Esther-Beate Körber. Die Zeit der Aufklärung: Eine Geschichte des 18. Jahrhunderts. Stuttgart: Theiss Verlag, 2006. 285 S. ISBN 978-3-8062-2047-6.
Reviewed by Martin Papenheim
Published on H-Soz-u-Kult (September, 2007)
E.-B. Körber: Die Zeit der Aufklärung
Auch nach mehrmaliger Lektüre ist dem Rezensenten nicht klar geworden, warum das hier zu besprechende Buch "Die Zeit der Aufklärung" heißt. Diese spielt nämlich in dem Werk nur einen bescheidenen Part neben anderen Themen – das einschlägige Kapitel umfasst gerade einmal 18 Seiten – und auch im Argumentationsduktus des Buches spielt die Aufklärung nicht die erste Geige. Aber für Titel sind oft die Verlage – in diesem Fall handelt es sich um eine Lizenzausgabe der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft – und nicht die Autoren verantwortlich. Kaum wäre es im Übrigen einer ausgewiesenen Wissenschaftlerin wie Esther-Beate Körber passiert, das 18. Jahrhundert als die Zeit "zwischen Friedrich dem Großen und Französischer Revolution" zu bezeichnen, so der Text auf der Rückseite des Buchumschlages. Dieser nennt das Werk "ein glänzend geschriebenes historisches Sachbuch" – ein Urteil, dem man nicht beipflichten kann. Die Sprache schwankt zwischen wissenschaftlicher Darstellung und Schulbuch, zum Beispiel so: "Wir tun so, als ob wir von einem anderen Planeten […] kommen" (S. 175). Das Literaturverzeichnis ist weder eine wissenschaftliche Bibliographie noch eine Einladung zu weiterer Lektüre (Warum fehlt etwa Siedlers Geschichte Europas?).
Die Autorin gliedert ihre Darstellung in fünf Abschnitte, beginnend mit der "großen Politik". Es folgt die "bürgerliche Welt", das "geistige Leben", die "ländliche Welt" und schließlich "Randsiedler und Ausgestoßene". In der Einleitung wird der "strukturgeschichtliche Überblick" (S. 8) erläutert: Dargestellt wird jeweils der "europäische Normalfall", womit so etwas wie der Webersche Idealtypus gemeint sein dürfte. In allen fünf Kapiteln wird Wert darauf gelegt, die Ausbildung und den Werdegang der jeweiligen gesellschaftlichen Gruppen zu schildern, was der Autorin generell auch gut gelingt (vergleiche auch S. 175). Die Gliederung ist einleuchtend (Warum müssen aber 45 Seiten der Außenpolitik gewidmet werden?), nicht aber die Behauptung, dass man unter anderem deshalb mit der "großen Politik" die Darstellung beginnen müsse, weil "gerade im 18. Jh. [...] eher politisches Handeln die Landschaft [veränderte] als umgekehrt. Politik setzte Rahmenbedingungen für das gesellschaftliche Leben, und es empfiehlt sich, wie beim Puzzle, mit dem Rahmen, mit den Randstücken, zu beginnen."(S. 8) Diese Behauptung wird im Laufe der Darstellung genauso wenig verifiziert wie die abwegige These, dass man für das 18. Jahrhundert Einzelaspekte untersuchen könne, "ohne das Ganze im Blick behalten zu müssen, weil die Einzelaspekte nur wenig miteinander zu tun haben" (ebd.). Für das 19. und 20. Jahrhundert sei "eine solche Trennung der Aspekte schwierig bis unmöglich" (ebd.). Ob die Autorin hier in der Einleitung den Leser schon darauf vorbereiten möchte, dass das Buch ohne Zusammenfassung endet?
Die Autorin bemüht sich, dem Anspruch gerecht zu werden, wirklich eine europäische Geschichte zu schreiben, was man von vielen einschlägigen Buchtiteln nicht behaupten kann. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Preußen, England, Nordeuropa und Frankreich – ganz wie es dem Mainstream deutscher Geschichtswissenschaft der Neuzeit entspricht, für den die Welt südlich von Rom oder den Pyrenäen schlichtweg inexistent ist. Zwar führt Körber bisweilen auch südeuropäische Beispiele an, ohne aber die Propria des katholischen Südeuropas herauszuarbeiten. Einschlägige Arbeiten etwa von Peter Hersche und Christoph Weber sind nicht verarbeitet. Die katholische Welt bleibt der Autorin generell völlig fremd. Im Kapitel über das "geistliche Leben" kommt es zu krassen Fehlurteilen. Körber kennt nur den Pietismus als Verinnerlichung oder den theologischen Rationalismus. Das Fortleben einer magischen, volksnahen katholischen Religiosität in Südeuropa wird mit keiner Silbe erwähnt. Katholische Kleriker sind in diesem Buch alle zukünftige Pfarrer, ganz so wie die protestantischen Kollegen in der Mark Brandenburg, was der Vielschichtigkeit des geistlichen Standes im Katholizismus nicht gerecht wird. Demgegenüber sind die Ausführungen über die Aufklärung - erfreulicherweise um solche über die Naturwissenschaften erweitert – eine gute Einführung in das Thema. Das Urteil jedoch: "Für die europäische Kultur der Neuzeit ist die Aufklärung vor allem dadurch wirkmächtig geworden, dass ihre Maßstäbe bis heute als die allgemein verbindlichen, fast muss man sagen, als die einzig richtigen gelten" (S. 192), ist nicht nur tautologisch und ahistorisch, sondern dürfte auch von vielen unserer Zeitgenossen nicht unterschrieben werden.
Die Bildungsgeschichte gehört in diesem Buch zu den wirklich gelungenen Passagen. Wer sich zum Beispiel kurz über die Geschichte des Buchhandels im 18. Jahrhundert informieren möchte, findet hier fundierte und luzide Auskünfte. Auch zum "Geselligen Jahrhundert" findet man kluge Bemerkungen. Zum Beispiel weist Körber darauf hin, dass die Salons, Logen und Clubs die Möglichkeit boten, ohne Ständeunterschied einander zu begegnen. Nicht eine Vermehrung der Sozialkontakte als solche stellte also das Proprium dieser Geselligkeit des 18. Jahrhunderts dar, sondern die Abstraktion von Standesmerkmalen. Sie bereitete also – so können wir folgern – paradoxerweise der Individualisierung und der Uniformität gleichermaßen Vorschub. Zugleich wurde, was die Autorin betont, durch entsprechend hohe Mitgliedsbeiträge oder Bildungsanforderungen nach unten hin eine Schranke gezogen. Interessant ist die Beobachtung, dass dadurch das ständische Bewusstsein bei den Handwerkern auch aus diesem Grunde lange erhalten blieb.
Allerdings unterschätzt die Verfasserin die Rolle der Frauen in dieser Kultur der Soziabilität. Frauen waren nämlich nicht nur Organisatorinnen von Salons, sondern vielfach auch selbst musisch und bildnerisch, literarisch und philosophisch produktiv. Ekkehart Eickhoff hat zum Beispiel kürzlich ausführlich geschildert, in welchem hohen Maße die venezianische Kultur des 18. Jahrhunderts von hochgebildeten Frauen dominiert wurde. Ebenso gab es – entgegen der Behauptung Körbers – Freimaurerinnen. Die Rolle der Adoptionslogen sollte nicht unterschätzt werden.
Das Buch Esther-Beate Körbers macht insgesamt einen unausgewogenen Eindruck. Exzellente Zusammenfassungen und Detailbeobachtungen wechseln ab mit Ungenauigkeiten und Vereinfachungen, eine Folge aber auch und gerade des sehr anspruchsvollen Projekts einer europäischen Geschichte des 18. Jahrhunderts, das nach wie vor eine große Herausforderung darstellt: Nur "Zeitalter der Aufklärung" sollte es in Zukunft nicht mehr heißen. Implizit zeigt Esther-Beate Körbers Buch, dass dieses Prädikat der Vielschichtigkeit der Kultur und Gesellschaft des 18. Jahrhunderts keineswegs gerecht wird.
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Citation:
Martin Papenheim. Review of Körber, Esther-Beate, Die Zeit der Aufklärung: Eine Geschichte des 18. Jahrhunderts.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
September, 2007.
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