Thomas Max Safley. Ad historiam humanam: Aufsätze für Hans-Christoph Rublack. Epfendorf: bibliotheca academica Verlag, 2005. S. 225. ISBN 978-3-928471-65-7.
Reviewed by Lothar Vogel
Published on H-Soz-u-Kult (September, 2006)
T. Safley (Hrsg.): Ad historiam humanam
Die vorliegende Aufsatzsammlung ist nicht eine Festschrift im klassischen Sinne, sondern stellt Beiträge von Verfasser/innen zusammen, die dem wissenschaftlichen Gespräch mit dem im Februar dieses Jahres verstorbenen Hans-Christoph Rublack, Emeritus für Neuere Geschichte an der Universität Tübingen, Anstöße für ihre eigene Arbeit verdanken. Auf zwei einleitende Artikel, die das wissenschaftliche Oeuvre Rublacks darstellen, folgt eine Reihe von Einzeluntersuchungen, deren Schwerpunkt in der Frühen Neuzeit liegt.
Eröffnet wird der Band durch eine Einleitung von Lee Palmer Wandel. Als Proprium der Arbeit Rublacks stellt er eine gewisse Distanz zu den übergreifenden Theoriebildungen der letzten Jahrzehnte heraus. Während sein akademischer Lehrer Ernst-Walter Zeeden das Konzept der „Konfessionsbildung“ formulierte oder Bernd Moeller die Vorstellung von der „sakralen Gemeinschaft“ als Hintergrund der städtischen Reformation herausarbeitete, habe Rublack bei seinen Untersuchungen über die Reformation in Konstanz, Kitzingen oder Nördlingen sein Augenmerk auf das Erleben und Handeln einzelner Menschen, auf ihre Situationswahrnehmungen, Handlungsmöglichkeiten und Konflikte gerichtet. Ergänzt werden diese Überlegungen im Artikel von Thomas A. Brady (Hans-Christoph Rublack, Social Historian of the Reformation), der als zentrale Einsicht Rublacks die Offenheit und Kontingenz der reformatorischen Prozesse in den verschiedenen untersuchten Städten hervorhebt.
Der Reigen der Einzeluntersuchungen, in denen sich der Ansatz Rublacks in unterschiedlicher Intensität spiegelt, wird durch zwei Beiträge zur Reformationsgeschichte Augsburgs eröffnet. Rolf Kießling (Reformation(en) in Augsburg – die Perspektive der Gemeinden: Skizze zu einem Forschungsprojekt) stellt in Umrissen eine neue Deutung der bekannten Vielfalt der religiösen Landschaft Augsburgs bis 1537 vor: „[D]ie Verschiedenartigkeit in einer breiten Palette an möglichen Ausformungen der Gemeinde, die bislang in der Augsburger Reformationsgeschichte vor allem theologisch an den Prädikanten und ihrem Einfluss auf den Rat fest gemacht wurden, resultierte zu einem erheblichen Maße auch aus der Struktur der ‚Kirchenlandschaft‘ und der Sozialtopographie der Stadt.“ (S. 41). J. Jeffery Tyler (The Bishop’s Power and Peril: The Episcopus Exclusus in Augsburg and Constance) stellt die Vertreibung von Bischöfen aus ihren Städten in der Reformationszeit in einen Zusammenhang mit den spätmittelalterlichen Konflikten: Die Reformation bot den städtischen Autoritäten die Gelegenheit, die Präsenz des Bischofs in der Stadt völlig zu beseitigen und damit den Prozess der Ablösung von der bischöflichen Gewalt zu vollenden (S. 60).
Mit der Reformationsepoche befassen sich noch weitere Beiträge. Berndt Hamm (Normative Zentrierung städtischer Religiosität zwischen 1450 und 1550) stellt anhand der Reichsstadt Nürnberg einen Zusammenhang her zwischen dem von ihm geprägten Begriff der „normativen Zentrierung“ als Kennzeichen der Reformation und „Zentrierungsimpulsen“ auf der Ebene der politischen Ordnung – also jenem Prozess, der als Ausbildung von Staatlichkeit im modernen Sinne betrachtet wird (S. 79f.). Gabriele Haug-Moritz (Kurfürst Moritz von Sachsen als Kriegsfürst im Spiegel der Medien) zeichnet die Charakterisierungen des Kurfürsten Moritz in Druckschriften zwischen 1546 und 1553 nach. Wertvoll ist hier auch die Auflistung der einschlägigen Druckschriften. Ein Stück Erinnerungsgeschichte bietet Wolfgang Zimmermann (Der Konstanzer Spaniersturm von 1548. Zur Rezeptionsgeschichte eines historischen Ereignisses zwischen reformatorischer Selbstvergewisserung und nationalliberaler Instrumentalisierung). Die erfolgreiche Gegenwehr der Stadt Konstanz gegen den Angriff kaiserlich-spanischer Truppen im August 1548 wurde zwar unmittelbar nach dem Ereignis durchaus publizistisch genutzt, verlor aber rasch ihre Relevanz, da Konstanz sich im Oktober desselben Jahres ergeben musste. Das Gedenken an dieses Ereignis wurde in der Folgezeit unter Konstanzer Exulanten und in der Schweiz bewahrt und kehrte erst im 19. Jahrhundert unter nationalistischem Vorzeichen in die Stadt zurück. In dem Beitrag von Michael G. Baylor (Thomas Müntzer as Peasants‘ War Leader) schließlich werden die geistige Führungsrolle Müntzers, aber auch die faktischen Grenzen seines Einflusses während des Bauernkriegs näher beleuchtet.
Eine Reihe von Artikeln sind dem 17. und 18. Jahrhundert gewidmet. Ernst Koch (Beteiligung und Distanz – Die Religion der kleinen Leute und der Gottesdienst der Institution der Kirche) behandelt anhand thüringischer Beispiele die Phänomene des Schwatzens und Schlafens in der Kirche und beschreibt die zwar verlässliche, aber doch distanzierte Teilnahme der Bevölkerung am Gottesdienst als Ausdruck eines aus dem Mittelalter überkommenen „Mentalitätszusammenhangs“ (S. 127), der sich erst im Zuge der Industrialisierung aufgelöst habe. Ein Artikel von Lyndal Roper (Witches‘ Children) befasst sich mit der Verfolgung von Kindern als Hexer bzw. Hexen. Die überlieferten Aussagen der Kinder in Verhörprotokollen wertet sie als Zeugnisse kindlicher Mentalität aus. Sabine Holtz („[...] jhr Ampt ohn Ansehen der Person thun“. Konfliktpotentiale im Leben eines Kirchendieners) kontrastiert das theologisch geprägte Amtsverständnis evangelischer Geistlicher mit den Rollenerwartungen, die ihre Gemeindemitglieder an sie richteten. Ebenfalls im 17. Jahrhundert angesiedelt ist der Beitrag von Thomas Max Safley (Zur Definition von „Dissent“ im konfessionellen Zeitalter: Die Augsburger Streitpredigten von Georg Philipp Riß). Die konfessionelle Polemik eines evangelischen Predigers, die in diesem Falle zu obrigkeitlichen Gegenmaßnahmen führte, wird hier als eine Form von „dissent“ vorgestellt. Damit freilich verliert dieser Begriff viel von dem Gehalt, den er im Bereich des radikalen Pietismus aufweist. Zu bedenken ist auch, dass der hier behandelte Prediger trotz zwischenzeitlicher Konflikte eine glänzende Karriere machte – und zwar mit Unterstützung des Augsburger Rates.
Schließlich sind noch zwei Beiträge zu nennen, die von den Schwerpunkten dieses Sammelbands abgesetzt sind. Nobert Haag (Frühe Neuzeit im 20. Jahrhundert? Ländliche Frömmigkeit im Dekanat Herrenberg 1919-1939) beschreibt die nachhaltige Kontinuität einer traditionell geprägten ländlichen Frömmigkeit bis ins 20. Jahrhundert hinein. Haag beschreibt die Folgen der Machtergreifung Hitlers für das dörfliche Beziehungsgeflecht: Da sich (in Württemberg) die Mehrheit der Geistlichen mit dem Kampf ihres Landesbischofs Theophil Wurm gegen eine staatliche Gleichschaltung der Kirche solidarisierte, zerbrach vielerorts ihre bis dahin selbstverständliche Kooperation mit den Bürgermeistern und Lehrern. Die Rolle des Pfarrers wurde dadurch tief erschüttert. Sehr grundsätzlichen Fragen ist der Beitrag von Jörn Sieglerschmidt gewidmet (Spielt die Natur mit dem Menschen? Zum Einfluss der Natur auf die soziale Umwelt des Menschen). Entgegen der klassischen, von Gustav Droysen formulierten historischen Hermeneutik, die eine grundsätzliche Unterscheidung von Natur und Kultur vornimmt und die Geschichte der letzteren Sphäre zuordnet, plädiert Sieglerschmidt für eine höhere Gewichtung der natürlichen Rahmenbedingungen menschlicher Existenz – freilich nicht im Sinne eines Determinismus, sondern unter Aufnahme des Herderschen Konzeptes der „Weltoffenheit“ des Menschen (S. 210).
Einige der vorgestellten Beiträge sind bereits an anderen Orten veröffentlicht bzw. zur Veröffentlichung vorgesehen (Tyler, Hamm, Haug-Moritz, Koch, Haag), zwei von ihnen (Koch, Holtz) wurden bereits im Jahre 1997 als Text bzw. Vortrag abgeschlossen. Dies ändert aber nichts daran, dass aus den Artikeln ein gewisser gemeinsamer cantus firmus herauszuhören ist: Die Sensibilität für das Erleben und Handeln von Menschen, die nicht zu den „großen“ Persönlichkeiten gehörten und die doch fortlaufend die Geschichte geprägt haben.
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Citation:
Lothar Vogel. Review of Safley, Thomas Max, Ad historiam humanam: Aufsätze für Hans-Christoph Rublack.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
September, 2006.
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