Margarethe Szeless. Die Kulturzeitschrift "magnum": Photographische Befunde der Moderne. Marburg: Jonas Verlag für Kunst und Literatur, 2007. 188 pp. EUR 25.00 (paper), ISBN 978-3-89445-382-4.
Reviewed by Elke Grittmann
Published on H-Soz-u-Kult (November, 2007)
M. Szeless: Die Kulturzeitschrift "magnum"
Wer sich mit dem Fotojournalismus der 1950er- und 1960er-Jahre im deutschsprachigen Raum beschäftigt, stößt immer wieder auf einen einflussreichen Protagonisten: Karl Pawek. Als langjähriger Chefredakteur und zeitweiliger Herausgeber der Kulturzeitschrift „magnum“, die von 1954 bis 1966 erschien, als Organisator der „Weltausstellungen der Fotografie“ und schließlich als Verfasser einer Reihe programmatischer Schriften (zum Beispiel „Das optische Zeitalter“, 1963; „Das Bild aus der Maschine“, 1968) hat Pawek die Diskussion um das Genre entscheidend geprägt. 1983 wurde ihm der Kulturpreis der Deutschen Gesellschaft für Photographie verliehen. Sein Image als Verfechter einer modernen Reportagefotografie ist inzwischen allerdings massiv in Frage gestellt worden. Vor wenigen Jahren hat der Fotohistoriker Timm Starl neue Quellen publiziert, die die ständestaatliche und nationalsozialistische Gesinnung des 1906 in Wien geborenen und in scholastischer Philosophie promovierten Publizisten seit Mitte der 1930er-Jahre bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs belegen. Dabei hatte Pawek noch wenige Tage vor Kriegsende nicht vor einer Denunziation zurückgeschreckt, die die Hinrichtung der Denunzierten zur Folge hatte. Vgl. Starl, Timm, Die Kehrseite der Geschichte. Karl Pawek: Priesterzögling, Zeitschriftengründer, NSDAP-Anwärter, Kriegsverbrecher, Psychopath, Ausstellungsmacher, Kulturpreisträger, in: Fotogeschichte 87 (2003), S. 65-69. Am Beispiel von „magnum“ und der seit 1964 initiierten „Weltausstellungen der Fotografie“ hat Starl versucht, die Kontinuität einer nationalsozialistischen Weltanschauung in Paweks Arbeit auch nach 1945 zu belegen. Starl, Timm, ‚Der ewige Mensch’. Karl Pawek und die ‚Weltausstellungen der Photographie’, in: Back, Jean; Schmidt-Linsenhoff, Viktoria (Hrsg.), The Family of Man 1955–2001. Humanismus und Postmoderne. Eine Revision von Edward Steichens Fotoausstellung, Marburg 2004, S. 122-139.
Mit ihrer Dissertation hat die Kunsthistorikerin Margarethe Szeless nun erstmals eine umfassende Studie zu der Kulturzeitschrift „magnum“ vorgelegt. Ziel ist die kritische Analyse der Modernität, die „magnum“ nach wie vor ungebrochen zugeschrieben wird. Vgl. z.B. Rössler, Patrick, Viewing our Life and Times. American and German Magazine Design in the 20th Century. A Cross-Cultural Perspective on Media Globalization, Erfurt 2004, hier S. 39. Neben der bereits 1941 gegründeten Schweizer Kulturzeitschrift „Du“ gilt „magnum“ als richtungsweisend für modernes Zeitschriftenlayout, Reportagefotografie und einen modernen Kulturbegriff im deutschsprachigen Raum. Pawek, der seit Gründung der Zeitschrift 1953 als Chefredakteur, dann von 1955 bis 1962 als Herausgeber fungierte, erscheint bei Szeless als Schlüsselfigur für das Verständnis von „magnum“. So konzentriert sich die Analyse der Zeitschrift auf die Zeit bis zu Paweks Ausscheiden aus der Redaktion 1962. Zentrale These der Arbeit ist, dass das christlich geprägte und von Szeless als restaurativ bewertete Weltbild Paweks auch „magnum“ bestimmte. Das Buch ist in zwei Teile gegliedert. Im ersten Teil erschließt Szeless Paweks fototheoretische Auffassung aus seinen Schriften und ordnet sie fotohistorisch ein. Der zweite Teil ist dann der Analyse von „magnum“ sowie der Deutung des Kultur- und Modernebegriffs gewidmet.
Im ersten Teil wird aus der – streckenweise selektiven – Analyse von Paweks programmatischen Schriften deutlich, welchen medientheoretischen Überbau Pawek für die so genannte „Life-Fotografie“ – im Sinne einer modernen Reportagefotografie – entwickelt hat. In Rekurs auf die bisherige Forschung arbeitet Szeless klar die Differenz, aber auch die Gemeinsamkeiten zum Konzept der „subjektiven Fotografie“ sowie die Anknüpfung an die Phänomenologie heraus. So aufschlussreich ihre Analyse von Paweks Fototheorie gerät, so kritisch ist dieses Kapitel im Gesamtkontext zu bewerten: Als Basis zur Analyse der Hefte ist es zu eng gefasst, da es Szeless im Folgenden keinesfalls nur um die „Life-Fotografie“ in „magnum“ geht.
Im Mittelpunkt des zweiten Teils steht die Analyse der Kulturzeitschrift, die sich auf vier Schwerpunkte konzentriert: das Gesamtkonzept mit den zentralen Essays; die thematisierte Kultur; Ästhetik und Stil der Fotografie sowie das Layout. Die Kapitel sind ausgesprochen voraussetzungsvoll. Man muss die Zeitschrift bereits kennen, um eine Vorstellung davon zu haben, wie sie aufgebaut ist. Auch fehlen für einzelne Behauptungen immer wieder die Quellennachweise. Diese Kapitel sind zweifellos dort am ertragreichsten, wo Szeless die Heftinhalte und deren Gestaltung analysiert und interpretiert. Zunächst rekonstruiert sie den Produktions- und Rezeptionskontext der Zeitschrift. Die übergreifenden Themen der einzelnen Ausgaben sollten aktuelle Zustandsbeschreibungen des Menschen in der modernen (Massen-)Gesellschaft liefern. Dabei hat „magnum“ auch Stellung zu aktuellen Diskursen bezogen. Anhand der veröffentlichten Essays lässt sich zwar ein außerordentliches Spektrum an Positionen der Autoren beobachten. Da das unmittelbare Mitarbeiterumfeld Paweks aber stark christlich geprägt gewesen sei, betont Szeless immer wieder den christlichen „Grundtenor“ der Zeitschrift (S. 58). Den Nachweis anhand der Essays bleibt sie jedoch schuldig.
Das folgende Kapitel beschäftigt sich mit dem in „magnum“ vertretenen Kultur- und Modernebegriff. Kultur wurde mit Hochkultur gleichgesetzt – thematisiert wurden vor allem Bildende Kunst, Design, Literatur sowie Architektur der Moderne der 1920er-Jahre bzw. deren Fortleben nach 1945. Im Kapitel „Photographie in ‚magnum’“ stehen die Aufnahmen der langen, lediglich von Paweks Kommentaren und Bildunterschriften ergänzten Bildstrecken der Zeitschrift im Mittelpunkt. Dort fand sich vielfach die internationale Elite der Reportagefotografie wieder. Szeless systematisiert sehr anschaulich die unterschiedlichen stilistischen Gestaltungsmittel; ihre Analyse der Fotografien ist spannend und überzeugend. Die Fotos wurden in „magnum“ häufig entkontextualisiert und in einen neuen Zusammenhang gestellt. Der Versuch, „magnum“ als „einen Anschauungsunterricht für Paweks theoretische Überlegungen zur Photographie“ zu modellieren (S. 11), ist dagegen methodisch wie theoretisch fragwürdig. Paweks „Life-Doktrin“, von der Szeless immer wieder spricht, ist nicht vor oder während, sondern erst nach bereits jahrelanger Praxis bei „magnum“ entstanden. Zwischen der ersten Ausgabe von „magnum“ und Paweks letzter Schrift „Das Bild aus der Maschine“ liegen fast 15 Jahre. Daher können die theoretischen Schriften allenfalls als Ergebnis, nicht jedoch umgekehrt als Erklärung seiner Praxis dienen.
Schließlich steht das zentrale „Markenzeichen“ von „magnum“ im Mittelpunkt: der „Dialog der Bilder“, der durch Gegenüberstellung zweier Aufnahmen entsteht. Szeless legt hier offen, wie über Analogiebildung oder die häufiger eingesetzte Kontrastmontage neue Aussagen über Gesellschaft und Kultur entstanden. (Christliche) Tradition stand Moderne gegenüber, Alter der Jugend, Reichtum der Armut usw. – mit teils rassistischer Stoßrichtung (vgl. S. 122ff.). Die Fotos erhielten durch Paweks Bildkommentare die Funktion des Belegs, der letztendlich Paweks eigene Weltanschauung stützte.
Diese Weltanschauung und ihre Kontinuität in Paweks Tätigkeit, insbesondere als Schriftleiter bei der Kulturzeitschrift „die pause“ vor 1945, bei „magnum“ und in seinen späteren Schriften, untersucht Szeless im abschließenden Kapitel des zweiten Teils. Szeless zeichnet hier den Einfluss einzelner Theoretiker, Philosophen und Wissenschaftler auf Paweks Kulturtheorie überzeugend nach – eine Kulturtheorie, die sie im Schlusskapitel (in Anlehnung an Jeffrey Herf) als „reactionary modernism“ charakterisiert.
Insgesamt ist Szeless dem Ansatz gefolgt, die Interpretation vorrangig vom Urheber eines Werks, dessen Weltanschauungen und ästhetischen Vorstellungen abzuleiten – mögen diese auch teilweise kulturell und zeitgeschichtlich eingeordnet werden. Das ist für die Analyse einer Zeitschrift, die immerhin 13 Jahre lang erschienen, nachweislich von mehreren Mitarbeiter(inne)n produziert und von zahlreichen Autoren geprägt wurde, methodisch zunächst fragwürdig. Für „magnum“ erscheint diese Reduktion dort vertretbar, wo sich Pawek sowohl Themen- wie Bildauswahl vorbehalten haben soll, zumal er die Bildtexte wohl allein verfasst hat. Um wirklich umfassende Aussagen über das Weltbild in „magnum“ treffen zu können, bedürfte es jedoch eines stärker systematisierenden Verfahrens.
Immerhin lassen sich auch andere Tendenzen in „magnum“ finden, wie etwa eine verstärkte Politisierung seit Ende der 1950er-Jahre. Die angeblich unpolitische Haltung hat „magnum“ beispielsweise mit Illustrierten wie dem „Stern“ in jener Zeit geteilt. So kann nur als Frage formuliert werden, ob der „christlich-ständestaatliche“ Kulturbegriff, den Szeless ausmacht, tatsächlich so dominant gewesen ist. Das ständige Oszillieren zwischen Pawek und „magnum“ macht die Lektüre streckenweise anstrengend. Sowohl zur Person als auch zur Zeitschrift hat Margarethe Szeless jedoch einen wichtigen und fundierten Beitrag geleistet. Weitere ideologiekritische Studien zum Fotojournalismus wären sehr zu wünschen.
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Elke Grittmann. Review of Szeless, Margarethe, Die Kulturzeitschrift "magnum": Photographische Befunde der Moderne.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
November, 2007.
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