Thomas Sakmyster. Miklós Horthy: Ungarn 1918-1944. Aus dem Englischen von Miha Tavcar. Wien: Edition Steinbauer, 2006. 455 S. (gebunden), ISBN 978-3-902494-14-6.
Reviewed by Árpád von Klimo
Published on H-Soz-u-Kult (October, 2007)
Th. Sakmyster: Miklós Horthy. Ungarn 1918-1944
Nach 1918 betrat eine ganze Reihe von Armeeführern oder ehemaligen Kriegshelden die politische Bühne. Man denke an Mannerheim in Finnland, Pilsudski in Polen, Hindenburg in Deutschland oder Mustafa Kemal (später: Atatürk) in der Türkei, um nur einige zu nennen. Eine der schillerndsten, aber vielleicht auch einflussreichsten Figuren dieser Couleur war zweifellos Admiral Miklós Horthy, letzter Befehlshaber der auf See unbesiegten österreichisch-ungarischen Flotte. Horthy konnte als ehemaliger Adjutant von Kaiser Franz Joseph und (nicht immer) treuer Anhänger von dessen Nachfolger Karl sowohl die konservativen Eliten der untergegangenen Habsburgermonarchie ansprechen, als auch als Galionsfigur für die durch das Chaos des Kriegsendes und die Angst vor der „bolschewistischen Gefahr“ emporgekommenen rechtsradikalen Frontkämpferverbände dienen, die sich in ganz Zentraleuropa ausbreiteten und einen radikalen, revolutionären Bruch mit der Vergangenheit anstrebten. Diese doppelte Repräsentation des kalvinistischen, aber dennoch habsburgtreuen Kleinadligen aus der mittelungarischen Provinz erklärt möglicherweise seine lange Amtszeit als „Reichsverweser“ des Königreichs Ungarn, seine unklare Haltung gegenüber dem Bündnis mit dem nationalsozialistischen Deutschland und seine ambivalente Rolle im „letzten Kapitel“ des europäischen Judenmords.
In diesem Spannungsfeld verortet Thomas Sakmyster seine bereits 1994 unter dem Titel „Hungary's Admiral on Horseback: Miklós Horthy, 1918-1944“ erschienene Biographie des ungarischen Staatsmanns, die nun auch in einer ganz ausgezeichneten Übersetzung von Miha Tavcar auf Deutsch vorliegt. Sakmyster, der in Philadelphia lehrt, legt den Schwerpunkt seiner Biographie auf die Jahre zwischen Ende des Ersten und Ende des Zweiten Weltkriegs, also die Amtsjahre Horthys, während die ersten 50 Lebensjahre des Admirals in einem knappen, aber informativen Anfangskapitel abgehandelt werden. Während Horthy in der Innenpolitik eine relativ große Flexibilität an den Tag legte und sich auf verschiedene Berater verließ, war seine außenpolitische Haltung relativ starr. Daher unterstützte er in den 1920er-Jahren eine konservativ-autoritäre Politik mit zahlreichen klassisch-liberalen Elementen (Rechtsstaatlichkeit, Pressefreiheit, Parlamentarismus), während er 1919/20 und seit den 1930er-Jahren aber auch immer wieder rechtsradikalen Politikern großen Einfluss gewährte, die mit dem Liberalismus der alten Eliten des 19. Jahrhunderts überhaupt nichts am Hut hatten.
Außenpolitisch sei Horthy, so Sakmyster, von zwei Obsessionen geradezu getrieben gewesen, die schließlich sein Regierungssystem und die gesamten Ober- und Mittelschichten, die er repräsentierte, in den Untergang führte: Trianon und der Bolschewismus. Die Revision des für Ungarn außerordentlich harten Friedensvertrags von Trianon (1920) mit seiner drastischen Verkleinerung von Staatsgebiet und Bevölkerung und die Gefahr einer Revolution nach bolschewistischem Vorbild, wie sie für einige Monate 1919 in Budapest mehr experimentiert als durchgeführt wurde, stellten die negativen Fixpunkte seiner Politik dar. Horthys antisemitische Haltung, die sich gelegentlich recht drastisch zeigte, etwa, als er, um Hitler zu schmeicheln, auf seine und die ungarische Pionierrolle in Sachen judenfeindlicher Gesetzgebung (Numerus-Klausus-Gesetz 1920) verwies, stellte dagegen eher eine abhängige Variable dar. Denn obwohl Ungarn im Zweiten Weltkrieg mit Deutschland verbündet war, mit dem es seit dem Anschluss Österreichs 1938 eine gemeinsame Grenze hatte, betonte der Admiral immer wieder seine Verbundenheit zu Großbritannien. Anfang der 1940er-Jahre wurde sogar das Exil einer ungarischen Regierung in den USA vorbereitet. Dass Horthy viel zu spät handelte und erst im Hochsommer 1944 das Ende der Deportationen ungarischer Juden befahl und schließlich im September Friedensemissäre nach Moskau und zu den westlichen Alliierten entsandte, hing auch mit der sehr schwierigen Lage in dem von deutschen Truppen seit März besetzten Land und dem diplomatischen Dilettantismus Horthys zusammen.
Der Reichsverweser besaß eine sehr große Autorität als nationaler Führer, aber einige seiner engsten Mitarbeiter erschraken immer wieder angesichts der offensichtlichen Unkenntnis, Gedankenlosigkeit und Leichtsinnigkeit, die Horthy bei seinen, manchmal recht phantastischen, oft sehr impulsiven Plänen oder bizarren Ideen erkennen ließ. In seiner abschließenden Würdigung von Miklós Horthy weist Sakmyster, der dessen äußerst begrenzte, oft sogar regelrecht beschränkte Weltsicht im Buch ausführlich schildert, darauf hin, dass dieser immer wieder auch den sehr schwachen liberalen und demokratischen Kräften seines Landes zumindest einen gewissen Spielraum verschafft hatte. Dies war und ist eine Verhaltensweise, die man nur wenigen früheren wie heutigen autoritären Herrschern zubilligen kann.
Sakmysters Arbeit stützt sich vor allem auf Memoiren, Erinnerungen und sehr viele „indirekte“ Quellen aus diplomatischen Archiven in Wien, Washington, London, Berlin. Die meisten Bestände aus dem unmittelbaren Umfeld des Reichsverwesers sind vermutlich bei der Belagerung der Budapester Burg im Winter 1944/45 verbrannt. Dieser Mangel an archivalischen Hinterlassenschaften Horthys unterstreicht aber nur die große Meisterschaft Thomas Sakmysters, der eine ausgezeichnet geschriebene, spannend zu lesende und äußerst informative Biographie über Ungarns „Admiral zu Pferde“ geschrieben hat.
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Citation:
Árpád von Klimo. Review of Sakmyster, Thomas, Miklós Horthy: Ungarn 1918-1944. Aus dem Englischen von Miha Tavcar.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
October, 2007.
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