William H. Rollins. A Greener Vision of Home: Cultural Politics and Environmental Reform in the German Heimatschutz Movement, 1904-1918. Ann Arbor: University of Michigan Press, 1997. x + 332 pp. $54.50 (cloth), ISBN 978-0-472-10809-1.
Reviewed by Rita Gudermann (Freie Universität Berlin)
Published on H-German (May, 1998)
Der deutsche Heimatschutz war nicht Greenpeace. Muss er deswegen verurteilt werden? William H. Rollins, Dozent an der University of Canterbury in Christchurch, Neuseeland, bemueht sich um ein neues, faires Urteil ueber die erste deutsche gruene Bewegung. Er kommt dabei zu einer Einschaetzung, die im strikten Gegensatz zur bisherigen Forschungsmeinung steht. Sowohl buergerliche als auch marxistische Autoren sind sich in ihrer Ablehnung einer Bewegung nahezu einig, die mit ihrer aesthetizistischen Orientierung an der Heimat einem irrationalen und reaktionaeren Weltbild gehuldigt habe, politisch weitgehend folgenlos geblieben und leicht vom Nationalsozialismus zu vereinnahmen gewesen sei.
Rollins zeigt auf, dass hinter diesem Urteil eine modernistische Haltung steht, die die negative Wertung der Nationalismus-Ideologie des 19. Jahrhunderts (naemlich als Versuch der Eliten, eine Illusion von Gemeinschaft zu schaffen und dadurch die bestehenden Klassengegensaetze zu verschleiern) auch auf den Begriff der Heimat uebertraegt. Geleitet von Gramscis Theorie der Hegemonie macht sich Rollins dagegen an den Nachweis, dass es gerade einer emotionalisierenden und aesthetisierenden Herangehensweise bedurft habe, um den hegemonistischen Glauben an den technischen und industriellen Fortschritt herauszufordern, der Deutsche aller Klassen und Konfessionen einte.
Rollins gliedert seine Darstellung in vier Teile: Zunaechst studiert er die Wurzeln der modernen Umweltzerstoerung und ihrer Gegenbewegungen und kommt zu dem Ergebnis, dass es zwischen der mittelalterlichen, ethisch-religioes motivierten Beschraenkung der Umweltausbeutung und dem wissenschaftlich fundierten Umweltschutz der Gegenwart einzig der Heimatschutz war, der sich dem modernen Kapitalismus in den Weg stellte.
In einem zweiten Schritt untersucht er die Entstehung und die soziale Zusammensetzung der Bewegung und erklaert die aesthetische Faszination von der Heimat aus der spezifisch deutschen, bildungsbuergerlichen Tradition, innerhalb der der Natur eine wichtige, identitaetsstiftende Funktion zukam. Aufgrund der raeumlichen Begrenzung und dichten Besiedlung war das deutsche Bildungsbuergertum nach 50 Jahren der Industrialisierung seiner Ansicht nach eher reif fuer die gruene Insel als andere Laender des industrialisierten Westens (p. 215). Rollins haelt die Bewegung dabei fuer weniger elitaer, als zumeist angenommen: Die eigentlichen Gegner der Heimatschuetzer waren nicht die unteren Klassen, sondern jene Vandalen aus den eigenen Reihen, die die natuerlichen Ressourcen ohne Ruecksicht auf immaterielle Werte ausbeuteten. Der von Ernst Rudorff, einem der fuehrenden Vertreter der Heimatschutzbewegung, so genannte ideale Mitbesitz an der Landschaft koenne daher als ein durchaus neuer Gedanke gesehen werden, der prinzipiell dazu geeignet war, die bestehenden Klassenschranken zu ueberwinden. Im Gegensatz zu dem zeitgleich aufgekommenen Naturschutz, dem es um die Erhaltung seltener Tier-und Pflanzenarten und Landschaftselemente ging, war der Heimatschutz auch nicht in einem kleingeistigen Regionalismus befangen, sondern vielmehr "radically integrative and universal" (p. 188).
Schliesslich beschaeftigt sich Rollins mit den durch die optimistische Grundhaltung motivierten Utopien der Heimatschuetzer, denen zufolge durch Aesthetik und Paedagogik die Liebe zur Heimat geweckt und damit ihr Schutz erreicht werden koenne. Dabei spielt der Umwelttourismus eine grosse Rolle, nicht jedoch im Sinne eines kurzweiligen, kommerzialisierten Massentourismus, sondern eines kontemplativen, synoptischen Natur- und Geschichtserlebens.
Rollins schreibt der Heimatschutzbewegung eine enorme Wirksamkeit zu: Wichtiger als der Erlass des Verunstaltungsgesetzes von 1907 war jedoch, dass es ihr gelang, das Heimatbewusstsein in Deutschland zu einem populaeren Phaenomen zu machen--zum Teil bis heute. Damit war sie erfolgreicher als die naturwissenschaftlich begruendete, amerikanische Form des Naturschutzes, denn ein Oekosystem ist, im Gegensatz zur Heimat, als Wert steril: "we find that the ordinary German landscape has weathered its century better" (p. 276). Nicht in der deutschen, sondern in der amerikanischen Entwicklung, bei der die Instrumentalisierung der Natur in einem emotionalen Vakuum stattfand und eine Katastrophe nach der anderen produzierte, sieht er denn auch den eigentlichen historischen Sonderweg.
Nach 1914 verlor der Heimatschutz die Initiative, die er zuvor besessen hatte. Waehrend des Krieges und der Weimarer Republik begannen auch in den Reihen der Heimatschuetzer nationale und patriotische Toene lauter zu werden. Dennoch ist es Rollins zufolge kein nach aussen gerichteter, blinder und hasserfuellter Chauvinismus gewesen, von dem sich die Heimatschuetzer leiten liessen, sondern vielmehr eine heimatbezogene Art von Nationalismus: Der Kampf um die Heimat konnte nur an der Heimatfront ausgefochten werden. Nach dem Krieg begann sich die Bewegung als Opposition zur Weimarer Republik zu sehen, denn die demokratische Massenkultur entzog ihr quasi ihre soziologische Grundlage, und sie konnte jenen Einfluss hinter den Kulissen nicht zurueckgewinnen, mit dem sie im Kaiserreich so erfolgreich gewesen war.
Der Nationalsozialismus mit seinen mechanisierten, uniformierten und permanent mobilisierten Massen schliesslich hatte mit den Inhalten des Heimatschutzes kaum etwas gemeinsam. Dennoch gelang es ihm, bestimmte Ziele der Bewegung auf seine Fahnen zu schreiben und damit bis heute identifiziert zu werden. Ironischerweise war er damit so erfolgreich, dass es heute notwendig ist, gegen diese Nazierbschaft anzukaempfen, um die Ideen von Heimat und lokaler Umweltverantwortung zurueckzugewinnen.
Tatsaechlich glaubt Rollins, dass es eines emotionalen Zugriffs, eines Konzepts von Heimat oder einer greener vision of home bedarf, um die gegenwaertige oekologische Bewusstseinskrise, die sich darin ausdrueckt, dass trotz des weitverbreiteten Wissens um die Umweltbedrohung so wenig getan wird, zu ueberwinden. Der Autor begibt sich damit auf glattes Eis. Muss wirklich in der deutschen Geschichte des Kaiserreichs nach einer Loesung fuer die Umweltprobleme der Gegenwart gesucht werden? Der Vergleich mit anderen Industrienationen waere notwendig, um diese Frage zu beantworten, gerade wegen der geopolitischen Anklaenge in Rollins Erklaerungsansatz. Noch bleibt auch die Frage ungeklaert, warum es zu einer solchen Affinitaet von Nationalsozialismus und Heimatschutz kommen konnte.
Auch die These, dass erst mit der Hegemonie des Kapitalismus in der Moderne die Zerstoerung intakter Landschaften begonnen habe, laesst sich im Licht neuerer Forschungsergebnisse, die den jahrhundertealten menschlichen Einfluss auf die mitteleuropaeischen Landschaften betonen, nicht halten. Welche Landschaft, wessen Heimat wurde fuer schuetzenswert erachtet?
Trotz der Bedenken gegen die in dieser Studie geaeusserten politischen Implikationen ist Rollins Buch ein notwendiger Anstoss fuer eine allzu einhellige Forschungsmeinung. Es wird jedoch notwendig sein, den deutschen Heimatschutz weniger an seinen Selbstdarstellungen, als vielmehr an seiner Wirksamkeit vor Ort zu messen, den personellen Verflechtungen nachzugehen und oekonomische und soziale Aspekte noch sehr viel staerker einzubeziehen, als Rollins dies bereits tut.
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Citation:
Rita Gudermann. Review of Rollins, William H., A Greener Vision of Home: Cultural Politics and Environmental Reform in the German Heimatschutz Movement, 1904-1918.
H-German, H-Net Reviews.
May, 1998.
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