Richard Wagner. Der deutsche Horizont: Vom Schicksal eines guten Landes. Berlin: Aufbau Verlag, 2006. 399 pp. (cloth), ISBN 978-3-351-02628-8.
Reviewed by Georgi Verbeeck (Universiteit Maastricht)
Published on H-German (May, 2009)
Commissioned by Susan R. Boettcher
Gegen den Strich: Betrachtungen über die Lage der Nation
Im Zuge der Betrachtungen der neueren politischen und kulturellen Entwicklung in Deutschland ist es gut, einen Blick auf das Buch des deutsch-rumänischen Autoren Richard Wagner zurückzuwerfen. In Deutschlands Erinnerungslandschaft ist eine Paradigmenverschiebung wahrzunehmen, die vor allem seit der rot-grünen Regierung Gerhard Schröders sichtbarer geworden ist. Verschiedene Beobachter verweisen darauf, daß das neue Deutschland erst seit dem Ende der neunziger Jahre aus dem Schatten der alten Bonner Republik getreten ist; seitdem seien die Konturen der Berliner Republik deutlicher geworden. Deutschland tritt selbstbewußter auf und Schuldkomplexe spielen eine viel weniger dominante Rolle als in der Vergangenheit.
Richard Wagner wurde 1952 im rumänischen Banat geboren. Aufgrund von Schwierigkeiten mit der kommunistischen Regierung, verließ er 1987 das Land und ließ sich in West Berlin nieder. Mit seinem Namen verbinden sich zahlreiche Erzählungen, Essays und Romane. Der Essayist stellt sich mit diesem Buch in die Reihe antilinker Intellektueller, die Deutschland von seinen Schuldkomplexen und politisch-korrekter Verkrampftheit befreien wollen. Im Visier seiner Kritik befinden sich die "Stalinisten" und die "Gutmenschen". Gemeint sind damit die Erben der 68er, die ihm zufolge verantwortlich dafür seien, daß die Deutschen ein "normales" Verhältnis zu ihrer Nation verspielt haben. Kern des Problems sei die Hypothek des Nationalsozialismus, die die geistige Nachkriegsentwicklung Deutschlands belastete. Er schreibt: "Der Nationalsozialismus wirkt bis heute nicht nur als Last des Verbrechens, sondern auch als große Warnung von der nationalen Initiative. Als solche Warnung ist er früh von den Stalinisten bis zu den heutigen Gutmenschen instrumentalisiert worden. Sie haben mit ihrem Warndiskurs vom immer noch fruchtbaren Schoß jede Normalisierung des Nationenbegriffs blockiert. Die aus Sorge um die Gegenwart gepflegten Rituale der kollektiven Schande haben letzten Endes die nötigen Antriebe der heutigen deutschen Gesellschaft untergraben" (S. 273).
Wagner wendet sich in seiner Schrift gegen "Tabus", "Rituale" und typisch deutsche "Hysterien". Diese werden bereits seit den 80er Jahren von der rechten Publizistik thematisiert, die immer lauter nach einem wiederzuerlangenden deutschen Selbstbewußtsein ruft. Dabei geht es nicht allein um die häufig beschworene Vergangenheitsbewältigung, die deutsche Wiedervereinigung und die Integration von Ost und West, sondern auch um die Rolle Deutschlands in Europa und in der Welt, Migration und Multikulturalismus, die ökologische Bewegung und die Umweltfrage, Militarismus und Abrüstung. Lösten mit Botho Strauß' Spiegel-Essay "Anschwellender Bocksgesang" (1993) und Heimo Schwilks Die selbstbewusste Nation (1995) rechte Intellektuellen noch in den 90er Jahren einen medialen Sturm aus, so wurde das Erscheinen von Wagners Der deutsche Horizont zehn Jahre später eigentlich kaum wahrgenommen. Der Zeitgeist hat sich anscheinend so gewandelt, daß ein unverhohlenes Plädoyer für die Anerkennung Deutschlands als "ein gutes Land" linksliberalen Kritikern kaum eine Zeile wert war.
Als Waffe nutzt Wagner die Form des Pamphlets, das mit apodiktischen Aussagen gespickt ist: dramatische Formulierungen, häufig provozierend und interessant, eine Einladung zur Debatte wie zur Reflexion. Häufig allerdings bleibt die Kritik oberflächlich und wenig systematisch. Und das ist genau der schwache Punkt, denn Wagner stößt oft reale Probleme an, die eine gründlichere, nuanciertere Analyse verdienten. Er beschäftigt sich mit zu vielen Fragen auf einmal, ohne tiefgründig und mit der nötigen Sachkenntnis darauf einzugehen. Der essayistische Charakter seines Plädoyers läßt ihn sich mitunter in nicht zu entwirrende Widersprüche verwickeln. So tritt er als Verfechter eines neuen "Ethos unserer Gesellschaft" auf, eines rehabilitierten "Gemeinschaftsgefühls" und eines Lebens, in dem es "ums Ganze" geht. Komischerweise plädiert er gleichzeitig (in Zusammenhang mit der Verarbeitung der DDR-Vergangenheit) für ein Abschiednehmen von einem beklemmenden Einheitsdenken: "Eine demokratische Gesellschaft sollte nicht die seelenlose Harmonie anstreben, sondern sich zu ihrem Konfliktreichtum bekennen" (S. 122). Letzteres mag man begrüßen, doch steht es in krasser Gegensprache zum erstickenden "Gemeinschaftsgefühl", für das er an anderer Stelle eintritt.
Wagner ist ein begabter Essayist, der sich mitunter in der Mündung seines Gedankenstroms zu verirren droht. Er ist ein bewußter Provokateur, der viele irritieren, aber nur wenige überzeugen wird. Das hat sicher mit seinem Stil zu tun, aber vielleicht noch mehr mit dem Zeitpunkt, zu dem das Buch erschien. Der Normalisierungsprozeß in Deutschland ist schon seit längerem unterwegs und die von Wagner gewünschten Änderungen sind bereits eher Realität geworden, als er sich selbst eingestehen will.
If there is additional discussion of this review, you may access it through the network, at: https://networks.h-net.org/h-german.
Citation:
Georgi Verbeeck. Review of Wagner, Richard, Der deutsche Horizont: Vom Schicksal eines guten Landes.
H-German, H-Net Reviews.
May, 2009.
URL: http://www.h-net.org/reviews/showrev.php?id=23092
![]() | This work is licensed under a Creative Commons Attribution-Noncommercial-No Derivative Works 3.0 United States License. |




