frömmigkeitsgeschichtliche Perspektive nicht nur jenen empfiehlt, die an den spezifischen Fragestellungen einzelner Beiträge interessiert sind, sondern allen, die sich grundsätzlich über den Themenkreis informieren und Aufschluß darüber erhalten möchten, welchen Stellenwert die gegenwärtige Memorialforschung zur Erfassung der mittelalterlichen Kultur und Gesellschaft besitzt. Auf die Summe der Aufsätze geschaut zeigt sich freilich gerade in diesem Belang manche, mitunter vermeidbare Beschränkung, etwa durch den Fokus auf die Beziehungen zwischen Adel und Kloster, der das städtische, im ausgehenden Mittelalter immer stärker Stiftungsaktivitäten entfaltende Patriziat vollkommen ausblendet, oder durch die nur in wenigen Abhandlungen problematisierte rechtliche, institutionelle und soziale Komplexität der mittelalterlichen Stiftung an sich.
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Citation:
Frederik Felskau. Review of Kruppa, Nathalie, Adlige - Stifter - Mönche: Zum Verhältnis zwischen Klöstern und mittelalterlichem Adel.
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July, 2009.
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