Bo Lidegaard. Defiant Diplomacy: Henrik Kauffmann, Denmark, and the United States in World War II and the Cold War, 1939-1958. New York: Peter Lang, 2003. 378 S. $78.95 (cloth), ISBN 978-0-8204-6819-8.
Reviewed by Norbert Götz
Published on H-Soz-u-Kult (March, 2005)
B. Lidegaard: Defiant Diplomacy
Politische Beobachter und Beobachterinnen mögen sich, mit Blick auf das bemerkenswerte dänische Engagement in Präsident Bushs "Koalition der Willigen" fragen, ob Dänemarks Außenministerium gut beraten ist, den Leiter der Abteilung für den Nahen Osten und Lateinamerika, Bo Lidegaard, regelmäßig für seine historische Publikationstätigkeit zu beurlauben. Für die Geschichtswissenschaft sind die Erträge dieser Forschungsperioden aber ein klarer Gewinn, denn der 1958 geborene Lidegaard zählt mit drei großen Biographien zur dänischen Politik und Außenpolitik des 20. Jahrhunderts sowie dem den Zeitraum 1914 bis 1945 behandelnden Band 4 der Dansk Udenrigspolitiks Historie zu den produktivsten dänischen Historikern der jüngeren Generation.
Das erste dieser Werke war die 1996 an der Universität Kopenhagen verteidigte Dissertation "I Kongens navn: Henrik Kauffmann i dansk diplomati 1919-58". Das in der Originalfassung 812 Seiten umfassende Buch liegt nun, dank eines Preises der dänischen Königin Margrethe II., in einer stark gekürzten englischen Fassung vor, die Lidegaards Schaffen einem internationalen Publikum zugänglich macht. Der Umstand, daß der Haupttitel des Werkes dabei von "Im Namen des Königs" zu "Defiant Diplomacy" mutierte, führt direkt ins Zentrum der schillernden Rolle Kauffmanns in der dänischen Geschichte.
Henrik Kauffmann (1888-1963), der als Industriellensohn deutsch-dänischer Abstammung seine Kindheit im deutschen Kaiserreich verbrachte und seit 1926 mit einer Amerikanerin verheiratet war, war von 1939 bis 1958 dänischer Gesandter/Botschafter in Washington. Allerdings wurde er im Frühjahr 1941, nachdem er eigenmächtig im Namen des dänischen Königs Christian X. ein Abkommen geschlossen hatte, das den Vereinigten Staaten für einen nicht festgelegten Zeitraum Militärbasen in der damaligen dänischen Kolonie Grönland zugestand, von der unter deutschem Einfluss stehenden Kopenhagener Regierung entlassen und in Abwesenheit des Hochverrats angeklagt. Da die Vereinigten Staaten Kauffmann dennoch weiterhin als authentischen Repräsentanten des dänischen Staatswillens zu betrachten gewillt waren, fungierte dieser fortan in gewisser Weise als dänische Einmann-Ersatz-Exilregierung. Als ein derartiges Substitut wurde Kauffmann von Präsident Franklin D. Roosevelt zugestanden, zur Declaration of United Nations vom 1. Januar 1942 eine eigene Erklärung abzugeben, nach der die dänische Nation die alliierte Erklärung einhalten würde "as if the Declaration had been signed by a free Danish Government". Inhaltlich bedeutete dies nichts anderes als die Aufgabe der traditionellen dänischen Neutralitätspolitik, der sich die Kopenhagener Regierung weiterhin nominell verpflichtet wusste. Durch den Rücktritt der unter deutscher Besatzung – abgesehen vom Verbot der Kommunisten – frei gewählten dänischen Regierung im August 1943 wurde die Position des eigenwilligen Gesandten moralisch erheblich gestärkt; allerdings nahm auch die Konkurrenz mit dem Londoner Exilkreis um den konservativen Politiker John Christmas Møller zu.
Kauffmann wurde in Dänemark nach der Befreiung als Volksheld gefeiert und offiziell rehabilitiert; seine Hoffnung auf den Außenministerposten erfüllte sich jedoch nicht. In der paritätisch aus demokratischen Kollaborationspolitikern und Vertretern der Widerstandsbewegung zusammengesetzten 'Befreiungsregierung' wurde dem Rivalen Møller der Vorzug gegeben; Kauffmann wurde Minister ohne Geschäftsbereich, zuständig für die Vertretung Dänemarks auf der UN-Gründungskonferenz in San Francisco, und blieb zugleich Gesandter in Washington. Diesen Posten vermochte er sich bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1958 zu erhalten, auch wenn er innerhalb des Auswärtigen Dienstes und in der Verwaltung Dänemarks, nicht zuletzt da er sich im Grunde weiterhin als den Spielregeln nicht unterworfene Ausnahmepersönlichkeit verstand, das Odium des Verräters nie ganz los wurde. In den ersten Nachkriegsjahren wirkte er, gestützt von der allgemeinen Entwicklung des Kalten Krieges, trotz zunächst überwiegend widerstrebender Auffassungen seiner Dienstherren nachhaltig für die Etablierung Dänemarks als Verbündeter der USA und für die Mitgliedschaft im westlichen Verteidigungsbündnis.
Lidegaards Buch über Henrik Kauffmann ist ein gutes Beispiel für die Fruchtbarkeit des biographischen Ansatzes in der Geschichtswissenschaft: am konkreten Einzelschicksal werden allgemeine Probleme wie das Verhältnis von Akteur und Struktur, Kleinstaat und Großmacht oder moralische Fragen in einer epochenübergreifenden Perspektive greifbar. Wenn Lidegaard Kauffmann auch als Vertreter kosmopolitischer Prinzipien, den er seinen primär isolationistisch denkenden Landsleuten gegenüberstellt, möglicherweise übertheoretisiert und darüber die konkreten handlungsleitenden Umstände für beide Seiten zu sehr in den Hintergrund rücken, so wirft die unbestrittene Spannung zwischen Individuum und Kollektiv doch spannende Fragen auf. Nicht zuletzt kann der Disziplin der Internationalen Beziehungen mit der vorliegenden Studie ein besonders prägnantes Beispiel dafür vorgehalten werden, dass die Konzeption von Staaten als Akteuren in den internationalen Beziehungen eine Abstraktion ist, die sich bei genauerer Untersuchung im Geflecht einer Vielzahl von kooperierenden und rivalisierenden Einheiten auflöst, deren formale Autoritätsbeziehungen untereinander keineswegs so aufschlussreich sind, wie dies häufig vorausgesetzt wird. Die Geschichtswissenschaft und die sich herausbildende Teildisziplin der Internationalen Geschichte können mit der Problematisierung der eigentlichen Akteure, die den fragilen Aggregatzustand Staat erst herbeiführen, wichtige subversive Arbeit leisten – nicht nur zur Verankerung empirischer Erkenntnisse in den Sozialwissenschaften, sondern durchaus auch zur Weiterentwicklung theoretischer Fragestellungen.
Wer der dänischen Sprache mächtig ist, der wird in "Defiant Diplomacy" nur unzureichenden Ersatz für das mehr als doppelt so umfangreiche "I Kongens navn" finden; dies betrifft den Detailreichtum der einzelnen Kapitel im allgemeinen, und die Literatur- und Archivnachweise im besonderen. Doch kann dies kein Einwand gegen die Produktion von zugänglichen fremdsprachigen Fassungen wichtiger historischer Arbeiten sein, und was von Lidegaards Werk in der amerikanischen Ausgabe bleibt, ist der beeindruckenden Forschungsleistung genug. Eine umfangreiche Fotodokumentation und ein Register erhöhen den Gebrauchswert des Buchs. Dass "Defiant Diplomacy" im selben Jahr erschien, in dem Dänemark mit den letzten Überbleibseln seiner latenten Neutralitätspolitik brach und Seite an Seite mit den USA in den Irakkrieg zog, signalisiert allerdings, dass das Programm Kauffmanns inzwischen als übererfüllt anzusehen ist.
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Citation:
Norbert Götz. Review of Lidegaard, Bo, Defiant Diplomacy: Henrik Kauffmann, Denmark, and the United States in World War II and the Cold War, 1939-1958.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
March, 2005.
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