Peter Blickle, Rudolf Schlögl. Die Säkularisierung im Prozess der Säkularisation Europas. Epfendorf: bibliotheca academica Verlag, 2005. 578 S. ISBN 978-3-928471-58-9.
Reviewed by Astrid von Schlachta
Published on H-Soz-u-Kult (January, 2007)
P. Blickle u.a. (Hrsg.): Die Säkularisation Europas
Das Jahr 2003 nahm die „Gesellschaft Oberschwaben für Geschichte und Kultur“ zum Anlaß, in Erinnerung an die Säkularisation des Jahres 1803 einen Kongress zu veranstalten, dessen Vorträge nun in publizierter Form vorliegen. Es ist ein nicht nur der Seitenzahl nach, sondern auch thematisch sehr umfangreicher Band entstanden, der die Säkularisation in einen zeitlich, räumlich und inhaltlich äußerst breit gefächerten Kontext einordnet. Ein Ziel des Bandes ist, so die Herausgeber, die Hinterfragung bisheriger Sichtweisen auf die Säkularisierung, die eher etatistisch und nationalistisch geprägt waren. Als eine Art grundsätzliches Muster zieht sich in vielen Beiträgen die Sensibilisierung für die verwendeten Begrifflichkeiten durch, die die Historiografie geprägt haben, in letzter Zeit jedoch zunehmend unter Druck geraten sind – vor allem die Begriffe und Phänomene „Säkularisierung“, „Barock“, „Aufklärung“ und „Absolutismus“, aber auch die Frage danach, was als profan und als sakral bezeichnet werden kann.
Der Band gliedert sich in sechs größere Sektionen. Ein überblicksartig ausgerichteter Einführungsartikel von Peter Blickle und Rudolf Schlögl bestimmt zunächst Parameter für die Forschung und fasst bisherige Ergebnisse und Desiderate zusammen. Besonders thematisiert wird der Begriff der „Säkularisierung“, der in der deutschen Sprache und in der Forschung nicht unumstritten und nicht immer eindeutig zuzuordnen ist. Hingewiesen wird beispielsweise auf die offensichtliche semantische Nähe der Begriffe „Säkularisierung“ und „Säkularisation“, die einige Schwierigkeiten bereitet. Blickle und Schlögl betonen, dass „Säkularisation“ mit verschiedenen Begriffen gleichgesetzt werden kann: Profanisierung, Entchristlichung, Desakralisierung und Rationalisierung – wobei die begriffliche Schärfe keineswegs gegeben ist. In seinem jeweiligen Kontext wurde gerade der Begriff der „Säkularisierung“ häufig als Kampfbegriff gegen einen Wandel oder Verlust von Normen verwendet.
Ein erster Abschnitt des vorliegenden Bandes behandelt „Prozesse der Entsakralisierung in der europäischen Geschichte“. Dabei geht es vor allem um die Frage nach der Bestimmung von Identitäten. Während der Einzelne, so Prodi, seit dem Mittelalter und der Politik Gregors VII. eine mehrstimmige Identität hatte, die sich politisch durch den Eid und geistlich durch verschiedene Ausprägungen des sakralen Raums im Leben ausdrückte, verschmolzen in der Zeit des Ancien Régime im Staat sakrale und weltliche Macht wieder. Um die begriffliche Seite zu schärfen, definiert Rudolf Schlögl Religion als „Kommunikation religiösen Sinns“ und Säkularisierung als „Formendifferenz religiösen Sinns“, während er die Reformation als „Funktionswandel von Religion unter dem Einfluss gesellschaftlicher Strukturumbrüche“ sieht (S. 64). Im 18. Jahrhundert änderte sich der situative und symbolische Rahmen der Religion, die Verbindung von alltäglicher Lebensordnung und religiöser Form begann sich aufzulösen.
In einem zweiten Abschnitt behandelt der Tagungsband die „gelungene und gescheiterte Säkularisierung an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit“ (Beiträge von Thomas Fuchs, Peter Blickle, Sabine Ullmann, Arnold Angenendt, Bernd Roeck, Thomas A. Brady Jr.). Der ‚Trend‘ zum Säkularen wird bereits im 15. Jahrhundert deutlich, einhergehend mit einem mentalitätsgeschichtlichen Umbruch und einer Individualisierung, die sich auch in der Bildenden Kunst nachweisen lässt. Die Sakralisierung setzte sich mit der Reformation fort; das Angebot der Reformatoren wurde von den Menschen, die ihr Heil nun selbst in die Hand nehmen konnten, aufgegriffen. Deutlich wird hier bereits die Problematik einer generellen Definition dessen, was sakral und was profan ist.
Unter der Überschrift „Implodierendes Altes Europa“ beschäftigen sich Marc R. Forster, Wolfgang von Hippel, Hartmut Zückert, Kaspar von Greyerz, Heinz Duchhardt, Peter Hersche und Heinrich Richard Schmidt mit Phänomenen und Entwicklungen, die die Frühe Neuzeit bestimmten und im 18. Jahrhundert krisenhafte Anzeichen zeigten. Hauptsächlich geht es dabei um den Barock und den Absolutismus – zwei Begriffe, die in den letzten Jahren in die Kritik gerieten bzw. neue Definitionen erhielten und von ihrer historischen Bedeutung her neu eingeordnet wurden. Mit der Epochenbezeichnung „Barock“ wird ein Gegenpol zur Säkularisierung aufgemacht; Peter Hersche verweist in seinem Beitrag auf die Tragweite des Barock-Begriffes und bringt diesen zudem als Ersatzbegriff für „Absolutismus“ in die Diskussion ein. Jedoch wird betont, dass Barock keineswegs mit einer Sakralisierung gleichgesetzt werden kann, sondern nach den konfessionellen Lagern unterschieden werden muss. Ein Ersatz des Begriffes „Absolutismus“ durch „Barock“ wäre, so etwa Kaspar von Greyerz in seinem Beitrag, ernsthaft nur für die Zeit zwischen dem letzten Drittel des 16. Jahrhunderts und dem letzten Drittel des 17. Jahrhunderts möglich. Er plädiert, sich auf einen Vorschlag von Thomas Kaufmann beziehend, für den weniger an einer Epocheneinteilung orientierten und einen größeren Zeitraum umfassenden Begriff der „Frühen Neuzeit“.
Ein weiterer Aspekt des „Implodierenden Alten Europa“ umfasst die wirtschaftlichen Entwicklungen, die Konjunktur und den Einfluss der barocken Bautätigkeit auf die Säkularisation. Thematisch im Vordergrund steht dabei die Frage, inwieweit der Druck, der durch diese Bautätigkeiten auf den Untertanen lastete, und die daraus resultierenden finanziellen Belastungen für eine Vorbereitung der Säkularisation sorgten. Zunächst wird festgestellt, dass der Druck auf den Untertanen je nach Territorium sehr unterschiedlich war. So ist beispielsweise für das Fürststift Kempten nachzuweisen, dass es vor allem die kirchen- und reichspolitischen Ambitionen waren, die zu einem erhöhten Aufwand und damit zu einem stärkeren Druck auf die Untertanen führten. Auf der Diskursebene sorgten die barocken Bautätigkeiten und die ansteigenden Verschuldungen generell für zunehmende Kritik an den geistlichen Territorien und Orden, aber auch für Auseinandersetzungen innerhalb der Orden. Die Analyse des Diskurses über Tendenzen der Säkularisierung im 18. Jahrhundert und über die Säkularisation, die Friedrich Wilhelm Graf im fünften Abschnitt des Bandes vornimmt, kommt zu dem Ergebnis, dass die Säkularisation auch innerkirchlich auf Zustimmung stieß. Vor allem in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts mehrten sich die Klagen über die Verschuldung von Klöstern, die als Folge der ausgeprägten Bautätigkeiten angesehen wurden. Hartmut Zückert ordnet diese Klagen dem „überkommenen“ Hausväterdenken zu; neue kameralistische Theorien forderten dagegen, den repräsentativen Aufwand mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu fördern, wenn nötig auch über eine Verschuldung.
Der vierte Abschnitt des vorliegenden Bandes widmet sich unter der Überschrift „Napoleon ist an allem schuld“ der Zeit um 1803 und den Entwicklungen im deutschen Südwesten und in der Schweiz (Beiträge von Andreas Holzem, Vadim Oswalt, André Holenstein, Winfried Schulze). Es wird der Übergang ins 19. Jahrhundert beschrieben, in ein Jahrhundert, dessen konfessionelle Tendenzen keineswegs einheitlich waren und in dem Kirche und Volksreligiosität immer noch im Kampf standen. Für das ländliche Oberschwaben lässt sich feststellen, dass der Volksfrömmigkeit bis zum Aufkommen der ultramontanen Strömung eine Brückenfunktion zufiel, über die barocke Frömmigkeitsformen sich bis ins 19. Jahrhundert erhielten. Die Rechristianisierung im 19. Jahrhundert zeigt André Holenstein auch für die Schweiz, wo er der Konfession eine bedeutende Funktion in der politischen Vergesellschaftung zuweist.
Einen Ausblick in die Zeit nach der Säkularisation bietet der fünfte Abschnitt, der die „Formierungsprobleme eines neuen Europa“ in den Blick nimmt (Beiträge von Franz Quarthal, Rolf Kießling, Andreas Schmauer, Michael Maurer, Lothar Gall, Friedrich Wilhelm Graf, Hans-Georg Wehling, Gerhard Besier, Elmar L. Kuhn, Wolfgang Schieder). Für den katholischen Adel Südwestdeutschlands bedeuteten die Säkularisation und der Bruch von 1806 den Verlust wirtschaftlicher und politischer Macht. Schwierigkeiten zeigten sich auch nach der Schaffung des Rheinbundes, als die neuen Landesherren Nobilitierungen durchführten und alter und neuer Adel nur schwer oder gar nicht integriert werden konnten; Prozesse neuer Identifikationsfindung setzten ein. Ein weiterer Themenkomplex beschäftigt sich mit den Städten. Sowohl die Reichsstädte als auch die alten Territorialstädte unterlagen im Prozess staatlicher Verdichtung einer zunehmenden Kontrolle. Rolf Kießling greift auf den Begriff der „Munizipalisierung“ zurück; Reichs- und Territorialstädte wurden der Staatsgewalt untergeordnet und dann im Zuge der Verfassungsbewegung im 19. Jahrhundert in die kommunale Selbstverwaltung überführt. Andreas Schmauder betont die Bedeutung der Jahre 1818/19 für die Städte des deutschen Südwestens, als die Veränderungen in der städtischen Gesellschaft sichtbar wurden und es zu einem Durchbruch des Bürgertums kam. Fragen der Identität in Oberschwaben bestimmen einen weiteren Schwerpunkt; durch die Integration in das Königreich Württemberg bildete sich in Abgrenzung zu Altwürttemberg die Identität Oberschwabens heraus, vor allem durch konfessionelle und kulturelle Unterschiede grundgelegt.
Der letzte kurze Abschnitt zieht die Thematik bis ins 20. Jahrhundert. Unter dem Titel „Sakralisierung der Moderne“ wird die Bedeutung der Religion bzw. der Ersatz- oder „neuen“ Religionen, etwa in Form des Totalitarismus, nachverfolgt (Beiträge von Hugh McLeod, Emilio Gentile). Den Abschluss des Bandes bildet ein Diskussionsbericht von Andrea Iseli und Peter Kissling, der in äußerst aufschlussreicher Form die Diskussionen der Tagung zusammenfasst und noch einmal deutlich macht, wie schwierig eine genaue Bestimmung der Begrifflichkeiten und die Definition der einzelnen Prozesse und Phänomen oft ist. Mit der Thematik einher geht auch die Frage nach der „Modernität“ oder „Rückständigkeit“, die die Forschung für das späte 18. Jahrhundert immer wieder gestellt hat. Die detaillierte Betrachtung der Kontextes der Säkularisation und verwandter oder ähnlicher Prozesse über die Jahrhunderte hinweg addieren neue Erkenntnisse zu dieser Diskussion.
Das vorliegende Werk der mittlerweile recht umfangreichen und regelmäßig vorangetriebenen Oberschwaben-Forschung bietet dem Leser den Status Quo der Forschungen zu Säkularisierung und zur Säkularisation sowie einen weit gespannten Bogen von Themen und Fragestellungen, die sich um die Thematik gruppieren. Darüber hinaus erweist sich der Band als äußerst fruchtbar für generelle Debatten über Epochenbegriffe und Epocheneinteilungen. Oberschwaben wird mit Europa verbunden; vom Exempel Oberschwaben lässt sich der Blick nach Europa richten.
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Citation:
Astrid von Schlachta. Review of Blickle, Peter; Schlögl, Rudolf, Die Säkularisierung im Prozess der Säkularisation Europas.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
January, 2007.
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