Ulrike Vordermark. Das Gedächtnis des Todes: Die Erfahrung des Konzentrationslagers Buchenwald im Werk Jorge Semprúns. Köln: Böhlau Verlag, 2008. 289 S. (gebunden), ISBN 978-3-412-20145-6.
Reviewed by Anette Storeide
Published on H-Soz-u-Kult (October, 2008)
U. Vordermark: Das Gedächtnis des Todes
Mit dieser Studie über die Buchenwald-Erfahrung im Werk von Jorge Semprún, einer überarbeiteten Fassung ihrer Düsseldorfer Dissertation, ist Ulrike Vordermark ein wichtiger Beitrag zur Forschung über die so genannte Lagerliteratur gelungen. Der spanisch-französische Schriftsteller Jorge Semprún war Kommunist, Mitglied der Résistance und von Januar 1944 bis zur Befreiung im April 1945 Gefangener des KZ Buchenwald. Seit der Veröffentlichung seines ersten Romans 1963 publizierte er viele Bücher, in denen die Buchenwald-Erfahrung unterschiedlich große Rollen spielt. Inzwischen gehört Semprún zu den kanonisierten Zeugen der Konzentrations- und Vernichtungslager, in einer Reihe mit Primo Levi, Elie Wiesel, Jean Améry, Ruth Klüger und Imre Kertész.
Ulrike Vordermark zielt mit ihrem Vorhaben auf eine historische Analyse der literarisch verarbeiteten individuellen Lagererfahrung Semprúns und bezieht sich dabei auf seine 14 Romane, die die Buchenwald-Erfahrung mehr oder weniger explizit thematisieren und sich in unterschiedlichem Ausmaß zwischen Autobiographie und Fiktion bewegen. Im Unterschied zu vielen anderen Forschungsvorhaben über Semprún bleibt sie nicht bei den berühmten „Buchenwald-Romanen“ „Die große Reise“, „Was für ein schöner Sonntag!“ und „Schreiben oder Leben“ stehen, sondern betrachtet die literarische Vermittlung der Lagererfahrung Semprúns im Verhältnis zur literarischen Verarbeitung anderer Lebenserfahrungen (wie seiner Arbeit in der Kommunistischen Partei). Zudem begrenzt sie ihre Untersuchung nicht auf die Analyse der literarischen Gestaltung der häufig als ‚unsagbar’ und ‚unvorstellbar’ behaupteten Lagererfahrung und -erinnerung, sondern geht darüber hinaus auf theoretische Ansätze und erinnerungskonzeptionelle Aspekte der Romane ein. Auf diese Weise analysiert Vordermark die Romane Semprúns auch als Beiträge zur Diskussion über die Darstellbarkeit und das Gedenken des in einem breiten Sinne definierten Holocaust.
Nach einer Einleitung, in der zentrale theoretische Aspekte und Begriffe der Untersuchung näher erläutert und diskutiert werden sowie der aktuelle Forschungsstand aufgezeigt wird, folgt eine Skizze zu Leben und Werk Jorge Semprúns. Nach diesen zwei einleitenden Abschnitten folgen die vier Hauptteile der Studie, die sich auf vier Hauptaspekte der Buchenwald-Erfahrung im Werk Semprúns konzentrieren: den Darstellungsmodus und den Erinnerungsmodus der Lagererfahrung sowie die Lagererfahrung als Solidaritätserfahrung und als Todeserfahrung.
Überzeugend weist Vordermark sowohl Leitmotive und Kontinuitäten von Semprúns Texten nach als auch Differenzen und Wandlungen. So werden ein „Taumel“ der Erinnerung und dessen literarischer Ausdruck sowie eine Komplexität der literarischen Zeugenschaft Semprúns dargestellt, die sich von der bisher häufigen Behauptung der Forschung einer teleologischen Entwicklung Semprúns vom kommunistischen Widerstandskämpfer zum reflektierenden Zeugen unterscheidet. Monika Neuhofer, ‚Écrire un seul livre, sans cesse renouvelé‘. Jorge Semprúns literarische Auseinandersetzung mit Buchenwald, Frankfurt am Main 2006, S. 35f. Dabei erweist es sich als Vorteil, dass Vordermark das gesamte Werk Semprúns betrachtet und ihre Analyse eben nicht auf eine begrenzte Auswahl von Romanen reduziert.
Auf der Meta-Ebene der Romane wird die Frage nach der Vorstellbarkeit, der Sagbarkeit und der Darstellbarkeit der Lagererfahrung reflektiert. Vordermark hält fest, dass der eigene Erinnerungsprozess in Semprúns Romanen nicht nur ein wichtiges Thema bildet, sondern sogar zum Darstellungsprinzip wird. Semprún entwickelt eine eigene theoretische Position und ist zugleich bemüht, sie auf der Handlungsebene in den literarischen Texten ästhetisch umzusetzen. Dies kann Vordermark anhand vieler Textbeispiele eindrücklich belegen.
Die Textanalyse wird von der Frage nach der Kontextualisierung begleitet. Diese ist zwar notwendig und zum Teil gut gelungen, aber besonders im vierten Kapitel stört die deutliche Trennung zwischen Textanalyse und Kontextualisierung hinsichtlich der theoretischen Bezüge auf Gedächtnis- und Traumatheorie, weil die theoretischen Ausführungen (unter anderem zu Maurice Halbwachs) etwas ausufern. Diese Erläuterungen sind an sich recht lesenswert, doch durch ihre breite Einbettung in die Analyse wird die Textprogression erheblich gestört. Es wäre von Vorteil gewesen, diese Passagen zu straffen und sie schon im theoretischen Teil der Einleitung mit einzubeziehen.
Nach ihrer eingehenden Analyse der Gefangenschaftserfahrung in den Romanen resümiert Vordermark, dass die Buchenwald-Erfahrungen und Buchenwald-Erinnerungen auch von „kollektiven“ Aspekten der Gefangenschaft geprägt seien; die Zugehörigkeit Semprúns zur Gruppe der politischen Gefangenen sei im gesamten Werk mehr oder weniger markant. Diese Zugehörigkeit ermögliche ihm die Erinnerung an positive Erfahrungen im KZ Buchenwald und somit an den Ort des massenhaften Leidens und Sterbens. Denn obwohl die Erfahrung des Todes die prägnanteste Erfahrung aus und Erinnerung an Buchenwald repräsentiere und Semprún die Gruppe der politischen Gefangenen (vor allem diejenige der „prominenten“ kommunistischen „Funktionshäftlinge“) durch seine Erzählfiguren in kritischem Licht und ohne Beschönigung betrachten lasse, bilde die Zugehörigkeit zu eben dieser Gruppe – und die Erinnerung an die Solidarität, Brüderlichkeit und den gemeinsamen Widerstand – auch in den jüngsten Romanen einen wichtigen Bezugsrahmen für seine Erinnerung. Semprún beharre in seinem gesamten Werk darauf, dass der kommunistische Widerstand im Lager richtig und notwendig gewesen sei, obwohl er auch einen furchtbaren Preis forderte.
Vordermark betont, dass die Zugehörigkeit zur Gruppe der politischen bzw. kommunistischen Gefangenen für Semprún nicht nur während der Gefangenschaft in Buchenwald, sondern auch in der Zeit davor (als Widerstandskämpfer) und in der Zeit danach (als sich erinnernder Zeuge) von entscheidender Bedeutung gewesen sei, und schließt ihre Studie sogar mit der Schlussfolgerung ab: „Es gibt keine Buchenwald-Erfahrung bei Jorge Semprún jenseits einer Perspektive des ehemaligen politischen Häftlings.“ (S. 273) Angesichts der von ihr ausführlich präsentierten Analyse der Romane als Erinnerungsträger dürfte dies durchaus zutreffen, doch verwundert es, dass Falk Pingels Untersuchung zur „vorkonzentrationären Prägung“ und deren Bedeutung für das Leben und Überleben im Lager sowie für die nachträgliche Erinnerung an die Gefangenschaft an keiner Stelle erwähnt wird, auch nicht im Literaturverzeichnis. Falk Pingel, Häftlinge unter SS-Herrschaft. Widerstand, Selbstbehauptung und Vernichtung im Konzentrationslager, Hamburg 1978, S. 151f., S. 171f. Ein Bezug auf Pingels Analyse hätte Vordermarks Ausführungen in diesem Punkt einen wichtigen Rahmen und Halt bieten können.
Etwas zu kurz kommt in dieser sonst sehr lesenswerten Studie die Einordnung von Semprúns Werk im Umfeld der so genannten Lagerliteratur. Vordermark meint, dass sich Semprún mit seiner Befürwortung künstlerischer Methoden und Fiktionalisierungen in einer ziemlich einzigartigen Position befinde (Kap. III.1, III.3). An dieser Stelle wäre eine ausführlichere und explizitere Kontextualisierung Semprúns im Feld der so genannten Lagerliteratur aber wünschenswert gewesen. So steht Semprún mit seinem Eintreten für die Mittel der Kunst zwar in scharfem Gegensatz beispielsweise zu Primo Levi, Elie Wiesel und Jean Améry, vertritt aber eine ähnliche Haltung wie Imre Kertész, der notiert hat, die Konzentrationslager seien nur als Literatur vorstellbar, als Realität dagegen nicht. Imre Kertész, Wem gehört Auschwitz? Zu Roberto Benignis Film „Das Leben ist schön“ [1998], in: ders., Die exilierte Sprache. Essays und Reden, Frankfurt am Main 2003, S. 147-155, hier S. 148. Ein Rückbezug auf Kertész hätte Semprúns Position als Zeuge der „späten Phase“ noch deutlicher belegen können und die Unterschiede zwischen der frühen Phase des Bezeugens mit dem Fokus auf faktentreuem Realismus und der späteren Phase mit einem eher komplementären Verhältnis von Dokumentation und Fiktion stärker zum Vorschein kommen lassen.
Trotz dieser kleinen Einwände bleibt als Gesamteindruck festzuhalten, dass Ulrike Vordermark eine sehr aufschlussreiche und lesenswerte Studie vorgelegt hat, die nicht nur zu einem vertieften Verständnis von Jorge Semprúns Werk beiträgt, sondern auch weiterführende Fragen nach den Möglichkeiten und dem Verhältnis von Lagerliteratur und Lagerhistoriographie aufwirft.
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Anette Storeide. Review of Vordermark, Ulrike, Das Gedächtnis des Todes: Die Erfahrung des Konzentrationslagers Buchenwald im Werk Jorge Semprúns.
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October, 2008.
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