Jolita Lenkeviciute. Vilnius im Wandel: Wohnsegregation in einer ostmitteleuropäischen Hauptstadt. Berlin: Wissenschaftlicher Verlag Berlin WVB, 2006. 458 S. ISBN 978-3-86573-184-5.
Reviewed by Andreas R. Hofmann
Published on H-Soz-u-Kult (February, 2007)
J. Lenkeviciute: Vilnius im Wandel
Hatte die Soziologie als akademisches Fach im Litauen der Sowjetzeit brachgelegen, so konnte insbesondere die Stadtsoziologie seit Beginn der litauischen Unabhängigkeit noch kein eigenes Forschungsprofil entwickeln. Deshalb ist Jolita Lenkeviciutes Freiburger Dissertation eine Pionierstudie über die sozialräumliche Segregation der litauischen Hauptstadt Vilnius (Wilna) in der Transformationsphase seit 1991. Auch über andere Städte des östlichen Mitteleuropa liegen bislang nur vereinzelte Arbeiten zu diesem Thema vor; z.B.: Dangschat, Jens S., Soziale und räumliche Ungleichheit in Warschau, Hamburg 1985; Weclawowicz, Grzegorz, Die sozialräumliche Struktur Warschaus. Ausgangslage und postkommunistische Umgestaltung, Wien 1993; Kostelecký, Tomáš; Nedomová, Alena; Vajdová, Zdenka, The Housing Market and Its Impact on Social Inequality. A Study of Prague and Brno (Czech Republic), Wien 1997; Steinführer, Annett, Wohnstandortentscheidungen und städtische Transformation. Vergleichende Fallstudien in Ostdeutschland und Tschechien, Wiesbaden 2004. Forschung über Wohnsegregation ist ein mikrosoziologischer Ansatz, der die Stadt oder den Stadtteil bis hinunter zum einzelnen Wohnquartier in den Blick nimmt, dabei aber eine Fragestellung verfolgt, die auf zentrale Entwicklungen der Gesellschaft in ihrer Gesamtheit abzielt. Der größte Vorzug dieses Ansatzes ist, in makrosoziologischer Betrachtung abstrakt bleibende Vorgänge in den anschaulichen Kontext des nachbarschaftlichen Sozialgefüges zu stellen.
Lenkeviciute gliedert ihr Buch in fünf Kapitel unterschiedlicher Länge. Die ersten drei Kapitel bilden einen theoretischen Vorlauf sowie eine Einführung in die historische Entwicklung der ostmitteleuropäischen Stadt im Allgemeinen und von Vilnius im Besonderen. Lenkeviciutes Perspektive auf die Wohnsegregation (auch "sozialräumliche" oder "residentielle Segregation" genannt, siehe die Definition S. 15) ist diachron; sie interessiert sich also nicht nur für den Istzustand, sondern auch für die Beschreibung und Erklärung von Segregation als historisch-sozialen Prozess. Dieser Teil der Arbeit umfasst immerhin ein gutes Drittel des Gesamttextes (S. 21-156) und übererfüllt den Bedarf an theoretischer und historischer Einbettung. Für die Fragestellung wäre z.B. nicht unbedingt erforderlich gewesen, die Vilniuser Stadtgeschichte von der mittelalterlichen Siedlung an aufzurollen, wie Lenkeviciute dies tut (S. 103-115). Einige kleinere Irrtümer und Verschreibungen im historischen Teil seien an dieser Stelle vermerkt: Die polnische Industriestadt Lodz wurde im Zweiten Weltkrieg nicht "gänzlich zerstört" (S. 89), sondern ging im Gegenteil fast unversehrt aus dem Krieg hervor; der polnische Novemberaufstand fand nicht 1831/32 statt (S. 125), sondern 1830/31; Breslau schreibt sich polnisch "Wroclaw", nicht "Wrozlaw" (S. 89); an mehreren Stellen sind die Jahrhundertbezeichnungen verwechselt worden, z.B. S. 123 "18." statt "19. Jahrhundert". Aber das sind Nebensächlichkeiten, die der Lektüre des ansonsten sorgfältig redigierten, ohne Fachjargon auskommenden und flüssig geschriebenen Buches keinen Abbruch tun.
Der für das Verständnis der jüngsten Stadtentwicklung relevante Zeitabschnitt beginnt etwa mit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Lenkeviciute stellt die Frage nach der möglichen Spezifik der ostmitteleuropäischen Stadt in ihrem Verhältnis zu den beiden idealtypischen westlichen Stadtmodellen, der "liberalen Stadt" amerikanischer Prägung sowie der "sozialen Stadt" des (west- und mittel-) europäischen Typus. Während in der "liberalen Stadt" die Stadtentwicklung einschließlich des Wohnungsbaus den Marktkräften überlassen wird, ist für die "soziale Stadt" kennzeichnend, dass staatliche und kommunale Instrumentarien der infrastrukturellen Entwicklung mit dem Ziel eingesetzt werden, die sozialen Divergenzen abzumildern, die sich vor allem in einer starken Wohnsegregation niederschlagen. Ideen hierzu finden sich bereits in den sozialistischen Utopien des 19. Jahrhunderts. Erste Ansätze zu ihrer politischen Umsetzung gab es in der Zwischenkriegszeit. Zur dominanten Stadtentwicklungspolitik wurden diese Ansätze in Westeuropa jedoch erst in den Prosperitätsjahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg.
Die ostmitteleuropäischen Staaten waren in der kurzen Phase ihrer Unabhängigkeit nach 1918 zumeist ökonomisch zu schwach oder politisch nicht gewillt, das Modell der "sozialen Stadt" zu adaptieren, obwohl es dafür Ansätze beispielsweise in der Tschechoslowakei zur Zeit der Weltwirtschaftskrise gab. Vilnius blieb in dieser Zeit doppelt benachteiligt. Zwar war es seit den Anfängen der litauischen Nationalbewegung die ideelle Hauptstadt Litauens, war aber in der Realität zunächst eine Gouvernementstadt der russländischen Provinz und konnte auch nach der Gründung des unabhängigen Litauen nicht zur tatsächlichen Hauptstadt werden, nachdem es 1920 von Polen annektiert worden war und damit einen weiteren Statusverlust erlitt. Nach der Annexion der baltischen Staaten durch die UdSSR 1940/44 und der Eingliederung des übrigen Ostmitteleuropa in die sowjetische Hegemonialsphäre besaß die Politik der "sozialen Stadt" dort keine Fortsetzungschance mehr. Denn an die Stelle einer aktiven städtischen Wohn- und Sozialpolitik trat das staatssozialistische Dogma der Klassenlosigkeit (S. 100), das paradoxerweise zu einer sozialen Differenzierung und sozialräumlichen Segregation neuer Art führte.
Die Ursachen hierfür lagen nicht zuletzt in der Privilegierung der sowjetischen Nomenklatura bei der Ausstattung mit dem stets zu knappen Wohnraum, aber auch darin, dass die in Wirtschaft und Industrie benötigten Spezialisten bevorzugt Wohnungen in den sowjetischen Blocksiedlungen der 1960er bis 1980er-Jahre zugewiesen bekamen. Wie Lenkeviciute verdeutlicht, kamen im Falle von Vilnius die großen Bevölkerungsverluste durch den Krieg, die sowjetische und deutsche Besatzung und den Holocaust sowie die anschließende Vertreibung der mehrheitlich polnischen Bevölkerung hinzu, die gegen litauische, russische und weißrussische Neuankömmlinge ausgetauscht wurde (S. 141-143). Dieser Bevölkerungswechsel führte zu einer Wohnsegregation nach dem Kriterium der Ethnizität, da die nach den 1950er-Jahren noch vorhandenen polnischen und polnisch-jüdischen Bevölkerungsreste in ihren alten Wohnungen blieben, während die neu Zugezogenen vor allem auf die Neubausiedlungen verteilt wurden. Die heute nachweisbare ethnische Segregation steht in direkter Kontinuität zu dieser Entwicklung, die im Laufe der Zeit durch das Anwachsen des litauischen Bevölkerungsanteils verstärkt wurde.
Der empirische Hauptteil des Buches folgt im umfangreichsten Kapitel IV (S. 157-376). Dieses greift chronologisch nochmals auf die sowjetische Wohnsegregation als Ausgangsvoraussetzung der Transformationsphase zurück. Allerdings ist die Autorin hierbei auf unzulängliche Erhebungen aus den 1970er und 1980er-Jahren angewiesen, da in der UdSSR aus ideologischen Gründen keine Segregationsforschung betrieben werden konnte (S. 229-235). Für die Entwicklung seit 1991 stützt sich die Untersuchung auf drei Quellengruppen: 1. eine von der Stadtverwaltung Vilnius in Auftrag gegebene quantitative Erhebung aus dem Jahr 2001; 2. insgesamt 45 eigene qualitative Interviews mit den Bewohnern dreier Großsiedlungen, die zur selben Zeit durchgeführt wurden; schließlich 3. eigene Interviews mit einer Reihe von Experten aus der Stadtverwaltung sowie aus wissenschaftlichen Einrichtungen. Das Sample der Einwohnergespräche wurde so zusammengestellt, dass jeweils ein Drittel der Befragten in einer Siedlung mit gleichbleibenden, mit sinkenden und mit steigenden Preisen für Immobilieneigentum ansässig waren, um eine hinreichend repräsentative Abbildung der Segregationsvorgänge zu erzielen. Die Bewohner von noch vielfach im Stadtbild anzutreffenden alten Holzhäusern wurden dagegen nicht befragt, ebenso wenig die Bewohner von luxuriösen Neubauvillen oder sanierten Altstadtwohnungen. Denn diese an den Extremen der sozialen Hierarchie befindlichen Gruppen spielen für weitere Segregationsvorgänge insofern keine Rolle, als sie entweder keine Möglichkeit besitzen, eine bessere Wohnung zu beziehen, oder darin keine Notwendigkeit mehr sehen.
Die in zwei Wellen in den Jahren 1991 und 1995 durchgeführte Privatisierung verstärkte eine weitere Kontinuität der Transformation zur sowjetischen Zeit. Denn die an die litauischen Staatsangehörigen ausgegebenen Voucher wurden von den Bewohnern von Vilnius vorzugsweise zum Erwerb der in Kommunalbesitz befindlichen Wohnungen benutzt. Infolgedessen besaßen die in der Sowjetzeit privilegierten Wohnungsinhaber, die über größere und moderner ausgestattete Wohnungen verfügten, einen Startvorteil gegenüber den Bewohnern kleinerer und älterer Wohnungen. Die für die sowjetische Zeit charakteristische Immobilität der Stadtbewohner, die selten aus einer einmal zugeteilten Wohnung in eine bessere ziehen konnten, wich nunmehr einer verstärkten Mobilität innerhalb einer typischerweise dreischrittigen "Wohnbiographie": von einer kleinen, unzulänglichen Wohnung, beispielsweise in einem vormaligen Wohnheim, über eine Wohnung mittleren Standards, bis schließlich die angestrebte Wunschwohnung bezogen werden kann. Der Wohnungsmarkt von Vilnius wurde radikal privatisiert, lediglich ein zur Marktregulierung nicht mehr ausreichender Rest der Wohnungen verblieb in kommunalem Besitz. Mithin ist der heutige Bewohner von Vilnius typischerweise nicht Mieter, sondern Eigentümer seiner Wohnung. Die "eigene Wohnung" ist semantisch gleichbedeutend mit der "Eigentumswohnung" geworden, und die aus staatssozialistischer Zeit stammende Mentalität, die zugewiesene Wohnung als Eigentum zu betrachten, ist unter kapitalistischen Verhältnissen zu einer juristischen und ökonomischen Realität geworden (S. 307f.).
Damit ist heute jedoch Wohnungsbesitz eine Frage des Einkommens, bei der sich Transformationsgewinner immer deutlicher von Transformationsverlierern unterscheiden. Der idealtypische Verlierer ist ein älterer, schlecht ausgebildeter, oft arbeitsloser oder bereits verrenteter Arbeiter, häufig Angehöriger der russischen, weißrussischen oder polnischen Minderheit, der eine kleine Wohnung in einem der ökologisch und infrastrukturell benachteiligten Stadtteile im Süden in der Nähe von Hauptbahnhof und Flughafen bewohnt. Der idealtypische Gewinner ist in der Regel jünger als vierzig, Litauer, besitzt einen akademischen Abschluss und arbeitet in einer der Wachstumsbranchen des Landes. Die von den Gewinnern bevorzugten Stadtteile befinden sich im Norden und Nordwesten, Standorte von in der späten Sowjetzeit errichteten Wohnsiedlungen, die wegen ihres geringeren Alters und ihrer moderneren Ausstattung als die besseren gelten. In derselben Nachbarschaft entstanden und entstehen jedoch auch vor allem Neubaublocks und Einfamilienhäuser. Die angestrebte, aber nur von den wenigsten realisierbare Wohnung ist für die meisten jedoch das Einfamilienhaus in privilegierter Lage am Stadtrand.
Resümierend lässt sich festhalten, dass Lenkeviciutes Studie kaum Überraschungen über die jüngste Entwicklung bereithält, die sich an typische Trends der Transformationsstaaten insgesamt anschließt. Die Relevanz ihrer Befunde erschließt sich eher im differenzierenden Detail. So überzeugt eine ihrer Hauptthesen, dass die gegenwärtige Entwicklungsrichtung der wohnräumlichen Segregation bereits in sowjetischer Zeit angelegt gewesen sei. Zurzeit ist die Segregation in Vilnius noch weniger fortgeschritten als in westlichen Städten von vergleichbarer Größe und Sozialstruktur; noch sind Immobilienbesitz und Wahl des Wohnstandorts nicht ähnlich eng wie dort mit Prestige und Sozialstatus verknüpft. Die Auskünfte aus dem Interviewsample lassen erkennen, dass sich die Menschen der negativen Konsequenzen einer zunehmenden Segregation durchaus bewusst sind, wobei ihnen das abschreckende Beispiel amerikanischer Großstädte mit ihren Minderheitenghettos und "gated communities" vorschwebt. Jedoch beeinflussen solche Überlegungen ihre individuellen Wohnstandortentscheidungen noch kaum, die primär auf die Wohnung als solche und nicht auf die Stadtteillage gerichtet sind. Das Fazit des Buches, gezogen im abschließenden Kapitel V (S. 377-406), stimmt dennoch skeptisch. Die bisherige Politik der Stadtverwaltung war auf die infrastrukturelle Gesamtentwicklung der Stadt, ihrer touristischen und wirtschaftlichen Attraktivität und ihres politischen Prestiges gerichtet, besaß jedoch keine sozialpolitische Fundierung. Es wird darauf ankommen, so Lenkeviciute in ihrem Ausblick, ob es der Administration gelingt, ihre Politik auf eine gezielte Wohnumfeldentwicklung zu erweitern, das Image der benachteiligten Stadtquartiere zu verbessern und Initiativen für bürgerschaftliches Engagement zu fördern, für das es vorläufig noch kaum Ansätze gibt. Dies wird darüber entscheiden, ob sich Vilnius und auch andere Städte des östlichen Mitteleuropa entweder als Vorreiter der im Globalisierungstrend zu erkennenden Herausbildung einer "absoluten Armut" und kaum mehr überbrückbaren sozialen Segregation erweisen werden (S. 402), oder ob es ihnen gelingen wird, an das Modell europäischer Urbanität anzuknüpfen. Dieses entsprach freilich in seiner idealtypischen Form nie der Realität und wird gerade jetzt auch im Westen des Kontinents zunehmend in Frage gestellt.
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Andreas R. Hofmann. Review of Lenkeviciute, Jolita, Vilnius im Wandel: Wohnsegregation in einer ostmitteleuropäischen Hauptstadt.
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