Hans-Christian Maner. Grenzregionen der Habsburgermonarchie im 18. und 19. Jahrhundert: Ihre Bedeutung und Funktion aus der Perspektive Wiens. Münster: LIT Verlag, 2005. 256 S. ISBN 978-3-8258-7903-7.
Reviewed by Roland Gehrke
Published on H-Soz-u-Kult (April, 2006)
H. Gerlich: Organische Arbeit und nationale Einheit
Negative Polenstereotypen haben in der deutschen Geschichtsschreibung eine lange Tradition. Besonders die in neueren wissenschaftsgeschichtlichen Analysen viel beachtete deutsche „Ostforschung“ der Zwischenkriegszeit stellte sich verbreitet in den Dienst einer auf territoriale Expansion im Osten zielenden Politik. Die zugrunde liegenden Motive – das Postulat einer kulturellen Höherwertigkeit des Deutschtums und die These einer generellen Unfähigkeit der Polen zur Staatsbildung – sind freilich älter und gehen großteils auf die wesentlich von Heinrich von Sybel und Heinrich von Treitschke geprägte „borussische Schule“ der Geschichtsschreibung zurück. Mit einer diesbezüglichen Ausnahme unter Preußens Historikern des 19. Jahrhunderts, dem Breslauer Hochschullehrer Richard Roepell (1808-1893), befasst sich die Dissertation von Hubert Gerlich.
Nach Promotion und Habilitation in Halle war Roepell 1841 an die Universität Breslau berufen worden. Bereits 1836 hatte er von dem Verleger Friedrich Christoph Perthes den Auftrag zur Niederschrift einer „Geschichte Polens“ erhalten, deren erster, bis 1300 reichender Band 1840 erschien. Auch wenn Roepell keinen Folgeband mehr produzierte, so markierte das Werk doch den Beginn einer jahrzehntelangen intimen Beschäftigung mit der Geschichte und den zeitgenössischen Problemen Polens, die ihm die enge Bekanntschaft mit zahlreichen polnischen Gelehrten sowie eine ganze Reihe von polnischern Schülern einbrachte. Dieses Engagement ließ ihn 1850 sogar zum geistigen Mentor der in Breslau als polnische Studentenverbindung existierenden „Slawisch-Literarischen Gesellschaft“ werden. Zugleich verkörperte Roepell exemplarisch den im 19. Jahrhundert verbreiteten Typus des „politischen Professors“. Als Mitglied der Frankfurter Paulskirche stand Roepell 1848 der kleindeutsch-liberalen „Casinopartei“ nahe und setzte seine politische Laufbahn später als langjähriger preußischer Landtagsabgeordneter fort. Seine wissenschaftliche Beschäftigung mit Polen litt freilich unter dieser Tätigkeit; erst nach der Reichsgründung folgten in den 1870er und 1880er-Jahren erneut eine Reihe von Veröffentlichungen zur polnischen Geschichte. Die Einladung zum ersten polnischen Historikertag in Krakau 1880, dem Roepell als Ehrenpräsident vorsaß, stellte eine besondere Ehrung dar. Unter dem Eindruck des von Bismarck forcierten Nationalitätenkampfes im preußischen Osten verschlechterte sich das deutsch-polnische Verhältnis zu dieser Zeit aber bereits rapide, was der in der deutschen Presse zunehmend als polonophil angefeindete Roepell selbst zu spüren bekam. Die geplante Entsendung einer polnischen Historikerdelegation zur Feier von Roepells 50. Doktorjubiläum 1884 kam angesichts der verbreiteten antipolnischen Stimmung in Deutschland nicht mehr zustande.
Was seine Sichtweise auf die polnische Vergangenheit betrifft, teilte Roepell durchaus die „pessimistische“ These von einem selbstverschuldeten Niedergang der polnischen Adelsrepublik im 18. Jahrhundert (S. 115, 195). Anders als die meisten seiner Kollegen leitete er daraus aber keine dauerhafte Legitimation der Teilung Polens ab, sondern wollte den Polen mit Blick auf die Geschichte Wege aufzeigen, ihre staatliche Existenz in absehbarer Zukunft auf friedliche Weise wiederzuerlangen. Damit befand sich Roepell, wie Gerlich aufzeigt, in Übereinstimmung mit den polnischen Protagonisten jener Strömung, die unter dem Begriff der „organischen Arbeit“ (praca organiczna) bekannt geworden ist. Das damit verbundene Programm lässt sich als die „realpolitische“ Antwort auf die gescheiterten polnischen Aufstände des 19. Jahrhunderts beschreiben. Es empfahl den Polen, ihre Existenz als Nation durch ökonomische, kulturelle und wissenschaftliche Eigeninitiative auch unter den Bedingungen fortwährender Fremdherrschaft sicherzustellen. Einschlägige Quellensammlung: Kizwalter, Tomasz u. a. (Bearb.), Droga do niepodleglosci czy program defensywny? Praca organiczna – programy i motywy [Weg zur Unabhängigkeit oder Defensivprogramm? Die Organische Arbeit – Programme und Motive], Warschau 1988. Freilich lässt sich das Konzept der „organischen Arbeit“ nicht als monolithischer Block begreifen, vielmehr werden darunter so unterschiedliche Strömungen gefasst wie die Posener „Organiker“ der 1840er-Jahre um Karol Libelt, die Krakauer „Stanczyken“ Der Begriff „Stanczyken“ leitet sich ab von einer Serie satirischer Briefe, die unter dem Titel „Teka Stanczyka“ [„Mappe des Stanczyk“] 1869/70 in der Krakauer Zeitschrift „Przeglad Polski“ [„Polnische Rundschau“] erschienen. Angespielt wurde damit auf die Gestalt eines Hofnarren aus dem 16. Jahrhundert, dessen Rolle darin bestanden hatte, dem König Sigismund dem Alten in humoristischer Form bittere Wahrheiten zu sagen. der späten 1860er und 1870er-Jahre um Jozef Szujski oder die „Warschauer Positivisten“ der 1870er und 1880er-Jahre um Aleksander Swietochowski.
Leitend für Fragestellung und Ansatz einer wissenschaftlichen Darstellung ist zumeist der Untertitel, und so lässt Gerlichs Arbeit eine Analyse deutscher und polnischer nationaler Bestrebungen „aus der Sicht Richard Roepells“ erwarten. Doch schon bei der Quellenlage beginnen die Probleme. Wie Gerlich selbst konstatiert, sind sowohl der Nachlass als auch die Tagebücher Roepells im Krieg verbrannt bzw. verschollen (S. 3). Um dieses Manko auszugleichen, hat Gerlich in einer Vielzahl von deutschen und polnischen Archiven und Bibliotheken erhaltene Korrespondenzen Roepells zusammengetragen. Bei der Lektüre wachsen allerdings die Zweifel, ob dies als Grundlage wirklich trägt.
Die Arbeit zerfällt im Wesentlichen in zwei Abschnitte: Auf die Darstellung des Wirkens Roepells für die Einigung Deutschlands (Kapitel II) folgt der (sehr viel umfangreichere) Abschnitt über „die polnische nationale und konstitutionell-liberale Bewegung in den Jahren 1830-1880“ (Kapitel III). Dass beide Abschnitte relativ beziehungslos nebeneinander stehen, verweist bereits auf ein grundlegendes strukturelles Problem der Arbeit; der von Gerlich in der Einleitung angekündigte Vergleich zwischen der deutschen und polnischen Nationalbewegung (S. 2) wird nicht recht erkennbar. Bereits in seinem „deutschen“ Kapitel memoriert Gerlich viele allgemein bekannte Fakten über die deutsche Einigungsbewegung zwischen Vormärz und Bismarck, geht auf Roepells konkrete Haltung hierzu aber zu wenig ein – ganz abgesehen davon, dass die von ihm vorgenommene Unterscheidung zwischen einem „konstitutionellen“ und einem „national-patriotischen“ Liberalismus (S. 10ff.) ideengeschichtlich nicht recht überzeugt.
Als problematischer noch erweist sich allerdings das „polnische“ Kapitel. Als faktenreiche, die polnische Literatur zuverlässig verarbeitende und flüssig geschriebene Überblicksdarstellung über die strategischen Debatten unter Polens Eliten aller drei Teilgebiete im 19. Jahrhundert ist der Abschnitt durchaus von Wert, blendet die hinter den einzelnen Fraktionen stehenden Nationskonzepte aber leider vollkommen aus. Gerade vor dem Hintergrund der zählebigen Tradition der polnischen „Adelsnation“ war die Frage, welche Schichten als Träger und Substanz einer polnischen Nationalbewegung überhaupt in Frage kamen, im 19. Jahrhundert von überragender Bedeutung. Hier macht sich negativ bemerkbar, dass das Literaturverzeichnis keinen einzigen englischsprachigen Titel enthält, obwohl gerade die angelsächsische Forschung in den letzten Jahren wertvolle Anstöße geliefert hat. Exemplarisch: Porter, Brian, When Nationalism Began to Hate. Imagining Modern Politics in Nineteenth-Century Poland, New York 2000. Dies wäre vielleicht zu verschmerzen, ginge der Bezug zum eigentlichen Ausgangspunkt der Arbeit – Richard Roepell! – nicht über dutzende von Seiten hinweg völlig verloren. Das eigentliche Anliegen Gerlichs, nämlich die Rolle Roepells als eines deutsch-polnischen Vermittlers aufzuzeigen und dessen eigenes Konzept von der „organischen Arbeit“ herauszuarbeiten, beschränkt sich stattdessen auf das – vergleichsweise kurze und isoliert wirkende – Unterkapitel III.4 (S. 78-87).
Was formale Mängel anbetrifft, sei nur vermerkt, dass es schlicht ärgerlich ist, wenn in wissenschaftlichen Reihen erscheinende Qualifikationsschriften nicht wenigstens über ein Personenregister verfügen.
Im Ergebnis ist festzuhalten, dass es zur Stützung der zentralen These Gerlichs – dass nämlich Roepell mit seiner Rezeption der polnischen Geschichte und als Ausbilder einer großen Zahl später bedeutsamer polnischer Gelehrter und politischer Denker einen wichtigen Teil zu einer „Regeneration der Polen“ beigetragen hat (S. 199) – großer Teile der Darstellung nicht bedurft hätte. Die im Titel geweckte Erwartung des Lesers, ein Stück kritischer Wissenschaftsgeschichte präsentiert zu bekommen, vermag die Studie bei allen inhaltlichen Stärken über weite Strecken jedenfalls nicht einzulösen.
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Citation:
Roland Gehrke. Review of Maner, Hans-Christian, Grenzregionen der Habsburgermonarchie im 18. und 19. Jahrhundert: Ihre Bedeutung und Funktion aus der Perspektive Wiens.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
April, 2006.
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