Katharina Klotz. Das politische Plakat der SBZ/DDR 1945-1963: Zur politischen Ikonographie der sozialistischen Sichtagitation. Aachen: Shaker Verlag, 2006. 157 pp. EUR 49.80 (paper), ISBN 978-3-8322-4138-4.
Reviewed by Christoph Kivelitz
Published on H-Soz-u-Kult (August, 2007)
K. Klotz: Das politische Plakat der SBZ/DDR 1945-1963
Ausgangspunkt der Arbeit von Katharina Klotz zum politischen Plakat der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und der DDR zwischen 1945 und 1963 ist der Plakatbestand des ehemaligen Museums für Deutsche Geschichte, den die Autorin von 1992 bis 1998 wissenschaftlich bearbeitet hat. Das Ergebnis der dokumentarischen Erfassung wurde in Kooperation mit dem Bildarchiv Foto Marburg auf CD-Rom publiziert. Ihre an der Berliner Humboldt-Universität vorgelegte kunstgeschichtliche Dissertation versteht Katharina Klotz als Beitrag zur ikonografischen Analyse des politischen Bildmaterials der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR. Die Notwendigkeit dieser Untersuchung resultiert aus der Erkenntnis, dass politische Plakate als Hauptbestandteil der Sichtagitation die Inszenierung des sozialistischen Deutschlands befördern sollten. Die Publikation umfasst einen analytischen Textteil, der in die zwei Hauptkapitel „Historische und Institutionelle Voraussetzungen der Sichtagitation“ sowie „Politikhistorische und ikonographische Darstellung der sozialistischen Sichtagitation“ gegliedert ist. Diesen Teil ergänzen ein alphabetisch aufgebautes Verzeichnis der Gebrauchsgrafiker, ein Quellen- und Literaturverzeichnis und ein umfassender Bildteil, der sich auf die jeweiligen Kapitel der Analyse beziehen lässt.
Als Grundlage ihrer Untersuchung gibt Klotz einen Rückblick auf die historische Entwicklung der Bildagitation, um vor diesem Hintergrund die konzeptionellen Rahmenbedingungen für das politische Plakat im Rahmen der Kulturpolitik der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR darzustellen. Klotz beschreibt dabei sowohl die organisatorische Struktur als auch die wichtigsten Zentren der angewandten Kunst und Gebrauchsgrafik. Sie konstatiert eine Tendenz zur Zentralisierung, die auf die „Koordinierung und systematische Entwicklung der Agitationsarbeit aller Massenorganisationen“ zielte (S. 25). Die kulturelle Arbeit sollte sich aus den politischen und ökonomischen Erfordernissen heraus ergeben, um so die ihr zugedachte Erziehungsfunktion zu erfüllen. Die Gestaltung der Sichtagitation war bereits in dieser Phase permanent mit einem Konzept von „Kritik und Selbstkritik“ verbunden und dadurch auf eine kontinuierliche Qualitätsverbesserung ausgerichtet. Die kontrovers geführte Auseinandersetzung über die semiotische Aufladung des öffentlichen Raumes spiegelte die enger werdende Zusammenarbeit von Auftraggeber und Plakatkünstler. Von Anbeginn wurde „Formalismus“ als Schlüsselbegriff etabliert, um sich kategorisch gegenüber der „typischen Erscheinungsform der künstlerischen Dekadenz in der Epoche des Imperialismus abzugrenzen“ (S. 22). „Formalismus“ wurde zum negativen Sammelbegriff für alle Ansätze, die nicht den arbeitenden Menschen und seine Lebensverhältnisse zum Thema hatten. Die Anfänge der sozialistischen Plakatagitation in der SBZ nach 1945 führt Klotz auf die Plakatkunst der KPD der 1920er-Jahre sowie auf die Traditionslinie des sowjetischen „Agitprop“ zurück, wobei sie diese Bezugnahme eindimensional auf Kasimir Malewitsch und Wladimir Majakowskij begrenzt. Die komplexe Plakattradition der Sowjetunion, die auch von Gustav Klucis, Alexej Rodtchenko und El Lissitzky geprägt worden ist, wird nicht weiter verhandelt.
Nachdem Klotz in diesem Teil die ideologischen Prämissen der Sichtagitation konturiert hat, unternimmt sie im zweiten, umfassenderen Hauptteil die detailreiche Aufarbeitung der ikonografischen Motive und ihrer bildhistorischen Wurzeln. Die Verwendung und Transformation des Bilderfundus wird jeweils in Bezug gesetzt zu den politisch-historischen Konstellationen in der Entwicklung von Staat und Partei. So definiert Klotz für ihre Untersuchung ein Spannungsfeld von bildanalytischer Detailschärfe der kunstgeschichtlichen Betrachtungsweise einerseits und von textgenerierter, politikgeschichtlicher Wissenschaft andererseits. Die chronologisch gegliederte Analyse geht von der Aufbruchssituation der SBZ/DDR aus. Im Vordergrund der propagandistischen Strategien standen zunächst die Gründungs- und Einheitssymbolik einerseits, der Antifaschismus mit dem Ziel der Abgrenzung vom Westen und der eigenen Vergangenheit andererseits. Es wurde eine Nullpunktsituation definiert, die es durch ikonische Verdichtungen visuell und inhaltlich aufzuladen galt, um Neuanfang und Veränderung zu indizieren. So ging es weniger um die Übersetzung eines Ist-Zustands in die Plakatrhetorik als vielmehr um die plakative Inszenierung eines Soll-Zustands.
Als zentrales Motiv der Gründungssymbolik stellt Klotz das in sehr hoher Auflage verbreitete Plakat mit dem Handschlag der Parteivorsitzenden Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl heraus. Aus der Analyse dieses Motivs leitet sie eine für die Sichtagitation der SBZ/DDR fast phänotypisch zu bezeichnende Methodologie ab: Die Umsetzung einer fotografischen Vorlage in einen gemalt erscheinenden Entwurf, der so das jeweilige Geschehen im Sinne der Theorie des Sozialistischen Realismus in einer übergeordneten Zukunftsperspektive aufhebt. Aus dem Transferprozess vom Medium Fotografie in Malerei bezieht das dargestellte Ereignis eine semantische Vielschichtigkeit, die einen übergeordneten Wahrheitsanspruch begründen sollte. Dieses Verfahren der Umdeutung und Neu-Orientierung von politischen Ereignissen aus der Gründungszeit der DDR im Medium der Sichtagitation stellt Klotz an unterschiedlichen Beispielen dar. Als Fazit dieser Untersuchung stellt sie fest, dass der politische Neuanfang nach 1945 sich nicht in neuen Bildern manifestierte. Im Gegenteil entsteht der Eindruck, dass KPD/SPD und die Massenorganisationen nahtlos an den in der Weimarer Republik geprägten Motivkatalog anknüpften, dabei aber in der Übernahme traditioneller Bildelemente aus dem Repertoire der Arbeiterbewegung selektiv vorgingen und einen affirmativen Optimismus verbreiteten. Die Mobilisierung neuer Feindbilder und das Zurücktreten der Einheitsmetaphorik sind erst im Kontext der klaren politischen Abgrenzung gegenüber dem Westen zu beobachten. Auch in diesem Kontext diente das Feindbild allerdings in erster Linie der Selbstüberhöhung, um die eigene Gesellschaftsform aufzuwerten und ein „Wir-Gefühl“ zu befördern.
Im Folgenden werden die historischen Entwicklungsphasen der SBZ/DDR vom Gründungsmythos über die Aufbauphase bis hin zur Position der Herrschaftssicherung in unterschiedlichen ikonografischen Schwerpunktsetzungen nachgezeichnet. Sie werden jeweils detailliert auf ihre historischen Wurzeln hin untersucht und auf Veränderungen und Verschiebungen hin betrachtet. Dabei wird deutlich, dass für Gebrauchsgrafiker und Künstler die Themenvorgaben des Politbüros unumgänglich wurden und hieraus die Schwerpunkte der jeweiligen Plakatkampagnen abzuleiten waren. Die Aufbaurhetorik bildete einen festen Rahmen, in dem Bilder und Schlagworte zu finden bzw. zu formulieren waren.
Einen besonderen Akzent setzt die Autorin in ihrer Analyse auf die Beschreibung der abgebildeten Körpergesten, verstanden als willentliche, intentionale Bewegung des Körpers, der damit das ins Bild gesetzte Handlungsmoment auf eine symbolische Ebene bringt (S. 84f.). Um Ereignisse in ihrer Komplexität zu reduzieren beziehungsweise auf eine symbolische Aussage zu fokussieren, kam das „pars-pro-toto“-Prinzip zum Einsatz, demzufolge ein konkretes Teil auf ein abstraktes Ganzes zurück zu beziehen ist. Neben Hammer, Friedenstaube, Faust und Händedruck wurde statistischen Diagrammen zur Visualisierung der Jahres- und Perspektivpläne ein besonderes Gewicht gegeben. Den jeweiligen Aussagen sollte so eine besonders hohe wissenschaftliche Glaubwürdigkeit verliehen werden.
In ihrer Analyse der Bildmotive der SBZ/DDR stellt Klotz die inhaltliche und motivische Nähe zur nationalsozialistischen Propaganda heraus. Diese Ähnlichkeit bezieht sich in erster Linie auf die Werbung der FDJ und der Massenorganisationen, die in Bildern von Marschkolonnen, Fahnenträgern, Fackelzügen und Ansammlungen optimistischer Idealmenschen das idealtypische Bild einer NS-Volksgemeinschaft zumindest formaliter aufgriffen. Eine weiter führende Erklärung dieser motivischen Berührung gibt Klotz allerdings nur am Rande. Sie referiert allein die offizielle Haltung der SED, die in Bezug auf diese Motivübernahme von „Bilderklau“ und „Zwecklüge“ der Nationalsozialisten sprach. Durch einen Akt des „begrifflichen Umtaufens“ sollte die strukturelle Ähnlichkeit ausgelöscht werden (S. 65). Eine eigenständige Positionsbestimmung gegenüber dieser Argumentation und den in den Geschichtswissenschaften vorgenommenen Wertungen dieses Sachverhalts wird nicht vorgenommen. Auch die Fragestellung, inwieweit aus dieser motivischen Ähnlichkeit Schlussfolgerungen im Rahmen des Totalitarismusdiskurses zu ziehen sind, bleibt in dieser Darstellung unberührt. Die kritische Bezugnahme auf die ideologischen Prämissen der Totalitarismusdiskussion bleibt aus.
In ihrem Fazit hält die Autorin fest, primäres Ziel der sozialistischen Sichtagitation in der SBZ/DDR sei die semiotische Aufladung beziehungsweise Durchdringung des öffentlichen Raumes gewesen. Als augenfälligstes Merkmal konstatiert sie in ihrem Schlussparagrafen, neben der Ähnlichkeit zu NS-Vorbildern, auch die pseudo-religiöse Erscheinungsweise. Die Erlösungs- und Heilsmetaphorik, die sich durchaus aus ihren Beschreibungen ableiten lässt, bezieht sie dann aber nicht auf den Deutungsansatz totalitärer Systeme als politische Religion. In Bezug auf den hoch entwickelten Forschungsstand zum Thema bleibt sie in diesem Punkt zurück.
Eine eigene Position entwickelt Klotz demgegenüber in Bezug auf ein Motiv, dem im Bilderfundus des politischen Plakats der SBZ/DDR eine nur untergeordnete Rolle zukommt: das Bild des Bürokraten. Während in der Selbstdarstellung der DDR der lächelnde Riese „Proletariat“ das offizielle Überbild der DDR-Führung sein und die gewünschte Realität visualisieren sollte, habe sich der Arbeiterherrscher streng genommen im Parteifunktionär am Schreibtisch personifiziert (S. 113). Dementsprechend folgert Klotz aus ihren Quellenforschungen, dass Kaderstruktur und Bürokratismus sowie agitatorische Basisarbeit den Lebensalltag ganz wesentlich bestimmten. Diese weniger aus dem Bildmaterial als vielmehr aus den überlieferten Dokumenten abgeleitete These wird in der weiteren Auseinandersetzung mit dem Thema nicht mehr zu übergehen sein.
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Christoph Kivelitz. Review of Klotz, Katharina, Das politische Plakat der SBZ/DDR 1945-1963: Zur politischen Ikonographie der sozialistischen Sichtagitation.
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