Dagmar Glass. Der Muqtataf und seine Öffentlichkeit: Aufklärung, Räsonnement und Meinungsstreit in der frühen arabischen Zeitschriftenkommunikation. Würzburg: Ergon Verlag, 2004. 749 S. ISBN 978-3-89913-379-0.
Reviewed by Johann Büssow
Published on H-Soz-u-Kult (October, 2006)
D. Glass: Der Muqtataf und seine Öffentlichkeit
„Gibt es eine ‚islamische Öffentlichkeit’“? wurde jüngst in einer Antrittsvorlesung an der Freien Universität Berlin gefragt. Vgl. die Antrittsvorlesung von Paul Nolte, Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin, 8.2.2006. Eine der ergiebigsten Quellen für die Bearbeitung dieser Fragestellung ist zweifellos das arabische Zeitungs- und Zeitschriftenwesen, das sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts in den städtischen Zentren Ägyptens und der Levante entwickelte. Im Zentrum von Dagmar Glaß’ gewichtiger zweibändiger Studie steht eines der prominentesten Beispiele des frühen arabischen Journalismus, die Monatszeitschrift al-Muqtataf (etwa: „die Auslese“), die 1876 in Beirut gegründet wurde und ab 1885 bis 1952 in Kairo erschien. Behandelt werden Texte aus den ersten fünfzig Jahren des Bestehens der Zeitschrift, also bis 1926, was mit dem Todesjahr eines ihrer beiden Begründer zusammenfällt. Bei den Herausgebern, sowie bei der Mehrzahl der Autoren des Muqtataf, handelte es sich allerdings nicht um Muslime, sondern um Christen, was für die Presselandschaft der Zeit durchaus typisch ist. Wie die Autorin eindrucksvoll belegt, hatte der Muqtataf dennoch großen Einfluss auf gesellschaftliche, wissenschaftliche und politische Debatten im arabischen Osten, weit über rein christliche Zirkel hinaus. Das wichtigste Vehikel dafür war wohl die Rubrik „Debatte“ (arab. bab al-munazara), die von Beginn an das besondere Profil des Muqtataf prägte und an der sich auch zahlreiche Muslime mit ihren Zuschriften beteiligten. Aus dieser Rubrik stammen auch die meisten der von Dagmar Glaß ausgewerteten Texte, die sie unter dem Aspekt der „Öffentlichkeitsbildung durch Dialog“ untersucht. Die ausführlichsten Kapitel im ersten Band widmen sich dieser Thematik (S. 13ff., 45ff.), der zweite Band besteht fast ausschließlich aus der kommentierten Zusammenfassung von im Muqtataf geführten Debatten zu so unterschiedlichen Themen wie Darwinismus, Entwicklung der arabischen Sprache, Frauenrechte, Sozialismus oder Bildungsreformen.
Der erste Band der Untersuchung, betitelt „Analyse medialer und sozialer Strukturen“, bettet den Muqtataf und seine Autoren- und Leserschaft sowohl in den Kontext der arabistischen und kommunikationswissenschaftlichen Forschung als auch in sein historisches und gesellschaftliches Umfeld ein. Besonders aufschlussreich erscheinen hierbei die einleitenden Bemerkungen zum Begriff der nahda, der Bewegung zur Reform der arabischen Sprache und Kultur, an der viele der frühen arabischen Journalisten maßgeblich beteiligt waren. Dagmar Glaß deutet den Terminus, häufig etwas irreführend mit „arabische Renaissance“ übersetzt, in überzeugender Weise als Kommunikations- und Lektürewandel (S. 1-9). Sehr informativ und zum Vergleich anregend sind auch die Beschreibung des Entstehungskontextes der Zeitschrift unter den ersten Absolventen des American Protestant College in Beirut (heute American University) sowie die biografischen Profile von Lesern, Disputanten und Autoren. Diese liefern wertvolle Hintergrundinformationen zu Vorgängen innerhalb der arabischen „intellektuellen Szene“ um die Jahrhundertwende, gerade auch was die gesellschaftlich gezogenen Grenzen der öffentlichen Diskussion angeht. Den christlichen Schriftsteller, Journalisten und Privatgelehrten Jurji Zaidan kostete z.B. sein zu freies öffentliches Nachdenken über das Verhältnis von Islam und arabischer Gesellschaft seine Anstellung an der neu gegründeten Universität von Kairo (S. 342). Dadurch war ein folgenreicher Präzedenzfall geschaffen worden, und es verwundert wenig, dass der Muqtataf in der Folgezeit versuchte, dieses Thema weitgehend auszuklammern. Ein weiteres wichtiges Ergebnis von Dagmar Glaß’ Recherchen ist, dass Form und Inhalte der Diskussionsbeiträge im Muqtataf in einem engen Zusammenhang mit zuerst mündlich geführten Debatten innerhalb der städtischen Zivilgesellschaft in Beirut und Kairo stehen. All dies wird akribisch belegt, wobei drei ausführliche Indizes helfen, den ganzen Faktenreichtum eigenständig zu erschließen und nutzbar zu machen. Allerdings hätte die Darstellung an manchen Stellen sicherlich etwas gestrafft werden können. So erscheinen die allgemeinen Ausführungen zum frühen arabischen Zeitschriftenwesen (S. 69-173) in dieser Ausführlichkeit nicht angebracht – dazu gibt es andernorts bereits gute Darstellungen. In erster Linie: Ayalon, Ami, The Press in the Arab Middle East, New York 1995. Der historisch weit ausholende Teil zur „arabisch-islamischen Streitgesprächskultur“ (S. 282ff.) wirkt demgegenüber etwas skizzenhaft. Ob die Disputationspraxis mittelalterlicher islamischer Gelehrter tatsächlich modellhaft für die moderne arabische Zeitschriftenkommunikation gewesen ist, bleibt letztlich unklar. Sowohl dies, als auch der Exkurs zum Einfluss der christlichen Missionare wären sicherlich lohnende Themen für eigene Untersuchungen.
Der zweite Band bietet unter dem Titel „Streitgesprächsprotokolle“ einen wahren Schatz an Informationen zu unterschiedlichsten Themen – darunter auch zu solchen, die in den herkömmlichen Darstellungen zur nahda oft unterbelichtet bleiben. Vieles davon kann fruchtbare Anregungen für die Sozialgeschichte der nahöstlichen Gesellschaften bieten, sind doch hier Stimmen aus diesen Gesellschaften selbst dokumentiert, die zeigen, wie die Umbrüche der Moderne verarbeitet wurden. Der Disput über „Arabisierung versus Türkisierung“ etwa ist aufschlussreich für die Wahrnehmung der forcierten osmanischen Zentralisierungspolitik vor dem Ersten Weltkrieg und den entstehenden arabischen Nationalismus (S. 498ff.). Die Debatten zu Sozialismuskonzepten und zur Wirtschaftsentwicklung in Ägypten dokumentieren ein deutliches Bewusstsein der zunehmenden gesellschaftlichen Spaltung in Folge einer kapitalistischen Wirtschaftsentwicklung und gleichzeitig die Suche nach einer angemessenen Sprache für Sozialkritik (S. 557-590). Die Debatte über „Rechte und Pflichten der arabischen Frau“ zeigt die Möglichkeiten und Grenzen feministischer Gesellschaftskritik in den arabischen Gesellschaften um 1900 auf (S. 507-556). Die ausführliche Behandlung der Beiträge von Frauen hilft im Übrigen eine auffällige Forschungslücke zu schließen, klammern doch die meisten Standardwerke zur modernen arabischen Geistesgeschichte die Frauen der nahda fast vollständig aus. Zu nennen wären hier vor allem: Hourani, Albert, Arabic Thought in the Liberal Age, 1798-1939, Oxford 1962; Sharabi, Hisham, Arab Intellectuals and the West: The Formative Years 1875-1914, Baltimore 1970. Daneben gibt es mittlerweile eine reiche Literatur, die sich allein dem Beitrag von Frauen widmet, in deutscher Sprache zuletzt: Bräckelmann, Susanne, Wir sind die Hälfte der Welt: Zaynab Fawwaz (1860-1914) und Malak Hifni Nasif (1886-1918) – zwei Publizistinnen der frühen ägyptischen Frauenbewegung, Beirut 2004. Der zweite Band lässt sich insgesamt als „Steinbruch“ für sozialgeschichtliche Untersuchungen nutzen und ist überdies von großem didaktischen Wert, da hier zum ersten Mal auch des Arabischen nicht mächtige Leser einen lebendigen Eindruck von gesellschaftlichen Debatten in den arabischen Gesellschaften um 1900 bekommen können. Zu bedauern ist lediglich, dass nicht mehr Passagen im Wortlaut zitiert werden. Hier wäre der in Aussicht gestellte dritte Band mit arabischen Originaltexten (S. 17) sicherlich ein Gewinn.
An mancher Stelle der umfangreichen Studie würde man sich mehr Analyse und weniger Aufzählung von Fakten wünschen (eine Ausnahme davon ist die konzise Zusammenfassung am Schluss von Band 2, S. 629-645). Dennoch ist die Studie von Dagmar Glaß ein großer Gewinn für die Sozial- und die Geistesgeschichte des Vorderen Orients gleichermaßen, gerade weil die gründliche Analyse des Textkorpus einer Zeitschrift Aspekte in den Vordergrund treten lässt, die in den Gesamtdarstellungen oft vernachlässigt werden. Vergleichende Studien zu anderen einflussreichen Periodika der Zeit wie al-Hilal oder al-Manar erscheinen umso mehr als ein Desiderat. Nur so wird man schließlich ein repräsentatives Bild vom „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (Habermas) in islamisch geprägten Gesellschaften erhalten können.
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Citation:
Johann Büssow. Review of Glass, Dagmar, Der Muqtataf und seine Öffentlichkeit: Aufklärung, Räsonnement und Meinungsstreit in der frühen arabischen Zeitschriftenkommunikation.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
October, 2006.
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