François Beilecke, Katja Marmetschke. Der Intellektuelle und der Mandarin: Für Hans Manfred Bock. Kassel: Kassel University Press, 2005. 809 S. ISBN 978-3-89958-134-8.
Reviewed by Alexandra Gerstner
Published on H-Soz-u-Kult (February, 2006)
F. Beilecke u.a. (Hgg.): Der Intellektuelle und der Mandarin
Zu begrüßen ist die Entwicklung, Festschriften durch einen vorgegebenen thematischen Rahmen zu kohärenten Sammelbänden zu gestalten. Im Falle der Festschrift für den Kasseler Politikwissenschaftler Hans Manfred Bock ist dies besonders gut gelungen. Der Band präsentiert unter dem Titel „Der Intellektuelle und der Mandarin“ vierunddreißig Aufsätze zur Intellektuellenforschung, insbesondere zu den deutsch-französischen Austauschbeziehungen, und stellt damit ein Thema in den Mittelpunkt, das im Zentrum der Forschungen des Geehrten stand und steht. Wie breit angelegt dieses Gebiet ist, verdeutlicht der voluminöse Band, der in drei übergreifende Kapitel untergliedert ist.
Im ersten Kapitel des Bandes sind unter dem Titel „Meisterdenker revisited“ zum einen Beiträge versammelt, die sich mit besonders exponierten „Großintellektuellen“ (S. 15) auseinandersetzen. Zum anderen finden sich hier Aufsätze zu Denkschulen und zu Perspektiven des Intellektuellenengagements. Das erste Kapitel wirkt daher insgesamt etwas disparat, da sich nur knapp die Hälfte der darin enthaltenen Aufsätze tatsächlich mit den titelgebenden „Meisterdenkern“ auseinandersetzt. Einen gelungenen Einstieg in den gesamten Band bieten die konzeptionellen Beiträge zur theoretischen Grundlegung der Intellektuellenforschung von Michel Trebitsch und François Beilecke, die am Anfang des Kapitels stehen. Trebitsch lässt die Entwicklung der französischen Intellektuellenforschung in den letzten 15 Jahren Revue passieren und setzt mit seinem kritischen Forschungsbericht gewissermaßen Hans Manfred Bocks Aufsatz von 1992 fort. Bock, Hans Manfred, Anmerkungen zur historischen Intellektuellen-Forschung in Frankreich, in: Lendemains (1992), S. 27-48. Beilecke wiederum fragt nach der Anwendbarkeit des Netzwerk-Konzepts für die Intellektuellenforschung. Ausgehend von der Feststellung, dass die „soziokulturelle Gemeinschaftsbildung grundlegend für die Konstituierung von Intellektuellen als gesellschaftliche Gruppe“ (S. 52) sei, fordert Beilecke den Netzwerkbegriff zu schärfen, um ihn für die Analyse intellektueller Beziehungen fruchtbar zu machen. Durch die Untersuchung der strukturfunktionalen Dimension intellektueller Milieus ließen sich „wesentliche Erkenntnisse über die Interventions- und Einflussmöglichkeiten von Intellektuellen“ gewinnen (S. 54).
Die Aufsätze zu einzelnen „Meisterdenkern“, von denen sich zwei mit Pierre Bourdieu und weitere mit Jacques Derrida und Nicos Poulantzas beschäftigen, berücksichtigen die sozialmoralischen Herkunftsmilieus und kulturellen Prägungen der untersuchten Intellektuellen und fragen nach den Entwicklungsbedingungen des intellektuellen Engagements. So bezieht etwa Lothar Peter, der anhand von Bourdieus itinéraire dessen Rolle im französischen Intellektuellenmilieu untersucht, bei seinem Vergleich der theoretischen Konzepte von Bourdieu, Sartre und Foucault die Bedeutung ihres politischen Handelns für ihr Selbstverständnis als Intellektuelle in die Untersuchung mit ein. Einzig Eike Hennig stellt in seinem Beitrag zum Begriff der Politik bei Max Weber und Carl Schmitt nicht die „Sozialfigur des Intellektuellen“ in den Mittelpunkt, sondern leistet primär eine ideen- und begriffsgeschichtliche Analyse. Stärker auf Vermittlungsaspekte intellektuellen Handelns gehen die Beiträge von Dietmar Hüser und Robert Picht ein. Während sich Hüser mit der Rolle der modernen französischen Rap-Kultur, der von ihm so genannten „Musik-Politiker“ bei der Integration von Migranten und sozialen Unterschichten in die französische Gesellschaft befasst, geht es Picht um die Möglichkeit einer kulturellen Integration Europas durch Information und Interaktion. Hüser beschreibt die französischen Rapper als moderne Provinz-Notabeln und „Vor-Ort-Intellektuelle“ und erweitert damit den Horizont der Intellektuellenforschung auf das Feld der populären Kultur.
Während die im ersten Kapitel versammelten Beiträge alle einen starken Gegenwartsbezug aufweisen und stets auch nach den Bedingungen und Möglichkeiten heutigen intellektuellen Engagements fragen, stellt das zweite Kapitel die historische Verortung der Intellektuellen in den Mittelpunkt. In den hier versammelten Beiträgen werden daher zumeist nicht nur einzelne Denker, sondern Gruppen oder „intellektuelle Generationen“ behandelt, die durch ähnliche nationalkulturelle Kontexte oder existentielle Erfahrungen geprägt waren.
Vier Beiträge widmen sich der Nachkriegszeit. Niels Beckenbach untersucht die Wirkung des Revolutionsmythos auf die Revolte von 1968, der den Weg von der Bürgerrechtsbewegung in den Terror begünstigt habe. Dabei zieht er Parallelen zwischen dem Berlin der 1960er-Jahre und der Weimarer Republik, denn in der „ausreichend große[n] Zahl von Schul- und Studienabbrechern, Wehrdienstverweigerern und jugendlichen Trebegängern“ (S. 246) in Berlin entdeckt er dieselben incertitudes wie Pierre Viénot sie in seinem 1930 erschienenen Deutschlandbericht beschrieben hatte. Während Carla Albrecht von der „Bocksgesang“-Debatte um Botho Strauß ausgehend die Spaltung des intellektuellen Feldes im Deutschland der 1990er-Jahre beschreibt, werden in Nicole Racines Beitrag über die Wiederbelebung der Dekaden von Pontigny durch Anne Heurgon-Desjardins in Cerisy die intellektuellen Debatten der französischen Nachkriegszeit reflektiert.
Die weiteren Beiträge in diesem Kapitel widmen sich vor allem der Zeit der 1920er bis 1940er-Jahre. Der Diskrepanz zwischen intellektuellem Anspruch und tatsächlichen Handlungsmöglichkeiten gehen die Beiträge von Jens Flemming und Dagmar Bussiek nach. Flemming verfolgt Arnold Zweigs langen Abschied von seinen zionistischen Idealen und damit das „Scheitern einer vor langen Jahren hoffnungsfroh, aber realitätsfremd, am Schreibtisch gedachten und besungenen Beziehung“ (S. 357). Wie gering die Spielräume der „inneren Emigration“ waren, beschreibt Dagmar Bussiek anhand des Schicksals von Benno Reifenberg, der während des Nationalsozialismus bis 1943 politischer Redakteur der „Frankfurter Zeitung“ war. Die anfängliche Erwartung, im innenpolitischen Bereich eine kritische Berichterstattung aufrechterhalten zu können, wurden bald enttäuscht und Reifenberg konnte seine Distanz zum Regime ab 1938 lediglich in literarischen Glossen Ausdruck verleihen. Der schmale Grat zwischen Anpassung an die Vorgaben der deutschen Besatzungsmacht und Unterstützung der Résistance wird auch im Artikel von Klaus Große Kracht sichtbar. Große Kracht verfolgt die Entstehung der französischen Meister Eckart-Ausgabe, die in Zusammenarbeit von Bernhard Groethuysen und Aline Mayrisch realisiert wurde, und würdigt vor diesem Hintergrund auch das Wirken Groethuysens als Lektor der Éditions Gallimard. Die 1942 erschienene Eckart-Ausgabe wird auf diese Weise nicht nur als intellektuelles Gegengewicht zur nationalsozialistischen Eckart-Interpretation bewertet, sondern ebenso ihre Funktion zur finanziellen Unterstützung von Autoren und Übersetzern in der Résistance herausgestellt. Die Perspektiven intellektuellen Handelns in Faschismus und Diktatur thematisieren auch die Beiträge über Benedetto Croce und Jorge Semprún von Guido Thiemeyer und Gerd Steffens.
Das dritte Kapitel widmet sich Intellektuellen und kulturellen Mittlern „im deutsch-französischen Spannungsfeld“. Auch in diesem Abschnitt werden die Persönlichkeiten des deutsch-französischen Kulturaustauschs als Sozialfiguren analysiert, die Analyse ihres Handelns und Denkens findet stets im Zusammenhang ihres intellektuellen Werdegangs und ihres nationalkulturellen Umfeldes statt. Die funktionalen Ähnlichkeiten zwischen kulturellen Mittlern und Intellektuellen arbeitet Katja Marmetschke in ihrem Beitrag über Edmond Vermeil heraus. Während die Intellektuellen bei der Ausbildung nationaler Identitäten eine wichtige Rolle spielten, hätten die Länderexperten eine ähnliche Stellung im Prozess der „fremdnationalen Identitätsausprägung“ inne (S. 509). In ihren Wirkungsbedingungen unterschieden sich allerdings Intellektuelle und Mittler voneinander, da etwa durch die bilaterale Zusammenarbeit Professionalisierung und Institutionalisierung der Mittler zunähmen und ihren Status veränderten. Aus dieser Perspektive widmet sich der Aufsatz von Corine Defrance der Frage, ob Raymond Schmittlein, von 1945-51 Leiter der Kulturabteilung der französischen Militärregierung, als deutsch-französischer Kulturmittler gelten könne. Dabei kommt sie zu dem Ergebnis, dass trotz der zahlreichen Errungenschaften, die Schmittleins Wirken in Rheinland-Pfalz zu verdanken seien, dieses nur als „Teilengagement“ eingestuft werden könne. Durch seine gouvernementale Einbindung könne er höchsten als „Organisator“, nicht aber als Gründer oder Schöpfer sozio-kultureller Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich gelten.
Mit Eugen Ewig, Gilbert Ziebura und Joseph Rovan werden weitere zentrale Mittlerpersönlichkeiten behandelt, während in den Beiträgen über Theodor Heuss, Klaus Mann und Jean-Richard Bloch ihre Beziehungen zum Nachbarland erhellt werden. Gilbert Krebs und Gilbert Merlio beschreiben die Freundschaften zwischen Heinrich Mann und Félix Bertaux sowie zwischen Romain Rolland und Hermann Hesse als kulturelle Austauschbeziehungen. Den Band beschließen zwei Beiträge über das Deutsch-Französische Jugendwerk und das DAAD-Lektorenprogramm, die untersuchen, in welchen Formen sich die deutsch-französischen Verständigungsinitiativen institutionalisiert haben. Die von Eva Sabine Kuntz für ihren Beitrag herangezogene Erweiterung des Intellektuellenbegriffs, der auf diese Weise auch die amorphe Gruppe der „Jugendlichen“ umfasst, ist allerdings wenig hilfreich und zur Analyse der Mittlerfunktion des Jugendaustauschs nicht notwendig.
Die Fruchtbarkeit des historisch-soziologischen Forschungsansatzes in der Intellektuellenforschung wird durch die hier versammelten Aufsätze fast durchgängig bewiesen. Für die weitere Beschäftigung sowohl mit den hier behandelten Personen, Gruppierungen und Institutionen als auch mit der methodisch-theoretischen Grundlegung der Intellektuellenforschung bietet die Festschrift daher zahllose wertvolle Anregungen. Bei der Fülle der hier angesprochenen Themen und Personen ist das Fehlen eines Registers bedauerlich. Doch bietet die Kassel University Press auf ihrer Verlags-Homepage <http://www.upress.uni-kassel.de/abstracts_fr/3-89958-134-2.html> (zuletzt besucht am 07.11.2005). einen bemerkenswerten Service an, mit dem dieser Mangel ausgeglichen werden kann: hier wird eine kostenlose pdf-Version zum Download angeboten, so dass über diesen Umweg der Band mit einer Volltext-Suchfunktion erschlossen werden kann.
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Citation:
Alexandra Gerstner. Review of Beilecke, François; Marmetschke, Katja, Der Intellektuelle und der Mandarin: Für Hans Manfred Bock.
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February, 2006.
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