Sophie Coeuré, Frédéric Worms. Albert Kahn, Henri Bergson: Correspondances. Paris: Desmaret Édition, 2003. 155 S. ISBN 978-2-913675-11-7.
Reviewed by Dina Gusejnova
Published on H-Soz-u-Kult (February, 2006)
S. Coeuré u.a. (Hgg.): Albert Kahn, Henri Bergson
“Korrespondenzen” heißt dieser von einer Historikerin, Sophie Coeuré, und einem Philosophen, Frédéric Worms, herausgegebene Band, dessen Mittelpunkt der Briefwechsel zwischen Albert Kahn und Henri Bergson in der Zeit zwischen 1879 und 1893 bildet. Es ist ein kleines Buch, das aber nicht nur einen biographischen Einblick in die Jugend Bergsons bietet und uns mit seinem Freund, dem späteren Bankier Albert Kahn, bekanntmacht. Die “Korrespondenzen” lassen die Herausgeber auch in den beigefügten Aufsätzen entstehen, indem sie auf Verbindungen zu anderen Intellektuellen des 20. und ausgehenden 19. Jahrhunderts verweisen, oder die Geschichte von Kahns Archiv als eines von vielen in den 1940er Jahren aus dem besetzten Frankreich nach Deutschland und dann durch die Rote Armee in die Sowjetunion gebrachten Archive betrachten.
Obwohl Albert Kahn (1860-1940) und Henri Bergson (1859-1941) fast gleich alt sind, nimmt Bergson Kahn gegenüber zunächst die Rolle eines Lehrers an. Es ist Kahn, der Bergson über dessen alte Schule, das Springer-Internat, vor seiner Aufnahmeprüfung an die Ecole Normale Supérieure in Paris kontaktiert. Der Briefwechsel, der sich in den folgenden Jahren entwickelt, dokumentiert die entstehende Freundschaft und zeigt auf, wie die zwei jungen Männer erst zu Intellektuellen werden. Angefangen mit einer elitären Ausbildung an der ENS, und dann fortgesetzt durch ein weitgezweigtes Netz von Bekanntschaften, Schüler- und Lehrerverhältnissen und Verwandtschaftskreisen, schleusen sich die zwei Männer durch die Welt. Kahn entwickelt sich zu einem Förderer anderer, während Bergson sich mehr und mehr dem eigenen Schaffen widmet. Bergson wird zu dem weltberühmten Philosophen den wir kennen, und Kahn bleibt mit einer Bankgründung 1898 der Familientradition treu (er ist mit den Bankiersfamilien Goudchaux und Cahen d`Anvers verwandt). Beide teilen die Ansicht, dass die Welt im Sinne des Humanismus und Kosmopolitismus eingerichtet werden soll. In diesem Sinne bleiben ihre Publikationen auch Jahre nach dem Briefwechsel in Berührung: Kahns 1918 veröffentlichte und Bergson gewidmete “Rechte und Pflichten der Regierungen” (“Des droits et des dévoirs des gouvernements”) und Bergson seinen “Discours de guerre”. Albert Kahn: Des droits et des dévoirs des gouvernements, Paris: Imprimerie de Vaugirard, 1918; Henri Bergson: Discours de guerre, Paris, 1918. Doch bleiben Kahns Tätigkeiten überwiegend an die Öffentlichkeit, die Menschheit als Ganzes gewandt, während Bergson sich als Philosoph zunehmend der individuellen Erfahrung widmet. Trotzdem verweist auch Bergson in öffentlichen Reden bis in die 1930er Jahre hinein immer wieder auf Albert Kahns Lebenswerk.
Verglichen mit früheren enzyklopädischen Ansätzen, in denen versucht wurde, einen Einblick in den gesellschaftspolitischen Einfluss Intellektueller in Frankreich seit der Dreyfus-Affäre zu erhalten, ist dies eine Makrostudie. Doch erfüllt sie Erwartungen, die eine Übersichtsstudie aufgrund des Versuchs, Fallbeispiele und Intellektuellentheorien einzugliedern, nicht berücksichtigen kann. Da ist zum Einen die Fragestellung, welche Motivationen und Reflexionen Menschen in einer frühen Phase ihrer Bildungszeit dazu bewegen, ihr Wissen oder ihre Ressourcen der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, oder sich durch Publikationen gesellschaftlicher Probleme anzunehmen. In vielen Werken würde Albert Kahn nicht einmal in die Ränge eines Intellektuellen zugelassen. Doch zeigt seine Freundschaft mit Bergson, dass am Anfang seiner Karriere und eigentlich bis in die 1920er Jahre hinein viele Parallelen zwischen seinem und Bergsons Weg bestanden. Bergson zum Beispiel gründet das `Institut international de Coopération intellectuelle`, eine Vorläuferorganisation der UNSECO. Albert Kahn richtet eine Stiftung ein, die Société Autour de Monde, die in seinem Namen Weltreisen für die Bildung junger Erwachsener fördert. In den großen Übersichtsstudien zur Intellektuellengeschichte wird die Entstehung des modernen Intellektuellen als public intellectual in der Zeit der Dreyfus-Affäre in den 1890er Jahren festgelegt. Christophe Charle: Naissance des "intellectuels". 1880-1900. Paris: Éditions de Minuit 1992; Michel Winock: Le siècle des intellectuels. Paris: Seuil 1997. Der fast zwanzig Jahre zuvor liegende Briefwechsel zwischen Kahn und Bergson verweist auf die Unverlässlichkeit solcher Angaben. Bergsons in den 1930er Jahren formuliertes Prinzip, “im Gedanken zu handeln und als Handelnder zu denken,” findet sich auch schon in dieser Korrespondenz. Bergson führt die Ursprünge des Intellektuellen auf Descartes zurück. Er sei es gewesen, so Bergson, der als erster den “großen Tourismus praktizierte” und die “internationale Zusammenarbeit von Intellektuellen vor seiner Zeit fühlte”. Und Descartes habe schon nach dem Prinzip des “il faut agir en homme de pensée et penser en jomme d`action” gelebt. Henri Bergson: Message au Congrès Descartes, Mélanges, p. 1579. Im Buch zitiert auf S. 113.
Desweiteren berührt der vorliegende Band auch einen besonderen Fall von Intellektuellen. Ein großer Teil des französischen Intellektuellendiskurses entwickelt sich aus der Problematik der jüdischen Identität, von Ernest Renans Aufsatz “Nation” bis hin zu Bergsons “Deux sources de la morale et de la religion” von 1932. Ernest Renan: „Qu'est-ce qu'une nation?“, Vorlesung an der Sorbonne, 11. März 1882, in Renan,
Discours et Conferences, Calman-Levy (Paris 1887), S.277-310; Henri Bergson: Les Deux Sources de la morale et de la religion, Les presses universitaires de France (Paris 1932). Die Tatsache, dass Bergson und Kahn, wie Renan, diese Identität in ihren Arbeiten nicht offen reflektieren, befreit einen Leser ihrer Texte nicht davon, sie daraufhin zu untersuchen. Übersichtsstudien wie Christoph Charles oder Michel Winocks können sich nur bedingt damit auseinanderzusetzen, dass ein sehr großer Teil der französischen – wie im übrigen auch deutschen - Intellektuellen im 19. und 20. Jahrhundert aus jüdischen Familien stammten. Kahn und Bergson stammten aus jüdischen Familien, und beide bezeichneten sich an erster Stelle als Franzosen, doch Bergsons Mutter war Engländerin und Kahns Familie stammte aus dem Elsass. Als sich die Elsässer 1871 zwischen einer deutschen und einer französischen Staatsbürgerschaft entscheiden müssen, entscheidet sich Kahn für die französische, doch damit ist die Frage seiner Identität natürlich keinesfalls geklärt. Die Identitäten beider Freunde sind in einem changierenden Spektrum zwischen der jüdischen und der französischen zu finden. Darüberhinaus sind beide in ihrem Denken international ausgerichtet. Bergson will seine Commission internationale de Coopération intellectuelle als eine “supranationale” und dadurch auch “Über-intellektuelle” Einrichtung verstanden wissen. Henri Bergson: Message au Congrès Descartes, Mélanges, S. 1398. Hier zitiert auf S. 112. Sowohl Kahns, als auch Bergsons Familien sind weit verzweigt, beide haben Angehörige in anderen europäischen Ländern. Vielleicht lässt sich so zum Teil konkretisieren, wie sich beide in ihrem Denken eher die gesamte Menschheit, als nur die französische Nation als Adressaten denken.
In diesem Sinne entwickelt Kahn ein Projekt, dass er als “Archives de la Planète” bezeichnet. Er sammelt zwischen 1909 und 1930 183 000 Meter Filmrollen mit Aufnahmen der bis dahin besiedelten Erdteile. “Fair procéder à une sorte d`inventaire photographique de la surface du globe occupée et aménagée par l`Homme, telle qu`elle se présente au début du XXe siècle,` - das ist das Ziel Kahns, durch das er auch sein Reisestipendium und das damit zusammenhängende Publikationsprogramm in einem wissenschaftlichen Projekt integriert. Interessant, dass sich – wenngleich in einer “intellektuelleren” Weise – ein weiterer Zeitgenosse Kahns mit einer Atlasidee beschäftigt. Es handelt sich hierbei um Aby Warburg (1866-1929), ebenfalls ein jüdischer Intellektueller aus einer Bankiersfamilie, der allerdings, im Unterschied zu Kahn, das Bankgeschäft seinem Bruder überlassen hatte und sich seit seiner Jugend ganz der Wissenschaft widmete. Warburgs unvollendet gebliebene Bildsammlung “Mnemosyne” war der Versuch, einen illustrierten Weltatlas der wiederkehrenden Bilder der westlichen Kulturwelt anzulegen. Aby Warburg: Der Bildatlas Mnemosyne (Aby Warburg Gesammelte Schriften Zweite Abteilung II / 1), Studienausgabe. Hg. von Horst Bredekamp, Michael Diers, Kurt W. Forster, Nicolas Mann, Salvatore Settis, Martin Warnke. Akademie Verlag (Berlin 2000). (Eigentlich schon 1927 zur Publikation vorgesehen.) Angefangen mit traditionellen kunsthistorischen Stilvergleichen, enthält dieses Werk auch Gegenüberstellungen von Fotografien eines modernen Bauernlebens in Italien mit Plakaten, Zeitungsausschnitten und kunsthistorischen Aufnahmen. Wo es bei Warburg um das Fortleben von archetypischen Kulturelementen in der Gegenwart ging, da interessierte Kahn die Sammlung einer Gegenwart aus Photographien und Filmaufnahmen geographischer Orte. Beide orientierten sich dabei an der enzyklopädischen Form eines Atlanten. Es ist erfrischend, mit diesem Buch einen Band in der Hand zu haben, der Kahn und Bergson, trotz des anvisierten Umfanges ihrer Projekte, in einem ganz bestimmten Problemkreis und einem festen Ort – zur Zeit ihres Briefwechels, der Ecole Normale Supérieure – lokalisiert. Das betrifft auch das Lebensende der beiden Männer und das Schicksal ihrer Archive: Kahns Gesellschaft ´Société Autour de Monde´ steht auf Alfred Rosenbergs schwarzer Liste der beim deutschen Einmarsch in Frankreich zu zerstörenden Archive. Es gelangt nach 1940 nach Berlin, wo es bei den alliierten Bombenangriffen verschont bleibt, aber 1945 durch einen NKVD-Befehl von der Roten Armee beschagnamt und in einem Geheimarchiv in Moskau deponiert wird.
So liest sich das Nachwort der Herausgeber, in dem auch die Wiederauffindung des Archivs und die Einrichtung eines Museums von Albert Kahn in Boulogne bei Paris seit den 1970er Jahren angeschnitten wird, fast wie ein politisches Credo für die Zukunft. In der Reflexion über die Geschichte der beiden Männer, angefangen mit dem jugendlichem Enthusiasmus des Briefwechsels, bis zu ihrem Tod im besetzten Frankreich und den weiteren Abenteuern ihrer Archive, sehen Coeuré und Wilms eine Utopie für die Wissenschaft und die Welt der Zukunft, die Utopie einer neuen Moderne. Kahn, so scheint es, habe mit seinem Bildprojekt einen Blick auf die Gegenwart eröffnet, der dem 21. Jahrhundert näher steht als den 1920er und 1930er Jahren. (147) Erst heute, wenn der Verlust von Archiven sich auch als Verlust der Erinnerung erweist, und immer mehr Interesse an einer “Gleichzeitigkeit” und Bestätigung des Erlebens, in Bildern und in der Internetkommunikation, sich entwickeln – da scheine Kahns Leben in seiner Villa bei Paris, seine “Sammlung” der Welt und gleichzeitig seine Versuche, Stipendiaten in die Welt zu verstreuen, unglaublich “modern” zu sein. Vielleicht kann man darin eine Verkörperung von Bergsons Postulat sehen, die Gegenwart als etwas Werdendes festhalten zu können. Henri Bergson: L`évolution créatrice, Kap. IV: `Le mécanisme cinématographique de la pensée et l'illusion mécanistique`, Les presses universitaires de France (Paris: 1907). Die letzte Korrespondenz is also eine, die die Autoren in die Gegenwart und Zukunft führt. Das scheint einerseits eigentümlich zu sein, denn schließlich geht es in diesem Buch doch um die antiquarische Episode einer Freundschaft im 19. Jahrhundert. Andererseits ist es auch eine Stärke dieses Buches, dass es mit leichter Hand eben diese Verbindungen aufzeigt, die man während die Lektüre der Briefe und Lebenswege auch selbst herstellen kann.
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Citation:
Dina Gusejnova. Review of Coeuré, Sophie; Worms, Frédéric, Albert Kahn, Henri Bergson: Correspondances.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
February, 2006.
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