Peter E. Fäßler. Durch den 'Eisernen Vorhang': Die deutsch-deutschen Wirtschaftsbeziehungen 1949-1969. Köln: Böhlau Verlag, 2006. 335 S. ISBN 978-3-412-28405-3.
Reviewed by Detlef Nakath
Published on H-Soz-u-Kult (August, 2007)
P. E. Fäßler: Durch den 'Eisernen Vorhang'
Die Geschichte der deutsch-deutschen Wirtschaftsbeziehungen war in den letzten Jahren nicht besonders häufig Gegenstand von wissenschaftlichen Untersuchungen. Andere Themen der deutsch-deutschen Beziehungen dominierten die Aufarbeitung der Geschichte der DDR und ihres Verhältnisses zur Bundesrepublik. Dies gilt auch für den von Peter E. Fäßler untersuchten Zeitraum der 1950er- und 1960er-Jahre.
Die Abstinenz von Forschungen über das hoch interessante Thema der Geschichte des innerdeutschen Handels lässt sich auch nicht durch die Quellenlage begründen. Fäßler konnte für den von ihm untersuchten Zeitraum auf einen nahezu uneingeschränkten Zugang zu den Archiven in Ost und West zurückgreifen. Dies hat er auch sehr intensiv genutzt. Seine wesentlichen Quellen stammen aus der Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (SAPMO-BArch) und der Abteilungen DDR bzw. Bundesrepublik Deutschland des Bundesarchivs in Berlin und Koblenz sowie aus weiteren kleineren Überlieferungen. Da für den Zeitraum bis 1969 auch keine archivische Sperrfrist mehr gilt, konnte der Autor nahezu alle relevanten Akten auswerten. Dass sich Fäßler dieser Aufgabe mit großem Engagement gestellt hat, verdient allein schon Anerkennung. Dem Rezensenten ist der große Umfang der zu bewältigenden Aktenüberlieferung aus dem Ministerium für Außenhandel der DDR, das bis 1967 offiziell noch Ministerium für Außenhandel und innerdeutschen Handel hieß, den häufig parallelen Beständen aus dem SED-Parteiapparat sowie dem Bundeswirtschaftsministerium mit der Treuhandstelle für den Interzonenhandel wohl bekannt. Allerdings hätte es zur Bereicherung beitragen können, wenn Fäßler sich die Möglichkeit zu Zeitzeugengesprächen erschlossen hätte. Mehrere handelnde Personen auf beiden Seiten lebten zum Zeitpunkt der Forschungsarbeiten noch. Eine Befragung hätte – bei aller Problematik solcher Gespräche – manche Erkenntnis befördern können.
Fäßler bietet einen sehr detaillierten Überblick der Geschichte des innerdeutschen Handels vor allem in den 1950er-Jahren. Als wichtige Zäsur gilt der Zeitraum zwischen der von der Bundesregierung und dem Berliner Senat ausgesprochenen fristgerechten Kündigung des Berliner Abkommens am 30. September 1960, seiner Wiederingangsetzung per Geheimprotokoll vom 29. Dezember 1960 und dem Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961. In Fäßlers Untersuchung dominiert die politische Geschichte der deutsch-deutschen Wirtschaftsbeziehungen. Sie ist insofern keine erstrangig wirtschaftgeschichtliche Forschungsarbeit. Zweifellos war der innerdeutsche Warenaustausch immer auch – und in manchen Phasen vor allem – ein Politikum. Siegfried Kupper, der sich in den 1970er- und 1980er-Jahren häufig mit dem innerdeutschen Handel beschäftigt hat, verglich den innerdeutschen Handel mit einem Interessenparallelogramm, in dem auf Seiten der DDR wirtschaftliche Interessen und auf Seiten der Bundesrepublik politische Interessen dominierten. Aber es hat natürlich auch den auf beiden Seiten mit kommerziellem Gewinn betriebenen Warenaustausch gegeben, der bereits 1955 die Milliarden-Grenze im Volumen des Handels übertraf.
Fäßler gelingt es in seinem Buch dem Leser sehr plastisch zu verdeutlichen, dass in den innerdeutschen Beziehungen Politik, Wirtschaft und Handel kaum zu trennen waren. In einem seiner einleitenden Abschnitte verdeutlicht er dies in der Beschreibung der „Institutionensysteme des innerdeutschen Handels“. Insbesondere seine Ausführungen über die Entstehungsgeschichte und Tätigkeit der Treuhandstelle für den Interzonenhandel seit 1949 bieten wesentlich Neues zu diesem Thema. Die Ausführung über die DDR-Strukturen und ihre Rolle im innerdeutschen Handel bieten hingegen vor allem bereits bekannte Aussagen.
Auffällig ist, dass der Autor den Jahren bis 1961 einen wesentlich umfangreicheren Raum widmet als den 1960er-Jahren. Dies dürfte vor allem der Tatsache geschuldet sein, dass zwischen der „doppelten Staatsgründung“ und dem Mauerbau nicht nur die Gründungsphase des innerdeutschen Handels mit dem Frankfurter Abkommen vom Oktober 1949 und dem Berliner Abkommen vom September 1951 liegt, sondern auch verschiedene äußere Ereignisse, wie der Abschluss des Sonderprotokolls zu den Römischen Verträgen vom März 1957, das „revidierte Berliner Abkommen“ vom August 1960 sowie die Kündigung des Berliner Abkommens Ende September 1960 und der Aushandlung eines geheimen Ergebnisprotokoll zwei Tage vor Ablauf der Kündigungsfrist am 29. Dezember 1960, die die Geschichte der deutsch-deutschen Wirtschaftsbeziehungen nachhaltig beeinflussten.
Fäßler bezeichnet den Zeitraum bis 1962 als „Konfrontationsphase“ und stellt ihm die 1960er-Jahre als „Entspannungsphase“ gegenüber. Er überschreibt sein diesbezügliches Kapitel mit dem bekannten Wortspiel „Wandel durch Handel (1962/63-1969)“. Dies scheint nach meiner Kenntnis des historischen Verlaufs des innerdeutschen Handels – von zeitweiligen Rückschlägen, die es auch in dieser Zeit gab, abgesehen – zutreffend zu sein, auch wenn auf politischer Ebene zwischen beiden deutschen Staaten die Entspannungspolitik noch bis zum Beginn des deutsch-deutschen Dialogs in Erfurt und Kassel im Frühjahr 1970 auf sich warten ließ.
In den 1960-Jahren begann auf internationaler Ebene, vor allem durch die Regierungen in Frankreich und den USA vorangetrieben, ein langsamer Entspannungsprozess in und für Europa. Dies berührte allerdings das deutsch-deutsche Verhältnis kaum. Hallstein-Doktrin auf der einen und Ulbricht-Doktrin auf der anderen Seite ließen zunächst wenig Spielraum. Lediglich im innerdeutschen Handel boten sich Chancen. Es handelt sich in dieser Zeit um eine Phase im deutsch-deutschen Warenverkehr, in der es noch zahlreiche Beschränkungen und Hemmnisse auf beiden Seiten gab. Das Militärregierungsgesetz Nr. 53 mit dem Verbotsprinzip und Erlaubnisvorbehalt galt noch immer und überdies hatten beide Seiten Anfang 1961 neues Öl ins Feuer gegossen. Während die DDR sich mit ihrer „Aktion Störfreimachung“ gegen den innerdeutschen Handel richtete, führte die Bundesrepublik mit der „Widerrufsklausel“ und der „Saldenausgleichsklausel“ politisch motivierte und nicht gerade handelsfördernde Bestimmungen ein. Dieses Instrumentarium blieb jedoch nur Drohkulisse vor dem Hintergrund sich entspannender und entwickelnder Kooperation im innerdeutschen Handel nach dem Mauerbau. Die Aktion Störfreimachung wurde bald nach dem Mauerbau, als es wegen der notwendigen Sicherheit für die Zufahrtswege nach Westberlin nicht erneut zu einer Kündigung des Handelsabkommens kam, fallengelassen. Die Widerrufsklausel wurde niemals angewendet und 1967 stillschweigend beerdigt. Lediglich der Zwang zum Saldenausgleich in der Mitte eines laufenden Geschäftsjahres wurde erstmals 1963 praktiziert und brachte ein äußerst skurriles Ergebnis: Die DDR hatte am 30. Juni 1963 einen Überschuss von 3,64 Verrechnungseinheiten. Der Westen glich diesen Negativsaldo unverzüglich aus. Warum allerdings dieser Fakt in der Darstellung Fäßlers nur eine knappe Erwähnung findet, ist durchaus verwunderlich. Diese Regelung wurde danach ausgesetzt, 1967 noch einmal angewendet und danach gestrichen. 1967/68 sind schließlich mehrere handelsfördernde Projekte von beiden Seiten auf den Weg gebracht worden, die dem späteren innerdeutschen Handel ihr Gepräge gaben. Insoweit ist es folgerichtig, wenn Fäßler hier eine Zäsur erkennt und den Schlusspunkt für seine Untersuchungen setzt.
Fäßlers Forschungen zur Entwicklung der deutsch-deutschen Wirtschaftsbeziehungen schließen eine Lücke auf dem Gebiet der Geschichte der Beziehungen zwischen beiden deutschen Staaten. Sie orientieren sich an einem umfangreichen archivischen Quellenmaterial und werten die vorliegende zumeist ältere Literatur zum Thema intensiv aus. Es wäre wünschenswert, wenn in absehbarer Zeit eine Arbeit zur Geschichte des innerdeutschen Handels über die Jahre von 1970 bis zur deutschen Vereinigung vorgelegt werden könnte.
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Citation:
Detlef Nakath. Review of Fäßler, Peter E., Durch den 'Eisernen Vorhang': Die deutsch-deutschen Wirtschaftsbeziehungen 1949-1969.
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August, 2007.
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