Gerald Horne. The Deepest South: The United States, Brazil, and the African Slave Trade. New York: New York University Press, 2007. 352 S. $75.00 (cloth), ISBN 978-0-8147-3688-3; $24.00 (paper), ISBN 978-0-8147-3689-0.
Reviewed by Nora Kreuzenbeck
Published on H-Soz-u-Kult (October, 2007)
G. Horne: The Deepest South
Mit „The Deepest South. The United States, Brazil and the African Slave Trade“ legt der Historiker Gerald Horne eine Monographie vor, die an seine kürzlich geäußerte Forderung nach einer „transnational research agenda for African American history“ Horne, Gerald, Toward a Transnational Research Agenda for African American History in the 21st Century, in: The Journal of African American History, 91 (2006), 3, S. 300. anzuknüpfen scheint. Die Untersuchung der Beziehungen zwischen den USA und Brasilien, den zwei „great slave empires of the 19th century“ (S. 1) ist ein gelungener und in großen Teilen originärer Beitrag zur Darstellung der globalen Dimensionen des transatlantischen Sklavenhandels. Sie bezieht längst nicht nur Brasilien und die USA, sondern darüber hinaus viele der Akteur/innen im Sklavenhandel in der atlantischen Welt ein. Horne überzeugt mit der These, dass „U.S. slavery is better understood in hemispheric terms – the Slave South saw in alliance with Brazil a formidable hedge against a future relationship with the North” (S. 1). Brasilien diente weißen US-Amerikaner/innen demnach nicht nur als gigantischer Absatzmarkt in einem Geschäft, dem sich die USA im 19. Jahrhundert zu verschließen suchten, es war auch Projektionsfläche für Expansionsträume von einem riesigen „slave empire“ vom Amerikanischen Süden bis zum Amazonas, in dem weiße US-Amerikaner/innen unbehelligt von Washington und London ihrem Geschäft und Lebensstil nachgehen konnten (S. 4ff.). Einige African Americans, wie etwa Frederick Douglass, sahen in Brasilien dagegen einen Ort, an dem „no prejudice against color has ever existed“ (S. 104)
Hornes Studie ist in Teilen diplomatiegeschichtlich angelegt, bedient sich dabei aber, wie der Autor am Anfang seiner Arbeit zu erkennen gibt, immer auch einem sozialhistorischen Zugriff (S. 1) Die Darstellung geht chronologisch vor und erstreckt sich von der Kolonialzeit bis hin zur Reconstruction und darüber hinaus. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Zeit von 1840 bis in die 1870er-Jahre. Wie die zeitliche Einteilung bereits vermuten lässt, liegt der inhaltliche Fokus dabei eindeutig auf den USA, und die Studie ist „very much a story that involves Brazil (and Africa) in the eyes of the U.S. – and not vice versa” (S. 1).
Horne befasst sich zunächst mit der Involvierung der englischen Kolonien und der frühen US-amerikanischen Republik in den transatlantischen Sklavenhandel. Die Tatsache, dass das englische Mutterland und Portugal seit langer Zeit enge Verbündete waren, vereinfachte auch die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Portugals Kolonien in Südamerika und den englischen Kolonien in Nordamerika. Ein Bundesgesetz von 1794, das die Partizipation von US-Bürgern im Sklavenhandel außerhalb der USA untersagte, wurde wie so viele Folgegesetze kaum durchgesetzt. Ab den 1830er-Jahren stieg der transatlantische Sklavenhandel nach Brasilien unter reger Beteiligung von US-Amerikanern dramatisch an, und es wurden Stimmen laut, die Brasilien und auch dem US-amerikanischen Süden das gleiche Schicksal wie Saint Domingue/Haiti voraussagten (S. 26) – ein Diskurs, der im Verlauf der Darstellung immer wieder eine wichtige Rolle spielt.
Die folgenden zwei Kapitel untersuchen unter anderem die Organisation des Sklavenhandels und die Handhabung des Verbotes. Während Washington äußerst halbherzig gegen den transatlantischen Sklavenhandel vorging, unterhielt London ein ganzes Geschwader zur Kontrolle der Westafrikanischen Küste und ging mit zunehmender Vehemenz gegen den illegalen Sklavenhandel vor. Die Präsenz von US-Schiffen an afrikanischen Küsten stieß zudem auf erheblichen bewaffneten Widerstand durch die Bevölkerung (S. 44). Nachdem London ab 1839 autorisiert war, Schiffe zu durchsuchen, die unter brasilianischer, portugiesischer oder spanischer Beflaggung fuhren, waren die USA eine der letzten westlichen Staaten, die die Durchsuchung seiner Schiffe durch fremde Mächte untersagte; ein Umstand, der den US-Amerikanern im internationalen Menschenhandel einen wesentlichen Vorteil verschaffte (S. 34). Doch nicht nur der Verkauf von Menschen, auch der Bau von Sklavenschiffen brachte US-Amerikanern erhebliche Gewinne ein (S. 58).
Im Zentrum des sich anschließenden Kapitels steht der Diplomat und Sklavenbesitzer Henry Wise aus Virginia, der von 1844 bis 1847 als Gesandter der US-Regierung in Brasilien fungierte, wo er sich gegen den illegalen transatlantischen Sklavenhandel einsetzte und aufgrund einer starken Opposition in Brasilien und den USA sein Amt frühzeitig aufgeben musste. Horne vermutet, dass Wise angesichts der enormen schwarzen Mehrheit in Brasilien ein „second Haiti, only bigger and more dangerous“(S. 73) befürchtete, das zudem erhebliche Auswirkungen auf den US-amerikanischen Süden haben würde. Wises vorzeitige Abberufung aus Rio de Janeiro deutet darüber hinaus an, welch enormen Einfluss die Befürworter der Wiedereröffnung des transatlantischen Sklavenhandels in Washington erlangt hatten. Viele US-amerikanische Exilant/innen in Brasilien waren überwältigt von der großen Anzahl an schwarzen Menschen in Brasilien, wie Horne eindrucksvoll in diesem und dem folgenden fünften Kapitel herausarbeitet. Mit Einsetzen des kalifornischen Goldrausches 1848 wurde Rio de Janeiro für tausende US-Amerikaner/innen ein Zwischenstopp auf der langen Schiffsreise nach Kalifornien. Der Anblick der täglich in Rio eintreffenden Sklavenschiffe polarisierte die Meinungen der Reisenden aus den USA, von denen viele zum ersten Mal versklavte Menschen sahen. Unter Reisenden aus den Südstaaten erregte vor allem die Tatsache Anstoß, dass brasilianische Konzeptionen von „race“ eine hohe gesellschaftliche Mobilität von Menschen afrikanischer Abstammung zuließen und „blood mixture“ (S. 92) nicht unüblich und kaum offen marginalisiert wurde.
Horne erörtert in Kapitel sechs die Pläne Matthew Fontaine Maurys, US-amerikanische Sklavinnen und Sklaven in die Amazonasregion zu exportieren, und ordnet dieses Ansinnen einer größeren Debatte um US-amerikanischen Expansionsbestrebungen nach Südamerika – dem „deepest south“ – zu. Aus Sicht vieler Befürworter/innen der Sklaverei galt Brasilien als möglicher Zufluchtsort und Expansionsraum für Sklavenhalter/innen, sollte es aufgrund des Konfliktes über die Sklavereifrage zur Sezession von den USA kommen. Dass viele weiße Südstaatler/innen die Aufhebung des Verbotes des internationalen Sklavenhandels forderten, war symptomatisch für die Expansionspläne des Südens und der damit verbundenen Abwendung vom Norden (S. 127).
In den stark diplomatiegeschichtlich angelegten Kapiteln acht und neun beschreibt Horne zunächst die zunehmende politische und diplomatische Isolation der „Confederate States of America“ während des Sezessionskrieges (S. 171). Anschließend diskutiert er die Pläne der US-Regierung, ehemals versklavte Menschen in Brasilien anzusiedeln. Die Kolonisierungspläne scheiterten neben vielen anderen Gründen daran, dass Brasilien die Aufnahme der ehemaligen Sklaven und Sklavinnen ablehnte.
Das in vielen Fällen klägliche Scheitern von weißen Südstaatler/innen im Exil in Brasilien nach dem Ende des Krieges skizzieren die äußerst gelungenen Kapitel zehn und elf. Nicht nur die unbekannte Sprache und die Katholische Religion befremdeten die ehemaligen Konföderierten, die selbst auf wenig Gegenliebe bei der brasilianischen Bevölkerung stießen. Vor allem machte es den Exilant/innen zu schaffen, dass die rassistischen Regeln der Gesellschaft des Alten Südes mit ihrer strikten Trennung in schwarz und weiß im Sinne der „one-drop-rule“ in Brasilien schlicht nicht funktionierten (S. 232ff.). Spätestens mit dem Ende der Reconstruction kehrten viele der Émigrés in den Süden der USA zurück (S. 243).
Abschließend schlägt Horne einen Bogen ins 21. Jahrhundert. Um den Bedarf an Studien zur transnationalen Dimension des atlantischen Sklavenhandels zu unterstreichen, lässt Horne es sich nicht nehmen, auf George W. Bushs legendäres Treffen mit dem brasilianischen Präsidenten Fernando Henrique Cardoso im Jahre 2002 anzuspielen, bei dem der US-amerikanische Präsident angeblich sein Gegenüber mit der Frage „Do you have blacks too?“ einigermaßen überraschte (S. 252).
Manchmal kommt in der Darstellung die Perspektive der menschlichen Fracht der Sklavenschiffe zu kurz. Dass das Schweigen der versklavten Afrikaner/innen über weite Teile des Buches hinweg sicherlich auch ein Problem der prekären Quellenlage ist, problematisiert der Autor nicht. Das ist insofern schade, als dass die Studie immer dann besonders stark ist, wenn sie die Perspektiven von African Americans auf Brasilien in einem US-amerikanischen Spannungsfeld zwischen Abolitionismus und Sklaverei aufzuzeigen vermag. Was die euro-amerikanische Perspektive angeht, kann Horne erwartungsgemäß mit einer enormen Menge an sorgfältig recherchiertem Quellenmaterial aufwarten. Er zieht eine Vielzahl von Materialien wie etwa Zeitungsartikel, Reiseberichte, Tagebücher, Gerichtsakten und persönliche und geschäftliche Briefe heran. Horne lässt über lange Passagen hinweg das Quellenmaterial für sich selbst sprechen, ohne es unmittelbar in eine Analyse einzubetten. Diese Strategie sorgt sicherlich für eine gewisse Dynamik und suggeriert eine scheinbare Nähe zu den Protagonist/innen. Darüber, ob dies der Studie in analytischer Hinsicht zuträglich ist, lässt sich freilich diskutieren. Außerdem verursacht die häufige Aneinanderreihung von längeren Zitaten aus dem Quellenmaterial oft eine gewisse Verunsicherung bezüglich der Frage, wer nun eigentlich gerade spricht und in welchem Kontext dies geschieht. „The Deepest South“ ist recht theoriearm – dabei hätten doch gerade eine verstärkte Theoretisierung der Analysekategorie „race“ in einem Spannungsfeld zwischen den USA und Brasilien mit sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen Vorstellungen von „race“ äußerst produktiv sein können. Auch eine vertiefende Auseinandersetzung mit dem Begriff „transnational“ hätte die Studie und das Forschungsfeld um eine weitere Ebene bereichert. Außerdem ist zu bedauern, dass sich die Arbeit kaum in der bestehenden Forschungslandschaft verankert.
Trotz dieser Einwände ist „The Deepest South“ eine empfehlenswerte Lektüre für alle, die sich grundlegend über die US-amerikanische Beteiligung am afrikanischen Sklavenhandel in Brasilien informieren wollen. Sie ermöglicht einen guten Überblick über die Abläufe des transatlantischen Sklavenhandels und eröffnet darüber hinaus aufgrund ihres transnationalen Ansatzes viele originäre und spannende Perspektiven auf die US-amerikanische Sklaverei als Teil eines hemisphärischen Phänomens. Besonders gelungen ist dabei, wie Horne die Vernetzung und Bewegung einzelner Individuen über nationalstaatliche Grenzen hinweg sichtbar macht.
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Citation:
Nora Kreuzenbeck. Review of Horne, Gerald, The Deepest South: The United States, Brazil, and the African Slave Trade.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
October, 2007.
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