Jörg Rüpke. Zeit und Fest. München: Beck, 2006. 256 pp. (gebunden), ISBN 978-3-406-54218-3.
Reviewed by Jenny Rahel Oesterle
Published on H-Soz-u-Kult (October, 2007)
J. Rüpke: Zeit und Fest
Das Buch des Erfurter Religionswissenschaftlers Jörg Rüpke verspricht im Untertitel, eine "Kulturgeschichte des Kalenders" zu sein. Eine Kulturgeschichte, die zugleich nur eingeschränkt als ‚Kulturgeschichte' verstanden werden will, wie der Autor in reflektierten methodischen Überlegungen zu Anfang des Buches klarstellt. Eine Beschäftigung mit dem Kalender von der Antike bis in die Gegenwart führe, so Rüpke, sähe man von detaillierten technischen Veränderungen und kleinteiligsten Berechnungspräzisionen ab, zu einer "Nicht-Geschichte" (S. 9), da sich nur wenige Veränderungen aufzeigen ließen. Seine ‚Kulturgeschichte' will er zudem nicht im Sinne eines weitumfassenden, ausufernden Kulturbegriffs verstanden wissen (S. 12). Stattdessen hat Rüpke ein Buch vorgelegt, das sich der im einleitende Kapitel geäußerten Intention des Autors gemäß mit "unserem Umgang mit dem Kalender" (S. 8), das heißt der Problematik des Kalenders als "kulturellem Produkt" beschäftigt. Es geht dem Autor vor allem darum, zu analysieren, "was der Kalender mit uns und was wir mit ihm machen: um die Zeitrhythmen, die unser Alltagsleben prägen, um die Daten, Gedenktage und Feste, die ein Sediment und Symbol unserer kollektiven und individuellen Geschichte sind" (S. 7f.). Zugleich will Rüpke ein Bild von der "Rolle, den Potentialen, den Funktionen und Missverständnissen von Kalendern in der europäischen Geschichte" (S. 17) entwerfen.
"Europäische Geschichte" bedeutet für Rüpke in erster Linie römische Geschichte. Gut zwei Drittel des Buches beschäftigen sich mit dem römischen Kalender, wobei der Autor sich an einzelnen Stellen bemüht, einen Bezug zu anderen Epochen zu stiften. Quellennah und detailkundig, sich aber nicht in Einzelheiten verlierend, schildert er die Veränderungen des römischen Kalenders (etwa den Übergang vom Mond- zum Sonnenkalender oder die Verschriftlichung des Kalenders). Im Fortgang seines Buches richtet Rüpke sein Augenmerk besonders auf den Zusammenhang von Kalender und Zeit sowie Kalender und Fest, wobei er in einzelnen Kapiteln Schwerpunkte in den Bereichen Politik, Religion und Recht setzt. Ferner nimmt er den Problemkomplex von Kalender und Geschichte sowie "Kalendergeschichten" in den Blick, beschäftigt sich hier vor allem mit Kalendern als Gedächtnisorten (Lieux de memoire) und dem Kalenderkommentar des Ovid. Den letzten fünf Kapiteln ("Kalender und Politik", "Kalender im Kopf", "Sinn im Kalender", "Kalenderpolitik" und "Ohne Uhr ins vierte Jahrtausend") ist deutlicher als den Kapiteln zuvor der Bezug zur Neuzeit und Gegenwart eingeschrieben. Die Fragen des Autors werden nun in eine fortlaufende ‚Geschichte' eingebunden. Im Kapitel über "Kalender und Politik" (S. 143-164) beispielsweise zieht Rüpke einen roten Faden von den römischen Kaiserfesten, über frühneuzeitliche Feste bis hin zu Jahrestagen im Nationalsozialismus und in der DDR.
Wie der Autor selbst bemerkt, hat jede Geschichte Grenzen, "Grenzen im Raum und in der Zeit" (S. 18). Die Eingrenzung bzw. Konzentration auf die römische Geschichte, deren fundierter Kenner der Autor zweifellos ist, ist grundsätzlich nicht zu bemängeln, zumal in der Tat die Entstehungsgeschichte des für Jahrtausende mehr oder weniger gültigen Kalenders im europäischen Kulturraum in diese Epoche fällt. Auch der Versuch, zwischen historischen Entwicklungen und zeitgeschichtlichen gesellschaftlichen Fragen Bezüge zu stiften, ist durchweg lobenswert. Problematisch ist indes, wenn der Autor behauptet, "rund fünfundzwanzig Jahrhunderte" seien "in dieser Kulturgeschichte des Kalenders" (S. 197) in den Blick geraten. Diese Behauptung ist äußerst euphemistisch, wenn man bedenkt, dass etwa das Mittelalter in Rüpkes Werk nur knappste Erwähnung findet und die Frühe Neuzeit in Bezug auf die Einführung des Gregorianischen Kalenders und die französische Kalenderreform allenfalls schlaglichtartig thematisiert wird. An zahlreichen Stellen springt der Autor direkt vom antiken Rom mit wenigen Sätzen in die Frühe Neuzeit und dann in die Gegenwart oder direkt von der Antike in die Zeitgeschichte (etwa S. 159ff., S. 171ff., S. 190ff.). Wäre der Titel des Buches bescheidener formuliert worden (etwa: "Eine Kulturgeschichte des antiken Kalenders mit einem Ausblick in die Neuzeit"), hätte Missverständnissen in der Erwartung der Leserschaft leicht vorgebeugt werden können, die der hochgesteckte Titel "Zeit und Fest. Eine Kulturgeschichte des Kalenders" weckt.
Ferner scheint mir, dass Jörg Rüpke bei seiner Beschäftigung die Ergebnisse der Ritualforschung der letzten Jahrzehnte nur knapp berücksichtigt hat. Dies fällt zunächst bei der Verwendung der Begriffe Ritus, Ritual, Traditionen und Brauch auf, die der Autor nicht weiter reflektiert. In der Ritualforschung ist ausführlich über den Sinn einer begrifflichen Abgrenzung zwischen Ritual, Zeremoniell, Ritus und ähnliches mehr diskutiert worden Zusammenfassend Althoff, Gerd, Die Veränderbarkeit von Ritualen im Mittelalter, in: Ders.: Formen und Funktionen öffentlicher Kommunikation im Mittelalter, Stuttgart 2001, S. 157-176, bes. S. 158 oder Stollberg-Rilinger, Barbara, Symbolische Kommunikation in der Vormoderne. Begriffe- Thesen-Forschungsperspektiven, in: ZHF 31 (2004), S. 489-527. , doch zeigt die Verwendung etwa des Begriffs "Routineritual" (S. 64) bei Rüpke, dass er sich dieser Problematik nicht bewusst ist. Gerade um Zeitrhythmen zu erspüren und um Feste zu analysieren, wären aber Zugriffe aus dem Kontext der Ritualforschung hilfreich gewesen, wie sie das Buch nur in Ansätzen enthält (etwa S. 83ff.).
Eingangs wirft Jörg Rüpke die Frage auf, ob der Kalender Zeit lasse, ein Buch über den Kalender zu lesen. Besonders für Althistoriker und an der Entstehungsgeschichte des Kalenders Interessierte lohnt sich ein Platz im Terminkalender für die Lektüre dieses gut geschriebenen, klar strukturierten und informativen Buchs.
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Citation:
Jenny Rahel Oesterle. Review of Rüpke, Jörg, Zeit und Fest.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
October, 2007.
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