Ries Roowaan. Im Schatten der Großen Politik: Deutsch-niederländische Beziehungen zur Zeit der Weimarer Republik 1918-1933. Münster: Agenda Verlag, 2006. 296 S. ISBN 978-3-89688-273-8.
Reviewed by Jeannette Nowak
Published on H-Soz-u-Kult (December, 2006)
R. Roowaan: Im Schatten der Großen Politik
Die außenpolitischen Beziehungen zwischen Deutschland und den Niederlanden sind durchaus ein Forschungsthema auf beiden Seiten der Grenze. Dies galt aber bisher nicht unbedingt für den Zeitraum zwischen den Weltkriegen. Selbst in Horst Lademachers Standardwerk „Zwei ungleiche Nachbarn“, das von den Beziehungen beider Länder im 19. und 20. Jahrhundert handelt, wird das Interbellum nur auf wenigen Seiten behandelt. Lademacher, Horst, Zwei ungleiche Nachbarn. Wege und Wandlungen der deutsch-niederländischen Beziehungen im 19. und 20. Jahrhundert, Darmstadt 1990. Erst Ende der neunziger Jahre begannen Wissenschaftler damit, Einzelaspekte der nachbarschaftlichen Verbindungen zu untersuchen. Dabei wurden vor allem kulturelle Gemeinsamkeiten und Unterschiede erforscht, während Politik oder Handelspolitik meist außen vor blieben. Noch 1999 konnte Gottfried Niedhart in „Die Außenpolitik der Weimarer Republik“ anmerken, dass das Thema seines Buches von der historischen Forschung lange vernachlässigt worden sei. Niedhart, Gottfried: Die Außenpolitik der Weimarer Republik, München 1999, S. 41ff. Dennoch wurden die Niederlande auch dort an keiner Stelle erwähnt.
Ein Blick in Forschungsdatenbanken zeigt, dass in den letzten Jahren auf beiden Seiten ein gesteigertes Interesse am Nachbarn besteht. Zwar werden in den Niederlanden insgesamt nur wenige Projekte zu den wechselseitigen Beziehungen durchgeführt, an deutschen Universitäten besteht jedoch durchaus Interesse daran. Vgl. den ,projectwijzer’ im Unterpunkt ,wetenschap’ auf: <www.duitslandweb.nl> bzw. <www.forschungsdatenbanknl.de>. Fast zeitgleich mit Ries Roowaan untersuchten etwa auch Wissenschaftler der Universitäten in Oldenburg und Duisburg die Beziehungen zwischen Deutschland und den Niederlanden, insbesondere die wechselseitige Formung des Bildes vom anderen. Moldenhauer, Gebhard; Vis, Jan (Hgg.), Die Niederlande und Deutschland. Einander kennen und verstehen, Münster 2001; Gemert, Guillaume van; Geuenich, Dieter (Hgg.), Gegenseitigkeiten. Deutsch-niederländische Wechselbeziehungen von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart, Essen 2003. Das Buch von Ries Roowaan ist das Ergebnis eines Forschungsprojektes am Zentrum für Niederlande-Studien der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Nach seiner historischen Promotion an der Universität Amsterdam und Tätigkeiten an verschiedenen Universitäten leitet der Autor seit 2004 das ABN-AMRO History Department in Amsterdam.
„Im Schatten der großen Politik“ deutet schon im Titel an, worum es im Folgenden geht: die politischen Beziehungen zwischen Deutschland und den Niederlanden vor dem Hintergrund der internationalen politischen Geschehnisse der Zwischenkriegszeit. Dies betrifft aufgrund der wechselseitigen ökonomischen Abhängigkeiten in besonderer Weise die Handelspolitik. Die Niederlande brauchten Deutschland als Absatzmarkt, während die Deutschen in den Niederlanden zwar ebenfalls einen Abnehmer ihrer Produkte sahen, darüber hinaus jedoch auf einen zusätzlichen Zugang zum Meer angewiesen waren. Auch die niederländischen Kolonien waren für Deutschland von Bedeutung. Die wechselseitigen Beziehungen veränderten sich zwischen 1918 und 1933 jedoch merklich, so dass von den eingespielten und jahrzehntelang erprobten Handelsbeziehungen am Ende kaum etwas übrig blieb.
Roowaan beschreibt zunächst den Forschungsstand, die Fragestellung und die Quellenlage. Der betrachtete Zeitraum wird von ihm in drei Phasen unterteilt: von 1918 bis 1925, also bis zum Vertrag von Locarno, von 1925 bis 1929, dem Beginn der Weltwirtschaftkrise, und schließlich von 1930 bis 1933. Jedem Zeitraum wird ein Überblick über die internationale Lage und die jeweilige Außenpolitik der Niederlande und Deutschlands vorangestellt. Auch das Verhältnis Deutschlands zu Niederländisch-Indien wird skizziert. Die eigentliche Darstellung beginnt jedoch zunächst mit einem Überblick der historischen Entwicklung beider Staaten vor 1918 (Kapitel II). Dabei werden bei allen Gemeinsamkeiten vor allem die Unterschiede deutlich, die den Umgang miteinander prägten: Die Großmacht Deutschland besaß zahlreiche Nachbarn, unter denen der Kleinstaat Niederlande einen der kleineren darstellte, während für die Niederlande Deutschland stets einer der wichtigsten Nachbarn war.
Im dritten Kapitel („Schwaches Deutschland - starke Niederlande“) zeigt Roowaan, dass mit Ende des Ersten Weltkrieges eine Änderung im Kräfteverhältnis der beiden Länder eintrat. Die neutralen Niederlande waren vor allem in finanzieller Hinsicht stark, während Deutschland durch Krieg und Versailler Vertrag ökonomisch geschwächt wurde. Auf der internationalen Bühne traten die beiden Staaten in dieser Phase kaum auf. Für Aufsehen sorgten die Niederlande lediglich durch ihr Festhalten am Asyl für den abgedankten deutschen Kaiser Wilhelm II. Die Deutschland im Versailler Vertrag auferlegten Restriktionen wirkten sich in der Folge auch auf die niederländische Ökonomie aus. Besonders die Ruhrkrise bedeutete eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage beider Staaten, da auch die Handelswege der Niederländer blockiert wurden. Mit dem Kohlen- und Kreditvertrag versuchten die Niederländer, Deutschland in dieser Hinsicht zu stützen. Für Deutschland wiederum stellten die niederländischen Kolonien einen Absatzmarkt für Güter und Arbeitskräfte dar. Besonders Niederländisch-Indien spielte eine immer wichtigere Rolle für den deutschen Export, und die deutschen Bewohner der Kolonie waren durchaus einflussreich. Direkte Konfrontationen zwischen beiden Ländern gab es lediglich in den Verhandlungen über den Grenzverlauf im Ems-Dollart-Gebiet sowie beim Schadensersatz für den 1916 von den Deutschen torpedierten Dampfer „Tubantia“. Roowaan geht in diesem Kapitel auch auf die durchaus verbesserten kulturellen Beziehungen zwischen den beiden Staaten ein.
Das vierte, mit „Goldene Jahre – unsichere Jahre“ übertitelte Kapitel umfasst die Zeit vom Locarno-Vertrag bis zur Weltwirtschaftkrise. Durch den Friedensvertrag und den Young-Plan entspannte sich die Lage in Europa vorübergehend, und in Deutschland erholte sich zudem die wirtschaftliche Lage. Bei den Verhandlungen über einen Handelsvertrag mit den Niederlanden wurde jedoch deutlich, dass Deutschland erneut seine Machtvorteile ausspielte, zumal die niederländische Außenpolitik in dieser Zeit unter offensichtlichen Kompetenzmängeln litt. Wenn diese Vorgänge auf politischer Ebene auch zunächst ohne Konsequenzen blieben, trugen sie doch dazu bei, das Deutschlandbild der in dieser Hinsicht gekränkten Niederländer negativ zu beeinflussen. Niederländisch-Indien spielte dagegen eine immer wichtigere Rolle für den deutschen Export.
Mit der Weltwirtschaftskrise setzte zwischen den beiden Ländern eine „Spirale in den Abgrund“ (Kapitel V) ein. Infolge ökonomischer Probleme begann in Deutschland auch die Demokratie zu erodieren. In den Niederlanden schlug die Krise erst ab 1932 durch und zwang das Land zu staatlichen Eingriffen in die Wirtschaft. Der Handel zwischen den Nachbarstaaten litt unter den Kontingentierungen, die Deutschland für Waren und Devisen einführte. Die Niederlande konnten den Maßnahmen kaum etwas entgegen setzen, ihr Export nach Deutschland sank in der Folge dramatisch. Anfang der dreißiger Jahre beobachteten niederländische Diplomaten und die niederländische Presse die politischen Entwicklungen in Deutschland bereits mit starkem Misstrauen, doch befürchteten sie in der Regel eher eine Radikalisierung von links als von rechts. Roowaan schildert auch die Situation der Deutschen in Niederländisch-Indien bis zum Überfall der Japaner im Jahr 1940. Infolge der weltweiten Krise hatte auch die Kolonie mit ökonomischen Problemen zu kämpfen, der deutsche Export dorthin ging jetzt stark zurück. Die Darstellung wird abgerundet durch eine knappe Zusammenfassung, ein ausführliches Quellen- und Literaturverzeichnis sowie ein Personenregister.
Roowaan richtet sein Buch stark an der internationalen Politik aus und ordnet die Beziehungen zwischen den Niederlanden und Deutschland entsprechend ein. Dadurch wirken die deutsch-niederländischen Beziehungen insgesamt ein wenig bruchstückhaft und zufällig, eine stärkere Fokussierung auf das Verhältnis beider Staaten hätte Kontinuitäten und Veränderungen noch deutlicher werden lassen. Das umfangreiche Quellenmaterial dürfte hierzu einiges mehr hergeben. Durch den ständigen Wechsel zwischen deutscher und niederländischer Sicht ist es dem Autor jedoch gelungen, die Beziehungen vergleichsweise objektiv darzustellen und die jeweiligen Zusammenhänge mit der internationalen Politik zu verdeutlichen. Ohne dabei allzu sehr ins Detail gehen zu können spielen bei ihm auch die Handlungen und Motive einzelner Diplomaten und Politiker eine Rolle. Die übersichtliche Gliederung des Werkes und die weitgehende Nachvollziehbarkeit der beschriebenen Zusammenhänge machen die Lektüre auch für solche Leser/innen, die über niederländische Geschichte wenig wissen, zu einem Gewinn.
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Jeannette Nowak. Review of Roowaan, Ries, Im Schatten der Großen Politik: Deutsch-niederländische Beziehungen zur Zeit der Weimarer Republik 1918-1933.
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