Timo Vihavainen. The Inner Adversary: The Struggle against Philistinism as the Moral Mission of the Russian Intelligentsia. Washington: New Academia Publishing, 2006. 372 S. $24.00 (paper), ISBN 978-0-9777908-2-1.
Reviewed by Klaus Gestwa
Published on H-Soz-u-Kult (June, 2007)
T. Vihavainen: The Inner Adversary
Timo Vihavainen, Professor für russische Studien an der Universität Helsinki (mit einer Filiale in Sankt Petersburg), bezeichnet seinen Zugang zum Thema als “traditionell”. Er will bekannte Texte der russischen und sowjetischen Intelligenz auf bestimmte Aussagen hin neu lesen und zusammenführen. In diesem Sinne liefert er eine Geschichte von Ideen, eingebunden in die politische Geschichte des vor- und nachrevolutionären Russlands (S. XIII), also etwa für die Zeit zwischen 1860 und 1940.
Im Zentrum der Darstellung stehen die immer wieder neuen Anläufe von Angehörigen der russischen Intelligenz vor und nach 1917 (einschließlich der bolschewistischen Elite), die eigene Identität als Intelligenz sowie ihre Funktionen in der Gesellschaft zu definieren. Dies, so eine zentrale These der Arbeit, geschah nicht zuletzt durch Abgrenzung und durch die Fixierung auf Gegenbilder, die schließlich zum „inneren Feind“ mutierten.
In einem nicht immer übersichtlichen Kaleidoskop von Selbst- und Gegenbildern entwirft Vihavainen ein Panorama von Ideen, die das bolschewistische und schließlich das stalinistische System maßgeblich geprägt hätten. Dabei verliert sich Vihavainen besonders in den Kapiteln, welche die nachrevolutionäre Entwicklung behandeln, zu oft in der Schilderung und Kommentierung allgemein bekannter Entwicklungen.
In den ersten drei Kapiteln geht es um maßgebliche Selbstdeutungen und um die das Profil schärfende Abgrenzung von repräsentativen Angehörigen der Intelligenz – von Tschernyschewski über Dostojewski, Tolstoi bis zur Wechi-Gruppe und schließlich bis zu Gorki, Iwanow-Rasumnik und Lenin.
In einer Gesellschaft, in der weder das Bürgertum noch das sogenannte Kleinbürgertum prägende Wirkungen entfalteten, wurden eben diese beiden gesellschaftlichen Gruppen – oder das, was man von ihnen wahrnahm – zur zentralen Antifigur. Diese negative Fixierung habe gleichermaßen für konservative wie für liberale oder revolutionäre Angehörige der Intelligenz gegolten. Die teils ständisch, teils moralisch konnotierten Begriffe von Bürgerlichkeit und Spießertum (meschtschanstwo, burschuasija, melkoburschuasija, obywatel, filister) wurden zu Synonymen für Vulgarität, Gier, Borniertheit, Egoismus und einer negativ aufgeladenen Vorstellung von Individualismus. In diesen Zuschreibungen zeigten sich zugleich die grundsätzlich negativ gesehenen Antriebe für Kommerz und Kapitalismus. Die Adjektive „chamski“ und „poschly“ verdeutlichen diese teils noch ständisch gemeinte, teils moralisch aufgeladene Bewertung von Verhaltensweisen, die sich auf Kommerz und Kapitalismus bezogen (S. 18ff.).
Diese wenig variierten negativen Klischees werden im weiteren Verlauf der Darstellung mit den wechselnden Selbstbildern und Projektionen maßgeblicher Repräsentanten der Intelligenz und der Bolschewiki konfrontiert. Das Kaleidoskop reicht von der „kritisch denkenden Persönlichkeit“ mit Schuldgefühlen gegenüber dem „Volk“ über nietzscheanische Selbstüberhebung, Gottmenschentum und Gottbauertum bis zu den Berufsrevolutionären als Avantgarde des Proletariats. Soweit sich die Angehörigen der Intelligenz im Zarenreich als Gegenelite verstanden, wurden das (bäuerliche) Volk oder das Proletariat als „unschuldig“ und als Quelle ursprünglicher, auf jeden Fall anti(klein)bürgerlicher Werte gefeiert oder auch als primitive Objekte verstanden, die der Zivilisierung durch die Intelligenz bedurften. Bei den Bolschewiki sollte diese Funktion bekanntlich die Partei als Avantgarde übernehmen.
In den Kapiteln 4 bis 6 geht es im Wesentlichen um das Verhältnis zwischen den Bolschewiki und den verschiedenen, hier wenig scharf konturierten Gruppen und Generationen der Intelligenz, die jetzt ihrerseits als „bürgerlich“ oder „wesensmäßig kleinbürgerlich“ stigmatisiert wurden. Anhand von Texten, für die nicht zuletzt Gorki als Stichwortgeber immer wieder zitiert wird (S. 49ff., 62f., 180ff., 200ff., 227f.), oder anhand von Romanen, Dramen und Reportagen werden die verschiedenen Anläufe zur Definition, Beschreibung und schließlich zur Überwindung „kleinbürgerlicher“ Merkmale in der Intelligenz selbst ebenso wie in der für kleinbürgerliche Werte anfälligen Arbeiterschaft vorgeführt.
Im 7. Kapitel setzt sich Vihavainen mit der Durchsetzung des Sozialistischen Realismus und dem „Kurzen Lehrgang“ der Kommunistischen Partei als ideologischen Grundmustern auseinander. Innerhalb ihrer Vorgaben und Narrative hatten sich das öffentliche Leben und alle Realitätsdeutungen zu bewegen. Terror, Überwachung, Zensur und Newspeak waren ihre Folgen. Ohne es explizit zu machen, resultierten sie nach Meinung Vihavainens offenbar aus dem Anti-(Klein)Bürgerlichkeits-Diskurs der Intelligenz vor und nach 1917.
Dieser Zusammenhang wird noch einmal an den Pilgerreisen prominenter westlicher Intellektueller ins Reich Stalins erläutert (S.191 ff.). Ihre Bewunderung für die Sowjetunion vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise und des Aufstiegs des Nationalsozialismus wird mit ihrem antibürgerlichen und antikapitalistischen Furor erklärt. Denn dieser Abgrenzungs-Diskurs gegenüber Kommerz, Kapitalismus und (Klein-)Bürgerlichkeit habe schon vor 1917 auch der Ablehnung der kommerziellen und bürgerlichen Gesellschaften des Westens gedient (S. 40 f.).
Seit den 1930er-Jahren stand alles, was mit (Klein-)Bürgerlichkeit assoziiert wurde, unter dem Generalverdacht von Verschwörung, Agententum und Verrat, obwohl zugleich seit Mitte der 1930er-Jahre bürgerliche Sekundärtugenden und Normen wie Familie, gutes Benehmen, Kultiviertheit et cetera. Teil eines „neuen Bundes“ zwischen Regime und den Angehörigen der Bildungsschichten wurden. Worin diese Werte unter anderem bestanden, wird im 9. Kapitel anhand von Begriffen wie Kultiviertheit (kulturnost), Wachsamkeit, Hass, Heldentum und Optimismus expliziert.
Worin liegen die Stärken, worin die Schwächen der Monographie?
An dieser Arbeit lässt sich prüfen, ob man nach der Wende zu einer neuen Kulturgeschichte noch eine Geschichte der Ideen in traditioneller Form schreiben kann. Der Autor glaubt, dies bewerkstelligen zu können. Hier werden Ideen weitgehend losgelöst von ihren Trägern und vor allem von ihren Anwendern vorgestellt, bestenfalls werden sie oft recht schematisch in einen sozialen, politischen oder funktionalen Kontext eingeordnet – so die Einsicht, dass die wechselnden Feindbilder dem Machterhalt der Bolschewiki oder Stalins gedient hätten (S. 135 ff., 207 ff.). Die Frage nach der Tradierung (und Radikalisierung) antibürgerlicher oder antikleinbürgerlicher Ressentiments und nach dem Wandel zum zerstörerischen Furor bleibt unerklärt. Dies hat unter anderem damit zu tun, dass Prozesse der Verbreitung, der subjektiven Aneignung wie der individuelle oder kollektive Umgang mit Ideen im Grunde nicht thematisiert Für das Spektrum “gläubiger” Kommunisten vgl. exemplarisch Hellbeck, Jochen (Hrsg.), Tagebuch aus Moskau 1931-1939, München 1996; ders. Revolution on My Mind. Writing a Diary under Stalin, Cambridge 2006. und auch ihr Kontext weitgehend unerörtert bleibt.
Während in den ersten drei Kapiteln vergleichsweise systematisch Begriffe von Intelligenz, Bürgerlichkeit, Kleinbürgertum und die mit ihnen verbundenen Vorstellungen herausgearbeitet werden, verliert die Darstellung in den folgenden Kapiteln an Kontur. Es bleibt unklar, wer hier eigentlich noch unter den Begriff von Intelligenz gefasst wird und welche Texte warum ausgewählt werden und als repräsentativ gelten können. Es geht offenbar um die großen ideologischen Diskurse. Diese sind aber schon oft, besonders in slawistischen Arbeiten sehr viel textkritischer auch in ihrer medialen Präsentation analysiert worden. Zuletzt vgl. Waiskopf, Michail, Pisatel Stalin, Moskau 2001; Gjunter, Chans; Dobrenko, Ewgeni, Sozrealistitscheski kanon, St. Petersburg 2000; oder zur medialen Präsentation und Verbreitung: Murasov, Jurij; Witte Georg (Hrsg.), Die Musen der Macht. Medien in der sowjetischen Kultur der 20er und 30er Jahre, München 2003; vgl. auch Figes, Orlando; Kolonitskii, Boris, Interpreting the Russian Revolution. The Language and Symbols of 1917, London u.a. 1999. Dies gilt insbesondere für die im 7. und 9. Kapitel behandelten Probleme – vom Sozialistischen Realismus bis zum Hass als bolschewistischer Tugend.
Für das sowjetische Projekt war das Proletariat zweifellos eine zentrale Kategorie. Dass das „Proletariat“ – wie alle Kategorien von Klassen – eine ideologische Figur oder Projektion war, ist keine neue Erkenntnis. Fitzpatrick, Sheila, Ascribing Class: The Construction of Social Identity in Soviet Russia, in: Journal of Modern History 65 (1993), 4, S. 745-770 und zuletzt dies., Tear off the Masks! Identity and Imposture in Twentieth-Century Russia, Princeton, Oxford 2005. Den „Marxisten“ vorzuwerfen, dass ihre Deutung der Mentalität von Klassen (class psychology) nicht auf Forschung beruht habe (S. 76), ist nicht nur naiv, sondern abstrahiert auch unzulässig vom historischen Kontext, in den die Diskurse um das Proletariat gehören. Krylova, Anna, Beyond the Spontaneity – Consciousness Paradigm: „Class Instinct“ as a Promising Category of Historical Analysis, in: Slavic Review 62 (2003), 1, S. 1-23. Hier wie an anderen Stellen fehlt es an interpretatorischer Tiefenschärfe, und die Arbeit genügt nicht immer den Ansprüchen einer traditionellen Geistesgeschichte.
Gleichwohl: Insbesondere in den ersten drei Kapiteln gewinnt der Leser eine Vorstellung von den obsessiven Negativklischees und dem Kaleidoskop an Selbst- und Gegenbildern. Gleiches gilt für die Rolle Gorkis als dem – neben Stalin – wichtigsten Stichwortgeber seit den späten 1920er-Jahren. Hierin liegt das Verdienst der Arbeit.
If there is additional discussion of this review, you may access it through the network, at: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/.
Citation:
Klaus Gestwa. Review of Vihavainen, Timo, The Inner Adversary: The Struggle against Philistinism as the Moral Mission of the Russian Intelligentsia.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
June, 2007.
URL: http://www.h-net.org/reviews/showrev.php?id=21701
Copyright © 2007 by H-Net, Clio-online, and the author, all rights reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial, educational purposes, if permission is granted by the author and usage right holders. For permission please contact H-SOZ-U-KULT@H-NET.MSU.EDU.




