Kathrin Fischer. Das Wiccatum: Volkskundliche Nachforschungen zu heidnischen Hexen im deutschsprachigen Raum. Würzburg: Ergon Verlag, 2007. 291 S. ISBN 978-3-89913-589-3.
Reviewed by René Gründer
Published on H-Soz-u-Kult (October, 2008)
K. Fischer: Das Wiccatum
Die soziale Konstruktion alternativer religiöser Identitäten im Europa der Moderne beruht zu keinem geringen Teil auf dem Versuch einer Wiederbelebung vorchristlicher Glaubensvorstellungen im Sinne einer umfassenden Kultur- bzw. Zivilisationskritik. Stefanie von Schnurbein, Religion als Kulturkritik. Neugermanisches Heidentum im 20. Jahrhundert, Heidelberg 1992; Stefanie von Schnurbein; Justus H. Ulbricht (Hrsg.), Völkische Religion und Krisen der Moderne. Entwürfe ‚arteigener’ Glaubenssysteme seit der Jahrhundertwende, Würzburg 2001; Hubert Cancik / Uwe Puschner (Hrsg.), Antisemitismus, Paganismus, Völkische Religion, München 2004. Zahlreiche, nach eigenem Bekunden (neu–)heidnische Strömungen der Gegenwart konstruierten dabei im Rückgriff auf matriarchatstheoretische Ideen des 19. Jahrhunderts Als Beispiel: Johann Jakob Bachofen, Das Mutterrecht, Stuttgart 1861. ihre eigene Legitimationsgrundlage im Postulat einer erdverbundenen, „weiblichen“ Spiritualität.
Insbesondere die Figur der Hexe als Sinnbild für die durch christliche Geschichtsschreibung dämonisierte „weise Frau“ wirkt in neopaganen Gruppen bis heute Identität stiftend. Stefanie von Schnurbein, Neuheidnische Religionsentwürfe von Frauen, In: Dies. / Otto Bischofberger / Peter Hölzle (Hrsg.): Das Neue Heidentum. Rückkehr zu den alten Göttern oder neue Heilsbotschaft? Fribourg 1996. Solche Vorstellungen kollidieren jedoch zum einen mit dem im gesamtgesellschaftlichen Diskurs etablierten Bild der Hexe als ethisch devianter Randerscheinung des Volksaberglaubens und zum anderen ihrer Thematisierung als hilflosem Opfer der Inquisition. Daneben werden durch geisteswissenschaftliche Studien jüngeren Datums häufig Versatzstücke völkischer Ideologie in bestimmten Formen „weiblicher“ Spiritualität nachgewiesen. Stefanie von Schnurbein, Kräfte der Erde – Kräfte des Blutes. Elemente völkischer Ideologie in Fantasy-Romanen von Frauen, In: Weimarer Beiträge 44 (1998), S.600-614. Der aus diesem Spannungsverhältnis resultierende, durchaus ideologisch aufgeladene Konflikt zwischen positiv und negativ besetzten „Hexenbildern“ prägt die Geschichte der neopaganen Wicca–Bewegung Englisch für: Hexe, Hexerei. seit ihrer Entstehung in den 1950er-Jahren.
Kathrin Fischer untersucht in ihrem auf einer Dissertationsschrift beruhenden Buch die Entstehung, Differenzierung und Adaption differenter Symbol- und Glaubenswelten innerhalb der Wicca-Bewegung im deutschsprachigen Raum. Dabei führt die Volkskundlerin in ihr Thema mit der Frage nach der Korrespondenz von individuellen Selbstentwürfen heutiger WiccanerInnen und gruppenspezifischen Weltbildern aus den esoterisch–okkultistischen Strömungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ein. Die Rekonstruktion typischer Muster im Selbstverständnis neopaganer Hexen und deren Bezug auf jeweils spezifische Deutung von Geschichte ist das Ziel der Studie. Neben der Studie Fischers existieren im deutschsprachigen Raum bislang nur wenige Untersuchungen zum Thema. Vgl. Jörg Wichman, Wicca. Die magische Kunst der Hexen. Geschichte, Mythen, Rituale, 2. Aufl. Bonn 1990.; Oliver Ohanecian, Wer Hexe ist bestimme ich. Zur Konstruktion von Wirklichkeit im Wicca-Kult, Schenefeld 2005; Sowie: Birgit Neger, Die beiden Seiten des Zaunes. Zur Genese des Modernen Hexentums und Wicca unter besonderer Berücksichtigung Österreichs, unveröffentlichte Diplomarbeit, Historisches Seminar der Universität Wien, 2007.
Die Autorin versteht das Bild der Hexe als einen durchaus ambivalenten Stereotyp, der in je differenten sozialen und historischen Kontexten zu heterogenen Identitätsbildungsprozessen beigetragen hat. Der Entstehung dieses Stereotyps in der Vormoderne widmet sich Fischers Rezeption der historischen Hexenforschung. Schwerpunkte bilden hierbei einerseits die Amalgamierung römisch–antiker Hexenbilder (Diana–Priestertum) mit der kirchlichen Häresiebekämpfung im 15. Jahrhundert (Teufelsbuhlschaft, Hexenprozesse) und andererseits die Versuche kulturgeschichtlicher Objektivierung des frühneuzeitlichen „Hexenwahns“ im 19. und 20. Jahrhundert. Historisch–anthropologische, volkskundliche und theologische Erklärungsansätze zur Hexenfigur werden im ersten Teil des Buches diskutiert. Ein Befund Fischers ist, dass obgleich heute ein magischer Hexereiglauben keine soziale Relevanz entfaltet, dennoch ein primär negativ konnotiertes Hexenbild als Vermächtnis des neuzeitlichen ‚Hexenwahns’ in die Moderne hinein tradiert wurde.
Die Suche nach verlorenem esoterischen Wissen in der Freimaurerei und die zivilisationskritische Natursehnsucht der Romantik werden von Fischer als Hauptquellen jenes antiklerikalen Postulats einer durch das Christentum verfolgten keltischen Frauenpriesterschaft gesehen, das zur ideellen Grundlegung des Wicca-Kultes in Großbritannien nach dem 2. Weltkrieg diente. Dieser Prozess wird von der Autorin über die Hexen–Rezeption bei Jules Michelet (1798-1874) über James G. Frazer (1854-1941) und Margaret Murray (1863-1963) bis hin zu Gerald B. Gardner (1884-1964), dem Begründer des modernen Wiccatums, nachgezeichnet. Jules Michelet, La sorcière, Brüssel 1863; Margaret Alice Murray, The Witch-cult in Western Europe, Oxford 1921; Gerald B. Gardner, Ursprung und Wirklichkeit der Hexen, Weilheim 1965.
Bei Gardner, dem selbsternannten Wiederentdecker der Hexenreligion, fließen lebensreformerische, okkultistische und naturromantische Sehnsüchte nach einer verlorenen ‚Urreligion’ – um 1956 historisch durchaus etwas verspätet – in der Gründung des ersten Wicca-Covens zusammen. Die durch den amerikanischen Journalisten und Okkultisten Charles Godfrey Leland (1824–1903) im Roman „Aradia“ bereits 1899 publizierte Vorstellung einer matrilinearen Tradierung okkulten „Hexenwissens“ in wenigen Familienclans konkurrierte fortan mit dem von Gardner entwickelten initiatischen Vermittlungsweg.
Einer Darstellung von Modernisierung und Pluralisierung des Wiccatums in den 1970er-Jahren widmet die Autorin vergleichsweise wenig Raum, betont jedoch den überaus starken Einfluss des Feminismus und der gegenkulturellen Bewegungen auf den durch Gardner zunächst nach freimaurerischem Vorbild institutionalisierten Kult. Gegenwärtiges Wiccatum beruht hingegen zunehmend auf Selbsteinweihung und verzichtet dabei auf Traditionalismen.
Zur Beschreibung der Glaubenswelten der neuen Hexen gibt die Autorin einen Überblick zu bedeutenden „Eckpunkten des Wiccatums“, die sie im dualistischen Götterkonzept, in der Coven-Struktur (der Ritualgruppe im Wicca), im Festkalender des Jahreskreiszyklus, im Magiekonzept sowie in den Initiationsgraden und Ritualabläufen verortet. Im Fazit dieses Abschnittes unterstreicht Fischer den historisch rekonstruierten literarischen Charakter des modernen Wicca-Glaubens, der durch sein Angebot auf eine weit verbreitete „Suche nach den Wurzeln einer heimischen Ahnenkultur“ (S. 100) reagiert.
Im anschließenden empirischen Teil der Arbeit wird auf der Basis von 16 qualitativen Interviews die Integration tradierter Symbol- und Glaubenswelten des Wiccatums in die Lebensentwürfe heutiger Hexen untersucht. Dabei wird besonderes Augenmerk auf die Wechselwirkungen zwischen selbst gewählter „spiritueller Devianz“ und christlich geprägter Umgebungskultur gelegt. Unter den vielschichtigen und methodisch stringent erhobenen Befunden sei auf die Bedeutung der Konzepte „Hexenverfolgung“ und „Opferrolle“ für die Identitätsbildung der Wiccaner hingewiesen. Die Vorstellung, einer stigmatisierten und marginalisierten Glaubensform anzuhängen sensibilisiert die Befragten für Phänomene der Verfolgung Andersdenkender. Andererseits führt die individuelle Beschäftigung mit solchen Phänomenen häufig zur solidarischen Identifikation mit den Opfern historischer „Hexenjagden“. Der Bruch mit der eigenen christlichen Sozialisation folgt diesem Identifikationsprozess und forciert die Konversion zum „Heidentum“. Als Ergebnis der Analyse des Interviewmaterials wird eine dreiteilige Typologie heutiger Wiccaner gebildet, die zwischen einem priesterlichen, einem feministischen und einem floranen (individualistisch „freifliegenden“) Typus differenziert (S. 234f.).
Die Abschlussdiskussion charakterisiert Wicca als privatistischen Individualglauben der auf Grund allgemeiner religiösen Toleranz in pluralistischen westlichen Gesellschaften kaum mehr auf die durch seine Anhänger antizipierte rigorose Ablehnung trifft. Ein umfangreiches und dem Gegenstand der Arbeit angemessenes Glossar schließt den Band ab.
Kathrin Fischer ist es gelungen eine differenzierte Darstellung eines schwer zugänglichen, heterogenen Feldes alternativer Spiritualität auf empirischer Basis zu liefern. Die Autorin zeigt, wie historisch gewachsene Stereotype und Wissensformen im gesellschaftlichen Transformationsprozess des Wiccatums stabilisiert, modifiziert und teilweise negiert werden um schließlich im narrativen Material der Interviewstudie als Bestandteil subjektiver religiöser Sinnwelten aufzuscheinen. Die Möglichkeit, ihre empirisch gewonnene Typologie auf ihre Verbindung zu bestimmten biografisch-zeitgeschichtlichen Erfahrungshorizonten der Akteure hin zu befragen, wurde von der Autorin leider nicht hinreichend fruchtbar gemacht. Dadurch hätten die eingangs dargestellten historischen Rezeptionsstränge des Hexenglaubens stärker mit dem Material verbunden werden können. Sowohl bei dem „priesterlichen“ als auch beim „feministischen“ Typus erscheinen entsprechende Ansätze verfolgenswert.
Dabei bleibt es der Verdienst der Autorin gezeigt zu haben, auf welche Weise das aus humanistischer Kirchenkritik und romantischer Ästhetisierung des Religiösen erwachsene Konstrukt einer vorchristlichen Matriarchatsreligion mit „Hexen-Priesterschaft“ seine Relevanz für die Entstehung der heute international erfolgreichsten neopaganen Glaubensbewegung erlangte. Die Verortung der „Hexe“ im kollektiven Gedächtnis des Abendlandes scheint dabei bereits ein Stück des Weges von der marginalisierten Position eines ‚verfemten Teils’ im kollektiven Gedächtnis hin ins Zentrum postmoderner Wahlspiritualitäten zurückgelegt zu haben.
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Citation:
René Gründer. Review of Fischer, Kathrin, Das Wiccatum: Volkskundliche Nachforschungen zu heidnischen Hexen im deutschsprachigen Raum.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
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