Michael Hecht. Nahrungsmangel und Protest: Teuerungsunruhen in Frankreich und Preußen in den Jahren 1846/47. Halle an der Saale: Mitteldeutscher Verlag, 2004. 193 S. ISBN 978-3-89812-221-4.
Reviewed by Marcel Streng
Published on H-Soz-u-Kult (February, 2005)
M. Hecht: Nahrungsmangel und Protest
In der historischen Protestforschung zu Subsistenzunruhen im 18. und 19. Jahrhundert konkurrieren seit den 1970er Jahren zwei Perspektiven. Forschungen, die an die Arbeiten von Charles Tilly und seinen Mitarbeitern anschließen, rücken vor allem die Ursachen, Formen und Folgen von kollektivem Protest in den Blick. Untersucht werden Subsistenzunruhen meist daraufhin, welche Funktion sie im Hinblick auf ökonomische, soziale und politische Modernisierungsprozesse haben. Ebenfalls einflussreich ist bis heute E. P. Thompsons “moral economy”-Konzept. In den Mittelpunkt ihrer Untersuchungen stellen Thompson und die seiner Argumentation folgenden Protestforscher die Akteure und den sozialen Sinn der Proteste. Sie zielen damit auf Erkenntnisse über die kollektiven Vorstellungen von Gemeinnutz und gerechtem Handel, mit denen die Protestierenden ihre Aktionen legitimierten.
In zahlreichen Arbeiten sind die Stärken dieser Konzepte unter Beweis gestellt, aber auch ihre Grenzen aufgezeigt worden. Der Landeshistoriker Michael Hecht hat eine Studie zu Teuerungsunruhen in Preußen und Frankreich 1846/47 vorgelegt, deren Ziel darin besteht, ein Analysemodell zu entwickeln, das sowohl die komplexen Ursachen von Teuerungsunruhen als auch die “subjektiven Befindlichkeiten und Normvorstellungen” (S. 69) der Protestierenden berücksichtigen soll. Es beruht auf der Verknüpfung dreier Bündel von Bedingungsfaktoren, deren Wirkung in lokalen, regionalen und nationalen Kontexten nachgegangen wird. Hecht unterscheidet sozioökonomische, kulturelle und politische Bedingungsfaktoren: Zu den ersten zählt er Ernteausfälle, Nahrungsmittelhandel, Versorgungsengpässe, Preissteigerungen und die Notlage in Teilen der Bevölkerung. Das zweite Faktorenbündel verortet Hecht in der “unmittelbaren Umgebung der Protesthandelnden”. Darunter werden lokale Konfliktkonstellationen und die Kommunikation im Vorfeld der Unruhen sowie Interessenlagen und Motivationsstrukturen der Protestierenden gefasst. Als dritter Bedingungsfaktor wird das politische Krisenmanagement der Behörden sowie das Verhalten lokaler Autoritäten vor und während der Unruhen in die Analyse einbezogen.
Mit dem Hauptziel der Studie begründet Hecht auch sein komparatives Vorgehen. Die vergleichende Betrachtung soll als “Korrektiv” fungieren, das die Deutungsversuche an “unterschiedlichen Realisierungen durchspielt” und “vermutete Kausalbeziehungen überprüft” (S. 20). Verglichen werden – anders als der Buchtitel nahe legt – eine Region in Preußen (Provinz Sachsen) mit einer Region in Frankreich, drei im südwestlichen Pariser Becken gelegene Departements (Eure-et-Loir, Loiret, Loir-et-Cher). Die Tatsache, dass es in diesen Regionen im Frühjahr 1847 zu einer Häufung von Teuerungsunruhen kam, dient dem Vergleich als “tertium comparationis”. Entstanden ist die Untersuchung im Zusammenhang des 1997/98 am Institut für Geschichte der Universität Halle-Wittenberg angesiedelten Forschungsprojektes “Hungerunruhen 1847 in der Provinz Sachsen und in Anhalt”. Vgl. den Überblick über die Ergebnisse einzelner Projekte in Benninghaus, Christina (Hg.), Region in Aufruhr. Hungerkrise und Teuerungsproteste in der preußischen Provinz Sachsen und in Anhalt 1846/47 (Studien zur Landesgeschichte 3), Halle 2000.
Dem dreifachen Zugang zum Gegenstand folgt der Aufbau der Untersuchung. Im ersten Teil steckt Hecht den sozioökonomischen Kontext der Vergleichsfälle ab. In beiden Regionen kam es im Frühjahr 1847 infolge von Ernteausfällen zu Versorgungsengpässen auf den lokalen Märkten. Da sich die Versorgungskrise gleichzeitig in anderen Landesteilen bemerkbar machte, intensivierte sich der Handel mit Nahrungsmitteln (vor allem die Ausfuhr). Von dem darauf folgenden Preisanstieg auf den lokalen Märkten waren in den beiden Regionen unterschiedliche soziale Gruppen betroffen. Während in den eher agrarisch geprägten, dünn besiedelten Gebieten des südwestlichen Pariser Beckens die in abgelegenen Weilern lebenden Holzfäller die Preise nicht mehr bezahlen konnten, waren es in den dichter besiedelten und stärker industrialisierten Gebieten Sachsens die Handarbeiter und Kleinhandwerker mittlerer Städte wie Merseburg, Halberstadt oder Wittenberg.
Der zweite Teil der Untersuchung ist den latenten Konfliktlinien in lokalen Kontexten gewidmet, die in den Unruhen offen zutage traten. Dabei geht es Hecht zunächst um die Kommunikation über die Ursachen der Krise vor den Protesten. Für beide Fälle arbeitet er heraus, dass die Bevölkerung ortsansässige Getreidehändler und ihre Geschäftspraktiken als Hauptverursacher der Knappheit ausmachte. Nahrungsmittelspekulation wurde als gemeinschaftsfeindliche Praxis aufgefasst. Das in Sachsen in Zeitungen und durch Gerüchte konstruierte und verbreitete Feindbild des “Kornwucherers” wurde auch von Bürgermeistern, Polizeidienern und Magistraten geteilt. In den Unruhen erwies es sich als handlungsleitend, wenn bestimmte Händler von Menschenmengen dazu gezwungen wurden ihre Vorräte herauszurücken. Gleichzeitig verfassten Bürger der betroffenen sächsischen Orte Petitionen und Suppliken an Landes- und Ministerialbehörden, in denen sie auf die Missstände hinwiesen und um Abhilfe baten. Wie Hecht darlegt, gerieten die Getreidehändler in Frankreich ebenfalls als Verursacher der Krise ins Gerede. Auf Plakaten wurden die “accapareurs” bisweilen mit dem Tod bedroht. Allerdings markiert die radikale Sprache dieser anonymen Drohgebärden einen wesentlichen Unterschied zum sächsischen Fall. Die Vorstellungen von “sittlicher Ökonomie”, vor deren Hintergrund Hecht die Feindbilder vom “Kornwucherer” und “accapareur” interpretiert, verbanden sich in Frankreich mit politischen Stellungnahmen für oder gegen die Verfassung bzw. die Regierung – ein im Vorfeld der Revolution von 1848 wichtiger Umstand.
An die Ausführungen zur Kommunikation vor den Unruhen schließen sich Analysen konkreter Protestereignisse in Sury und Chailly am Canal d'Orléans, in Cloyes sowie in in Merseburg, Halberstadt, Wernigerode und Wittenberg zwischen Februar und April 1847 an. Diese Fallanalysen können nicht vollständig überzeugen. Zwar lassen sich einerseits “unmittelbare Bedingungsfaktoren” für Teuerungsprotest nachweisen: Die Getreidepreise waren so hoch, dass Teile der Bevölkerung in ihrer Existenz bedroht waren, Gerüchte über bestimmte ortsansässige Getreidehändler oder Getreidetransporte waren im Umlauf, im unmittelbaren Vorfeld des Protests gab es einen kommunikativen Abgleich der Interessen und Motivationen zwischen den Akteuren. Es gab Absprachen im Moment des Losschlagens. Die örtlichen Behörden wurden überrumpelt. Bezeugt aber andererseits nicht gerade die Eskalation des Merseburger Teuerungsprotestes in den Abendstunden des 21. April 1847, dass die Dynamik des Aufruhrs über die zielgerichtete kollektive “Selbsthilfe” hinaustrieb? Nach dem Teuerungstumult in den Morgenstunden wurde das Militär herbeigerufen. Die Lage blieb angespannt und am Abend kam es zum Barrikadenbau und zum Straßenkampf mit mehreren Verletzten. Im Vorfeld der Aufstände vom März 1848 kann gerade über die politische Bedeutung der gewalthaften Auseinandersetzung zwischen Protestteilnehmern und Soldaten nicht hinweggegangen werden. Eine Analyse, die von den Akteuren zu den strukturellen Bedingungen fortgeschritten wäre, hätte die soziale Logik der Protestpraxis, ihre situative Dynamik und vor allem die Übergänge von latentem zu manifestem, gewalthaftem Protest genauer erfasst. Durch die Konzentration der Untersuchung auf Bedingungsfaktoren verkürzt Hecht die konkrete Protestpraxis auf intentionales Handeln und verfehlt die Eigendynamik des Protests.
Das oberbehördliche Krisenmanagement ist Thema des dritten Teils der Untersuchung. Dabei geht es um die Frage, welche Bedeutung die staatliche Krisenintervention – oder ihr Ausbleiben – für Entstehung, Verlauf oder Verhinderung von Teuerungsunruhen spielte. Hecht legt dar, dass die in Frankreich und Preußen für das Krisenmanagement zuständigen Minister die Warnungen vor Versorgungskrisen nicht ernst nahmen. Freihändlerische Grundhaltungen hatten sich soweit durchgesetzt, dass von Eingriffen in den Handel abgesehen wurde. Dennoch konnten beide Regierungen die Krise im Frühjahr 1847 nicht länger ignorieren. Der preußische König Friedrich Wilhelm IV. rief am 23. April 1847 den Notstand aus. Die Regierung stellte umfangreiche finanzielle Mittel zur Krisenbewältigung bereit und ergriff wirtschafts- und sozialpolitische Maßnahmen. Dagegen beschränkten sich die Hilfsmaßnahmen der französischen Regierung Guizot auf kleinere Unterstützungsleistungen sowie auf Ausfuhrverbote für bestimmte Grundnahrungsmittel. Die freihändlerische Position ist in Frankreich also konsequenter durchgehalten worden als in Preußen. Da die Intervention in beiden Fällen allerdings erst nach Beginn der Unruhen einsetzte, spricht Hecht von einem “Erfolg” der Tumultanten. Während die Proteste in Sachsen zurückgingen, dauerten sie in Frankreich bis in den Herbst 1847 fort. Es wundert daher nicht, dass die französische Regierung bedeutend mehr Mittel für die Repression aufwandte. Die Rekrutierung 10.000 weiterer Soldaten war im Rahmen des Krisenmanagements die teuerste Maßnahme. Schließlich unterschied sich die von Hecht untersuchte Strafverfolgung der Protestteilnehmer. Konnte in beiden Fällen nur ein Teil von ihnen angeklagt werden, fielen die Urteile – insbesondere gegen angeklagte Frauen – in Frankreich milde aus. In Sachsen wurden mit wenigen hohen Strafen einige Exempel statuiert, aber auch die von der Bevölkerung als besonders ungerecht empfundenen Züchtigungsstrafen vollzogen. Mit der jurisdiktionellen Repression ist sicher ein wichtiger Aspekt der staatlichen Krisenpolitik untersucht. An den Strafen allerdings ihre “abschreckende Wirkung” ablesen zu wollen, wie Hecht das in merkwürdiger Distanzlosigkeit zur zeitgenössischen Behördenperspektive versucht, das geht wohl doch zu weit.
Insgesamt erfüllt diese ambitionierte Vergleichsstudie ihre eigenen Vorgaben nicht vollständig. Zwar zeichnet Hecht ein differenziertes Bild der Ursachen für die Entstehung von Teuerungsunruhen, verliert darüber aber den "Eigensinn menschlichen Handelns" (S. 69) der Protestierenden aus den Augen. Ob sein Modell die Entstehung von Protest schlüssiger erklären kann als andere, müssen weitere Studien zeigen. Weiterhin offen bleibt dabei die Frage, ob sich Proteste allein durch ihre Ursachen hinreichend erklären lassen. Fraglich ist außerdem, ob die Quellenbasis den Anforderungen des Vergleichs entspricht. Während Hecht sich für den sächsischen Fall auf reichhaltige Überlieferungen auf Stadt-, Kreis- und Landesebene sowie der Ministerialbürokratie in Berlin stützt, hat er für den französischen Fall lediglich auf die in den französischen National- bzw. Armeearchiven (Paris) überlieferte behördeninterne Korrespondenz zurückgegriffen. Die eigenständige städtische und departementale Überlieferungsebene wurde nicht berücksichtigt. Dieses Ungleichgewicht durchzieht auch die Durchführung des Vergleichs. Der französische Fall wird vor dem Hintergrund des sächsischen analysiert. Der französische Fall erlangt selten die ihm gebührende Eigenständigkeit. Ein Gewinn dieser Studie ist die Diskussion zweier bisher geschiedener Forschungsperspektiven und -literaturen in Deutschland und Frankreich.
If there is additional discussion of this review, you may access it through the network, at: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/.
Citation:
Marcel Streng. Review of Hecht, Michael, Nahrungsmangel und Protest: Teuerungsunruhen in Frankreich und Preußen in den Jahren 1846/47.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
February, 2005.
URL: http://www.h-net.org/reviews/showrev.php?id=19210
Copyright © 2005 by H-Net, Clio-online, and the author, all rights reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial, educational purposes, if permission is granted by the author and usage right holders. For permission please contact H-SOZ-U-KULT@H-NET.MSU.EDU.


