Dorothea Schmidt. Zeitgeschichte im Mikrokosmos: Ein Gebäude in Berlin-Schöneberg. Berlin: edition sigma, 2004. 239 S. ISBN 978-3-89404-793-1.
Reviewed by Stefan Poser
Published on H-Soz-u-Kult (May, 2005)
D. Schmidt: Zeitgeschichte im Mikrokosmos
Das Hauptgebäude der Berliner Fachhochschule für Wirtschaft wurde 1939 als Verwaltungsbau fertig gestellt. Seine wechselvolle Geschichte macht die Autorin zum Ausgangspunkt einer facettenreichen Mikrostudie. Sie ist dem stadträumlichen Umfeld des Gebäudes und den Institutionen gewidmet, die in diesem Haus untergebracht waren bzw. sind:
1. der Wirtschaftsgruppe Einzelhandel, die als gleichgeschalteter nationalsozialistischer Wirtschaftsverband den mittelständischen Einzelhandel und die großen Warenhäuser vereinigte (1939-1945),
2. der Abteilung Kriegsgefangenenwesen des Oberkommandos der Wehrmacht, die für die Behandlung und (Nicht-)Versorgung der ca. sieben Millionen deutschen Kriegsgefangenen verantwortlich war (1940-1944),
3. der Deutschen Hochschule für Politik, die an der Etablierung der neuen Disziplin Politologie in Deutschland maßgeblich beteiligt war und 1959 der Freien Universität Berlin als Otto-Suhr-Institut angegliedert wurde (1952-1959),
4. dem Berlin-Kolleg, das auf dem zweiten Bildungsweg zum Abitur führt, sowie dem Hochschulinstitut für Wirtschaftskunde, der Höheren Wirtschaftsfachschule und der Wirtschaftsakademie, den drei Vorläuferinstitutionen der Fachhochschule für Wirtschaft (FHW) (1952/1960-1971) und schließlich
5. der Fachhochschule für Wirtschaft selbst, deren Studiengänge sich schon in der Anfangszeit der FHW durch einen interdisziplinären Ansatz auszeichneten (seit 1971).
Dorothea Schmidt analysiert die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche bzw. Veränderungen seit den 1930er-Jahren im Spiegel der genannten Institutionen, exemplarischer Biografien von Angehörigen bzw. Mitarbeitern und der städtebaulichen Entwicklung Berlins – am Beispiel des Bayerischen Viertels von Berlin Schöneberg, in dem das Gebäude liegt. Diese drei Vergleichsebenen lassen den Band trotz der verschiedenartigen Aufgaben und Ziele der beschriebenen Institutionen zu einem homogenen Ganzen werden.
Während die Wirtschaftsgruppe Einzelhandel weniger in rassistische und antisemitische Vorgänge einbezogen wurde, als dies ihr Leiter anstrebte, war die Abteilung Kriegsgefangenenwesen dafür verantwortlich, die menschenverachtende und völkerrechtswidrige Behandlung von gefangenen Soldaten der Roten Armee im Detail zu regeln. Die (dabei bewusst in Kauf genommene) Todesrate lag bei fast 60 Prozent. So beleuchtet der Band ein besonders gravierendes Kapitel der Beteiligung der Wehrmacht an nationalsozialistisch motiviertem Unrecht. 1952 zog die von Otto Suhr geleitete Hochschule für Politik in das teils zerstörte und wieder aufgebaute Gebäude. Ihr Ziel war es, gleichsam als Aushängeschild Berliner und westdeutscher Politik, die Demokratisierung zu fördern. Am Beispiel dieser Hochschule untersucht die Autorin die Genese des westdeutschen Selbstverständnisses, die in Abgrenzung zum ‚Osten‘ erfolgte und zunächst mit einem weitgehenden Ausklammern der NS Vergangenheit verbunden war: Die Analyse des Verhaltens während des Nationalsozialismus und des späteren Umgangs damit bilden einen Schwerpunkt der ersten beiden Teile des Buches.
Das Hauptaugenmerk in den folgenden Teilen liegt auf der Studentenbewegung und der daraus resultierenden Liberalisierung/Demokratisierung im Hochschulbereich. Die Anfänge der wirtschaftswissenschaftlichen Ausbildung im Gebäude der heutigen FHW gehen auf die 1950er-Jahre zurück. Das damals gegründete so genannte Hochschulinstitut für Wirtschaftskunde bot eine stark verschulte betriebswirtschaftliche Ausbildung an, während die in den 1960er-Jahren hinzugekommene Höhere Wirtschaftsfachschule mehr Wert auf Allgemeinbildung legte. Beide Institutionen wurden zur Wirtschaftsakademie zusammengefasst, die 1971 im Zuge der bundesweiten Einführung von Fachhochschulen zur Fachhochschule für Wirtschaft umgewandelt wurde. Studentenproteste an den Vorgängerinstitutionen der FHW richteten sich in erster Linie gegen den verschulten Unterricht. Gemeinsam mit den Studierenden wurden neue Konzepte erarbeitet, deren Kernpunkte studentische Mitbestimmung, Interdisziplinarität und aktives Studieren durch Referate und Diskussionen waren. Von den damaligen Forderungen wurde – wie Dorothea Schmidt zeigt – tatsächlich vieles bei der Gründung der Fachhochschule für Wirtschaft umgesetzt. Als Studienort war die Hochschule in den 1970er und 1980er-Jahren beliebt, als linksorientierte Institution in der Hochschulpolitik umstritten und massiven staatlichen Reglementierungsversuchen ausgesetzt. Die Autorin – seit den 1990er-Jahren selbst Hochschullehrerin an der FHW – arbeitet heraus, zu welch hohem Grad die damalige Berliner Hochschulpolitik vor dem Hintergrund des Ost-West-Konflikts polarisiert war und beleuchtet abschließend die heutige Entwicklung von Hochschule und Hochschulpolitik. Mit „Zeitgeschichte im Mikrokosmos“ legt sie ein sorgfältig recherchiertes, gut geschriebenes und ausgesprochen lesenswertes Werk vor.
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Citation:
Stefan Poser. Review of Schmidt, Dorothea, Zeitgeschichte im Mikrokosmos: Ein Gebäude in Berlin-Schöneberg.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
May, 2005.
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