Anna Fischer. Erzwungener Freitod: Spuren und Zeugnisse von in den Freitod getriebener Juden der Jahre 1938-1945 in Berlin. Berlin: Text.Verlag, 2007. 192 S. ISBN 978-3-938414-45-3.
Reviewed by Christian Goeschel
Published on H-Soz-u-Kult (October, 2008)
A. Fischer: Erzwungener Freitod
Vorliegende Publikation ist das Ergebnis eines Forschungsprojekts zu den Selbstmorden Berliner Juden während des Dritten Reiches. In diesen Jahren schnellte die Suizidrate der Juden in die Höhe. Besonders nach antijüdischen Aktionen der Nationalsozialisten wie dem Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933, dem Anschluss Österreichs im März 1938 und dem Novemberpogrom 1938 sahen vielen Juden keinen anderen Ausweg, als sich das Leben zu nehmen. Ihren Höhepunkt erreichte die jüdische Selbstmordrate während der ab 1941 einsetzenden Deportationen in die Ghettos und Todeslager Osteuropas.
Viele Historiker haben sich mit diesem schwierigen Thema in den letzten Jahren auseinandergesetzt. 1984 publizierten Helmut Eschwege und Konrad Kwiet eine erste grundlegende Überblicksdarstellung zu Selbstmorden deutscher Juden während des Dritten Reiches. In ihrem 1984 erschienenen Buch „Selbstbehauptung und Widerstand“ widmeten sie dem Thema ein eigenes Kapitel, das vor allem die Häufigkeit und die politische Bedeutung der Suizide von deutschen Juden untersuchte. Weiterhin berücksichtigten Kwiet und Eschwege Kontinuitäten in der Kultur des Selbstmordes innerhalb des deutschen Judentums. So war die jüdische Suizidrate bereits in der Weimarer Republik erheblich höher als etwa die Selbstmordraten unter Protestanten oder Katholiken. Konrad Kwiet / Helmut Eschwege, Selbstbehauptung und Widerstand: Deutsche Juden im Kampf um Existenz und Menschenwürde 1933-1945, Hamburg 1984, S. 194-215.
Auch die seit den 1980er- und 1990er-Jahren auf großes Interesse stoßende deutsch-jüdische Memoirenliteratur bot aufschlußreiche Darstellungen zu Selbsttötungen der deutschen Juden während der Herrschaft des Nationalsozialismus. Siehe z.B. Monika Richarz, Jüdisches Leben in Deutschland: Selbstzeugnisse zur Sozialgeschichte, 1918-1945, Stuttgart 1982. Marion Kaplan untersuchte in ihrer 1998 erschienenen Studie zum deutsch-jüdischen Alltagsleben im Dritten Reich auch die Suizide deutscher Juden, die sie im Spannungsfeld „Between Dignity and Despair“ lokalisierte. Marion Kaplan, Between Dignity and Despair: Jewish Life in Nazi Germany, New York 1998. Auch Ursula Baumann untersuchte in ihrer 2001 publizierten Habilitationsschrift Selbstmorde deutscher Juden während des NS-Regimes. Ursula Baumann, Vom Recht auf den eigenen Tod: Die Geschichte des Suizids vom 18. bis zum 20. Jahrhundert, Weimar 2001. In einem wichtigen Forschungsprojekt setzt sich zur Zeit Darcy Buerkle mit den Suiziden jüdischer Frauen auseinander. Siehe z.B. Darcy C. Buerkle, Historical Effacements: Reading Charlotte Salomon, in: Michael P. Steinberg / Monica Bohm-Duchen (Hrsg.), Reading Charlotte Salomon, Ithaca 2006, S. 73-87; Vgl. auch Christian Goeschel, Suicides of German Jews in the Third Reich, in: German History, 25 (2007), S. 22-45.
Anna Fischers Behauptung, dass Suizide deutscher Juden während des Dritten Reiches „bislang in der systematischen Forschung nur wenig Beachtung“ fanden (S. 12), trifft schlichtweg nicht zu. In einer knappen Einleitung erläutert Fischer die Vorgehensweise zu ihrer Untersuchung der Selbstmorde von 1667 Berliner Juden, die in den Jahren 1938 bis 1945 auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee bestattet wurden. Fischers Rekonstruktion der Suizidfälle stützt sich vornehmlich auf Begräbnisunterlagen des Friedhofs und auf zahlreiche Interviews und Korrespondenzen mit Angehörigen. Freilich gab es einen gewaltigen Unterschied zwischen der oft von Schock-Zuständen geprägten deutsch-jüdischen Selbstdarstellung und Wahrnehmung der Suizide in der Zeit vor 1945 und der Erinnerung an diese Fälle nach 1945. In der deutsch-jüdischen Erinnerungskultur an den Holocaust nach 1945 wurden die Suizide häufig von den noch viel grausameren Massenmorden in den nationalsozialistischen Todeslagern überschattet.
Fischers These ist, dass die Suizide eng mit der nationalsozialistischen Verfolgung der Juden zusammenhingen. Jedoch vermag sie es nicht, die Suizide überzeugend mit den einzelnen Stufen der eskalierenden nationalsozialistischen Verfolgungspolitik zu kontextualisieren. Fischer zeigt, dass sich die demographische Zusammensetzung der Berliner jüdischen Gemeinde sich im Dritten Reich sehr stark änderte. Wie Kwiet, Eschwege und andere Historiker bereits gezeigt haben, sind die meisten Suizide in der Altersgruppe der über 60-jährigen zu vermuten. Junge Juden tendierten trotz aller damit verbundenen Schwierigkeiten – zumindest bis 1941 – zur Auswanderung oder konnten sich – wie etwa 10.000 Berliner Juden – versteckt halten. Älteren Juden gelangen diese mit größten existentiellen Problemen verbundenen Handlungsweisen nur selten. Suizide waren daher häufig eine altersspezifische Reaktion auf die Deportationen und die NS-Verfolgungspolitik. Des Weiteren stellt sich die – von Fischer nicht ausführlich diskutierte – Frage, inwiefern die Selbstmörder sich selbst überhaupt als „Juden“ betrachteten. Denn bekanntlich waren viele Berliner Juden sehr akkulturiert und wurden erst von den Nationalsozialisten als „Rassejuden“ stigmatisiert.
Auch der Titel „Erzwungener Freitod“ wirft einige Fragen auf. Waren, wie Fischer mehrfach behauptet, die jüdischen Selbstmörder wirklich „Opfer durch Freitod“? Als passive Opfer sahen sich diese Personen sicherlich nicht, war doch der Akt des Freitodes ein letztes Zeichen der Selbstbehauptung gegenüber dem nationalsozialistischen Terror.
Fischer bietet kurze biographische Darstellungen, zitiert teilweise aus Abschiedsbriefen und versucht, soweit dies überhaupt möglich ist, die Beweggründe für die einzelnen Freitode zu untersuchen. Am Ende des Bandes steht eine Auflistung der von Fischer ermittelten Suizide.
Als Beitrag zur Historiographie des Holocaust und der Geschichte des Suizids deutscher Juden im Dritten Reich vermag Fischers Buch nicht zu überzeugen. Eine gründlichere Lektüre und Auswertung der bereits existierenden Studien zu deutsch-jüdischen Suiziden und zum jüdischen Alltagsleben im Dritten Reich hätten den Band erheblich verbessert. Eine weitere wichtige Frage ist, wie die Suizide von Juden mit Selbsttötungen anderer Verfolgter im Dritten Reich zusammenhängen könnten. Die eigentliche Leistung Fischers liegt in ihrer Zusammenstellung von bisweilen faszinierenden Dokumenten und der Schilderung von Einzelfällen.
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Citation:
Christian Goeschel. Review of Fischer, Anna, Erzwungener Freitod: Spuren und Zeugnisse von in den Freitod getriebener Juden der Jahre 1938-1945 in Berlin.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
October, 2008.
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