Steffen Schoon. Wählerverhalten und politische Traditionen in Mecklenburg und Vorpommern (1871-2002): eine Untersuchung zur Stabilität und strukturellen Verankerung des Parteiensystems zwischen Elbe und Ostsee. Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, vol. 151. Düsseldorf: Droste, 2007. 249 pp. Table of contents, bibliography, register. Mit einer CD-ROM: Text, Abbildungen und Tabellen, Wahldaten, statistischen Analysen und Wahlkarten. ISBN 978-3-7700-5283-7.
Reviewed by Markus J. Prutsch (European University Institute)
Published on H-German (March, 2009)
Commissioned by Eve M. Duffy (University of North Carolina Chapel Hill)
Der deutsche Nordosten: Parteien- und Wahlgeschichte als quantitative Fallstudie – ein Versuch
Stefan Schoons 2007 im Düsseldorfer Verlagshaus Droste als leicht überarbeitete Fassung seiner Dissertation publizierte Arbeit versucht sich in einer grundlegenden Analyse des Wählerverhaltens in Mecklenburg und Vorpommern seit 1990, um darüber Rückschlüsse auf die Verankerung des Parteiensystems und der einzelnen Parteien im Besonderen ziehen zu können. Im Mittelpunkt steht hierbei "die Suche nach Strukturmustern und Elementen von Stabilität im Wählerverhalten, die im Hinblick auf die künftige Entwicklung des Parteiensystems von großer Bedeutung sind" (S. 10).[1] Das explizite Forschungsinteresse zerfällt in drei Fragenkomplexe: zum einen jenem nach der elektoralen Verankerung der Parteien in Mecklenburg-Vorpommern, zum anderen dem nach den Bestimmungsfaktoren, die für die Wahlentscheidung ausschlaggebend sind, schließlich jenem nach den Schlussfolgerungen, die sich aus den einzelnen Analysebefunden ableiten lassen.
Die Ambition des Autors beschränkt sich indes nicht nur auf eine "politikwissenschaftliche Begleitung des politischen Transformationsprozesses" (S. 11) in Mecklenburg-Vorpommern, sondern ist auch darauf gerichtet, ein umfassendes Gesamtbild der regionalen Wahl- und Demokratiegeschichte seit der Gründung des Deutschen Kaiserreiches 1871 zu liefern, wobei das Hauptinteresse den strukturellen Aspekten des historischen Wählerverhaltens gilt.
Dieser doppelte Schwerpunkt der Abhandlung, die damit eine Mittlerstellung zwischen Sozial- und Geschichtswissenschaft beansprucht, spiegelt sich auch in der Werksgliederung wider: Auf die Einleitung (S. 9-30) folgt im ersten Kapitel die Betrachtung der "Historischen Wahlen in Mecklenburg und Vorpommern"(S. 31-106), namentlich jener im Deutschen Kaiserreich (1871-1918), der Weimarer Republik (1918-33) und der Landtagswahl von 1946. Die Zeit der nationalsozialistischen Diktatur und der SED-Herrschaft bleiben hierbei aus verständlichen Gründen ausgeklammert beziehungsweise werden nur kurz gestreift. Daran schließt Kapitel zwei "Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern seit 1990" (S. 107-134) an, gefolgt von der Analyse der "Bestimmungsfaktoren des Wählerverhaltens in Mecklenburg-Vorpommern" (S. 135-178). Beschlossen wird das Werk durch eine "Schlußbetrachtung" (S. 179-194), ein Verzeichnis der auf der beiliegenden CD-ROM enthaltenen Abbildungen und Tabellen (S. 195-209), ein Abkürzungs- (S. 210-212) sowie Quellen- und Literaturverzeichnis (S. 213-247) und ein knappes Personenregister (S. 248-249).
Der insgesamt recht bescheidene Umfang der Arbeit resultiert daraus, dass sämtliche, vom Autor mit zweifellos großem Arbeitsaufwand erstellte und durch große Reichhaltigkeit glänzende (statistische) Zusatzmaterialien wie Tabellen und Wahlkarten ausschließlich in die CD-ROM Eingang gefunden haben. Dies geschah offenkundig aus der Ambition heraus, die Buchedition nicht zu überladen. Indes wurde der Eingängigkeit und Lesbarkeit des Textes damit kein guter Dienst erwiesen, zumal gerade die eifrig rekonstruierten Wahlergebnisse, Wahlabsichten, Parteiidentifikationen, sozialen und politischen Korrelationen etc. zum Wertvollsten und Aussagekräftigsten dieser Studie zählen können. Entsprechend sieht man sich genötigt, während der Lektüre immer wieder zwischen Buch und CD-ROM zu pendeln, oder aber man zieht es vor, den sich nochmals vollständig auf der CD-ROM befindenden und dort mit dem Zusatzmaterial unmittelbar verlinkten Text sogleich am Bildschirm zu lesen, womit sich dann allerdings die Frage nach der Berechtigung der gedruckten Fassung stellt.[2]
Erschwert wird die Lektüre von Schoons Arbeit ebenfalls durch die bewusste Fokussierung des Autors auf die "nackten" Wahlergebnisse (S. 22) unter weitgehender Vernachlässigung historischer Rahmenbedingungen und insbesondere anderer essentieller Elemente von Wahlgeschichte wie Fragen der Organisation, Ideologie oder Programmatik der politischen Parteien. Dies schmälert nicht nur den inhaltlichen Aussagewert der Arbeit, sondern verleiht ihr stellenweise einen nicht zu verleugnenden technisch-spröden Eindruck. Hinzu kommt, dass sich der omnipräsente sozialwissenschaftliche Fachjargon gerade für fachfremde Leser als durchaus fordernd erweisen dürfte, wenn etwa auf die "Problematik des ökologischen Fehlschlusses bei Aggregatdatenanalysen" hingewiesen wird (S. 30).
Es wäre allerdings ungerecht, vor diesem Hintergrund die Stärken der Arbeit zu verkennen. Hierzu zählt vor allem die empirisch fundierte Relativierung der in der Öffentlichkeit wie Teilen der Forschung gleichermaßen vertretenen These von der reinen Themen- oder Personenorientierung, um nicht zu sagen Unberechenbarkeit, der ostdeutschen Wählerschaft. Vielmehr vermag Schoon anhand des Fallbeispiels Mecklenburg-Vorpommern "ein höheres Maß an Stabilität im Wählerverhalten als gemeinhin in der Öffentlichkeit angenommen" (S. 185) zu konstatieren und zeigt eingängig auf, "daß langfristig wirkende und damit ebenso nur langfristig veränderbare Faktoren in den Erklärungsansätzen ihre Berücksichtigung finden müssen" (S. 187). Damit belegt der Autor nicht zuletzt den grundsätzlichen analytischen Wert des von Seymour M. Lipset und Stein Rokkan entwickelten (makro-)soziologischen Erklärungsansatzes ("Cleavage-Modell") sowie des sozialpsychologischen Erklärungsansatzes ("Ann-Arbor-Modell") auch für postsozialistische, aus tiefgreifenden politischen Transformationsprozessen hervorgegangene Parteiensysteme.
Es bleibt allerdings ein berechtigter Zweifel bestehen, ob für diese Befunde die Beleuchtung der historischen Wahlen in Mecklenburg und Vorpommern, namentlich jene während des Kaiserreiches und der Weimarer Republik, tatsächlich einen besonderen Erkenntnisgewinn beizusteuern vermag. Dies gilt umso mehr, als der Autor im Ergebnis selbst eingestehen muss, dass "die Frage nach den historischen Kontinuitäten bezüglich des Wahlverhaltens in Mecklenburg und Vorpommern nicht eindeutig und abschließend zu beantworten ist" (S. 179) und er als einzige Konstante allein die "Konfliktlinie zwischen einem konservativen Pol und einem sozialreformerischen" (S. 183) festzumachen vermag. So bleibt dem Kapitel zur Wahlgeschichte vor der Wende denn auch der Beigeschmack haften, eher einführendes "Beiwerk" denn ein integrativer Werkbestandteil zu sein.
Dies schmälert indes nicht den Wert von Schoons Arbeit als begrüßenswerter Beitrag zum Verständnis des zeitgenössischen deutschen Parteiensystem, speziell in den östlichen Bundesländern.
Notes
[1]. Schoons Dissertation war im Jahr 2005 von der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Rostock angenommen worden.
[2]. Siehe hierzu auch die Rezension von Damian van Melis, der Schoons Werk wenig schmeichelhaft als "Schonkost mit Beilage" charakterisiert. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.03.2008
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Citation:
Markus J. Prutsch. Review of Schoon, Steffen, Wählerverhalten und politische Traditionen in Mecklenburg und Vorpommern (1871-2002): eine Untersuchung zur Stabilität und strukturellen Verankerung des Parteiensystems zwischen Elbe und Ostsee.
H-German, H-Net Reviews.
March, 2009.
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