Ralph Blessing. Der mögliche Frieden: Die Modernisierung der Außenpolitik und die deutsch-französischen Beziehungen 1923-1929. München: Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2008. 507 S. ISBN 978-3-486-58027-3.
Reviewed by Karl Heinrich Pohl
Published on H-Soz-u-Kult (November, 2008)
R. Blessing: Der mögliche Frieden
Die Berliner Dissertation von Ralph Blessing stellt eine wesentliche Bereicherung der gegenwärtigen Diskussion – oder „Nichtdiskussion“ – um die deutsche (West-)Politik in den mittleren Jahren der Weimarer Republik dar. Gustav Stresemann und seine Politik stehen – so der gegenwärtige Stand der Forschung – innenpolitisch für eine positive deutsche parlamentarisch-demokratische Tradition, die von Weimar bis zur Gegenwart reicht. Außenpolitisch wird der Politiker geradezu als der Erfinder einer friedlichen Variante geehrt, mit der ein Paradigmenwechsel weg von der aggressiven Politik des Kaiserreiches hin zu einer modernen liberalen Politik stattgefunden habe. Für diese Politik stehen der Vertrag von Locarno, Deutschlands Eintritt in den Völkerbund und schließlich – als Zeichen der internationalen Anerkennung – die Verleihung des Friedensnobelpreises im Jahre 1927.
Blessing will nun diese Interpretation weiter fundieren, indem er sie mit Hilfe eines theoretischen Modells in einen größeren Zusammenhang einordnet, das er „von außen“ – was legitim ist – an sein Untersuchungsobjekt heranträgt. Er versucht, die gegenläufigen Zuschreibungen für die außenpolitischen Aktivitäten diesseits und jenseits des Rheins, die man verkürzt mit „Sicherheitsstreben“ auf französischer Seite und „Revisionismus“ auf deutscher Seite fassen kann, durch die neue Formel der „modernen Außenpolitik“ besser zu beschreiben. Auf diese Weise stellt er ein übergreifendes, theoretisch fundiertes Interpretationsangebot vor, das die nationale Perspektive überwinden und dabei den friedlichen Ansatz nicht nur der deutschen Politik hervorheben will. Das macht seine Studie interessant und weiterführend.
Blessing versteht unter „moderner Außenpolitik“ einen Prozess, der durch Umsetzung von „Innovationen“ gekennzeichnet ist. Im konkreten Fall ist damit das liberale Modell der Friedenssicherung gemeint, das auf Demokratie, kollektiver Sicherheit und freiem Welthandel beruht. Die Mittel dieser neuen Außenpolitik beschränkten sich dabei – dies eine weitere Innovation – nicht mehr nur auf Geheim- und Konferenzpolitik, sondern beziehen – so Blessing – beispielsweise auch die Außenwirtschafts- und Kulturpolitik mit ein. Zweifellos ist ein solcher Ansatz dazu geeignet, eine neue Perspektive zu gewinnen und die bisherige Sicht zu erweitern.
Im Zentrum der Darstellung stehen die deutsch-französischen Beziehungen in der Zeit zwischen 1923 und 1929. Entsprechend seinen Vorüberlegungen wertet Blessing die Locarno- und Völkerbundspolitik zum einen als Versuch, kollektive Sicherheitsstrukturen aufzubauen; zum anderen sieht er in der Lösung der Reparationsfrage und den Handelsvertrags-Verhandlungen zwischen Deutschland und Frankreich das Bemühen, ein liberales Weltwirtschaftssystem zu installieren. Beide Ansätze – jeweils im Einzelnen, aber auch miteinander kombiniert – dienen nach Meinung des Autors dazu, die Modernisierung der Außenpolitik voranzutreiben.
In der Tat – hier ist dem Verfasser zuzustimmen – stellten Locarno und Völkerbund kollektive Sicherheitsstrukturen dar. In sie wurde nun auch Deutschland eingebunden – und ließ sich einbinden. Inwieweit damit allerdings eine neue Ära in der (deutschen) Außenpolitik eingeleitet wurde, scheint doch mehr als fraglich zu sein. Blessing selber muss jedenfalls nach einer fast 250-seitigen Darstellung eingestehen, dass die Vorstellungen von einer „modernen Außenpolitik“ sich nur höchst rudimentär durchsetzen konnten (S. 329).
Das gilt bereits für den von ihm ausgewählten Paradefall der Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland, der die besten Voraussetzungen dafür bietet, seine These zu belegen. Was die deutsche Polenpolitik angeht – ein weiteres wichtiges außenpolitisches Feld – kann von einem solchen „modernen“ Ansatz gar nicht gesprochen werden. Im Gegenteil, die deutsche Außenpolitik schloss in der „Locarno-Ära“ Polen bewusst aus allen Sicherheitssystemen aus und suchte auch auf handelspolitischer Ebene eher den Konflikt als die Kooperation. In diesem Fall nur von einer „gewissen Asymmetrie“ (S. 329) zu sprechen, scheint deutlich untertrieben. Fazit: Wenn man nach den konkreten Ergebnissen fragt, lässt sich die These Blessings nur sehr ansatzweise belegen.
Der gleiche Misserfolg bei der Installierung einer „modernen Außenpolitik“ ist auch auf wirtschaftlichem Gebiet festzustellen, und dass, obwohl Blessing betont, dass sich die Regierungen in Deutschland und Frankreich einig darüber waren, „daß die Außenwirtschaftspolitik auch ein Mittel der Außenpolitik sein konnte und vielleicht sogar sein mußte“ (S. 437). Als einzigen Erfolg im Sinne seiner theoretischen Überlegungen verbucht Blessing den Abschluss des deutsch-französischen Handelsvertrages. Dieser Erfolg aber wurde dadurch konterkariert, dass er keineswegs von allgemeinen Zollsenkungen begleitet wurde. Ein Beispiel für den liberalen Welthandel stellt der Vertrag wohl kaum dar.
In den Kontext einer modernen Außenpolitik, bei der sich wirtschaftliche und politische Aspekte jeweils ergänzen sollen, gehören schließlich auch die Verhandlungen der beiden – und anderer europäischer – Schwerindustrien. Diesen Aspekt gewürdigt zu haben, ist ein weiteres Verdienst der Studie Blessings. Allerdings: stützen können sie das theoretische Gebäude seiner „modernen Außenpolitik“ ebenfalls nicht. Die Verhandlungen dienten nämlich zum einen – und in erster Linie – den eigenen wirtschaftlichen Interessen der jeweiligen Schwerindustrien, eine Tatsache, die der Autor eher unterbewertet. Zum anderen hatten sie – wenn sie überhaupt über die eigenen ökonomischen Interessen hinaus wirkten – entweder die Stabilisierung des Status quo (auf französischer Seite) zum Ziel oder aber erstrebten die Durchsetzung revisionspolitischer nationaler Ziele (Deutschland). Von einem gemeinsamen Agieren zum Zwecke einer friedlichen und liberalen Außen- und sowie einer freien Handelspolitik kann faktisch keine Rede sein. Dass auch bei diesen Verhandlungen Polen weitgehend ausgeschlossen blieb, sei nur am Rande vermerkt. Angesichts dieser Tatsachen schleicht sich der Verdacht ein, als solle der Revisionismus der Weimarer Außenpolitik durch das neue Modell ein wenig „verharmlost“ werden.
Der sicherlich faszinierende Ansatz hält also dem Praxistest nur partiell stand. Das ist ein Resümee, an dem auch der Autor nicht vorbeigehen kann. Es wäre daher zu überlegen, ob das theoretische Gebäude nicht zumindest der Realität „angepasst“ werden müsste, um sinnvoll damit operieren zu können. Denn zweifellos ist es ein hohes Verdienst dieser dicken Studie, die Auseinandersetzungen um die Außenpolitik in der Ära Stresemann auf ein höheres theoretisches Niveau gehoben zu haben. Hinter diesen Anspruch sollten auch zukünftige Studien nicht mehr zurückfallen
Der praktizierte Umgang mit dem neuen Ansatz wirft jedoch auch einige generelle Fragen auf. Wenn es zutrifft, dass in der Ära Stresemanns ein neues Paradigma der Außenpolitik entwickelt wurde, wäre auf jeden Fall intensiver zu diskutieren und zu erklären, warum dieses Paradigma nur auf die Politik gegenüber dem Westen und nicht gegenüber dem Osten zutraf. Kann man bei einer solchen Einschränkung tatsächlich von einem generellen Wechsel sprechen oder muss man doch eher von einem situationsgebundenem Anpassen an die Realität im Westen ausgehen? Das Beispiel Polen spricht ein wenig für eine solche Interpretation.
Hinzu kommen forschungspraktische Komponenten. Zum einen ist die Quellenbasis der Untersuchung nicht optimal. Das gilt zumindest für die deutsche Seite. Nur relativ wenige Akten aus dem Auswärtigen Amt und dem Reichswirtschaftsministerium sind genutzt worden. Akten der Verbände, der Schwerindustrie oder einzelner involvierter Firmen wurden erst gar nicht eingesehen. Wie deren Interessen bei schwerindustriellen oder Handelsvertrags-Verhandlungen mit Behördenakten eruiert werden sollen, scheint doch fragebedürftig zu sein. Zum anderen beschränkt sich die Argumentation des Autors im Wesentlichen auf die der Spitzenbeamten des Auswärtigen Amtes. War es aber nicht so, dass die moderne Form der Außenpolitik gerade auch die engen Grenzen der befassten staatlichen Ressorts sprengte, dass eine Erweiterung bis in den kulturellen Raum hinein stattfand? Mit dieser wichtigen Größe innerhalb seiner Konzeption beschäftigt sich der Autor erst gar nicht. Auch hier – so ist zu vermuten – wäre seine These allerdings wohl kaum zu halten gewesen.
Fazit: Ralph Blessing hat eine Dissertation verfasst, die Neuland betritt und neue Forschungsperspektiven eröffnet. Allerdings kann seine Studie weder in Inhalt, noch von der Quellenbasis, noch vom Zugriff die Bahnen der bisherigen Historiographie maßgeblich erweitern. In den Bereichen, in denen Blessing die klassischen Studien zur Außenpolitik hätte überschreiten können – bei den Verhandlungen im Bereich der Wirtschaft und der Wirtschaftsverbände – bleibt seine Dissertation eher ein wenig blass – und ist vor allem wenig quellengesättigt. Der interessante Ansatz ist mit dieser Arbeit bei weitem noch nicht ausgeschöpft.
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Citation:
Karl Heinrich Pohl. Review of Blessing, Ralph, Der mögliche Frieden: Die Modernisierung der Außenpolitik und die deutsch-französischen Beziehungen 1923-1929.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
November, 2008.
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