Heiner Timmermann. Das war die DDR: DDR-Forschung im Fadenkreuz von Herrschaft, Außenbeziehungen, Kultur und Souveränität. Münster: LIT Verlag, 2004. 788 S. (paper), ISBN 978-3-8258-8167-2.
Reviewed by Gerd Dietrich
Published on H-Soz-u-Kult (September, 2005)
H. Timmermann (Hg.): Das war die DDR
Dieser Band dokumentiert die Ergebnisse der DDR-Forschertagung in Otzenhausen aus dem Jahr 2003. Er enthält 44 Beiträge, davon zehn von Autoren aus anderen europäischen Staaten. Sie sind in fünf Kapiteln zusammengefaßt: Einführung, Herrschaft und Alltag, Außenbeziehungen, Kultur sowie Souveränität der DDR und BRD. Einleitend gibt Heiner Timmermann einen Überblick über die interdisziplinären und internationalen DDR-Forschertagungen von 1988 bis 2002 und zieht dabei eine positive Bilanz. Thomas Krüger verweist darauf, dass die Geschichte der DDR nach wie vor ein einzigartiges Untersuchungsfeld darstellt und in der politischen Bildung einen festen Platz hat.
Herausgehoben sei der ambitionierte Beitrag von Mary Fulbrook: „Ein ’ganz normales Leben’? Neue Forschungen zur Sozialgeschichte der DDR“, in dem sie einen neuen theoretischen Zugang zur DDR-Geschichte vorstellt. Im Unterschied zu den Repressionsanalysen (also einer ausschließlichen Erklärung der DDR als Ergebnis von Macht und Repression) legt sie den Fokus auf den Begriff „Normalisierung“. Mit der Frage nach einer möglichen Normalisierung versucht sie, das Paradoxon der positiven Erinnerungen mancher DDR-Bürger unter einer im Prinzip repressiven Struktur, das Paradoxon von „ganz normalem Leben“ und „zweiter Diktatur“ zu erklären und zu überwinden. Der relativ abstrakte Begriff der Normalisierung könne helfen, Struktur- und Erfahrungsanalysen in einen Zusammenhang zu bringen. Dabei geht sie von drei Aspekten des Begriffs aus: erstens im Sinne von Routinisierung und Stabilisierung, zweitens als wachsendes und verbreitetes Gefühl von „Normalität“, drittens im Sinne von akzeptierten gesellschaftlichen Normen. Die Ausführungen zu diesen drei Gesichtspunkten belegen, dass sich Normalisierung sowohl auf strukturelle Aspekte des politischen und gesellschaftlichen Systems wie auch auf subjektive Wahrnehmungen und kulturelle Diskurse bezieht. Logischerweise haben die in die DDR hineingeborenen Generationen diese als „normaler“ erlebt als die Gründer- und Aufbaugenerationen. Chronologisch bezeichnet Mary Fulbrook die frühen Jahre der DDR, etwa bis 1965, als „eine Mischung von Repression und etwas utopischen Zielen“ (S. 132), die folgenden 1960er und 1970er-Jahre charakterisiert sie als Zeiten der „Normalisierung“, diese verfiel dann Ende der 1970er, Anfang der 1980er-Jahre und wich spätestens Mitte des Jahrzehnts einer „krisenhaften Destabilisierung“ (S. 133).
Die Mehrzahl der anderen Beiträge liefert konkrete Forschungsergebnisse, auf die im Einzelnen einzugehen nicht möglich ist. Das breite Spektrum des Angebots sei aber zumindest summarisch nach den einzelnen Kapiteln benannt: In Abschnitt II „Herrschaft und Alltag“ sprechen Nessim Ghouas über „The basic guarantors to the effectiveness of the MfS' Departments M and 26“, Helmut Jenkis über die gescheiterte Privatisierung des „Schwermaschinenkombinats Ernst Thälmann“ (SKET) in Magdeburg, Jürgen Gruhle über Versorgungsschwierigkeiten in der DDR, Frank Betker über die „sozialistische“ Stadt: zentral geplant, lokal entworfen, plattengerecht gebaut, Anna Pelka über Jugendmode in der DDR, Matthias Rogg über die Produktionen des Armeefilmstudios der NVA, Mike Schmeitzner über Sepp Gutsche, einen deutschen Tschekisten der ersten Stunde, Tobias Wunschik über Häftlingsproteste in der UdSSR und DDR im Jahr 1953, Thomas Widera über Bausoldaten in der DDR, Klaus Körner über die Bonner Debatte zur Abwehr der Westpropaganda der SED 1949-1953, Kimmo Elo über die Folgen des 17. Juni 1953, Beate Ihme-Tuchel über die ostdeutschen Schriftsteller und den 17. Juni 1953, Cortina Gentner über „Wende“- und Wohngeschichte(n) in Guben, und Jeannette Madarász über die Betriebspolitik der 1960er-Jahre, wobei sie das Konzept „Normalisierung“ wieder aufnimmt.
Das III. Kapitel ist den Außenbeziehungen der DDR gewidmet. Es enthält zunächst einen Beitrag von Alexei Filitow zur politischen Großwetterlage zu Beginn der 1950er-Jahre. Es folgen dann drei Aufsätze, die das deutsch-französische Verhältnis in den Blick nehmen: Henri Froment-Meurice untersucht die Position Frankreichs im deutschen Einigungsprozess, Hans-Christian Herrmann Städtepartnerschaften zwischen französischen und DDR-Städten und drittens behandelt Ulrich Pfeil die Anerkennung der DDR durch Frankreich. Hinzu treten Beiträge zur amerikanischen Position in der Anerkennungsfrage unter der Regierung Nixon (Ruud van Dijk), zur Selbstdarstellung der DDR gegenüber Schweden nach 1972 (Nils Abraham). Das Verhältnis der beiden deutschen Staaten untereinander behandeln Detlef Nakath und Gerd-Rüdiger Stephan in ihrem gemeinsamen Beitrag fokussiert auf die Jahre 1973/74, und Peter E. Fässler untersucht die Außenwirtschaftsbeziehungen beider deutscher Staaten von 1949-1972. Karoline Klas verlässt schließlich die staatliche Ebene und widmet sich den deutsch-deutschen Partnerschaften der Landeskirchen in den 1950er und frühen 1960er-Jahren.
Der IV. Abschnitt des Bandes analysiert kulturelle Aspekte der DDR-Geschichte. Hier schreiben Silke Flegel und Frank Hoffmann über die kulturelle Profilierung im Museums- und Theaterwesen der DDR, Gregor Ohlerich über eine Typologie des sozialistischen Intellektuellen, Lothar Mertens über „geehrte“ DDR-Historiker, Peggy Klemke über die Rolle von Musikwissenschaftlern bei der Durchsetzung der Kulturpolitik in den 1950er-Jahren, Esther von Richthofen über kulturelle Massenarbeit im Bezirk Potsdam 1961-1979, Gabriele Czech und Oliver Müller über Instrumentalisierung und Verfall des Leitbegriffs „sozialistischer Realismus“, Heinrich Mohr über jüdische Autoren in der DDR, Gabriele Stötzer über die DDR als Untergrunderlebnis, Michael Lemke über die Kino-Konkurrenz im geteilten Berlin 1949-1961, Tomasz G. Pszczólkowski über Probleme des Kulturvergleichs zwischen DDR und Polen, Nathalie Neumann über eine Fotoreportage über die DDR des französischen Fotografen Willy Ronis von 1967, Volker Gransow über das Berliner Ensemble in Toronto 1986 und Franz Huberth über Reiseprivilegien in der DDR am Beispiel Franz Fühmanns.
Einem spezielleren Aspekt ist der V., abschließende Abschnitt des Buches gewidmet: „Wie souverän waren die beiden deutschen Staaten?“. Hier denkt Gerhard Wettig über eine DDR-Souveränität mit oder ohne Vorbehalt zu Zeiten Walter Ulbrichts nach, Hans Voß fragt nach den Spielräumen und Grenzen der DDR-Souveränität, Werner E. Ablaß analysiert die Souveränität der DDR während der Amtszeit der Regierung de Maiziére, und mit Gerhard Schürer gibt der ehemalige Vorsitzende der Plankommission ein Statement zur Souveränität der DDR ab. Der abschließende Beitrag von Werner Kilian kehrt die Perspektive um, indem er die Vorbehaltsrechte der Alliierten behandelt und nach der Souveränität der Bonner Republik fragt.
Insgesamt steht auch dieser Band in jener bewährten Reihe, die die Ergebnisse der DDR-Forschertagungen in Otzenhausen dokumentiert. Nachwuchswissenschaftler kommen gleichberechtigt neben gestandenen Wissenschaftlern zu Wort. Der Band zeigt nicht nur das breite Profil, sondern auch wesentliche inhaltliche Ergebnisse der Forschungen zur Geschichte der DDR und der Bundesrepublik. Und er geht zeitgemäß auch schon darüber hinaus, indem Prozesse und Probleme der Vereinigung und der inneren Einheit Deutschlands in den Blick genommen werden.
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Citation:
Gerd Dietrich. Review of Timmermann, Heiner, Das war die DDR: DDR-Forschung im Fadenkreuz von Herrschaft, Außenbeziehungen, Kultur und Souveränität.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
September, 2005.
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