Bert De Munck, Steven L. Kaplan, Hugo Soly, eds. Learning on the Shop Floor: Historical Perspectives on Apprenticeship. International Studies in Social History. New York: Berghahn Books, 2007. viii + 232 pp. $75.00 (cloth), ISBN 978-1-84545-341-1.
Reviewed by Karsten Uhl (Technische Universität Darmstadt)
Published on H-German (June, 2009)
Commissioned by Susan R. Boettcher
Lehrlinge, Zünfte und Gesellschaft
Bert de Munck, Steven L. Kaplan und Hugo Soly haben einen Sammelband herausgegeben, der mit acht Einzelstudien einen guten Überblick über regionale Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Berufsausbildung im historischen Wandel gibt. Der Schwerpunkt des Bandes liegt dabei auf dem vorindustriellen Mittel- und Westeuropa. Zudem kann der Band, der die Beiträge einer 2000 in Bilzen (Belgien) veranstalteten Konferenz sammelt, als ein fundierter Beitrag zur angewandten Methodik der Sozial- und Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit verstanden werden.
Gemein ist allen Beiträgen die Abwendung von traditionellen historiographischen Sichtweisen auf das vorindustrielle Europa: Grundsätzlich geht es den Autorinnen und Autoren um ein weniger starres Bild von der Gesellschaft dieser Epoche und insbesondere um eine Neubewertung der Rolle der Zünfte, die gemeinhin in ihrem Einfluß auf die Berufsausbildung überschätzt werden würde. Auf der Suche nach einer Sozialgeschichte, der es gelingen soll, Diskurs und Praxis zu verbinden, nutzen viele Autoren/-innen Quellengattungen, die bisher wenig Berücksichtigung fanden. Eingerahmt sind die Einzelstudien von einer Einleitung De Muncks und Solys, die einen profunden Einblick in die Forschungslage bietet, und einem bemerkenswerten Nachwort Kaplans, das die einzelnen Beiträge noch einmal an den Forschungsstand zurück bindet und kritisch zu erweitern sucht.
Die Bedeutung des Lehrlingssystems für das späte Mittelalter und die Frühe Neuzeit betonen De Munck und Soly vor allem dadurch, daß sie diese Epochen als "a time of product innovation rather than process innovation" charakterisieren (S. 12). Damit stellen sich die Herausgeber gegen Interpretationen des vorindustriellen Lehrlingssystems als rein reproduktiv, denn es habe weit mehr geleistet als "copying and imitating" (S. 16). Die jüngere Forschung habe gezeigt, daß die größere Effizienz des zum Teil von den Zünften kontrollierten westeuropäischen Berufsausbildungswesens einen wesentlichen Wettbewerbsvorteil gegenüber der Wirtschaft Asiens dargestellt habe: "human capital in Western Europe was far cheaper than in large parts of Asia" (S. 9).
Die erste Einzelstudie des Bandes beschäftigt sich dann auch--als einziger Beitrag--mit der Entwicklung der Berufsausbildung außerhalb Europas. Mary Nagata untersucht das japanische Lehrlingssystem vom späten 17. bis zum späten 19. Jahrhundert und zeigt zudem in einem Ausblick in die Gegenwart überraschend starke Kontinuitätslinien auf. Im Gegensatz zur in Europa vorherrschenden Situation stellten in Japan nicht Jugendliche den Großteil der Lehrlinge, vielmehr ging es darum, zum einen Facharbeiter weiter auszubilden und an das jeweilige Unternehmen zu binden, und zum anderen darum, den Nachwuchs an Führungskräften zu schulen. Allerdings zeigt Jonathan Reinarz in seinem Beitrag über das Lehrlingssystem in der englischen Brauereiindustrie um 1900, daß zumindest nach dem Ende der Zünfte in Europa in einzelnen Branchen ähnliche Zielsetzungen herrschen konnten. Auch für die Brauereien sei es ein zentrales Ansinnen gewesen, "successive generations of brewery managers" zu reproduzieren (S. 112). Während die einfachen Arbeiter keine Berufsausbildung im eigentlichen Sinne erfuhren, blieb das Lehrlingssystem für die Ausbildung angehender Führungskräfte von großer Bedeutung. Durch die Fähigkeit, sich an geänderte Bedingungen anzupassen, sei das Lehrlingssystem bis weit in das 20. Jahrhundert konkurrenzfähig gegenüber neuen theoretischen Formen der Ausbildung geblieben: "older methods of training appeared far better at producing managers than did some months in a university laboratory" (S. 123).
Von zwei verschiedenen Seiten kritisieren Clare Crowston und Karel Davids in ihren Beiträgen die vorherrschende Forschungsmeinung, in der der Einfluß der Zünfte auf das Lehrlingssystem überbewertet werden würde. Crowston betont, daß die formale Lehre im vorrevolutionären Frankreich nicht die einzige Form zur Ausbildung von Handwerkern darstellte. Vielmehr hätten verschiedene schulische Institutionen eine wichtige Rolle bei der Berufsausbildung und vor allem im Prozeß der Rationalisierung gespielt, indem Kindheit und Jugend in verschiedene Phasen mit jeweils angepaßten Ausbildungsschritten zerlegt worden seien. Auch Davids unterstreicht die Bedeutung alternativer Ausbildungsformen und zeigt zudem, daß die Zünfte in den marktliberalen Niederlanden des 16. und 17. Jahrhundert im Gegensatz zur Situation in Frankreich und Deutschland nur wenig Einfluß auf die praktische Gestaltung von Lehrverträgen genommen hätten. Folglich habe die Abschaffung der Zünfte im frühen 19. Jahrhundert keinen wesentlichen Einschnitt ins Lehrlingssystem bedeutet.
Noch stärker stellt Reinhold Reith den Charakter der Lehre als Vertragsverhältnis in seinem Beitrag über das Lehrlingssystem im Deutschland und Österreich der Frühen Neuzeit heraus. Das Lehrlingsverhältnis sei durch die in der Forschung vorherrschende Betonung patriarchaler Herrschaft nur unzureichend charakterisiert. Gleichzeitig gelte es zu betonen, daß gegenseitige Ansprüche beider Vertragsparteien bestanden hätten. Da zumindest in einigen Branchen wie Bau, Textil und Metallverarbeitung seit dem 15. Jahrhundert, also zur Hochzeit der Zünfte, fortgeschrittenen Lehrlingen der Gesellenlohn bezahlt worden sei, stelle der später zu Regel gewordene Lehrlingslohn keineswegs, wie häufig angenommen werde, ein Zeichen des Niedergangs des Zunftsystems dar. Auch De Muncks Text über Antwerpener Tischler im 16. und 17. Jahrhundert relativiert die Bedeutung der Zünfte, insbesondere die Länge der Berufsausbildung sei stärker vom freien Markt als von den Zünften bestimmt worden. Die eigentliche Bedeutung des Lehrlingssystems sieht De Munck darin, die Qualität sowohl des Produktes als auch des Produzenten durch den formalen Akt der Ausbildung zu legitimieren bzw. die Kategorie Qualität überhaupt erst symbolisch zu erzeugen.
Im einzigen Beitrag über das späte Mittelalter arbeitet Peter Stabel an der Region Flandern heraus, daß bereits zu dieser Zeit die tatsächliche Ausprägung des Lehrverhältnisses kaum von den Zünften beeinflußt gewesen sei. Von Bedeutung ist seine These, daß die soziale Mobilität ab 1450 abgenommen habe und nun stärker als zuvor in erster Linie Söhne von Meistern die Chance gehabt hätten, nach einer Lehre selbst Meister zu werden. Gerade in der Fähigkeit, die soziale Mobilität zu regulieren, sieht wiederum Annemarie Steidl in ihrer Untersuchung über das moderne Wien ein wesentliches Moment dafür, daß die Handwerkerausbildung vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert grundsätzlich große Züge einer Kontinuität zeige. Als einziger Beitrag--was in erster Linie dem Gegenstand geschuldet ist--beschäftigt sich Steidls Text eingehender mit der Geschlechterdifferenz. Als wesentlicher Unterschied sticht die deutlich kürzere Lehrzeit für Frauen ins Auge; nach einer Basisausbildung fungierten Frauen in der Regel als billige Arbeitskräfte. Bei männlichen Lehrlingen dagegen machten die Meister häufiger von ihrer Möglichkeit Gebrauch, die Lehrzeit willkürlich zu verlängern: So stellten auch diese qualifizierten Lehrlinge im Vergleich zu Gesellen weitaus billigere Arbeitskräfte dar.
Der Sammelband kann aufgrund der durchgehend hohen Qualität der einzelnen Beiträge und ihrer sinnvollen Zusammenstellung vollends überzeugen. Auch das "learning off the shop floor" (S. 204), also die Lehrzeit als wichtige Phase der Sozialisation, findet in den Texten Stabls, Steidls und Reinarz' größere Berücksichtigung. Die schwierige Quellenlage bedingt, daß die meisten Aufsätze sich mehr mit "perceptions" des Lehrlingssystems als mit der sozialen Realität beschäftigen, wie Crowston für ihren Beitrag einräumt (S. 50). Zu Recht behält Mitherausgeber Kaplan, wohl um die Komplexität des Vorhabens wissend, das ehrgeizige Ziel im Auge, von der Darstellung des Diskurses zur Analyse der Praxis zu gelangen. Einen hervorragenden Ausgangspunkt für dieses Desiderat bietet der Band allemal.
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Citation:
Karsten Uhl. Review of Munck, Bert De; Kaplan, Steven L.; Soly, Hugo, eds., Learning on the Shop Floor: Historical Perspectives on Apprenticeship.
H-German, H-Net Reviews.
June, 2009.
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