Fred Halliday. The Middle East in International Relations: Power, Politics and Ideology. Cambridge: Cambridge University Press, 2005. 374 S. $84.00 (cloth), ISBN 978-0-521-59240-6; $25.99 (paper), ISBN 978-0-521-59741-8.
Reviewed by Henner Fürtig
Published on H-Soz-u-Kult (February, 2006)
F. Halliday: The Middle East in International Relations
Wenn einer der international renommiertesten Nahostspezialisten wie Fred Halliday ein Buch veröffentlicht, in dessen Einleitung er seinen Lehrern und Weggefährten ausdrücklich dankt, dürfen die LeserInnen wohl mindestens ein Alterswerk, vielleicht sogar ein Opus Magnum erwarten. Der Vergleich mit früheren Werken Hallidays dürfte naturgemäß unterschiedlich ausfallen, aber kaum jemand wird nach der Buchlektüre bestreiten, dass Halliday hier ein „großer Wurf“ gelungen ist. Auf dem aktuellen Buchmarkt existieren nur wenige Veröffentlichungen, die auf vergleichbar profunde Weise ein so breites Wissensfeld abdecken, ohne seicht zu werden. Zu bezweifeln ist allerdings, ob die von Halliday in der Einleitung (S. 1-20) anvisierte „breitere Öffentlichkeit“ (S. 17) die Informationen goutieren wird: dieses Publikum dürfte heillos überfordert sein. Es bedarf nicht des Experten, aber gewisser Vorkenntnisse, um das Resümierende in Hallidays Ausführungen wirklich zu verstehen.
Viele über einen längeren Zeitraum mit der islamischen Welt bzw. dem Mittleren Osten Befasste werden dagegen nur zu gern den übrigen in der Einleitung getroffenen Feststellungen zustimmen, dass in diesem Raum das Ungewisse das Normale (S. 1) ist, Muslime keine „festen Größen“ (S. 8) und Gewissheiten Mangelware sind (S. 16).
Teil I, “Concepts, regions and states” (S. 21-74) allein wäre ein guter Grund, das Buch zu kaufen. Wo sonst erhalten die LeserInnen auf ca. 50 Seiten einen Überblick über die Wirkmechanismen anerkannter Theoreme der Forschungen über die internationalen Beziehungen (IB) in Nordafrika und im Nahen Osten? Zunächst weckt Halliday Neugier, wenn er politische Theorien mit Pilzen vergleicht: manche sind ess-, andere genießbar und eine dritte Kategorie ist schlicht giftig (S. 21). Das „Durchdeklinieren“ der verschiedenen Ansätze (historische Analyse, S. 23ff., Realismus, S. 25ff., Außenpolitik als Teilfunktion eines Staates, S. 27ff., die Macht der Ideen und Normen, S. 30ff., sowie die „historische und internationale Soziologie“, S. 35ff.) trägt zwar nachdrücklich zu der herausgehobenen Qualität des Teils I bei, umso unbefriedigender bleibt allerdings das Nichteinlösen des Versprechens, die „Essbarkeit“ dieser unterschiedlichen Theorien zu definieren.
Im zweiten Kapitel des ersten Teils wendet sich Halliday der Frage zu, wie Außenpolitik in der Region „gemacht“ wird. Wenig überraschend wird die weitgehende Autonomie des Staates hervorgehoben, der (außen-)politische Entscheidungen faktisch ohne Votum der bzw. Legitimierung durch die Gesellschaft trifft. Der Staat selbst folgt dabei zumeist der Regel: „the ruler decides“ (S. 50). Als plastische Ausnahme von der Regel führt Halliday ausgerechnet die Besetzung der US-Botschaft in Teheran im November 1979 an (S. 53), wo die handelnden Personen („Studenten auf der Linie des Imam“) angeblich autonom agierten. Die Wissenschaft ist in dieser Frage tief gespalten, seriöse Experten (Voll, Sick, Graham u.a.) behaupten das genaue Gegenteil. Kein Widerspruch erhebt sich hingegen zu der Feststellung, dass der Staat bei aller Autonomie natürlich trotzdem bestimmte Rückkoppelungsmechanismen mit der Gesellschaft beachten muss. Halliday sieht im „innenpolitischen Kontext“ (S. 54) vor allem „bürokratische Interessen“ (S. 55f.), die öffentliche Meinung (S. 56ff.), die Kapazitäten des Staates (S. 59ff.), Normen (S. 62ff.) und den externen Faktor (S. 66ff.) als zu zählende Größen.
Teil II (S. 75-166) steht unter dem schlichten Titel „History“ und betreibt keinen Etikettenschwindel. Das erste Kapitel (S. 75-96) widmet sich Staatsbildungsprozessen und Weltkrieg, legt aber erwartungsgemäß den Schwerpunkt auf die Kolonialgeschichte und insbesondere die (Nach-)Wirkungen des Kolonialismus. Der Kalte Krieg steht im Mittelpunkt des zweiten Kapitels (S. 97-129). Hier wird der Nahe und Mittlere Osten als Akteur und Schauplatz des Kalten Krieges generell eingeschätzt, die Rolle des arabisch-israelischen Konflikts und insbesondere der Wendepunkt von 1967 besonders herausgehoben, sowie die Position einzelner Länder wie Iran und die Türkei bewertet. Die Einschätzungen sind fundiert und nachvollziehbar, allerdings erschließen sich die Analyseebenen nicht vollständig: warum eine Mixtur aus übergreifenden Themen und Länderbeispielen? Das fordert Einwände, warum nur Iran und die Türkei und nicht etwa auch Ägypten und Irak, geradezu heraus.
Das dritte Kapitel (S. 130-165) untersucht die Periode nach dem Kalten Krieg und stellt sie unter den Titel „Die große Westasienkrise“. Die angeführten Großereignisse (2. Golfkrieg, israelisch-palästinensische Prinzipienerklärung von 1993, die Terrorangriffe vom 11. September 2001 (9/11) und der Irakkrieg von 2003 führen dann aber automatisch zu der Frage, wie damit eine „Westasienkrise“ erkennbar wird bzw. wie groß Westasien in den Augen Hallidays ist? Auch die später nachgeschobene Erläuterung (Konfrontation mit dem Islam, Sturz der Taliban und 9/11) taugt nur begrenzt als Begründung. Außerordentlich interessant ist dagegen die These, viele aktuelle Schwierigkeiten der USA in der Region ergäben sich aus dem Fakt, ein „hegemon without a history“ zu sein (S. 138). Auf jeden Fall kommt der historische Teil dem Anspruch des Autors, ein Buch für die „breite Öffentlichkeit“ geschrieben zu haben, noch am nächsten.
Im III. Teil (S. 167-302) unter dem unpretenziösen Titel „analytische Fragen“ schließt sich der Bogen zu Teil I. Jede der für Halliday wesentlichen analytischen Fragen erhält ein eigenes Kapitel. Zunächst geht es um „militärische Konflikte: Kriege, Revolten, strategische Rivalität“ (S. 167-192), wobei die große Hartnäckigkeit und Langlebigkeit regionaler Rivalitäten hervorgehoben wird. Die vielen überzeugenden Argumente für die Richtigkeit der Thesen sollten durch den vorher erwähnten „leadership“-Aspekt ergänzt werden, der erheblich zu der apostrophierten Langlebigkeit beiträgt. Im nachfolgenden Kapitel über moderne Ideologien (S. 193-228) begründet Halliday einmal mehr mit allem Nachdruck seine Ablehnung der „ausufernden“ Tendenz, Gesellschaft, Staat und Entwicklung ausschließlich kulturalistisch zu erklären. Selbst wenn das Primat ökonomischer oder anderer Erklärungsmuster vielen Analytikern ebenfalls nicht einleuchten mag, so sind doch auch Kulturen keine statischen Größen, die etwa auf Grund ihrer Konstanz zum Vergleich einladen. „Kulturen ändern sich“ (S. 195), wohl zu Recht ein beständiges Mantra Hallidays. Erwartungsgemäß finden danach Nationalismus und Fundamentalismus ihren festen Platz in der Erläuterung vorherrschender Ideologien. Vor allem die Gründe für die rasche und tief greifende Übernahme der an sich exogenen Ideologie des Nationalismus im arabischen Raum wird überzeugend erklärt, wobei ein wesentlicher Faktor aber seltsam „unterbelichtet“ bleibt: arabischer Nationalismus entstand primär als Reaktion auf den aufkommenden türkischen Nationalismus im seinem Ende zugehenden Osmanischen Reich. Ausgesprochen interessante Überlegungen gelingen Haliday wieder in dem Abschnitt über „informelle Ideologien“, also insbesondere Wahrnehmungen und Annahmen (S. 220ff.), die im Nahen Osten ein besonders hartnäckiges Eigenleben führen.
Das nächste Kapitel (S. 229-260) untersucht die relativ neue Herausforderung für den Staat durch transnationale Bewegungen. Die zunächst gewählten Beispiele der Organisation erdölexportierender Länder (OPEC), der Arabischen Liga (AL), des Golfkooperationsrates (GCC) und der Organisation der Islamischen Konferenz (OIC) irritieren etwas, handelt es sich hierbei doch um Organisationen und keine Bewegungen im eigentlichen Sinn (S. 234f.). Der eigentliche Wert dieses Kapitels liegt dagegen in der von Halliday gestellten Frage, welche Bewegungen/Phänomene/Faktoren zwischenstaatlich und welche wirklich transnational sind? Er beantwortet die Frage außerordentlich schlüssig an fünf Fallstudien, nämlich nationalistischen Bewegungen, dem Islamismus, politischer Gewalt, Kultur und Medien, sowie den Diasporas.
Das letzte Kapitel innerhalb des Teiles über analytische Fragen widmet sich den regionalen und globalen Aspekten der politischen Ökonomie (S. 261-302). Ein grundsolides Kapitel, in dem allerdings auffällt, dass dem beherrschenden Erdölfaktor nur verhältnismäßig wenig Raum gegeben wird (S. 270ff.) und die Aussagen über die Nach-Öl-Epoche (S. 292ff.) außerordentlich spekulativ ausfallen.
Der IV. Teil (S. 303-324) ist Schlussfolgerungen vorbehalten. Hervorzuheben sind hier die fundierten Aussagen über die strukturellen Beschränkungen in den arabischen Staaten und die sich daraus ergebenden realen Optionen ihrer Entwicklung (S. 316ff.). Haften bleibt darüber hinaus die überaus bezeichnende Feststellung, dass die Globalisierungsdebatte in keinem Teil der Welt so intensiv und ausdauernd geführt wird wie in den arabischen Ländern (S. 314).
Ab Seite 325 folgt ein überlegt ausgewählter Anhang aus Karten, Tabellen, Diagrammen und statistischen Angaben. Didaktisch wäre es hie und da vielleicht sinnvoller gewesen, die entsprechenden Schaubilder an passenden Textstellen zu platzieren.
Die eingangs getroffene außerordentlich positive Beurteilung des Buches soll am Ende nochmals bekräftigt werden. Allein die ungemein reichhaltige Auswahl der verwendeten Quellen würde die „Nachnutzung“ lohnen. Die Publikation gehört somit in jede seriöse Nahostbibliothek, der „Einsteiger“ sollte sich jedoch zunächst an anderer Stelle bedienen.
If there is additional discussion of this review, you may access it through the network, at: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/.
Citation:
Henner Fürtig. Review of Halliday, Fred, The Middle East in International Relations: Power, Politics and Ideology.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
February, 2006.
URL: http://www.h-net.org/reviews/showrev.php?id=20218
Copyright © 2006 by H-Net, Clio-online, and the author, all rights reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial, educational purposes, if permission is granted by the author and usage right holders. For permission please contact H-SOZ-U-KULT@H-NET.MSU.EDU.




