Birgit Aschmann. Gefühl und Kalkül: Der Einfluss von Emotionen auf die Politik des 19. und 20. Jahrhunderts. Stuttgart: Franz Steiner Verlag, 2005. 238 S. + 17 SW-Abb. EUR 49.00 (paper), ISBN 978-3-515-08804-6.
Reviewed by Erhard Stölting
Published on H-Soz-u-Kult (June, 2008)
B. Aschmann (Hrsg.): Gefühl und Kalkül
Emotionen in Politik und Gesellschaft finden zu Recht verstärkte wissenschaftliche Aufmerksamkeit. Das Feld wird intensiv bearbeitet, aber was bisher fehlt, sind begriffliche Raster, mit deren Hilfe man sich unzweideutig verständigen könnte. Vielfach sind noch begriffliche Naivitäten zu beobachten, die innerhalb der unterschiedlichen Fachgrenzen fortgeschleppt wurden. Der von Birgit Aschmann herausgegebene Band versammelt ausgearbeitete Beiträge einer Tagung der Ranke-Gesellschaft; er ist auch als Beiheft zu deren Mitteilungen (HMRG) erschienen. Die Herausgeber dieser Reihe, Jürgen Elvert und Michael Salewski, sind Mitautoren dieses Bandes. Auch die meisten übrigen Beiträge sind von Historikern verfasst (neben Aschmann selbst Stig Förster, Georg Schild, Karen Hagemann); hinzu kommen eine Psychologin (Hilde Haider), ein Literaturwissenschaftler (Jan-Oliver Decker), ein Orientalist (Stephan Conermann) und ein Politikwissenschaftler mit dem Schwerpunkt internationale Beziehungen (Rafael Biermann). Die instruktive Einleitung von Birgit Aschmann zeigt zum Teil auseinanderdriftende Perspektiven und Selbstverständnisse, aber auch Versuche, die Stränge interdisziplinär zusammenzuführen. Es lohnt also, diesen Band schon wegen seiner Verweise, seiner behandelten Themen und seiner Denkanstöße zur Hand zu nehmen. Der Einleitung folgen fünf Teile, die grundlegend und systematisch sinnvoll sind. Jeder Teil besteht aus zwei Aufsätzen, in denen an konkreten gesellschaftlich-historischen Ereignissen oder Prozessen Aspekte des Generalthemas erläutert werden.
Einige grundsätzliche Probleme des Feldes finden sich auch in diesem Band. Eines von ihnen ist eine ungenaue, noch zu umgangssprachliche Verwendung des Begriffs „Emotion“ selbst – wenn etwa Emotionen und Rationalität erst gegeneinander gesetzt werden und dann festgestellt wird, dass sie miteinander interagieren. Wäre es nicht interessanter, gleich zu konzedieren, dass Menschen kaum irgendetwas tun, ohne Gefühle zu haben, und dass sie in ihren Wahrnehmungen und Entscheidungen von Gefühlen gelenkt werden? Zu erforschen ist dann, welche Emotionen in welchen praktischen Zusammenhängen stehen und welche Effekte sie produzieren können. Wenn man einen präzisierenden Gegenbegriff zu „Emotion“ sucht, den man um der begrifflichen Schärfe willen ja braucht, wäre es wohl sinnvoll, an Automaten zu denken. Auch sie haben in der Geistes- und Wissenschaftsgeschichte eine zentrale Rolle gespielt. Merkwürdig ist die in diesem Band mehrfach vertretene Vorstellung, Vernunft und Kognition ließen sich als interagierende Gegensatzbegriffe denken. Kognitionen sind auch bei rationalen Wissenschaftlern ohne Gefühle kaum denkbar. Dass es hier einen Zusammenhang gibt, ist also keine neue Entdeckung. Bemerkenswert sind wiederum erst die konkreten Zusammenhänge.
Der Aufsatz von Hilde Haider („Emotionen als Steuerungselemente menschlichen Handelns“) ist für einen Nichtbiologen einerseits instruktiv und übersichtlich; auf der anderen Seite rennt sie mit ihrer Botschaft durch ein weit geöffnetes Tor. Hat wirklich irgendjemand irgendwann geglaubt, dass Menschen ohne ein physisches Substrat denken oder fühlen könnten? Dass Alkohol oder Drogen psychische Effekte haben, wissen selbst hartgesottene Rationalisten. Und gerade der strikte Behaviorismus meinte zwar, dass Verhalten nicht nur physisch beobachtbar, sondern auch auf Physiologie reduzierbar sei. Zugleich aber beschäftigte er sich mit dem Lernen und handelte sich damit letztlich die nicht-reduktionistische Geschichte ein.
Dass Emotionen die Wahrnehmung prägen und eine bestimmte Handlungsbereitschaft fördern sollen, ist sowohl aus der Wirtschaftswerbung wie aus der politischen Propaganda vertraut. Jan-Oliver Deckers medienwissenschaftlicher Beitrag zu ideologisierten Bildern im NS-Film schlägt eine wesentliche und sehr nützliche Perspektive vor: den Blick auf die kalkulierende Vermittlung des Gefühls von Unmittelbarkeit eines verborgenen Ganzen. Das zeigt er an Leni Riefenstahls „Triumph des Willens“, an Gustav Ucickys „Heimkehr“ und an Hans Steinhoffs „Hitlerjunge Quex“. Bekannt ist dabei der Appell an die Unterwerfung, an die Aufgabe der eigenen Person und an die Hingabe für etwas, das nur über Symbole in großen Gefühlen zu erfahren ist. Dies wäre ein möglicher Ausgangspunkt für die Darstellung eines fundamentalen Mechanismus einer Steuerung durch Emotionen. Dabei ist nicht überraschend, dass Emotionen gesteuert werden sollen – wohl aber der Blick auf die Paradoxie einer Vermittlung des Eindrucks von Unmittelbarkeit.
Stig Försters Aufsatz geht dem Einfluss von Angst der Militärs in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg nach und der in dieser Angst fundierten Überzeugung, der kommende Krieg sei unvermeidlich. Der Autor evoziert mittels einer entsprechenden, auf die Schilderung von Emotionen gerichteten Lektüre der Quellen tatsächlich eine beklemmende, paranoide Stimmung, die die scheinbar rationalen Begründungen der Vorbereitung und Auslösung des Ersten Weltkriegs grundierte. Georg Schild untersucht dann die emotionalen Aspekte antikommunistischer Hysterie in den Vereinigten Staaten während des Kalten Kriegs. Sein Text kann helfen, den Blick auf politische Reaktionen und ihre öffentliche Resonanz zu schärfen. Hier findet sich ein Widerschein der von Georges Lefebvre für 1789 beschriebenen „grande peur“, die die Aufmerksamkeit auf die kollektiven – und jetzt öffentlichen – Gefühle orientierte.
Karen Hagemanns Text über Liebe und Hass im deutschen Nationalismus zur Zeit der Befreiungskriege ergänzt vieles, was man aus dieser Zeit der Franzosenfresser bereits wusste. Wer über diese Epoche, über die Entfaltung des deutschen Nationalismus sowie über identitätsbildenden kollektiven und stereotypen Hass forscht, wird diesen Text mit Gewinn lesen. Stephan Conermanns Aufsatz zum Fundamentalismus anhand des Ğihādismus trägt methodisch zum Thema Emotionen weniger bei, ist aber die hilfreiche und kompetente Einführung eines Orientalisten in die Entstehung des heutigen Islamismus. Hoffentlich finden jene, die sich mit dem Thema befassen, den Text an dieser Stelle.
Birgit Aschmanns Aufsatz zum Kriegsausbruch von 1870 ist mit Stig Försters Beitrag vergleichbar – in diesem Falle handelt es sich um eine gezielte und sorgfältige Lektüre der Quellen auf die in ihnen enthaltene Ehrsemantik hin. Wie in Aschmanns Einleitung wird auch hier der unmittelbare Bezug des historischen Materials auf die Theorien eminenter soziologischer Klassiker nicht vollkommen plausibel. Michael Salewskis kurzer Aufsatz zum Thema Ehre und Schande im historischen Selbstverständnis der Deutschen nach 1945 ist wohl eher als knappe Intervention eines wichtigen Historikers zu verstehen.
Das Gleiche gilt für Jürgen Elverts Überlegungen zum Freundschaftstopos im europäischen Einigungsprozess. Wenn politische Beziehungen mit Begriffen erfasst werden, die sonst – und auch hier in der Regel kontrafaktisch – dem persönlichen Kontext entstammen, dann würde man sich etwas mehr strukturelle Reflexion wünschen. Hier werden die Begriffe problemlos so verstanden, wie sie im politischen Alltags- und Repräsentationsbetrieb eben benutzt werden. Dieser Vorwurf richtet sich auch gegen den ansonsten erheblich umfangreicheren und fundierteren Text von Rafael Biermann zur deutschen Einigung und der Verwendung der Freundschaftsmetapher. Die fehlende Begriffsreflexion schlägt unmittelbar in Naivität gegenüber den öffentlichen Darstellungen von Politik um. Eine interdisziplinäre Kooperation – etwa mit einem Literaturwissenschaftler – hätte hier vermutlich hilfreich sein können.
Ein prinzipielles Problem beim historischen und sozialwissenschaftlichen Umgang mit Emotionen wird vor allem bei der „Ehre“ und bei der „Freundschaft“ erkennbar. Die vergangenen Gefühle lassen sich ohnehin nicht rekonstruieren – wohl aber, wie darüber geschrieben wird. Es gilt zu prüfen, wie die Begriffe gedacht und wie sie dann eingesetzt werden. Der Begriff der „Freundschaft“ charakterisiert von Aristoteles über Montaigne bis in die Moderne eine zweckfreie persönliche Beziehung. Es fällt offenbar schwer zu denken, dass er gerade deshalb in wirtschaftlichen und politischen Zusammenhängen instrumentalisiert wird.
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Citation:
Erhard Stölting. Review of Aschmann, Birgit, Gefühl und Kalkül: Der Einfluss von Emotionen auf die Politik des 19. und 20. Jahrhunderts.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
June, 2008.
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