Heike Bungert, Cora Lee Kluge, Robert C. Ostergren. Wisconsin German Land and Life. Madison, WI: Max Kade Institute for German-American Studies (University of Wisconsin-Madison), 2006. 216 S. $24.95 (cloth), ISBN 978-0-924119-26-2.
Reviewed by Katja Wüstenbecker
Published on H-Soz-u-Kult (November, 2007)
H. Bungert u.a. (Hrsg.): Wisconsin German Land and Life
Der von Heike Bungert, Cora Lee Kluge und Robert C. Ostergren herausgegebene Sammelband entstammt einem langjährigen Forschungsprojekt, an dem Wissenschaftler auf beiden Seiten des Atlantiks beteiligt waren. Unter der Federführung des „Max Kade Institute for German-American Studies“ an der „University of Wisconsin“ in Madison und der Universität zu Köln entstanden mehrere Studien zur regionalen Geschichte Wisconsins, die interdisziplinär angelegt sind. Für den vorliegenden Band wurde bewusst eine starke zeitliche und räumliche Eingrenzung gewählt: Es werden ausschließlich Einwanderer aus dem Rheinland untersucht, die sich in den 1840er- und 1850er-Jahren im ländlichen Süden und Osten Wisconsins angesiedelt haben. Ziel dieser Regionalstudie ist es, die Lebensumstände dieser Immigranten mit denen aus anderen europäischen Ländern vergleichen zu können.
Der Band besteht aus einer Einleitung, zehn Aufsätzen und einem Schlusswort. Die Aufsätze sind in drei Kapitel untergliedert, die sich (I) mit der Ausgangssituation der Auswanderer im Rheinland; (II) dem Migrationsprozess an sich; und (III) der Erfahrung der Einwanderer in Wisconsin ausführlich auseinandersetzen. Die meisten Aufsätze sind mit Fotos, Grafiken oder Statistiken angereichert, die das Beschriebene veranschaulichen. Für Leser, die keine Detailkenntnisse über Wisconsin mitbringen, wäre es jedoch zu wünschen gewesen, wenn im Einleitungsteil eine Karte von Wisconsin eingefügt worden wäre, zu der man immer wieder hätte zurückblättern können. So wurde es den Autoren selbst überlassen, ob sie Karten verwenden, was viele leider nicht getan haben.
Nach einer kurzen Einleitung durch die Herausgeber, in der der zeitliche und geografische Rahmen des Sammelbandes vorgestellt wird, folgen drei Aufsätze, die die Ausgangssituation der Auswanderer im Rheinland untersuchen. Anke Ortlepp beschreibt im ersten Aufsatz, wie die ländliche Bevölkerung im preußischen Teil des Westerwalds im 19. Jahrhundert gelebt hat. Sie veranschaulicht die politische Lage nach den Napoleonischen Kriegen und beschreibt die wirtschaftlichen und klimatischen Gegebenheiten in den kleindörflichen Strukturen, die von der einsetzenden Industrialisierung nicht profitieren konnten. Anhaltender Bevölkerungswachstum und immer kleiner werdende Parzellen durch Realteilung im Erbfall führten schließlich dazu, dass sich mehrere Bauern und ihre Familien aus dem Wiedischen Land dazu entschlossen, nach Dodge County in Wisconsin auszuwandern, so lange sie es sich noch leisten konnten. Ortlepps Verwendung von historischen Land- und Flurkarten bereichern die Erläuterungen. Ulrich Sänger knüpft an Ortlepps Aufsatz an, indem er ebenfalls die Auswanderung aus einer ausgewählten Region des preußischen Rheinlandes untersucht. Er beschreibt die Lebensumstände einer kleinen Gruppe von Emigranten aus der Kölner Bucht, die nach Cross Plains in Wisconsin auswanderten. Auch hier führte der Bevölkerungswachstum zu wirtschaftlichen Schwierigkeiten, doch im Gegensatz zu den Auswanderern aus dem Westerwald waren sie finanziell besser ausgestattet. Der abschließende Aufsatz von Ute Langer geht der Frage nach, wo Wissenschaftler die Quellen finden können, die sie für solche regionale Untersuchungen benötigen. Am Beispiel des Westerwalds und der Kölner Bucht erklärt sie schrittweise, wo sich die entsprechenden Archive befinden und welche Quellenarten man dort einsehen kann. Für diese Erläuterungen verwendet Langer anschauliches Bildmaterial.
Der zweite thematische Teil, der den Migrationsprozess untersucht, besteht aus vier Aufsätzen. Timothy Bawden unternimmt eine geografische Analyse Wisconsins. Er geht dabei zunächst der Frage nach, warum Wisconsin für Immigranten interessant war und untersucht dann ausführlich, in welchen Regionen des Staates sich deutsche Einwanderer niedergelassen haben. Bawdens Aufsatz gibt insgesamt einen guten Gesamtüberblick über Wisconsin. Der folgende Beitrag von Johannes Strohschänk und William G. Thiel untersucht den politischen Einfluss auf die Einwandererströme. Von Juni 1852 bis zum April 1855 schickte Wisconsin einen „Commissioner of Emigration“ nach New York, um möglichst viele der dort eintreffenden Einwanderer in den eigenen Staat zu lenken. Die Autoren beschreiben ausführlich, welche Aufgaben der Commissioner hatte, wie er versuchte, mit zu wenig Mitarbeitern und zu geringer finanzieller Ausstattung Einwanderer zu erreichen und ihnen im Bedarfsfall auch juristisch zu helfen. Strohschänk und Thiel zeigen auch auf, wie die in den 1850er-Jahren zunehmende fremdenfeindliche Stimmung in den Vereinigten Staaten dazu führte, dass das Büro in New York nach nur drei Jahren wieder geschlossen werden musste. Im anschließenden Aufsatz untersucht Scott Moranda, welches Gelände von deutschen Einwanderern bevorzugt wurde. Er hinterfragt die bisherige These, wonach sich Deutsche wenn möglich bewaldetes Hügelland aussuchten, weil es sie an ihre Heimat erinnere und weil Wald zum deutschen Nationalbewusstsein gehöre. In einer detaillierten statistischen Analyse kommt Moranda zu dem Schluss, dass sich deutsche Einwanderer häufig Land an Wasserwegen kauften, um sich Transportmöglichkeiten zu sichern; dass sie – wie viele andere Einwanderer auch – oft nicht das Geld hatten, sich bereits gerodete Flächen zu leisten; und dass sie Waldteile auf ihren Besitzungen dazu nutzten, sich in Krisenzeiten ein zusätzliches Einkommen zu sichern. Im letzten Beitrag untersucht Helmut Schmahl am Beispiel einer gut dokumentierten Auswanderergruppe aus Rheinhessen den Einfluss von Briefen und Reiseberichten auf die Wahl der neuen Heimat. Schmahl kann nachweisen, dass früher Ausgewanderte oft ganze Landstriche aufkauften, um nachkommenden Familienmitgliedern und Nachbarn die Möglichkeit zu geben, auch in Wisconsin dicht beieinander zu siedeln. Auch hier wäre es zu besseren Veranschaulichung hilfreich gewesen, wenn Karten aus Rheinhessen und den beschriebenen Counties in Wisconsin beigefügt worden wären.
Die letzten drei Aufsätze untersuchen die Erfahrungen der Einwanderer in ihrer neuen Heimat. Kevin Neuberger greift dabei die von Ortlepp anfangs beschriebene Gruppe aus dem Wiedischen Land auf und vergleicht ihre neuen Ländereien mit denen im Rheinland. Er stellt fest, dass sie nun mehr Land besaßen und dementsprechend alle in Bezug auf Ertrag und Tierhaltung erfolgreicher waren als zuvor. Im anschließenden Aufsatz beschreibt M. Beth Schlemper das "Holyland", eine Region in Wisconsin, die überwiegend von deutschen Katholiken aus der Eifel besiedelt worden ist. In einer sehr anschaulichen Darstellung kann sie nachweisen, dass durch Briefe und Reiseberichte viele Familienmitglieder und ganze Dorfgemeinschaften dazu ermutigt wurden, sich dort gemeinsam anzusiedeln. Die Beschreibung wird durch Karten und zahlreiche Fotografien bereichert. Der abschließende Aufsatz von Suzanne Townley ist eine statistische Vergleichsstudie von Cross Plains, Wisconsin. Townley untersuchte dort die Ländereien verschiedener Einwanderergruppen, um zu überprüfen, ob es bezüglich Getreidesorten, Ertragsmengen und Tierbeständen Unterschiede zwischen Rheinpreußen und anderen Immigranten gab. Sie kommt zu dem Schluss, dass es bei den verschiedenen ethnischen Gruppen durchaus unterschiedliche Vorlieben bezüglich der Feldfrüchte gab, die zum Teil auf kulturelle Gewohnheiten zurückzuführen sind. So weist sie nach, dass viele deutsche Einwanderer mehr Roggen und Hopfen angebaut haben, während "Amerikaner" mehr Rinder züchteten und Weizen anbauten.
Dieser Sammelband ist eine interessante Regionalstudie, die Auswanderer vom Westerwald nach Reeseville, von der Kölner Bucht nach Cross Plains, von der Eifel ins "Holyland" und von Rheinhessen nach Sheboygan County begleitet. Dabei wurde von den Autorinnen und Autoren herausgearbeitet, dass diese Immigranten sich in Wisconsin erfolgreich an die neuen Lebensumstände angepasst haben: Sie besaßen größere und vor allem zusammenhängende Flächen; sie lebten nicht mehr in einem Dorf zusammen, von wo aus sie täglich auf die Felder hinausfuhren, sondern hatten nun die Farmen auf ihrem Land, wodurch sie weiter voneinander entfernt wohnten; sie lernten neue Feldfrüchte kennen; sie mussten ihr Land oft erst roden; sie mussten sich an andere klimatische Verhältnisse anpassen; sie fanden zum Teil noch keine bestehende Infrastrukturen wie Straßen, Geschäfte, Schulen und Kirchen vor; und sie mussten ihr Land oft nicht unter ihren Kinder aufteilen, sondern konnten neues Land dazu kaufen. All diese Erfahrungen sorgten dafür, dass sie anders wirtschafteten als zuvor in der Heimat, obwohl sie dennoch von ihrer amerikanischen Umwelt als deutsche Einwanderer wahrgenommen wurden: Sie waren nicht mehr Rheinländer, aber sie waren auch anders als die "Amerikaner". Ich möchte mich dem Schlusswort der Herausgeber anschließen, wonach es sinnvoll ist, weitere regionale Untersuchungen zu deutschen Einwanderern in Wisconsin durchzuführen. Neue Analysen im lokalen Bereich bereichern die überregionalen und damit oft vereinfachten Ansätze, die zumeist in der Vergangenheit gewählt wurden ("Deutsche in Amerika"). Es bleibt aber die Bitte an die Herausgeber, künftig mehr Kartenmaterial für ihre geografischen Untersuchungen einzufügen.
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Citation:
Katja Wüstenbecker. Review of Bungert, Heike; Lee Kluge, Cora; Ostergren, Robert C., Wisconsin German Land and Life.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
November, 2007.
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