Petra Holz. Zwischen Tradition und Emanzipation: Politikerinnen in der CDU in der Zeit von 1945 bis 1957. Königstein: Ulrike Helmer Verlag, 2004. 366 S. (broschiert), ISBN 978-3-89741-159-3.
Reviewed by Dagmar Bussiek
Published on H-Soz-u-Kult (January, 2005)
P. Holz: Zwischen Tradition und Emanzipation
“Männer und Frauen sind gleichberechtigt.” Es ist hinlänglich bekannt, dass es die Sozialdemokroatin Elisabeth Selbert war, die sich in den Verhandlungen über das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland im Parlamentarischen Rat mit dieser Formulierung nach langem Ringen durchsetzen konnte. Weniger bekannt ist heute in der Öffentlichkeit Selberts christdemokratische „Gegenspielerin“ Helene Weber. Sie hatte den Art. 3 Abs. II GG in dieser Form lange bekämpft und gab ihm zuletzt nur ihre Stimme, um nicht über der „Frauenfrage“ das Verfassungswerk zum Scheitern zu bringen. Weber, die in die Annalen der CDU als „Mutter der Fraktion“ einging, nahm als eine von nur vier Frauen im Parlamentarischen Rat, als Bundestagsabgeordnete von 1949 bis 1962, Mitbegründerin und langjährige Vorsitzende der Frauenorganisation der Union und enge politische Vertraute des ersten Bundeskanzlers und Parteivorsitzenden Konrad Adenauer, engagiert und gezielt Einfluss auf den zeitgenössischen Diskurs um die politische und gesellschaftliche Stellung der Frau in der Bundesrepublik. Dabei verfolgte die ehemalige Zentrumspolitikerin, die als Ministerialrätin im Preußischen Wohlfahrtsministerium ab 1920 eine der ersten Frauen in einem hohen Verwaltungsamt in Deutschland gewesen war, ein Rollenkonzept, das der Legimitation tradierter Geschlechterverhältnisse Vorschub leistete und damit in auffälligem Widerspruch zu ihrer eigenen Biografie und ihrem politischen und beruflichen Wirken stand. Diese Diskrepanz zwischen persönlicher Emanzipation und dem theoretischen Festhalten an einem überkommenen christlich-konservativen Frauenbild, das den Platz der Frau in erster Linie in Haus und Familie sah, war typisch für die erste Politikerinnengeneration der CDU, auf die die Marburger Historikerin Petra Holz mit ihrer Dissertation das Augenmerk lenkt. Holz liest die Geschichte der CDU-Frauen zwischen 1945 und 1957 „als Teil der Geschichte der Modernisierung und Demokratisierung der Bundesrepublik“ (S. 286). Zugleich macht sie aber auch deutlich, wie mühsam dieser Prozess war – und „dass sich die Frauen häufig selbst im Wege [standen]“ (S. 285).
Der Forschungsansatz der Autorin zielt auf die Verknüpfung von politik- und geschlechtergeschichtlichen Fragestellungen. Sie untersucht den Beitrag der CDU-Politikerinnen zur Auseinandersetzung über die Stellung der Frau in Staat und Gesellschaft in einer Epoche, zu deren Charakteristika gerade die mangelnde Präsenz von Frauen im öffentlichen Raum gehörte. Dabei geht sie insbesondere auf die Kontroverse über die „richtige“ Interpretation der Gleichberechtigungsforderung des Grundgesetzes im Zuge der Modifizierung des Familienrechts zwischen 1949 und 1957 ein. Damit widmet sie sich auch der Frage, von welchem Gleichheitsverständnis sich die Unionsfrauen leiten ließen. Vor dem Hintergrund der bis heute nicht abgeschlossenen Debatte um Differenz und Gleichheit diskutiert Holz zunächst im Rahmen theoretisch-konzeptioneller Vorüberlegungen den Gleichheitsbegriff seit Aristoteles, um dann auf dieser Basis das Rollenverständnis der christdemokratischen Frauen, seine Funktion für die parteipolitische Arbeit, für weibliche Handlungsspielräume und -optionen zu analysieren.
Am Beginn der Arbeit steht ein Rückblick auf die Geschichte der bürgerlichen Frauenbewegung im Kaiserreich, der Weimarer Republik, dem Dritten Reich und der Nachkriegszeit, wobei die konfessionellen Frauenverbände besondere Aufmerksamkeit genießen, da sie für die den größten Teil der nach 1945 aktiven CDU-Frauen politische Sozialisationsinstanz gewesen waren. Holz rekapituliert die wichtigsten Forschungsergebnisse zum Thema, so das weitgehende Versagen gerade der protestantischen Frauenverbände am Ende der Weimarer Republik und während der NS-Zeit und den kurzen frauenpolitischen Aufschwung der ersten Nachkriegszeit, und erläutert, wie der sich verschärfende Ost-West-Gegensatz, die Professionalisierung und Institutionalisierung der politischen Arbeit und die Stabilisierung der Familienverhältnisse rasch wieder zu einem Nachlassen des politischen Engagements von Frauen führten. So wird erklärbar, dass aus der Sicht der zeitgeschichtlichen Forschung „die Gründung der Bundesrepublik ohne die Frauen stattgefunden zu haben [scheint]“ (S. 17). Die fundierte und gut lesbare Arbeit von Petra Holz schließt diese Lücke insofern, als sie den Anteil der parteipolitisch organisierten Frauen des christlich-konservativen Spektrums an der Grundlegung der Bundesrepublik sichtbar macht.
Detailliert zeichnet die Autorin die Gründungsgeschichte der Frauenorganisation der Union nach, die 1946 ihren Anfang nahm und mit der Etablierung der Frauenvereinigung der CDU als übergreifender Parteiorganisation 1956 weitgehend abgeschlossen war. Nachdem somit der strukturelle Rahmen abgesteckt ist, richtet Holz den Blick auf die Gleichberechtigungsdiskussionen im Parlamentarischen Rat sowie auf die Kontroverse über die grundgesetzkonforme Umgestaltung des Familienrechts während der beiden ersten Legislaturperioden. Insbesondere die §§ 1354 und 1628 BGB, die das Letztentscheidungsrecht des Ehemannes und Vaters fixierten, waren Gegenstand heftiger Auseinandersetzung unter den Unionsfrauen, wobei Helene Weber an der bestehenden Rechtsnorm festhalten wollte, während sich die spätere Gesundheitsministerin Elisabeth Schwarzhaupt mit liberaleren Positionen profilierte. Schwarzhaupt konnte sich partiell durchsetzen: Im Ersten Gleichberechtigungsgesetz von 1957 wurde der Stichentscheid des Ehemannes gestrichen; der Letztentscheid des Vaters blieb allerdings bis zu einem anders lautenden Urteil des Bundesverfassungsgerichts zwei Jahre später erhalten. Die Analyse der internen Debatten der CDU-Politikerinnen zeigt, dass das Meinungsspektrum heterogener war, als die offiziellen Verlautbarungen vermuten ließen. Ein letztes Kapitel beschäftigt sich mit dem Selbstverständnis der Christdemokratinnen, ihren politischen Strategien, ihrem Umgang mit Macht und männlicher Zurückweisung von weiblichen Machtansprüchen, aber auch mit Konkurrenzkämpfen unter den Frauen. Deutlich wird die gewichtige Rolle religiöser Momente, wenn die Unionsfrauen beispielsweise immer wieder das biblische Schweige- und Gehorsamsgebot der Frau thematisierten; deutlich wird auch, dass gerade Weber teilweise als „Sprachrohr des katholischen Klerus“ (S. 171) agierte. Die Frage, aus welchen Gründen die weiblichen Wähler der CDU in der Ära Adenauer in so bemerkenswertem Maße die Treue hielten, wird leider nur am Rande gestreift.
Ein besonderes Verdienst der Arbeit ist die Erstellung eines biografischen Samples, das alle 158 weiblichen CDU-Mitglieder, die in dem untersuchten Zeitraum wichtige Staats- und/oder Parteiämter bekleideten, nennt und – soweit rekonstruierbar – mit den grundlegenden biografischen Angaben erfasst. Ergänzt wird dieser tabellarische Überblick durch umfangreichere Ausführungen zu Helene Weber und Elisabeth Schwarzhaupt, deren Biografien exemplarisch die unterschiedlichen Strömungen deutlich machen, welche die Unionsfrauen der Gründergeneration prägten: Weber, Jahrgang 1881, hatte ihre politische Sozialisation im Kaiserreich erfahren und arbeitete in dem klassischen Frauenberuf der Lehrerin, bevor sie im katholischen Fürsorgewesen tätig wurde; die aus dem protestantischen Milieu stammende Juristin Schwarzhaupt war zwanzig Jahre jünger und hatte ihre politische Prägephase in den unruhigen Jahren der Weimarer Republik erlebt. Der Blick auf die Generationenfrage macht allerdings auch einen Schwachpunkt der Arbeit deutlich, der seine Ursache freilich nicht originär in der Analyse von Holz, sondern in dem ihr zur Verfügung stehenden theoretischen Instrumentarium hat: Die gängigen Modelle von Fogt und Peukert Fogt, Helmut, Politische Generationen. Empirische Bedeutung und theoretisches Modell (Beiträge zur sozialwissenschaftlichen Forschung 32), Opladen 1982; Peukert, Detlef J.K., Die Weimarer Republik. Krisenjahre der klassischen Moderne, Frankfurt am Main 1987. bezüglich politischer Generationen sind für Frauen nur sehr eingeschränkt anwendbar, da ihre Kriegserfahrungen gänzlich andere waren als die ihrer männlichen Altersgenossen.
Das Ergebnis von Holz` Untersuchung ist unter feministischen Gesichtspunkten zwiespältig. Ausgehend von dem gedanklichen Postulat eines spezifisch „weiblichen Wesens“ und damit verbundener spezieller „weiblicher Aufgaben“ blockierten sich die Parteifrauen der Adenauer-CDU weitgehend selbst. Sie waren befangen im Umgang mit Macht, zurückhaltend in der Formulierung eigener Karrierewünsche und beschränkten sich inhaltlich durch eine teilweise verkrampfte Konzentration auf „weibliche“ Themen wie Familien- und Bildungspolitik; das Resultat war ihre Nicht-Beachtung bei der Vergabe von Staats- und Parteiämtern. Das von den Vertreterinnen des Konzepts der „geistigen Mütterlichkeit“ beschworene Frauenbild, das in einem empathischen Verhältnis zum Mitmenschen wurzelte und das politische Engagement der Frau mit ihrer Differenz zum Mann oder gar mit ihrer „unpolitischen Natur“ zu begründen versuchte, bot langfristig keine ausreichende Legitimation politischer Arbeit und scheiterte nur allzu oft an den Erfordernissen des politischen Alltags. Das Konstrukt von dem stets ausgleichenden und vermittelnden Geschlechtscharakter der Frau stieß nicht nur in den Auseinandersetzungen mit den männlichen Parteikollegen, sondern auch in den internen Konflikten in der Frauenorganisation rasch an seine Grenzen. Dass auch dieses restriktive Konzept von Weiblichkeit den „´Stachel der Veränderung`“ (S. 286) in sich trug, macht Petra Holz in eindrucksvoller Weise deutlich.
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Dagmar Bussiek. Review of Holz, Petra, Zwischen Tradition und Emanzipation: Politikerinnen in der CDU in der Zeit von 1945 bis 1957.
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