Frank Konersmann. Die Tenges: 400 Jahre Unternehmer in Osnabrück und Westfalen. Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte, 2004. 248 S. ISBN 978-3-89534-561-6.
Reviewed by Ralf Stremmel
Published on H-Soz-u-Kult (March, 2005)
F. Konersmann: Die Tenges
Das Wirtschaftsbürgertum hat Konjunktur in der historischen Forschung. Im vergangenen Jahrzehnt sind mehrere profunde Studien erschienen, teils zu einzelnen herausragenden Unternehmern, teils zu Familien, teils auch kollektivbiografische Analysen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie sich zeitlich auf das 19. und 20. Jahrhundert konzentrieren. Frank Konersmann kann in seiner Untersuchung zur Familie Tenge dank der guten Quellenlage weiter ausgreifen und die frühe Neuzeit gebührend berücksichtigen. Das bietet zugleich die Chance, einige Kontroversen der Bürgertumsforschung, verbunden mit den Namen von Lothar Gall, Jürgen Kocka und Hans-Ulrich Wehler, neu zu diskutieren oder zu befruchten.
Ähnlich wie die Arbeit von Ulrich S. Soénius zur Familie Scheidt aus (Essen-)Kettwig, die Untersuchungen von Stefan Gorißen zum Handelshaus Harkort aus (Hagen-)Harkorten oder die Habilitationsschrift von Wilfried Reininghaus zu den Iserlohner Kaufleuten widmet sich Konersmann dem Typus einer eher durchschnittlichen Wirtschaftsbürgerdynastie mittleren Zuschnitts, die nicht über nationalen oder gar internationalen Rang verfügte, aber gerade deshalb sehr viel charakteristischer für die Mehrheit von Unternehmerfamilien sein dürfte.
Die Darstellung beginnt mit Johann Tenge I., der 1572 als Handwerker in Osnabrück zuwandert. Die Familie gehört bald zum angesehenen Stadtbürgertum. In der vierten Generation betreiben die Tenges erstmals auch Handel, und in der siebten Generation, an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, engagieren sie sich als (früh-)industrielle Fabrikanten. Während der Osnabrücker Familienzweig aber um 1860 durch geschäftliche Misserfolge auf den Status von Detailhändlern zurückfällt, erleben die zu Beginn des 19. Jahrhunderts nach Ostwestfalen abgewanderten Tenges einen weiteren, bemerkenswerten sozialen Aufstieg, dessen Basis mit der Grafschaft Rietberg ein ausgedehnter Grundbesitz ist. Karriere und Ansehen der Familie sind eng mit dem Namen von Friedrich Ludwig Tenge (1793-1865) verbunden: einer markanten Persönlichkeit, die ausgesprochen dynamisch agierte, und zwar nicht allein als Agrarkapitalist, sondern auch als Großhändler und frühindustrieller Unternehmer, der in mehreren Branchen wie dem Papier-, Eisen- und Glasgewerbe aktiv wurde. Zudem war er um die Kultivierung einer „eigenen Familientradition“ und „eines besitzständischen bzw. klassenspezifischen Selbstverständnisses“ bemüht (S. 55). Friedrich Ludwig Tenges Allroundunternehmertum setzte sich, mit anderen Schwerpunkten und teilweise unabhängig von familiären Wirtschaftstraditionen, bis heute fort: Carl Friedrich Tenge-Rietberg, geb. 1933, ist ein multidimensional und international agierender mittelständischer Unternehmer.
Der Autor profitierte von mehreren Faktoren. Erstens sprudeln die Quellen ungewöhnlich reichhaltig, und dies über einen Zeitraum von 400 Jahren. Zweitens sind diese historischen Unterlagen dank der Arbeit des Westfälischen Archivamtes und hier insbesondere von Horst Conrad gut erschlossen. Drittens konnte Konersmann auf intensive wissenschaftliche Vor- und Zuarbeiten bauen, vor allem der Genealogen Max Petiscus und Dieter Veldtrup. Viertens sind deren Arbeitsergebnisse ebenso wie die Quellen selbst der Forschung zugänglich, wofür insbesondere Carl Friedrich Tenge-Rietberg gesorgt hat, der als Unternehmer auch historisches Bewusstsein mitbringt. Tenge-Rietberg beauftragte Konersmann 1997 mit der Aufarbeitung der Familien- und Unternehmensgeschichte und förderte die Untersuchungen über Jahre hinweg. Eine Auftragsarbeit liegt also vor, aber keine der üblichen Fest- oder Jubelbroschüren, sondern ein wissenschaftlich fundierter, akribischer, mit einem Anmerkungs-, Literatur- und Tabellenapparat versehener und zugleich reich bebilderter Text.
Konersmann handelt nicht Familienmitglied für Familienmitglied ab, sondern wählt ein „typologisches Darstellungsverfahren“ (S. 12) und bildet, kombiniert mit der Generationenabfolge, acht Gruppen nach dem jeweiligen Schwerpunkt ihres wirtschaftlichen Handelns. So gibt es Kapitel über „zwei Generationen Kaufmannsunternehmer (1793-1896)“, „zwei Generationen Techniker-Unternehmer (1896-1966)“, „drei Generationen Herrschaftsbesitzer und Grundherren (1865-1940)“ usw. Dieses Gliederungsprinzip ist manchmal etwas verwirrend und scheint nicht immer ganz stringent. Denn im Hauptkapitel über die Kaufmannsunternehmer von 1793 bis 1896 wird auch die Geschichte der Glashütte Marschallshagen bis 1917, jene der Papierfabrik Dalbke bis 1937 und die der Holter Eisenhütte bis 1925 abgehandelt. Letztere greift der Autor dann im nächsten Hauptkapitel noch einmal auf, auch zeitlich weiter in die Vergangenheit ausholend. Gelegentliche Wiederholungen (z.B. S. 63/70 oder S. 114/137) bleiben nicht aus.
Insgesamt gelingt Konersmann – mikrohistorisch – eine detailreiche (manchmal allzu detailreiche und sich in der Faktenfülle verlierende) dichte Beschreibung, in der wiederholt neue Erkenntnisse zur Familiengeschichte gewonnen oder festgefügte Meinungen der bisherigen genealogischen Forschung widerlegt werden. Der erste in den Quellen fassbare Vertreter der Familie Tenge war beispielsweise als Zimmermann und nicht als Schmied tätig (S. 19). Makrohistorisch bietet das Buch aussagekräftige Einblicke in die (früh-)industrielle Branchengeschichte von Glas, Papier und Eisen. Darüber hinaus kratzt Konersmann mit seinen Ergebnissen an einigen Legenden der bisherigen Wirtschaftsbürgertumsforschung: Das angeblich geringe Bildungsstreben der Unternehmer findet sich in der Familie Tenge keineswegs (S. 185), und das hochspekulative Naturell eines Friedrich Ludwig Tenge steht dem bedächtig-„moralischen“ Typus etwa der Unternehmer im märkischen Sauerland diametral entgegen.
Der Autor will „das Sozial-, Kultur- und Wirtschaftsverhalten von Haushaltsvorständen der Familie Tenge, die einer Berufsgruppe angehörten, miteinander vergleichen und die Gründe für ihren Erfolg und Mißerfolg eingehender erörtern“ (S. 12). Dies gelingt, soweit die Quellen dazu ausreichen. Insbesondere entwirft der Verfasser ein plastisches Bild von Habitus und Selbstverständnis der handelnden Personen. Lediglich das genuin Politische, beispielsweise das Engagement der Tenges in der Kommunalpolitik oder ihr Verhältnis zum Nationalsozialismus, kommt vergleichsweise etwas zu kurz. Unterschiedliche ökonomische Erfolgsfaktoren werden jedoch klar benannt: Marktbedingungen, individuelle Charaktereigenschaften wie Sachverstand, Durchsetzungsvermögen und Innovationsgespür, aber auch kulturelle Strategien. Die Bedeutung von Familie und Verwandtschaft für den Aufbau von Vertrauensnetzen, Geschäftsbeziehungen und Unternehmensorganisation betont der Autor wiederholt. Ebenso unterstreicht er die Rolle der protestantischen Religion, wiewohl einer zunehmend säkularisierten Religion.
Für all diese Bereiche findet Konersmann, der seine wissenschaftliche „Sozialisation“ in Bielefeld erfuhr und an der dortigen Universität tätig ist, Aussagen der von Hans-Ulrich Wehler und Jürgen Kocka vorangetriebenen Bürgertumsforschung bestätigt. Aber spricht seine Studie letztlich nicht doch gegen eine der zentralen „Bielefelder“ Thesen, wonach es nämlich zwischen dem ‚alten’ Stadtbürgertum und der ‚neuen’ Industriebourgeoisie nur schwache Kontinuitätslinien gegeben habe? Gerade das Beispiel der Tenges belegt solche Verbindungen, wie sie die Bürgertumsforscher der „Frankfurter Schule“ um Lothar Gall ebenfalls annehmen.
Konersmanns Studie verweigert sich jedenfalls – und dies ist nur einer ihrer Vorzüge – eindimensionalen Theorien und vorschnellen Verallgemeinerungen. Damit trägt sie zum Fortschreiten der Bürgertumsforschung bei, nicht zuletzt zu ihrer zeitlichen Erweiterung zurück in das 17. und 18. Jahrhundert. Sie stellt eindrücklich die Mannigfaltigkeit der Erscheinungsformen von Wirtschaftsbürgertum heraus: Unter den Tenges finden sich Händler und Gutsbesitzer, Industrielle und Rentiers. Und es ist ein fortwährendes Wechselspiel von Aufstieg und Fall zu beobachten. Es gab den Buddenbrooks-Effekt, aber es gab auch das Gegenteil: ein Tradieren bürgerlicher Erwerbs- und Lebensformen über sieben und mehr Generationen hinweg. Dass sich bürgerliche Kultur in entscheidenden Punkten freilich auch veränderte und erweiterte, dass die Familie Tenge sich nach dem Zweiten Weltkrieg von Werthaltungen abwandte, die stark auf die Nation und das Militärische fixiert waren, und stattdessen westeuropäische kulturelle Traditionen aufgriff – das vermag eine Studie auf der Ebene der longue durée, wie sie Frank Konersmann vorgelegt hat, eindrucksvoll zu zeigen.
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Ralf Stremmel. Review of Konersmann, Frank, Die Tenges: 400 Jahre Unternehmer in Osnabrück und Westfalen.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
March, 2005.
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