Heinz Hoffmann. Als privater Unternehmer in der DDR - eine Dresdner Firmengeschichte. Beucha: Sax-Verlag, 2003. 192 S. EUR 24.00 (cloth), ISBN 978-3-934544-50-5.
Reviewed by Barbara Hillen
Published on H-Soz-u-Kult (December, 2004)
H. Hoffmann: Als privater Unternehmer in der DDR
Es gibt viele Zeitzeugen, die willens sind, ihre persönlichen Erlebnisse zu dokumentieren, die sie im Verlauf der jüngsten deutschen Geschichte gemacht haben. Diese sind ohne Frage auch für die Öffentlichkeit spannend, sofern sie über den rein persönlichen Aspekt hinausgehen und kritisch in das Zeitgeschehen eingebunden sind. Da dies nur wenigen Autobiografen gelingt, ist es richtig, dass bei der ohnehin schon großen Flut an Büchern nicht alles, was erinnerungswürdig ist, publiziert wird.
Umso dankbarer ist der Leser, wenn er eine Autobiografie findet, die die persönlichen und beruflichen Geschicke vor dem Hintergrund der DDR-Geschichte verknüpft. Das vorliegende Buch gibt faszinierende Einblicke in die Entwicklung eines Unternehmens in der DDR aus der Sicht seines Firmenchefs und ist damit ein wertvoller Beitrag zur sächsischen Wirtschaftsgeschichte. Auch wenn Heinz Hoffmann zunächst befürchtete, als „Feind des Historikers“ zu gelten und bestreitet, „weder eine Autobiografie noch eine reine Firmengeschichte“ (S. 9) schreiben zu wollen – er tut es dennoch. Beide Genres erheben schließlich keinen Anspruch auf „reine“ Wissenschaftlichkeit und Vollständigkeit, sondern sind so individuell wie das Leben selbst.
Hoffmann wurde 1922 geboren und wuchs in einer Dresdner Kaufmannsfamilie auf. Sein Vater hatte 1896 die Firma Bruno A. Hoffmann gegründet. Unter dem Namen Hoffmann & Sohn KG, war die Firma seit 1940 im Lager- und Speditionsgeschäft tätig und handelte mit Lebensmitteln. Da der Fokus auf der Nachkriegesgeschichte liegt, sind die ersten Jahrzehnte der Firmengeschichte absichtlich knapp gehalten, was aber auch der Quellenlage geschuldet ist: Im Februar 1945 erlitt die Firma Hoffmann den totalen Verlust ihrer Lagerspeicher mit allen Warenbeständen, im Mai wurden sämtliche Büroräume und Geschäftsunterlagen von der russischen Besatzung beschlagnahmt. Der Neubeginn nach dem Kriegsende war also geprägt von täglicher politischer und wirtschaftlicher Unsicherheit, die die Existenz der Firma in Frage stellte. Da Heinz Hoffmann erst 1949 aus mehrjähriger Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, lag die Firmenleitung in den Händen der geschäftstüchtigen und eloquenten Seniorchefin.
Die folgenden Kapitel des Buches sind dem Aufbau und der Entwicklung der neuen Firma gewidmet. Die Firma Hoffmann hatte sich zunächst auf Trockenfrüchte und Backwaren spezialisiert und erweiterte ihr Angebot bis zur Wende von 1989/90 um zahlreiche Malz- und Haferprodukte. Insbesondere lieferte sie Malzmehl, das die Grundlage für viele Backtriebmittel bildet.
Hoffmann bettet das Firmengeschehen in den Zusammenhang der gesetzlichen Verordnungen der sowjetischen Besatzungszone bzw. der DDR ein, die ausschlaggebend für Veränderung in der Firmenpolitik wurden. Überzeugend und anschaulich beschreibt er anhand der Steuergesetzgebung der ersten Nachkriegsjahre, wie Freibeträge systematisch gekürzt und somit eine notwendige Kapitalbildung verhindert wurde. In den späteren 1950er-Jahren gab es in dieser Hinsicht erste Erleichterungen. 1957 erhielt Hoffmann die Erlaubnis, großhandelstätig zu werden, allerdings nur im innerdeutschen Handel und nicht auf dem Gebiet der DDR, da hierfür „kein volkswirtschaftliches Bedürfnis“ (S. 58) bestehe. Also knüpfte Hoffmann Handelsbeziehungen in die Bundesrepublik, wohin er zu diesem Zweck oft reisen und Waren „exportieren“ durfte. Die westdeutschen Geschäftspartner waren die Garanten für seine private unternehmerische Tätigkeit als Zulieferer.
Dabei setzte Hoffmann auf Qualität, was sich langfristig bezahlt machte. Die stets hohen Ansprüche der Firma bei der Qualitätssicherung war nämlich mit ein Grund, warum der Privatbetrieb sowohl bei den örtlichen Stellen als auch beim staatlichen Außenhandelsunternehmen in Berlin in eine Position gelangte, die es ihm ermöglichte, die realsozialistische Zeit zu überstehen. Hoffmanns Ware hob nicht nur das angekratzte Image der DDR-Produkte im Westen. Sie bewirkte für ihn auch einen relativ freien Spielraum beim Treffen mit westdeutschen Geschäftspartnern, z.B. im Rahmen der Leipziger Messe.
Daneben beschreibt Hoffmann anschaulich den Alltag eines Handelsreisenden, der von zahlreichen Sofortberichten an das staatliche Außenhandelsunternehmen begleitet war. Geschäftsreisen waren eingebettet in ein System aus Bespitzelung und Misstrauen, das dazu führte, dass DDR-Bürger, die aus dienstlichen Gründen die Grenze passieren durften, durch das Berichts- und Meldewesen an eine unsichtbare „Kette“ gelegt wurden. Es wundert nicht, dass Hoffmann mehrmals aufgefordert wurde, sich als „inoffizieller Mitarbeiter“ (IM) in den Dienst der Staatssicherheit zu stellen, was er immer ablehnte.
Auch planbürokratische Vorgänge finden in den beruflichen Memoiren Hoffmanns Erwähnung sowie der Hinweis auf wirtschaftspolitische Änderungen, wie z.B. das „Neue Ökonomische System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft“ ab 1963, das allerdings im Ansatz stecken blieb. Voraussetzung für echte Wirtschaftsreformen wäre ein Abbau der übergewichtigen Planbürokratie gewesen, was nur halbherzig verfolgt wurde. Nach dem Machtwechsel und Honeckers Amtsantritt 1971 wurden sogar Ressentiments gegen die Privatwirtschaft, ähnlich denen in den frühen 1950er-Jahren, wieder stärker. Firmen wie die vorliegende waren beispielsweise dadurch benachteiligt, dass die in den Tarifverträgen vereinbarten Löhne niedriger waren als in staatlichen Betrieben. Ein Anreiz dennoch qualifiziertes und motiviertes Personal zu finden, bot daher nur das relativ unpolitische und deshalb attraktivere Umfeld der Firmenleitung.
Nach der Wende 1989/1990 war der Fortbestand des Unternehmens besonders gefährdet. Nicht nur die schwer zu beurteilende politische Lage, sondern auch die familiäre Situation und die Tatsache, dass er keinen Nachfolger hatte, ließen Hoffmann mit dem Gedanken spielen, das Unternehmen aufzugeben. An Mut, neues marktwirtschaftliches Terrain zu betreten, fehlte es wohl nicht; doch war jetzt noch offensichtlicher als schon einige Jahre zuvor, dass die Firma in Bezug auf ihre Produktionsstätten nicht konkurrenzfähig mit westdeutschen Produzenten war. So gab Hoffmann die Firma auf und beriet in der Folgezeit u.a. viele ehemalige Kunden, die in den „Neuen Bundesländern“ geschäftlich Fuß fassen wollten. Außerdem wurde er 1991 zum ehrenamtlichen Handelsrichter beim Kreisgericht in Dresden berufen.
Ebenso wie Hoffmann sein Berufsleben empfindet - „interessant, erfolgreich und deshalb befriedigend“ (S. 179) – hinterlässt das Buch beim Leser einen positiven Eindruck. Es ist überdies eine Fundgrube für wirtschaftliche Verordnungen und Gesetze, deren Einfluss und Umsetzung man anhand dieser Mikrostudie gut nachvollziehen kann. Hilfreich wären für den Leser allerdings genauere Beschriftungen der Tabellen und Grafiken gewesen, denn verschiedene Inhalte und ihre zeitliche Einordnung werden nur teilweise aus dem Text heraus verständlich (S. 66, 143). Doch dieser kleine Schönheitsfehler tut dem sehr ansprechend aufgemachten Buch keinen Abbruch. Viele Abbildungen – von Gewerbescheinen, amtlichen Bekanntmachungen bis hin zu Auszügen aus Hoffmanns Stasi-Akte – machen das Buch sehr anschaulich.
Insgesamt tat das sächsische Wirtschaftsarchiv in Leipzig gut daran, Hoffmanns keineswegs schön gefärbte Memoiren in seine Reihe „Erinnerungen“ aufzunehmen. Es ist die besondere Entwicklung eines privaten Großhandelsunternehmens im sozialistischen Staat, die scheinbare Unvereinbarkeit der Attribute „privat“ und sozialistischer „Groß“-Handel in der DDR, die hier zu einer gut dokumentierten ergiebigen Quelle werden. Dabei werden nicht nur die Möglichkeiten, sondern auch die Grenzen des planwirtschaftlichen Systems deutlich. Das Buch hinterlässt beim Leser Respekt sowohl vor der hohen fachlichen Qualifikation Hoffmanns, als mehr noch vor dem Engagement, mit dem privatwirtschaftliches unternehmerisches Wirken in der DDR durchaus möglich war, sofern man eine entsprechende Nische besetzen konnte.
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Citation:
Barbara Hillen. Review of Hoffmann, Heinz, Als privater Unternehmer in der DDR - eine Dresdner Firmengeschichte.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
December, 2004.
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