Jörn Ahrens, Stepan v. Braese. Im Zauber der Zeichen. Berlin: Verlag Vorwerk 8, 2007. 183 S. ISBN 978-3-930916-86-3.
Reviewed by Hedwig Wagner
Published on H-Soz-u-Kult (June, 2008)
J. Ahrens u.a. (Hrsg.): Im Zauber der Zeichen
Der vorliegende Sammelband ist in die kulturalistische Medialitätsforschung einzuordnen, die sich in Abkehr vom technischen Apriori in der Medienanalyse der Unterseite des Technisch-Maschinalen zuwendet, sozusagen seiner Nacht- und Schattenseite: dem Imaginären des Medialen. An der ästhetischen oder ideen- und mentalitätsgeschichtlichen Analyse geschult, stehen die Artikel auf kulturwissenschaftlicher Basis mit zumeist ausgezeichneter medientheoretischer Kenntnis.
In ihrer Einleitung stellen die Herausgeber Jörn Ahrens und Stephan Braese die Generallinie des Bandes dar: Rituelles, Magisches, Kultisches, Spirituelles, Unbewusstes hat sich in die als Medien verstandenen Zeichen verlagert und konserviert, um von dort aus seine „Heimsuchungen“ (J. Derrida) zu betreiben. Selbst im heutigen, kommunikationstechnisch verstandenen Medienbegriff ist also das spiritistische Erbe wirksam und hallt nach. Berührt wird das Feld des Imaginären der Medien, der Konnex von Psyche/Psychoanalyse und Medien mit Annahmen zum medialen Unbewussten und unbewussten Medialen, die kulturgeschichtliche Vorgeschichte von Medien in der Magie und im Ritus. Dabei werden die Forschungsfragen erkenntlich, ohne explizit Hypothesen zum Erkenntnisinteresse zu benennen, epistemische Grundannahmen offen zu legen und medientheoretische Revisionen zu postulieren.
Die Konzeption des Bandes sieht vor, einen konkreten Untersuchungsgegenstand, sei es ein technischer Apparat, ein ästhetischer Text oder ein Phänomen, auf seine medientheoretische Bedeutung hin zu befragen bzw. zu fragen, wie er medientheoretisch gedeutet werden könnte. In den Einzelbeiträgen müsste also, neben dem Nachweis, wie genau die geschichtliche Fortwirkungsweise geschieht – als Aufhebung? als Verdrängung? – die Frage beantwortet werden, wie sich die Materialität des Trägersubstrats zur spirituellen Materialität des Zeichens verhält, wie das technische Medium sich zu seinen symbolischen Aufladungen, imaginären Einschlüssen et cetera verhält.
Die elf Einzelbeiträge sind von angenehmer Kürze, wissenschaftlich state of the art, thetisch pointiert und sprachlich prägnant. Nahezu durchweg sehr gut gelungen ist die Rekonstruktions- und Analysearbeit an den verschiedensten Facetten von Medienbegriffen; und bei aller kulturgeschichtlichen und technikhistorischen Genauigkeit der untersuchten Einzelphänomene ist die medienkulturwissenschaftliche Leistung herauszustellen, die in der Analyse Geschichte, Technik und Ästhetik als die das Mediale bestimmenden Faktoren zusammendenkt.
Medientheoretisch breit versiert und auf dem neuesten Stand nähert sich Sebastian Gießmann in „Technische Körper, Verkörperte Technik: Anmerkungen zum Buchdruck“ anhand der Untersuchung der Druckerschnellpresse „Windsbraut“ dem Thema der Mensch-Maschinen-Verbindung in technikgeschichtlicher und philosophischer Perspektive. Fokussiert auf die Prothesentheorien betont er, dass die Organprojektionen und Körperextensionen als Erklärung des Maschinalen nur noch als notwendig Imaginäres der Technik- und Mediengeschichte fungieren und kein mediengeschichtliches Evolutionsmodell darstellen können. Die auch medienhistorisch gut informierte Rekonstruktion von Druck und Satz im 19. Jahrhundert weist die Verschaltung von Mensch und Maschine im Medialen aus, was sich über das Paradigma von Interiorisierung (Aufnahme des Maschinalen in den Bereich des Menschlichen) und Exteriorisierung (Organprojektionen und Körperextensionen als Erklärung des Maschinalen) medienwissenschaftlich analysieren lässt.
Peter Matussek sichtet in „Goethes Medientheorie“ literarische und naturwissenschaftliche Schriften Goethes auf den Gebrauch des Wortes Medium hin, um eine sich verändernde Medienbegriffsvorstellung nachzuzeichnen und daran mit einer Medientheorie avant la lettre die ganz grundsätzliche Problematik eines anthropologisch erweiterten Medienbegriffs einerseits und eines technisch-objektivistischen Medienbegriffs (und damit einer Medientheorie) andererseits aufzuzeigen. Das Spannungsfeld zwischen anthropologischer und technischer Medienbegründung wird von Matussek nicht über die Perzeption aufgelöst, die Wahrnehmung von Medien durch den Menschen, sondern darüber, was sie jeweils über den anderen Part des Medienzusammenspiels aussagen können: die technischen Medien über den Menschen und die Menschen über die technischen Medien.
Der wissenschaftsgeschichtlich bestens orientierte Artikel „’Der mikroskopische Gegenstand zeichnet sich selbst.’ Robert Kochs Konzept bakterieller Repräsentation“ von Olaf Briese zeichnet anhand von Robert Kochs Photographien von Bakterien zum einen die Technikgeschichte des Mikroskops in Kürze nach, seine Verbindung mit der Fotografie, die kenntnisreich mit Wissenschaftsidealen und Forschungsannahmen der Zeit in Verbindung gebracht werden, um erklären zu können, warum das Mikroskop erst so spät wissenschaftlich eingesetzt wurde. Darüber hinaus wird herausgearbeitet, welches wissenschaftliche Bildverständnis den fotografisch festgehaltenen Bakterien zugeschrieben wurde und von welchem medialen Bildverständnis diese zeugen. Sie sind demnach Ausdruck „wissenschaftlicher Bildmagie“, bei der im Vergessenmachen der Konstruktionsleistung des Bildes, indem also Ästhetik, Ideologie, Technik, Kognition und Kommunikation zusammenfallen, das Abbild zum Urbild wird. Es wirkt fast schon wie eine Übererfüllung der Forschungshypothesen des spiritistischen Nachklangs des Medialen, die zum Hauptbestimmenden des Mediums werden kann, wenn die Bakterienfotografien als Perfektion der herkömmlichen magischen Praktiken gedeutet werden, bei der Krankheitserreger sprachlich oder visuell nachgebildet wurden.
Dass ein Band, der sich auch der spiritistischen Vergangenheit der Medien und ihres heimlichen Wiedergängertums im heutigen Medienbegriff annimmt, sich mit den okkulten Medien, den Menschen, die als Verbindung mit der Geisterwelt auftraten, annehmen muss, versteht sich von selbst. Natascha Adamowsky widmet sich in „Mr. Home schwebt raus und wieder rein. Zur Bedeutung des Mediums für (okkulte) Wissenschaften“ einer möglichen Verbindung der grundlegend verschiedenen Medienbegriffe, indem sie nach der Medialität fragt, die schwebenden Tischen und dem fliegenden Mr. Home mit unseren Medien gemein sein könnte. Medialität, von den Polen Anwesenheit und Abwesenheit, Realität und Fiktion, Tatsächlichem und Möglichem bestimmt, erweist sich in beiden Fällen als „ein Unsicherwerden der Differenz zwischen Geist und Körper, Immateriellem und Materiellem im Moment ihres Neuarrangements“ (S. 112). Im Moment des Erlebens werde die Differenz zwischen Fiktion und Realität nivelliert.
Der Beitrag „Die Ausnahme und die Regel. ’Ding und Medium’ nach Fritz Heider“ von Bernhard J. Dotzler nimmt im Band eine Ausnahmestellung ein, insofern er nicht mehr der Konzeption des Bandes folgt, ein Konkretes mit der allgemeinen Medientheorie zu durchleuchten, sondern Dotzlers Anliegen ist die Medientheorie selbst, die Arbeit am Begriff des Mediums. Er profiliert dabei Fritz Heiders inzwischen klassisch zu nennende Schrift „Ding und Medium“ vor dem Hintergrund eines Medienbegriffs, wie er vor den technischen Medien gedacht wurde, als z.B. Drittes, das die Vermittlung zwischen Auge und Gegenstand garantiert. Heider, Fritz, Ding und Medium, in: Symposion, 2 (1921), S. 109-157. Dotzler hebt dies gegen die spätere Vereinnahmung durch die Luhmannsche Systemtheorie einerseits hervor, betont, dass Heiders Medienbegriff sehr wohl das physikalisch wirkende Mittel/Vermittelnde im Sinne hatte (wie etwa Licht, Luft, Wasser) und stellt andererseits klar, dass die Informationsübertragung (entgegen der Luhmannschen Heiderinterpretation) Heiders Medienbegriff bestimmte.
Reiner Stollmann erweist sich in „Wissen ist Nacht. Elementare Begriffe der Medientheorie von Alexander Kluge und Oskar Negt“ als eloquenter Fernsehhasser, der unter Berufung auf Negt und Kluge seine Meinung kund tut, dass Fernsehen Nicht-Erfahrung ist. Am weitesten weg von der klassisch wissenschaftlichen Argumentation, neigt er zur geistreichen Rhetorik und generellen Welterklärung. Er zeichnet im Groben eine Weltgeschichte unter „Rekonstruktion“ der Bewusstseins-Industrialisierung, von der die Medien ein Bestandteil seien. Etwas zu flott geschrieben, ist sein Artikel in Frage und Antwort-Form gehalten mit sehr assoziativ anmutenden Gedankensprüngen.
Das Buch von ansprechendem Layout und handwerklich solide (mit Fadenbindung!) ist in dem kleinen, unbekannten Verlag „Vorwerk 8“ erschienen – was hoffentlich seine Vermarktungschancen nicht beeinträchtigt –, gleichwohl es sicherlich in den großen einschlägig medienwissenschaftlichen Verlagen, wie z.B. „transcript“, auch gute Chancen gehabt hätte. Eine gute, schlüssige Konzeption und – so ist zu vermuten – gute redaktionelle Betreuung haben die Qualität und die Homogenität des Buches durch Lektoratskorrekturen seitens der Herausgeber gewährleistet.
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Citation:
Hedwig Wagner. Review of Ahrens, Jörn; Stepan v. Braese, Im Zauber der Zeichen.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
June, 2008.
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