Werner Mittenzwei. Zwielicht: Auf der Suche nach dem Sinn einer vergangenen Zeit. Eine kulturkritische Autobiographie. Leipzig: Faber und Faber, 2004. 510 S. (gebunden), ISBN 978-3-936618-41-9.
Reviewed by Gerd Dietrich
Published on H-Soz-u-Kult (January, 2006)
W. Mittenzwei: Zwielicht
Dies ist eine Autobiografie und die "Geschichte eines Mannes, dessen Lebensweg von seiner Liebe zur Literatur und zum Theater geprägt ist", stellt seine Frau Ingrid fest und schreibt: "Als einen Besessenen, einseitig Begabten habe ich ihn einmal in einem Brief an unseren Enkel Jan bezeichnet. Mit seinem schon früh ausgebildeten Gespür für Talente und unorthodoxe Denker ging er auf Menschen zu, schloß Freundschaften, machte sich jedoch auch Feinde. Nicht alle, aber viele findet man in diesem Buch wieder, das tiefere Einblicke in die Gesellschaft der DDR gestattet als manche konventionelle Geschichtsdarstellung. Wer allerdings etwas über das Privatleben Werner Mittenzweis erfahren will, der wird nur selten fündig" (S. 344).
Darin ist der Historikerin Ingrid Mittenzwei durchaus zuzustimmen: Weniger das Private, Persönliche ist das Interessante an dieser Autobiografie, sondern die Porträts namhafter Personen aus Literatur, Wissenschaft und Politik, als da sind Bertolt Brecht, Klaus Gysi, Peter Hacks, Kurt Hager, Wolfgang Harich, Stephan Hermlin, Walter Janka, Hans Kaufmann, Hans Koch, Werner Krauß, Alfred Kurella, Georg Lukacs, Hans Mayer, Heiner Müller, Helene Weigel, Manfred Wekwerth, Erich Wendt, Christa Wolf u.v.a. Es sind wohl zwangsläufig vor allem Personen aus der Generation der marxistischen Lehrer und Erzieher des Werner Mittenzwei, Jg. 1927, sowie die Gesprächspartner und Gleichgesinnten aus der eigenen Generation. - Freilich ist dabei zugleich nach den Leerstellen zu fragen: Wolf Biermann, Stefan Heym, Erich Loest etwa spielen in Mittenzweis DDR - Literaturszene keine Rolle. - Ebenso aufschlussreich sind die Beschreibungen und Differenzierungen einflussreicher Institutionen in der DDR, wie z.B. der Institution "Neulehrer" oder marxistisch-leninistisches Grundlagenstudium, der Hochschulen und Universitäten, der Parteiinstitute für Gesellschaftswissenschaften und Marxismus-Leninismus, sowie der Akademien der Wissenschaften und der Künste. Für den intimen Kenner des Wissenschaftsbetriebs in der DDR steht dabei das Verhältnis der politischen Machteliten und des Apparates zu den Wissenschaftlern und Künstlern im Vordergrund. Aufschlussreich auch das Kapitel von Ingrid Mittenzwei in diesem Buch über die Historiographie und Preußenwelle in der DDR.
Natürlich galt es auch den ersten Verkaufserfolg von Werner Mittenzwei zu nutzen und ein zweites Buch nachzuschieben. Mittenzwei, Werner, Die Intellektuellen. Literatur und Politik in Ostdeutschland 1945-2000, Leipzig 2001; vgl. Rezension in H-Soz-Kult: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=1391>. Alles was kontrovers zu jener Geschichte der Intellektuellen gesagt worden ist, trifft auch auf die Geschichte des Intellektuellen Mittenzwei zu: So schrieb Hans Ulrich Gumbrecht, dass Mittenzwei "gewiß ohne es zu wollen und vielleicht sogar ohne es zu wissen - ein Epos geschrieben [hat] über die notwendige und unmögliche, über die tragische und nicht selten auch tragikomische Liebe zwischen den totalitären Staaten und den Intellektuellen [...]“. Intuitiv und vorprogrammatisch zumindest hat Mittenzwei die Geschichte der Intellektuellen in Ostdeutschland als eine Geschichte dieser wechselseitigen Faszination gestaltet - und das heißt auch: als eine Geschichte der Enttäuschungen auf beiden Seiten, als eine Geschichte der absichtlich wie unabsichtlich zugefügten Verletzungen, die oft verpackt waren in die fast komische Sonntagmorgen - Euphorie allzu guter Absichten." Gumbrecht, Hans Ulrich, Die Tränen auf Löschpapier. Selbstkritisch ist der Mann: Werner Mittenzweis Studie über die Intellektuellen der DDR, in: FAZ vom 6.11.2001. Michael Th. Greven dachte "Über Ostdeutsche Identität als die Utopie fortgesetzter Systemopposition" nach und verstand Mittenzweis Konstruktion und Interpretation der Geschichte der DDR "im Grunde genommen als die Fortsetzung des ideologischen Klassenkampfes zwischen bürgerlicher Gesellschaft und Marxismus auch im Moment des zeitweiligen Sieges der ersteren". Greven, Michael Th., Über Ostdeutsche Identität als die Utopie fortgesetzter Systemopposition. In: Berliner Debatte Initial 13 (2002) 2, S. 92. Und Erich Loest sprach vom roten Don Quixote. Selten, so konstatierte er, "hat einer aus der abgehalfterten ehemaligen DDR-Elite so unverstellt aus seinem Herzen keine Mördergrube gemacht. Wie Mittenzwei fühlen sicherlich ein paar zehntausend aufs Abstellgleis geratene Professoren, Funktionäre vom General bis zum Botschafter, Stabü-Lehrer und Kaderleiter, denen die Geschichte, von ihnen als 'gesetzmäßig' begriffen und propagiert, einen häßlichen Streich spielte. Sie feierten sich als Sieger und können sich nicht damit abfinden, im Fundament geirrt zu haben". Loest, Erich, Ein roter Don Quixote. In: Deutschland-Archiv, 1 (2002), S. 152.
Was also bleibt noch zu sagen zu dieser Autobiografie? Vielleicht ist es die Darstellung der Widersprüche dieses intellektuellen Lebens, die die LeserInnen beeindruckt und interessiert. Mittenzwei beginnt seine Karriere im Zeichen des neuen, des roten Sterns, muss aber schmerzlich einsehen, dass auch dieser Stern "nicht gehalten hat, was sein heller Schein versprach". (S. 63) Da kam einer aus einer "bindungsfreudigen Generation" (S. 491), aber er wollte "nicht im Chor singen, sondern Solist sein" (S. 182). Er nahm sich vor, "die SED davon zu überzeugen, daß Brecht an ihrer Seite stand" (S. 157) und kommt zu dem Ergebnis, dass man mit Brecht "in Gegensatz zum offiziellen Marxismus geriet" (S. 317). Gekonnt bewegt er sich zwischen den Polen und Antipoden Georg Lukacs und Bertolt Brecht. Da versuchte einer, "die Grenzen des sozialistischen Realismus zu erweitern" (S. 198). Doch als die "falsche Konzeption" von der Politik zurückgewiesen wurde, verlor er "das Interesse an theoretischen Erörterungen und wandte sich mehr der historischen Forschung zu" (S. 268). "Wir kamen zu dem Schluß," schreibt er, "den Rückzug auf die Geschichte anzunehmen und dieses Terrain so auszubauen, daß man uns nur schwer hineinreden konnte" (S. 275). Da gibt es in seinem Denken "nie einen Zweifel", dass "alles einmal zu Ende geht" (S. 419) und er betrachtet die "Dinge mehr mit der verhängnisvollen Ruhe des Historikers, der sich der kommenden Veränderungen gewiß ist" (S. 422). Doch dass "es mit diesem Staat, ja mit einem weltumspannenden sozialistischen Gesellschaftssystem zu Ende ging, hätte mir niemand einreden können" (S. 423). Die 1990er-Jahre werden von ihm als "Jahrzehnt der Diskriminierung", als "Umwertung aller Werte", als "schmutzige Demontage von Dichtern und Künstlern" beschrieben. (S. 483f.). Der neuen bundesrepublikanischen Welt fühlt er sich als Wissenschaftler "nicht mehr zugehörig" (S. 448). Da hat einer einen Aufstieg vollzogen und sich einen Namen gemacht, kann auf eine erstaunliche Publikationsliste und national wie international beachtete wissenschaftliche Leistungen zurückblicken, aber er sieht sich vor einem Trümmerhaufen, kann sein Leben schließlich nur in der dunklen Variante einer Finalstruktur betrachten, und verallgemeinert damit unzulässig: "Wenn Leute meiner Generation ihr Leben beschreiben und nichts beschönigen wollen, müssen sie sich am Ende mit der Erkenntnis der Niederlage auseinandersetzen." (S. 483)
Den Verlust der Hoffnungen, das Scheitern der DDR und des Sozialismus überhaupt führt Mittenzwei auf "die ausgebliebene Schubkraft der neuen Eigentumsverhältnisse" (S. 420) zurück. So konnte sich die sozialistische Weltwirtschaft gegenüber der kapitalistischen nicht als Gegenkraft entwickeln, nicht als gleichwertig etablieren. Er zog daraus den Schluss, "daß ein Wandel auf lange Zeit nicht möglich ist. Das große Experiment, die Welt zu verändern - oder wenigstens einen Teil davon -, war gescheitert. So begann für mich die Niederlage schon, bevor sie faktisch eintrat. Doch dieses Bewusstsein veranlaßte mich nicht, meine Bindung an den Sozialismus aufzukündigen." (S. 420f.) Und er "blickt noch immer zu ihm auf, dem Stern unserer verlorenen Hoffnung". Mit Pierre Bourdieu beklagt Mittenzwei schließlich melancholisch "das unlösbare Dilemma des engagierten Intellektuellen": Wie dient man einer Sache, ohne in Dienst genommen zu werden? Es waren die Zeitumstände, meint er, die ihn den beschriebenen Weg gehen ließen. Alles andere wäre ihm als Ausflucht erschienen. Es schien ihm geboten, "einer Sache zu dienen, die Konsequenzen abverlangt, die wir nicht zu überschauen vermögen" (S. 491). Der Frage nach dem Gewinn der Niederlage hat sich Mittenzwei nicht gestellt.
So ist auch dieses Buch gegen den angeblichen Zeitgeist der 1990er-Jahre geschrieben und damit eine Fortsetzung der tragischen Mentalitätsgeschichte der DDR - Intellektuellen, konkreter der marxistischen Intelligenz, noch genauer der literaturwissenschaftlichen Intelligenz aus der FDJ - Aufbaugeneration und aus der Berliner Kultur- und Wissenschaftsszene dieser Generation. Darauf zurückgeführt und dessen eingedenk liest es sich ausgesprochen gut, entdecken wir ehrenhafte Motive und erfahren interessante Details aus eben dieser Szene. Begibt man sich mit Werner Mittenzwei auf die Suche nach dem Sinn der vergangenen Zeit, so ist ihm durchaus zuzustimmen: "In der DDR existierte eben vieles nebeneinander, und das geistige Leben vollzog sich nicht so eingleisig, wie es die zeitgeschichtliche Forschung nach der Wende beschrieb." (S. 200)
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Gerd Dietrich. Review of Mittenzwei, Werner, Zwielicht: Auf der Suche nach dem Sinn einer vergangenen Zeit. Eine kulturkritische Autobiographie.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
January, 2006.
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