Arnher E. Lenz, Volker Mueller. Darwin, Haeckel und die Folgen: Monismus in Vergangenheit und Gegenwart. Neustadt am Rübenberge: Lenz-Verlag, 2006. 359 S. ISBN 978-3-933037-56-5.
Reviewed by Katharina Neef
Published on H-Soz-u-Kult (February, 2009)
A. Lenz (Hrsg.): Darwin, Haeckel und die Folgen
Um die Vitalität des hundertjährigen Deutschen Monistenbundes (DMB) zu beweisen und um die Kohärenz mit diesem zu illustrieren (der mittlerweile „Freigeistige Aktion – für humanistische Kultur e.V.“ – FA – heißt), legten die Publikatoren der FA, die Familie Lenz, 2006 „Darwin, Haeckel und die Folgen. Monismus in Vergangenheit und Gegenwart“ vor. Ein konkreter Anlass wird zwar nicht genannt, doch lässt der Duktus einiger Artikel ahnen, dass sie als Vorträge konzipiert waren.
Der Band versammelt 14 Beiträge von sehr heterogener Qualität; einige davon seien ausdrücklich empfohlen, von anderen schweigt man besser – nicht immer, aber häufig lässt sich die Qualität vom Umfang der Bibliografie und der Anzahl oder Existenz der Endnoten abstrahieren. Das mag professionalisierend klingen, ist aber keineswegs so gemeint: Vielmehr verweisen Anzahl und Qualität der Angaben auf die Fundiertheit des Geschriebenen. Das Fehlen einer Tradition, in die sich der Autor einreiht, muss sich nicht zwingend negativ auf den Artikel auswirken; gerade der im DMB so zentrale Wilhelm Ostwald umgab sich bekanntlich nicht zu seinem Nachteil mit dem Nimbus des Dilettantismus.
Der Band gruppiert sich in eine eher philosophische und eine historische Abteilung. Schon im Vorwort Volker Muellers offenbart sich die Tradition, in der die FA sich sieht: „Der Monismus ist mit den Naturwissenschaften und der materialistischen Philosophie verbunden und nimmt Ergebnisse aktueller Wissenschaftsentwicklung, vor allem des Darwinschen Entwicklungsdenkens, umfassend auf.“ (S. 5) Es werden fünf Schwerpunkte der Publikation genannt: philosophische und fachwissenschaftliche Grundfragen und ihre Bedeutung für freigeistig-monistische Inhalte, Entstehung unterschiedlicher Monismen und Kulturentwicklungen, Ökologie, Ernst Haeckel und Wirkung des Monistenbundes (S.7 f.).
Eingangs referiert Franz Wuketits (S. 11-32) die persönlichen Beziehungen Darwins und Haeckels und die Bedeutung des Darwinismus und Haeckels für einen säkularen bzw. evolutionären Humanismus; dabei argumentiert er aus der Perspektive des Monisten und Haeckelianers. Auch Volker Muellers Beitrag (S. 33-46) spiegelt interne Debatten um die Entwicklung monistischer Weltanschauung und um die Einheit der Welt bis 1900. Jan Bretschneider (S. 47-73) dagegen öffnet die historische Perspektive und blickt einmal von Haeckel zurück zu Kant, Goethe und DuBois-Reymond, ehe er aktuelle monistische Theoreme darlegt. Monismus kreise 1800, 1900 und heute letztlich um die Frage, was Leben sei. Peter Jäckel widmet sich dem Monismus und Ernst Haeckel wieder historischer, indem er den Welträtseln von 1899 nachgeht (S. 75-92), die „ein Brenn- und Höhepunkt der freigeistigen Bewegung im Deutschland des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts und der Wende zum 20. Jahrhundert“ (so der Untertitel) waren. Als Quelle referiert Jäckel gern und unkommentiert Heinrich Schmidt, der Schüler und Sekretär des „Meisters“ war und nach seinem Tod zu dessen Hagiografen avancierte, dafür findet sich ab S. 83 eine Übersicht über die Rezeption der Welträtsel in der deutschen Presse in den ersten Jahren nach ihrem Erscheinen; man wünscht sich die Ergebnisse etwas ausführlicher präsentiert.
In Rudolf Bährmanns Essay über den Haeckelschen, den aktuellen und den populären Ökologiebegriff (S. 93-126) kritisiert dieser (weitgehend im Vortragsstil) nicht nur die Unschärfe des Populärbegriffs, sondern fundiert die wissenschaftliche Ökologie als (biologistische) Leitwissenschaft, die als Ethik den gewissenhaften Umgang mit Ressourcen lehre, und formuliert gleichsam ökologische Imperative, die an Ostwalds „Energetischen Imperativ“ erinnern (S. 122 ff.). Dabei repliziert er Theoreme der Entstehungszeit des DMB (Goldscheid, Ostwald). Wenn Eckhart Pilick letztlich (S. 127-154) die Diskrepanzen innerhalb des Monismus expliziert, lohnt sich ein genauer Blick: Er zeichnet die Frontstellung des DMB gegenüber der Kirche nach und stellt dieser die internen Konflikte um die „Kult“-form des Monismus gegenüber; dabei verweist er auf die schon konstatierten Kongruenzen zur verfemten Kirchenstruktur, etwa in der Verehrung Haeckels, der nicht von ungefähr 1904 in Rom zum „Gegenpapst“ ausgerufen worden war, den „Wallfahrten“ nach Jena, den „Sonntagspredigten“ und der monistischen Siedlung, die als „Kloster“ angekündigt wurde (S. 143).
Nachdem sich schon im philosophischen Part historische Exkurse zeigten, widmet sich der zweite Teil völlig der Geschichte des DMB. Den Anfang macht ein Artikel Heiko Webers und Olaf Breidbachs (Mitarbeiter und Direktor des Ernst-Haeckel-Hauses) zur geschichtlichen Entwicklung des Bundes zwischen 1906 und 1933 (S. 157-205). Reich bebildert und wissenschaftlich konzis kann der Artikel mit einer kleinen Berichtigung als Einführung in die erste Zeit des Monistenbundes empfohlen werden: Ostwald weilte nur im Wintersemester 1905/06 in Harvard. vgl. Wilhelm Ostwald, Lebenslinien III, Leipzig 1927, Kapitel 2 „Der Austauschprofessor“, S. 27-92. Hermann Detering wirft einen lehrreichen Blick auf die Beziehung zwischen Haeckel und dem früh verstorbenen ersten Präsidenten des DMB, dem Bremer freireligiösen Prediger Albert Kalthoff (S. 207-236); dabei expliziert er die programmatischen Verschiebungen, die sich zwischen Kalthoffs Wahl 1906 und der des Atheisten Ostwald 1911 ereigneten. Bernhard Ahlbrecht widmet sich einigen von Ostwalds Sonntagspredigten (S. 237-246), allerdings hat er höchstens drei der verfügbaren fünf Reihen, die zwischen 1911 und 1915 erschienen, eingesehen. Der Artikel referiert einige Predigten, so dass sich wenig über diese kursorische Inhaltsangabe hinaus finden lässt – außer das Fazit, dass die „mir vorliegenden Monistischen Sonntagspredigten [...] ein Panorama freien Denkens eines wachen und wissenschaftlich gebildeten Menschen“ zeigen (S. 245). Erfreulicher, weil erkenntnisreicher, ist dagegen Erik Lehnerts Artikel zu Bruno Willes Verbindungen zum Monismus (S. 247-273), der Wille als multipel devianten Akteur der Reformbewegungen zeigt; der Artikel verdeutlicht aber auch, dass Wille, häufig als Referenzperson des Monismus genannt, diesen nur zeitweilig frequentierte.
Lars Jentsch lotet das Verhältnis innerhalb des DMB zwischen antireligiösen Kulturkämpfern und religionsfreundlichen Flügeln aus (S. 275-296); dabei kommt auch hier der von Pilick angesprochene Konflikt zwischen Monismus als (Denk)Methode und monistischem Kult zum Tragen; die Stellung des Vorstands und der Ortsgruppen zu weltlichen Feiern (speziell Sonnenwendfeiern) und die Zusammenarbeit mit anderen Kulturorganisationen werden rekonstruiert. Anke Reuther und Wolfgang Heyn sichten den Briefwechsel der freireligiösen Lehrerin Ida Altmann mit Haeckel (S. 297-319); ihre Briefe sind im Haeckel-Archiv in Jena erhalten. Zur Illustration sind drei Briefe abgedruckt und ediert. Die Fehlstelle (S. 310/311) lautet „Unesma“ und verweist auf die zweibändige Festschrift „Was wir Ernst Haeckel verdanken“, Leipzig 1914. Der Verlag Unesma gehörte Wilhelm Ostwald.
Den Tiefpunkt des Bandes bildet der Artikel Manja Stegmanns zum Hamburger Monistenkongress 1911 (S. 321-333). Zweierlei fällt negativ auf: Eine kritische Bearbeitung des Kongresses wäre wünschenswert gewesen; hier wird unkritisch der Festband von 1912 nacherzählt. Und von den prominenten Rednern (unter anderen Haeckel und Ostwald) lassen sich zitierfähigere Biographien finden, als die gegoogleten. Den letzten Artikel steuerten Arnher E. Lenz und Ortrun E. Lenz bei, die auch die Publikationen der FA besorgen. In aller Kürze und eklektisch anhand des Archivs des Vereins wird die DMB-Geschichte nach 1945 bis heute nachvollzogen (S. 335-359). Die Satzung von 1946 wird abgedruckt; sie wird damit zugänglich (S. 337-341); allerdings enthält der Artikel mehrere Druckfehler.
Alle Artikel, speziell aber der letzte, vermitteln, mehr als es der Bezug auf monistische Denker und Traditionen könnte, Kontinuitäten seit 1906. Diese können inhaltlicher Art sein, indem auf areligiöse Weltdeutungen rekurriert und der Anspruch auf Formulierung einer Leitwissenschaft formuliert werden. Oder sie sind struktureller Natur: Das aktive Klientel der Freidenker rekrutiert sich nach wie vor aus einem vornehmlich akademischen, und zwar eher naturwissenschaftlichen oder technischen Milieu, das durch die Einwerbung renommierter Wissenschaftler ergänzt wird.
Alles in allem ist der Band als Einführung in die historische Situation der Monisten geeignet; neben einigen Abstrichen, die sich zumeist aus der fehlenden Distanz einiger Autoren ergeben, sind die meisten Artikel durchaus empfehlenswert. Ein Wermutstropfen sei erwähnt: Die Redakteurin hat sich nicht die Mühe gemacht, die Artikel im Satz zu vereinheitlichen, so dass sich Artikel mit Belegen im Text oder am Textende oder gar ohne Belege und mit oder ohne Literaturverzeichnis finden.
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Katharina Neef. Review of Lenz, Arnher E.; Mueller, Volker, Darwin, Haeckel und die Folgen: Monismus in Vergangenheit und Gegenwart.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
February, 2009.
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