Stefan Karner, Lorenz Mikoletzky. Österreich. 90 Jahre Republik: Beitragsband der Ausstellung im Parlament. Wien: StudienVerlag, 2008. 636 S. ISBN 978-3-7065-4664-5.
Reviewed by Werner Suppanz
Published on H-Soz-u-Kult (February, 2009)
S. Karner u.a. (Hrsg.): Österreich. 90 Jahre Republik
Der 90. Jahrestag der Ausrufung der Republik (damals: Deutsch-)Österreich am 12. November 1918 ist Anlass für die „Republik. Ausstellung 1918|2008“ (12. 11. 2008 bis 11. 4. 2009); ihr staatsoffizieller Charakter kommt darin zum Ausdruck, dass sie im österreichischen Parlament gezeigt wird und unter maßgeblicher Beteiligung und Unterstützung des Bundeskanzleramtes stattfindet. vgl. <http://www.republikausstellung.at/> (06.02.2009) Auch der „Republiksband“ als Beitragsband zur „Republiksausstellung“ enthält mit Geleitworten des Bundespräsidenten Fischer sowie des (zum Zeitpunkt der Drucklegung) Bundeskanzlers Gusenbauer und Vizekanzlers Molterer deutliche Hinweise auf seine repräsentative Rolle. Die Ausstellungsleiter Stefan Karner, Leiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgenforschung, und Lorenz Mikoletzky, Generaldirektor des Österreichischen Staatsarchivs, fungieren gleichzeitig als Herausgeber des Buches, das in 54 Artikeln zu neun Schwerpunkten „wichtige Entwicklungsstränge von 1918/20 bis heute freizulegen und darzustellen“ (Klappentext) konzipiert ist.
Als Beitragsband ist „Österreich. 90 Jahre Republik“ eng an die Ausstellung im Parlament gekoppelt und als Vertiefung und Ausweitung ihrer Inhalte gedacht. Der Bereich „Politik und Demokratie“ ist dabei mit zwölf Beiträgen der umfangreichste Abschnitt. Mit den weiteren Kapiteln „Territorialfragen“, „Wirtschaft“, „Soziales – Bildung – Wissenschaft“, „Kirchen und Religionsgemeinschaften“, „Kunst und Kultur“, „Das Militär in Politik und Gesellschaft“ (mit zwei Artikeln der kürzeste Abschnitt), „Österreich im internationalen Gefüge“ und „Identität und Erinnerung“ behandelt der Band ein breites Spektrum an Themen. Positiv fällt auf, dass infolge der großen Zahl der Beiträge auch Inhalte zur Sprache kommen, über die kaum zusammenhängende Darstellungen verfügbar sind. Ein Beispiel ist Hellwig Valentins Text „Vom Länderpartikularismus zum föderalen Bundesstaat“, der über Länderpatriotismus und „Anschlussbewegungen in den Ländern“ unmittelbar nach 1918 informiert und zahlreiche weiterführende Literaturangaben dazu bietet. Thematisch originell und diskursgeschichtlich interessant ist auch Manfred Zollingers abschließender Artikel über das Diktum „Der Rest ist Österreich“, dessen Urheberschaft durch Clemenceau höchst fraglich ist, wie auch eine französische Originalformulierung nicht eruierbar ist.
Insgesamt ist die Zusammenstellung der Aufsätze in mehrfacher Hinsicht heterogen. Essayistische Beiträge ohne Fußnoten finden sich ebenso wie Texte mit umfangreichem Anmerkungsapparat. Als AutorInnen fungieren neben HistorikerInnen mit universitärer Verankerung unter anderem ein Schuldirektor, ein Botschafter im Ruhestand und der Geschäftsführer der Industriellen-Vereinigung Steiermark. In der Regel sind jene Beiträge, die sich zeitlich und inhaltlich sehr konkreten Themen widmen und klar umrissene Schlaglichter auf ihre Fragestellung werfen, fundierter und aussagekräftiger als Texte mit Längsschnittdarstellungen. So zeichnet sich der Artikel über „Das Medium Film im Dienste der österreichischen Republik 1918-1924“ (Verena Moritz) gleichermaßen durch Detailreichtum und überzeugende politisch-kulturelle Kontextualisierung aus. Interessant und vergnüglich zu lesen ist beispielsweise auch Hans Haiders pointierter Text, der von 1965 als „Ende und Wende“ einer antimodernen Hegemonie ausgehend die Kultur- und Literaturpolitik der Zweiten Republik facettenreich behandelt. Beiträge, die eine Gesamterzählung ihres jeweiligen Themas von 1918 bis 2008 bieten, stellen dagegen in den meisten Fällen Aufzählungen von Daten und Ereignissen dar. Inhaltlich ist die theoretisch-methodische Durchdringung der Texte somit sehr unterschiedlich. Quantitativ dominieren daten- und faktenorientierte Aufsätze, die großteils bekannte Inhalte zusammenfassen. Dies geschieht in der Regel in solider Form, die dem LeserInnenkreis außerhalb des geschichtswissenschaftlichen Fachpublikums sicherlich einen kompakten Einstieg in politische, ökonomische und kulturelle Aspekte der Republikgeschichte bietet. Dennoch wäre in manchen Fällen ein Lektorat wünschenswert gewesen, das Rücksprache bezüglich der Inhalte und Konzepte hält. Ein auffälliges Beispiel dafür ist der Beitrag über „Migration und Zwangsmigration in (sic!) Österreich“ (Gabriela Stieber), dessen Titel irreführend ist, denn es geht fast ausschließlich um Flüchtlinge, die infolge von (Bürger-)Kriegen und politischen Krisen nach Österreich gelangen. Das kurze Kapitel „Arbeitsmigration“ besteht bezeichnenderweise großteils aus dem Abschnitt „Asylgesetz“. Die problematische Unterscheidung zwischen „Migration“ und „Zwangsmigration“ im Titel macht schon deutlich, dass für diesen – fast ausschließlich von Daten und Aufzählungen bestimmten – Artikel die Berücksichtigung theoretischer Konzepte und Diskurse zu Fragen der Migration höchst wünschenswert gewesen wäre. Völlig ausgespart bleiben Fragen ihrer Auswirkungen auf die österreichische Gesellschaft, auf Identitätskonzepte des Österreichischen etc.
Dieser Kritikpunkt weist auf die Problematik hin, die ungeachtet der Qualität einzelner Beiträge den Band in seiner Gesamtheit betrifft: das Fehlen von Leitperspektiven und analytischen Fragestellungen. In ihrer Einführung weisen die Herausgeber lediglich darauf hin, dass „das Bukett an Aufsätzen“ große Themenfelder abdecke, jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit stelle (S. 12). Aus Sicht des Rezensenten wäre doch zu berücksichtigen, dass der Band als gleichsam offizielle Buchpublikation zu einer repräsentativen Ausstellung der Republik Österreich in der Auswahl der Themen besondere Ansprüche stellt. Ein stringenteres Konzept, als es hier durchscheint, wäre daher zu erwarten gewesen. Angesichts des Ziels, „bis heute wirksame Entwicklungsstränge“ (S. 12) darzustellen, fallen Leerstellen umso deutlicher auf. So gehört Hannes Leidingers Beitrag zu Rätebewegung und Kommunismus zwischen 1918 und 1924 sicherlich zu den fundiertesten und interessantesten des Bandes. Es ist aber nicht erklärlich, warum andererseits die gegenwartsrelevanten Grünen in keinem Aufsatz behandelt werden. Dass die drei traditionellen politischen „Lager“ auch nur durch Beiträge über die Erste Republik vertreten sind, verstärkt den Eindruck des Zufälligen in der Themenauswahl. Auch die Frage, warum das Österreichische Hospiz in Jerusalem im 20. Jahrhundert, dem ein eigener Aufsatz gewidmet ist, für eine Geschichte der Republik mehr Relevanz aufweist als beispielsweise die „neuen sozialen Bewegungen“ seit den 1960/70er-Jahren (Frauen-, Ökologie- etc. Bewegung) bleibt offen.
Folge dieses Konzeptes, demzufolge möglichst viel vorkommen soll, aber nicht alles Platz finden kann, ist der Eindruck von Beliebigkeit: Auch ein reflektierter Umgang mit den Brüchen in der Geschichte der Republik fehlt. Austrofaschismus und Nationalsozialismus werden zwar im Rahmen von Längsschnitt-Themen bei verschiedenen AutorInnen behandelt, das ändert aber nichts daran, dass die Verortung beider Diktaturen im Rahmen der österreichischen Zeitgeschichte in diesem Band konzeptuell keine Rolle spielt. Der autoritäre „Ständestaat“ als Gegenentwurf zur Republik verschwindet gleichsam auf diese Weise. Österreich zur Zeit des Nationalsozialismus ist nur in Brigitte Bailer-Galandas Text zu Verfolgung und Widerstand 1938–1945 ein explizites Thema, die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit nur in Winfried Garschas Beitrag über Entnazifizierung und Volksgerichtsbarkeit. Der Zugang zum Nationalsozialismus ist tendenziell reduziert auf Österreich als verfolgtes und Widerstand leistendes Opfer. Der Band repräsentiert damit einen Zugang zur österreichischen Zeitgeschichte, der dem aktuellen Stand der Forschung und auch der politischen Debatten keineswegs entspricht.
„Österreich. 90 Jahre Republik“ entspricht tendenziell dem traditionellen Diskurs der „Erfolgsgeschichte“ Österreichs. Repräsentative Zwecke sind damit sicherlich erfüllt. Gleichzeitig bleibt allerdings der Zugang, in einer offiziellen Publikation eine breite Öffentlichkeit mit kontroversiellen Fragen zur Geschichte der Republik zu erreichen und Österreich von 1918 bis 2008 von seinen Brüchen und Konflikten her zu denken, ein Desiderat. Gerade für die Thematisierung des Landes als demokratisch-republikanisches Gemeinwesen wären dessen Gefährdungen – auch zur Ersten Republik fehlt die Perspektive, wie diese ins Autoritäre und explizit Anti-Republikanische „gekippt“ ist – und die Konflikte, in denen die Grundlagen des Gemeinwesens verhandelt wurden und werden, von Interesse. Gerade dieser Blick auf das Prekäre, der sich in Themen wie Identitätsdebatten, Deutungen der austrofaschistischen und nationalsozialistischen Diktaturen, Staat/Religion (z.B. Fristenlösung) oder Entwicklung der Menschen- und Bürgerrechte äußern könnte, ist kaum vorhanden.
Insgesamt lässt sich daher konstatieren, dass der Gewinn des Bandes primär in einigen fundierten Beiträgen zu teilweise wenig bearbeiteten Themen liegt. In den Fragestellungen spezialisierte Artikel erweisen sich in der Regel als aussagekräftiger als Längsschnittdarstellungen. Generell fällt in den Aufsätzen die Betonung der Datenebene gegenüber dem analytischen, problemorientierten Zugang auf. Dieser Umstand entspricht dem Konzept des Buches insgesamt, in dem eine möglichst breite Abdeckung von Themen im Vordergrund steht. Die demokratiepolitisch relevante Perspektive auf die Republik als prekäres politisches Gemeinwesen, dessen Grundlagen in politischen Auseinandersetzungen permanent ausverhandelt werden, ist dagegen nicht vorhanden. Damit ist aus der Sicht des Rezensenten gerade in einem öffentlichkeitswirksamen „Republiksband“ eine Chance vergeben worden.
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Citation:
Werner Suppanz. Review of Karner, Stefan; Mikoletzky, Lorenz, Österreich. 90 Jahre Republik: Beitragsband der Ausstellung im Parlament.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
February, 2009.
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