Zsuzsanna Körösi, Adrienne Molnár. Mit einem Geheimnis leben: Die Schicksale der Kinder der Verurteilten von 1956. Herne: Gabriele Schäfer Verlag, 2005. 240 S. + 24 s/w Abb. ISBN 978-3-933337-35-1.
Reviewed by David Zimmer
Published on H-Soz-u-Kult (April, 2006)
Z. Körösi u.a.: Mit einem Geheimnis leben
Der 50. Jahrestag der „Ereignisse von 1956“ im kommenden Herbst werde in Ungarn, so prophezeit László F. Földényi, zu einem „Bürgerkrieg der Erinnerungen“ führen. Dieser äußere sich nicht nur in der anhaltenden, äußerst heftig geführten Kontroverse um die Deutung des damaligen Geschehens und um die Rolle der Beteiligten, sondern zugleich auch im Paradoxon, „sich zu erinnern, indem man sich gerade nicht erinnert“: „Amnesie als Heilmittel des Überlebens. Das Nicht-Erinnern als eigentümliche, ungarische Variante der Erinnerung.“ Földényi, László F., Das geläufige Vergessen. Von der Unmöglichkeit eines einzigen Gedächtnisses in der ungarischen Geschichte, in: Neue Zürcher Zeitung, Zürich 07./08.01.2006 (Nr. 5), S. 63f.
Um die Dialektik von Erinnern, Vergessen und Geschichte im Nachgang der ungarischen „Volksrevolution“ von 1956 geht es auch im hier anzuzeigenden Buch, das im Jahre 2000 in ungarischer Originalausgabe erschienen ist Körösi, Zsuzsanna; Molnár, Adrienne, Titokkal a lelkemben éltem. Az ötvenhatos elítéltek gyermekeinek sorsa, Budapest 2000. Englischsprachige Übersetzung: Carrying a Secret in my Heart. Children of the Victims of the Reprisals after the Hungarian Revolution in 1956. An Oral History, Budapest 2003. und nun in der Übersetzung von Tibor Schäfer in deutscher Sprache vorliegt. Zsuzsanna Körösi und Adrienne Molnár, beide ausgebildete Soziologinnen, fragen darin nach dem Alltagsleben der Kinder jener Väter, die nach der blutigen Niederschlagung der Revolution hingerichtet oder zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt worden waren – Kinder also, die in Familien ohne Väter aufwuchsen und die, obwohl sie weder Teilnehmer der Revolution noch unmittelbar Betroffene der Repression waren, doch indirekt und mittelbar darunter zu leiden hatten. Diese Kinder „wuchsen stigmatisiert auf, ihre ganzen Lebensläufe wurden dadurch beeinflusst, dass die Macht ihre Eltern als Feinde betrachtete und sie deswegen auch die Familie bestrafte“ (S. 17). Manchen Familien konfiszierte der Staat das gesamte Vermögen, die Mütter verloren Wohnung und Arbeitsstelle, den Kindern wurde die Aus- und Weiterbildung verwehrt.
Das Buch ist Ergebnis eines in den Jahren 1994-1998 durchgeführten Forschungsprojektes des Oral History Archivs des Instituts für Geschichte der Ungarischen Revolution 1956 <http://www.rev.hu>. in Budapest und basiert auf 42 lebensgeschichtlichen Interviews mit 43 Frauen und Männern, die 1956 mehrheitlich jünger als zehn Jahre waren. Bei der Auswahl der Interviewpartner/innen wurde auf ein möglichst breites Spektrum in Bezug auf die soziale Herkunft der Väter (Ausbildung, Beruf, Wohnort) und deren Beteiligung an der Revolution geachtet; betroffene Mütter konnten die Befragerinnen offenbar keine ausfindig machen. 21 der Väter der Interviewten waren in den späten 1950er-Jahren hingerichtet worden (oft nach Verschärfung des erstinstanzlichen Urteils), die anderen 21 rechtskräftig zu mehrjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. Unter den Vätern der Befragten befinden sich auch einige bekannte Persönlichkeiten, so etwa der frühere Präsident (1990-2000) der Republik Ungarn, Árpád Göncz.
Körösi und Molnár lassen ihre Interviewpartner in neun chronologisch-thematischen Kapiteln ausgiebig zu Wort kommen und kommentieren deren Aussagen nur sehr zurückhaltend: „Wir überprüfen den Tatsachen- und Wahrheitsgehalt des Gesagten, mit anderen Worten seine Glaubwürdigkeit, nicht. Wir haben kein Recht, und es ist nicht unsere Aufgabe, es zu überprüfen. [...] die zitierten persönlichen Ereignisse und Gefühle [...] sind nebeneinander existierende, relative Geschichten, da es nicht eine einzige gültige Geschichte gibt.“ (Einleitung, S. 27) Dass ein solches Verständnis bzw. eine solche Handhabung von „mündlich erfragter Geschichte“ nicht unproblematisch ist, dessen sind sich die beiden Autorinnen bewusst; angesichts der Fokussierung ihrer Analyse auf die Mechanismen des Erinnerns, Verdrängens und Vergessens halten sie ihr Vorgehen aber für durchaus vertretbar. Wie der Historiker Gábor Gyáni im Vorwort schreibt, ist das vorliegende Buch zwar keine geschichtswissenschaftliche Publikation im engeren Sinne, aber eine „Fundgrube der persönlichen Erinnerungen, die zugleich beginnt, Geschichte zu werden“ (S. 14).
In den ersten Jahren der Kádár-Ära wurde die Revolution zunächst offiziell zur „faschistischen Konterrevolution“ umgedeutet, dann aber während zweier Jahrzehnte fast vollständig aus der öffentlichen Erinnerung und Geschichtsschreibung verbannt. Das verordnete Schweigen über „1956“ kam einem „gesamtnationalen Abwürgen“ (Ferenc Mérei) gleich, sicherte der ungarischen Gesellschaft als Gegenleistung für die allgemeine Entpolitisierung aber ein verhältnismäßig bequemes Leben („Gulaschkommunismus“). Siehe dazu auch: Litván, György; Bak, János M. (Hgg.), Die Ungarische Revolution 1956. Reform, Aufstand, Vergeltung, Wien 1994, S. 173ff. Für einen Großteil der Bevölkerung bedeutete dies freilich, dass die eigene Deutung und die eigenen Erinnerungen an den Spätherbst 1956 fortan von Grund auf von der offiziellen Linie abwichen und in der Öffentlichkeit keinerlei Gültigkeit mehr hatten. Es bildete sich eine „doppelte Kommunikation“ heraus, die nicht nur in der strikten Unterscheidung zwischen öffentlichem und privatem Diskurs zum Ausdruck kam, sondern – wie Körösi und Molnár in ihrem Buch zeigen – zum Teil auch innerhalb der Familie Anwendung fand.
In Familien, in denen der Ehemann hingerichtet wurde oder mehrere Jahre im Gefängnis verbrachte, waren die Mütter oder andere nahe Verwandte gezwungen, ihren Kindern das Verschwinden bzw. die Abwesenheit des Vaters zu erklären. Die Autorinnen unterscheiden drei verschiedene Kommunikationsstrategien: Erstens gab es Mütter, die ihre Kinder offen und ehrlich in alles einweihten: „Meine Mutter hat nichts vor mir verheimlicht, aber ich wusste auch, dass ich vor den anderen darüber nicht sprechen darf. Mit einem Geheimnis in meiner Seele habe ich also gelebt [...]. Das bedeutet nicht, dass man sich allem unterwerfen muss, dass man seine Vergangenheit verleugnet, nein.“ (buchtitelgebendes Zitat von Margit Brusznyai, S. 90) Zweitens gab es Mütter, die ihre Kinder zwar nicht einweihen, ihnen gegenüber aber auch nicht lügen wollten (von den Autorinnen etwas verwirrend als „tabuisierende Kommunikationsstrategie“ bezeichnet). Und drittens gab es Mütter, die die Verurteilung ihrer Ehemänner jahrelang vor den Kindern zu verheimlichen versuchten („in den Ferien“, „im Ausland“, „gestorben“). Körösi und Molnár lassen keinen Zweifel daran, dass sie die offene Kommunikationsstrategie, die sie allerdings am seltensten angetroffen haben, für die beste halten: „Nicht das Vergessen heilt, sondern die Erinnerung.“ (S. 84) Weitaus häufiger aber blieben die Kinder mit ihren Fragen und Zweifeln auf sich allein gestellt.
Hauptthese des Buches von Zsuzsanna Körösi und Adrienne Molnár ist, dass die Kinder den im Familienkreis jahrelang eingeübten Umgang mit der Vergangenheit internalisiert und die jeweilige Kommunikationsstrategie in der Regel auch später beibehalten haben: „Die Kinder der Sechsundfünfziger sind heute schon Erwachsene mittleren Alters. Sie müssen jetzt die Aufgabe bewältigen, ihre Erfahrungen, ihr Wissen innerhalb der Familie weiterzugeben, die Fragen der nächsten Generation zu beantworten, über die Revolution und Repressalien, d.h. über einen wichtigen Teil ihrer Vergangenheit, zu sprechen. Sie folgen dabei dem gleichen Muster, der gleichen Strategie, die damals ihre Eltern oder Großeltern anwendeten.“ (S. 185) In diesem Zusammenhang kann man den beiden Autorinnen allenfalls vorwerfen, die Komplexität der intergenerationellen Beziehungen in Familien zu unterschätzen und sich auf ein zu einfaches, „mechanisches“ Modell der „Vererbung“ von sozialen und kulturellen Mustern zu stützen. Wie entsprechende Untersuchungen in Drei-Generationen-Familien gezeigt haben Siehe zum Beispiel die einschlägigen Arbeiten von: Rosenthal, Gabriele, Historische und familiale Generationenabfolge, in: Kohli, Martin; Szydlik, Marc (Hgg.), Generationen in Familie und Gesellschaft, Opladen 2000, S. 162-178; Dies. (Hgg.), Der Holocaust im Leben von drei Generationen. Familien von Überlebenden der Shoah und von Nazi-Tätern, Giessen 1999; Dies., Zur interaktionellen Konstitution von Generationen. Generationenabfolgen in Familien von 1890 bis 1970 in Deutschland, in: Mansel, Jürgen u.a. (Hgg.), Generationen-Beziehungen, Austausch und Tradierung, Opladen 1997, S. 57-73. , verläuft diese Tradierung nämlich nicht linear und auch nicht nur in einer Richtung; vielmehr ist sie komplizierten familienpsychologischen Mechanismen unterworfen und geschieht meist in der Interaktion zwischen mehreren Generationen, wobei die mittlere Generation oft eine Schlüsselrolle spielt.
Insgesamt gesehen ist das Buch von Zsuzsanna Körösi und Adrienne Molnár, das sich im Schnittbereich zwischen Biografieforschung, Oral History und Alltagsgeschichte bewegt, sehr empfehlenswert. Seine Stärken liegen vor allem in jenen Passagen, in denen die Befindlichkeit der Menschen im Ungarn der 1960er- und 1970er-Jahre und die zum Teil erschütternden Lebensgeschichten der Kinder der Verurteilten geschildert werden. Wo das Buch in der Gegenwart ankommt („Das Erbe“, S. 173ff.), wirken die Ausführungen hingegen zum Teil etwas unstrukturiert – hier zeigen sich die zeitlichen und methodischen Grenzen des Oral-History-Ansatzes. Lediglich ein Schönheitsfehler sind in der deutschsprachigen Übersetzung die vielen Tipp-, Fall- und sonstigen kleineren Fehler, die durch ein etwas aufmerksameres Korrektorat leicht hätten verhindert werden können.
If there is additional discussion of this review, you may access it through the network, at: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/.
Citation:
David Zimmer. Review of Körösi, Zsuzsanna; Molnár, Adrienne, Mit einem Geheimnis leben: Die Schicksale der Kinder der Verurteilten von 1956.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
April, 2006.
URL: http://www.h-net.org/reviews/showrev.php?id=20593
Copyright © 2006 by H-Net, Clio-online, and the author, all rights reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial, educational purposes, if permission is granted by the author and usage right holders. For permission please contact H-SOZ-U-KULT@H-NET.MSU.EDU.


